Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

Your Society Needs You!

Bildung ist nur nicht das, was in der Schule passiert. Mit der digitalen Transformation ist es höchste Zeit, neue Perspektiven zu öffnen.

B√ľcher stehen in regalen einer Stra√üe
Lernorte sind nicht nur dort, wo wir sie bislang zumeist gesucht haben.

Es herrscht Einigkeit, dass Bildung zum einen Spiegel der Gesellschaft ist, aber auch der Schl√ľssel zu zuk√ľnftigen Entwicklungen und deshalb immer dort angesetzt werden muss, wenn Ver√§nderungen notwendig sind, sie verankert werden und nachhaltig wirken sollen. Wer also die Dynamik der Digitalen Transformation, globaler Umbr√ľche und einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Ordnung betrachtet, landet zwangsl√§ufig bei der Frage und Debatte, wie Bildung in einer Kultur der Digitalit√§t aussehen sollte. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass das deutsche Bildungssystem ein riesiger und komplexer Tanker ist, in dem Kurs√§nderungen (zu) viel Zeit beanspruchen. So kann auf Transformationsprozesse, wenn √ľberhaupt, nur stark verz√∂gert reagiert werden. Kann aber trotz dieses Widerspruchs eine heute und morgen notwendige Bildung gelingen? Ja, sie kann ‚Äď wenn sie nicht auf Bildungseinrichtungen reduziert oder abgeschoben wird.

Bildung ist das Ergebnis von Gesellschaft

Dejan Mihajlovic ist Realschullehrer in Freiburg und arbeitet f√ľr das Staatliche Schulamt, Regierungspr√§sidium und Kultusministerium Baden-W√ľrttemberg. Zum Thema zeitgem√§√üe Bildung im digitalen Wandel schreibt er Kolumnen, h√§lt Vortr√§ge und organisiert Events. Er ist auch im Vorstand von D64 e.V..


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Wer √ľber Bildung spricht, denkt meist automatisch in Institutionen, trennt nach Alter, Schulart oder Zielgruppen, trennt nach F√§chern oder Zeiten, wann Angebote stattfinden. Es wird zugeordnet und sortiert. Einrichtungen und Rahmen werden gedanklich in den Vordergrund ger√ľckt und nicht der Vorgang, sich zu bilden, Wissen zu erwerben, zu lernen. Dabei k√∂nnten sich dort vielleicht einige Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden lassen, teilweise auch bei uns selbst: Wie bilden wir uns heute? Welche neuen M√∂glichkeiten gibt es und nutzen wir auf welche Art und Weise? Wie lernen wir von- und miteinander? Schlie√ülich befinden wir uns alle in dieser global vernetzen Welt voller Ver√§nderungen, in der wir uns neu zu sortieren und zurechtzufinden versuchen. Wir probieren und scheitern, reflektieren und versuchen es erneut und entwickeln uns permanent weiter. Manche erlangen so Expertise f√ľr noch unerschlossene Bereiche, fernab der klassischen Bildungswege. Es √§ndert sich nicht nur was, sondern auch wie, wann, wo oder mit wem wir lernen und uns bilden.

Ja, es kostet anfangs etwas Anstrengung, sich davon zu l√∂sen, den Begriff Lernen nicht als schulisches Lernen (in dem Bezug oft auch als Auswendiglernen oder das f√ľr einen Test Lernen) zu verstehen, sondern als einen Prozess, der uns t√§glich mal mehr oder weniger bewusst begleitet. Ein Lernen, das ohne Note oder Zertifizierung auskommt und trotzdem tiefgr√ľndig und nachhaltig sein kann. Wir lernen st√§ndig hinzu, sei es aus einem Gespr√§ch, das wir gef√ľhrt, einer Handlung, die wir beobachtet oder einem Text, den wir gelesen haben. Dabei brechen wir nicht nach 45 Minuten ab und wechseln das Thema, die Zusammensetzung der Gruppe oder sogar den Ort. Wir lernen und bilden uns bei der Arbeit, in der Stra√üenbahn, beim Musik h√∂ren oder beim Feiern mit Freunden weiter. Es geschieht ganz beil√§ufig, selbstverst√§ndlich und wandelt sich.

