Was wäre, wenn Technologie uns die Arbeit abnähme?

Solan­ge Wirt­schaft auf Ren­di­te aus­ge­rich­tet ist, blei­ben wir unter unse­ren Möglichkeiten”

In einer koope­ra­ti­ven Öko­no­mie wür­de der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt zu tat­säch­li­cher Arbeits­er­leich­te­rung füh­ren, erklärt die Poli­to­lo­gin Sabi­ne Nuss.

In 200 Metern Höhe machen Bauarbeiter Pause auf einem Stahlträger.
In über 200 Metern Höhe machen die Bauarbeiter des RCA Buildings im Rockefeller Center Pause auf einem Stahlträger. Die Wolkenkratzer, Symbole einer industrialisierten und technisierten Zukunft, waren vor allem Handarbeit.

Lie­be Frau Nuss, wir gehen in unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be der Fra­ge nach, was pas­sie­ren müss­te, damit Auto­ma­ti­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung das Leben aller Men­schen leich­ter macht, nicht nur das von weni­gen Pri­vi­le­gier­ten. Des­halb ein ganz leich­ter Ein­stieg: Ist das im Kapi­ta­lis­mus über­haupt mög­lich oder brau­chen wir die Revolution?

Sabi­ne Nuss: Wenn wir wol­len, dass Tech­no­lo­gie tat­säch­lich flä­chen­de­ckend die Arbeit erleich­tert, bezie­hungs­wei­se mono­to­ne Arbeit voll­stän­dig über­nimmt, dann bräuch­ten wir eine Revo­lu­ti­on, ja. Das ist im Kapi­ta­lis­mus tat­säch­lich schwer mög­lich. Jetzt wird natür­lich jeder vie­le Bei­spie­le auf­zäh­len kön­nen, wo Arbeit auch im Kapi­ta­lis­mus ein­fa­cher wird, dadurch, dass man einen Robo­ter oder Assis­tenz­sys­te­me ein­setzt. Und liest man die Hoch­glanz­pro­spek­te der Unter­neh­men, die sol­che Tech­no­lo­gi­en ver­kau­fen, wird immer damit gewor­ben, dass damit die Arbeit erleich­tert werde.

Sabine Nuss

Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Sabi­ne Nuss arbei­tet als Autorin, Refe­ren­tin bei der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung und Geschäfts­füh­re­rin des Karl Dietz Ver­la­ges. Dort sind auch ihre letz­ten zwei Bücher Kei­ne Ent­eig­nung ist auch kei­ne Lösung” und Marx und die Robo­ter” (her­aus­ge­ge­ben mit Flo­ri­an Butol­lo) erschie­nen. [Foto: Kirs­ten Breustedt]

… aber?

Es wird neben der Arbeits­er­leich­te­rung mit noch etwas ande­rem gewor­ben: Mit der Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung, häu­fig auch mit Effi­zi­enz” umschrie­ben. Die Arbeits­er­leich­te­rung ist nicht das Haupt­mo­tiv. Unter­neh­men set­zen nur dann neue Tech­no­lo­gi­en ein, wenn damit die Pro­duk­ti­vi­tät gestei­gert wer­den kann. Das ist ein rie­si­ger Unter­schied und ver­weist auf den Kern des Gan­zen. Durch die Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­vi­tät kön­nen in der glei­chen oder in weni­ger Zeit mehr Pro­duk­te als vor­her her­ge­stellt wer­den. Damit ver­tei­len sich die Lohn­kos­ten der Beschäf­tig­ten aber auch auf mehr Pro­duk­te, sie sin­ken also je Pro­dukt. Die Pro­duk­te kön­nen dadurch auf dem Markt bil­li­ger ange­bo­ten wer­den, ver­gli­chen mit der Kon­kur­renz. Unter­neh­men erhof­fen sich davon einen grö­ße­ren Markt­an­teil, sie wol­len oder müs­sen die Nase immer vor­ne haben in der Kon­kur­renz. Im Umkehr­schluss bedeu­tet das, dass arbeits­spa­ren­de Tech­no­lo­gie nicht ein­ge­setzt wird, solan­ge eine Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung mit mensch­li­cher, hän­di­scher und mono­to­ner Arbeit bil­li­ger zu haben ist, als mit einer Maschine. 

Das heißt, unse­re Welt könn­te schon viel tech­no­lo­gi­sier­ter sein? 

Könn­te, ja. Solan­ge alle unse­re Wirt­schafts­ak­ti­vi­tä­ten auf Ren­di­te aus­ge­rich­tet sind und sich in Struk­tu­ren der Kon­kur­renz bewe­gen, blei­ben wir unter unse­ren Mög­lich­kei­ten, was das Poten­ti­al der Arbeits­er­leich­te­rung und neu­er Tech­no­lo­gi­en angeht. Walm­art tes­tet der­zeit zum Bei­spiel Scan-Robo­ter, die die Pro­duk­te im Regal scan­nen, mel­den, wenn was fehlt und dabei noch den Boden rei­ni­gen. Eigent­lich eine gute Sache, wenn es funk­tio­niert. Aber natür­lich lau­fen die Gewerk­schaf­ten nun Sturm, sie befürch­ten den Weg­fall von mas­sen­haft Stel­len. Solan­ge die Beschäf­ti­gung von Men­schen für Walm­art ren­ta­bler ist, wer­den die Scan-Robo­ter aller­dings auch nicht im gro­ßen Stil eingesetzt.