Und w√§hrend die Welt sich grundlegend √§ndert, scheint sich die Diskrepanz zwischen dem Lernen wie es innerhalb und au√üerhalb von Bildungseinrichtungen stattfindet zu vergr√∂√üern. Was jedoch beide Bereiche eint, sind die zunehmend komplexeren Herausforderungen der Digitalen Transformation, die nur zusammen mit unterschiedlichen Expertisen und Perspektiven gemeistert werden k√∂nnen. Deshalb brauchen Bildungseinrichtungen und Lehrende auch keine noch l√§ngeren To-do-Listen, sondern neben politischer auch eine gesamtgesellschaftliche Unterst√ľtzung und Beteiligung. Es braucht weniger Orte, an denen man schon alles wei√ü, kann und das zu vermitteln versucht, sondern mehr Lernr√§ume, an denen einiges noch und nur miteinander herausgefunden werden kann und erarbeitet werden muss. Und miteinander bedeutet √ľber die Grenzen von Bildungsinstitutionen hinaus, also auch interdisziplin√§r und multiperspektivisch. Im Kontext von think global, act local wird kommunaler (st√§dtischer) Raum als (urbaner) Lernraum aufgefasst und gestaltet.

Google Maps f√ľrs Lernen im Niemandsland

Im Prinzip m√ľssen gemeinsam lerntopografische und allgemeinzug√§ngliche Karten f√ľr den kommunalen Raum entwickelt werden. So, dass jede Person wei√ü, wo sie vor Ort bestimmte Informationen findet, auf Fachkundige treffen oder ihr Wissen einbringen kann. Als w√ľrde man beispielsweise die unz√§hligen YouTube-Videos, die einem die Welt erkl√§ren, die erstellenden Personen und die Produktion auch physisch und kommunal abbilden und greifbar machen. So etwas verlangt ein ver√§ndertes Selbstverst√§ndnis von allen an Bildungsprozessen beteiligten Personen und deren Einrichtung: sich weniger als abgeschossene Einheit, sondern als ein (kommunal-)zivilgesellschaftlicher Bestandteil zu verstehen, als eine Haltestelle auf einer Karte lebenslangen Lernens. Dieses Umdenken f√ľhrt einerseits zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung, vergr√∂√üert aber zugleich die M√∂glichkeiten, sich weiterzuentwickeln, indem sich der Kreis an Personen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen erweitert. Im Prinzip m√ľssten einige Elemente vom Lernen im Netz in den physischen und kommunalen Raum √ľbertragen und geformt werden: Ein offener Zugang zu Informationen und Expert*innen, attraktive Gelegenheiten, davon zu erfahren oder auch diverse M√∂glichkeiten f√ľr Vernetzung, Austausch und Kollaboration.

Weil Transformationsprozesse Grenzen aufl√∂sen, befinden sich viele Problemstellungen im gesellschaftlichen Niemandsland, au√üerhalb und zwischen den Systemen und Strukturen, ohne klare Zust√§ndigkeiten. Deshalb werden entweder oft eigene L√∂sungen entwickelt, die nicht funktionieren, weil sie nur aus der eigenen Perspektive gedacht wurden oder es wird erst gar nicht investiert, weil es von bisherigen Systemen aus blickend keinen Sinn ergibt. Was bringt also zum Beispiel ein Smartphone-Verbot in der Schule, wenn es au√üerhalb der Schulzeit st√§ndig im Einsatz ist? Aus schulischer Sicht und dem Verst√§ndnis, diese Ger√§te als reine St√∂rfaktoren zu betrachten, scheint das Problem dadurch zwar gel√∂st zu sein, aber alle anderen pers√∂nlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben weiterhin unangetastet und lediglich aus dem Sichtfeld der Schule gedr√§ngt. Die Kultur der Digitalit√§t hat grundlegend ver√§ndert wie wir kommunizieren, uns informieren, arbeiten oder von- und miteinander lernen. Deshalb braucht es auch grundlegend andere Vorgehensweisen und L√∂sungen. Wer bef√§higt denn die Gesellschaft zu kultureller Teilhabe oder zu einem souver√§nen und m√ľndigen Auftreten im Netz? Freunde und Bekannte, die Elternh√§user, die Schulen, die Hochschulen, der auszubildenden Betrieb oder die Vereine? Eins ist sicher: Alleine klappt das nicht. Nur wo k√∂nnen viele von ihnen aufeinandertreffen? Wo k√∂nnen sie √ľber Fragen diskutieren, Wissen und Erfahrungen austauschen und gemeinsame Konzepte entwickeln?

Was w√§re, wenn das gesamte (kommunale) Wissen und K√∂nnen zu den vielen unerforschten Bereichen des kulturellen Wandels f√ľr alle offen, zug√§nglich und transparent w√§re? Wenn s√§mtliche Expert*innen bekannt w√§ren und gemeinsam an Konzepten arbeiten w√ľrden? Wenn keine Hierarchien, fachlichen Grenzen und sonstigen Tellerr√§nder den Dialog erschweren w√ľrden? Wenn der Antrieb ein humanistischer w√§re, der sich am gro√üen Ganzen, der Vernunft und gesellschaftlicher Verantwortung orientiert? Diese Ans√§tze gibt es vielleicht bereits mancherorts. Im kommunalen Raum kommen sie noch (zu) selten bis gar nicht vor. Aber hier findet ein Gro√üteil von Bildung statt.

Not the system, change the people

Wahrscheinlich besteht ein Denkfehler vieler gescheiterten Bem√ľhungen, eine zeitgem√§√üe Bildung anzustreben, unter anderem darin, Systeme ver√§ndern zu wollen, die sich selbst erhalten und gr√∂√ütenteils auf Verwaltung des Bisherigen ausgelegt sind. Es wird aber niemals gelingen, mit einem riesigen Bildungstanker flexibel Wellen zu surfen. Muss es auch nicht. Wer Innovation w√ľnscht, muss neue Wege gehen. Und da diese Systeme nicht vom Himmel gefallen, sondern menschengemacht sind, muss eben dort auch wieder angesetzt werden, um das notwendige Mindset f√ľr das digitale Zeitalter zu erreichen. Wo k√∂nnte das besser gelingen als im bereits erw√§hnten Niemandsland, zwischen den Systemen und Strukturen? Wo Zust√§ndigkeiten unklar sind, ist Spielraum f√ľr Neues. Und neues Denken braucht Freir√§ume

Es braucht kritisch denkende Menschen, die Komplexit√§t bew√§ltigen oder ertragen k√∂nnen und sich nicht durch einfache, vermeintliche Antworten k√∂dern lassen. Menschen, die nicht vor der Vielzahl an Dystopien erstarren, sondern souver√§n und m√ľndig die Zukunft gestalten k√∂nnen und m√∂chten. Wahrscheinlich w√ľrde John F. Kennedy an dieser Stelle aufrufen, nicht zu fragen, was Bildung f√ľr euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr f√ľr Bildung tun k√∂nnt. Wer Bildung als lebenslange und gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht, muss nicht auf Erlaubnis oder eine Anordnung warten, um sich Verb√ľndete zu suchen, um attraktive R√§ume f√ľr Austausch, Vernetzung und Kollaboration zu er√∂ffnen. Das Netz bietet heute zudem einfache M√∂glichkeiten, sich zu organisieren, sichtbar zu machen und andere zur Beteiligung zu animieren. Weshalb nicht Treffen durchf√ľhren, Projekte umsetzen oder Kooperationen initiieren?

Veranstaltungen k√∂nnen ein guter Auftakt f√ľr einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch zu zeitgem√§√üer Bildung sein. Oft beanspruchen sie das auch f√ľr sich und schm√ľcken sich als neue und innovative Konzepte, sind es aber selten. Events zu ‚Äúdigitaler Bildung‚Äú erfreuen sich n√§mlich gro√üer Beliebtheit und schie√üen in den letzten Jahren bundesweit wie Pilze aus dem Boden. Dabei werden gerne vermeintliche ‚ÄúAll inclusive und sorglos"-Pakete geschn√ľrt, die besten Hard- und Software-L√∂sungen versprochen und die innovativsten Speaker*innen aus der Ferne der Republik eingeflogen. Nicht selten reist die geballte Expertise dann nach beeindruckenden Vortr√§gen wieder ab und hinterl√§sst die Wirkung eines Strohfeuers. Diese Konzepte geh√∂ren zum gro√üen Bildungstanker. Es fehlen Freir√§ume f√ľr agiles Denken und Handeln abseits der klassischen Pfade.

Grenz√ľberschreitend vor Ort

Am Beispiel von Veranstaltungen, Treffen oder sonstigen R√§umen f√ľr einen Austausch l√§sst sich exemplarisch an sechs Punkten veranschaulichen, welche Aspekte bedacht werden sollten, um Bildung in der Kultur der Digitalit√§t als gemeinsame Aufgabe ankommen zu lassen und lerntopografische Karten online und offline zu zeichnen:

1.) Jedes Angebot sollte Teil eines gr√∂√üeren Konzepts, einer langfristigen Strategie, eines nie endenden Prozesses sein, der unter Ber√ľcksichtigung der restlichen, folgenden Punkte erarbeitet werden sollte. Sonst bleibt es nur ein Tropfen auf den hei√üen Stein, verpufft in der Wirkung und erzeugt im schlimmsten Fall sogar Frust.

2.) Die Angebote m√ľssen offen und transparent sein. Die Wahl der Orte, der Zeit oder √ľber welche Kan√§le kommuniziert wird, entscheiden dabei mit √ľber die allgemeine Zug√§nglichkeit.

3.) Es braucht eine möglichst interdisziplinäre und diverse Zusammensetzung an Personen und Themen, weil nur mit einer Vielfalt an Expertisen und Perspektiven die komplexen Herausforderungen unserer Zeit gelöst werden können.

4.) Die Angebote m√ľssen unterschiedliche M√∂glichkeiten der Beteiligung und Selbstbestimmung enthalten. Es braucht kein weiteres Abfahren kommunikativer Einbahnstra√üe, sondern einen Rahmen, in dem Inhalte und Abl√§ufe mitgestaltet werden k√∂nnen.

5.) Weil nicht immer alle Personen die Angebote wahrnehmen k√∂nnen, erst sp√§ter davon erfahren oder am Tag selbst keine Gelegenheit hatten, sich mit allen auszutauschen und zu vernetzen, ist Anschlussf√§higkeit bez√ľglich Personen und Themen ein wesentlicher Bestandteil nachhaltiger Prozesse. Deshalb sind Ankn√ľpfungsm√∂glichkeiten, √ľber das Angebot hinaus, besonders wichtig.

6.) Wertschätzt die "Propheten" im eigenen Land! Nicht selten ist die lokale, regionale Vielfalt an Expertise gar nicht bekannt, weil sie scheinbar oft viel Kosten und weit weg sein muss, um etwas wert zu sein. Dabei haben gerade diese Personen ein eigenes Interesse daran, nachhaltige und wirksame Prozesse vor Ort anzustoßen oder haben Einblicke in die lokalen Begebenheiten.

Spannend wird es, wenn auch das Lernen und Lernsetting in Schulen und Hochschulen mit diesen Aspekten durchdacht werden. Dann wird deutlich, welches Potenzial hier noch brachliegt und Ver√§nderungen noch ausstehen; sei es beim Mindset, bei den Ressourcen oder R√§umen. Es geht hier aber nicht um Visionen, die in einer fernen Zukunft liegen k√∂nnten. Einiges findet bereits statt. Ein Blick in soziale Netzwerke legt offen, dass sich immer mehr Menschen √ľber Grenzen hinweg zusammenschlie√üen, sich in flexiblen Strukturen organisieren und die neugewonnenen M√∂glichkeiten nutzen, die eine Kultur der Digitalit√§t bietet, um ihre Angebote und Anliegen sichtbar zu machen und einzuladen, Bildung neu zu denken, zu gestalten, gemeinsam, global denkend und lokal handelnd. Ihre Antwort auf Bildung im 21. Jahrhundert lautet: Your society needs you!