Bis­lang hilft die Tech­no­lo­gi­sie­rung also vor allem gro­ßen Unter­neh­men, nicht den Arbeitnehmer*innen. Gilt das für alle Wirt­schafts- und Gesell­schafts­be­rei­che glei­cher­ma­ßen? Oder gibt es Aus­nah­men, wo sich tat­säch­lich mehr in Rich­tung Arbeits­er­leich­te­rung verschiebt?

Da müss­te man zunächst mal fest­le­gen, was genau unter Arbeits­er­leich­te­rung” zu ver­ste­hen ist, wie sie wirkt, etc. Das ist sicher von Bran­che zu Bran­che und von Bereich zu Bereich qua­li­ta­tiv unter­schied­lich und quan­ti­ta­tiv schwer ver­gleich­bar. Eine neue Genera­ti­on von kol­la­bo­ra­ti­ven Robo­tern” kann zum Bei­spiel die Mus­kel­kraft von Fließ­band­ar­bei­tern ver­stär­ken. Das soll wohl in den nächs­ten Jah­ren zuneh­mend ein­ge­setzt wer­den in der Indus­trie. Könn­te man nun den­ken, das sei viel­leicht eine Arbeits­er­leich­te­rung. Die­se Maß­nah­me dient aber nicht in ers­ter Linie dazu, den Arbei­tern die Arbeit zu erleich­tern, son­dern dazu, dass sie so schnel­ler oder mehr pro­du­zie­ren kön­nen. Das ist auch der Grund, war­um in dem Moment, wo eine arbeits­er­leich­tern­de oder arbeits­spa­ren­de Metho­de ein­ge­setzt wird, wie­der eine Gegen­ten­denz ein­tre­ten kann: Wenn schon neue Maschi­ne, dann bit­te auch mehr oder schnel­ler oder län­ger dar­an arbei­ten, damit sich die Inves­ti­ti­on auch ren­tiert. Grö­ße­ren Spiel­raum hät­ten theo­re­tisch öffent­lich geför­der­te oder staat­li­che Berei­che, aller­dings sind die auch abhän­gig von Wachs­tum und Beschäftigung.

Wer ent­schei­det eigent­lich dar­über, wie Arbeit ver­teilt wird?”

Ange­nom­men, die Revo­lu­ti­on fin­det so bald nicht statt. Und ange­nom­men, unse­re Welt wird immer digi­ta­ler, tech­no­lo­gi­sier­ter, auto­ma­ti­sier­ter. Selbst dann wird ja Arbeit blei­ben. Allein die Pro­gram­mie­rung und War­tung der Robo­ter. Und noch viel ele­men­ta­rer: repro­duk­ti­ve Arbeit, Erzie­hung, Pfle­ge. Wie kom­men wir dahin, dass die blei­ben­de Arbeit zumin­dest gerech­ter ver­teilt wird, als sie es jetzt ist?

Da ist jetzt ein wenig die Fra­ge, wer sich hin­ter dem wir” ver­birgt. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Men­schen sind abhän­gig Beschäf­tig­te, das heißt, sie sind abhän­gig davon, gegen Bezah­lung zu arbei­ten, da sie zu wenig oder gar kein Ver­mö­gen besit­zen. Und unter die­sen Men­schen gibt es noch­mal eine Grup­pe Men­schen, nach wie vor vor­wie­gend Frau­en, die wie­der­um von den Beschäf­tig­ten abhän­gig sind, das heißt, von ihrem Lohn mit­le­ben müs­sen, weil sie auf­grund ihrer soge­nann­ten für­sor­gen­den Arbeit (Kin­der, Alte, Kran­ke) vom Arbeits­markt aus­ge­schlos­sen sind, mit allen bekann­ten, nega­ti­ven Folgen.

Dem gegen­über steht eine klei­ne Anzahl von Men­schen, auf die sich das vor­han­de­ne Betriebs­ver­mö­gen kon­zen­triert, sie ver­fü­gen über Fabrik­ge­bäu­de, Maschi­nen, Werk­zeu­ge, Büros, Com­pu­ter, Soft­ware, Roh­stof­fe, etc. Sie kön­nen dar­über bestim­men, wer wie lan­ge arbei­tet, unter wel­chen Umstän­den gear­bei­tet wird, ob Arbei­ten­de ent­las­sen wer­den, wie viel oder wenig die­se ver­die­nen, etc. pp., wäh­rend sie selbst es sich – apro­pos gerech­te Ver­tei­lung der Arbeit – in der Regel leis­ten kön­nen, nicht zu arbei­ten. Bevor man dar­über spricht, wie die blei­ben­de Arbeit gerech­ter ver­teilt wird, müss­te man daher erst mal die Fra­ge stel­len: Wer ent­schei­det eigent­lich dar­über, wie die pro­duk­ti­ve und repro­duk­ti­ve Arbeit ver­teilt wird? 

Könn­te nicht der Staat hier regu­lie­rend eingreifen?

Doch. Könn­te er. Durch eine radi­ka­le Arbeits­zeit­ver­kür­zung bei vol­lem Lohn­aus­gleich, zum Bei­spiel eine 25-Stun­den-Woche. Damit könn­ten dann auch die repro­duk­ti­ven Arbei­ten bes­ser ver­teilt wer­den. Da kön­nen Sie sich jetzt aber recht schnell aus­ma­len, wie rea­lis­tisch das ist, wenn ein ein­zel­nes Land hier einen Allein­gang vor­le­gen wür­de, ange­sichts der Tat­sa­che, dass Natio­nal­staa­ten auf dem Welt­markt stän­dig gegen­ein­an­der dar­um kon­kur­rie­ren, wer die attrak­tivs­ten Bedin­gun­gen für Inves­to­ren zu bie­ten hat. Gute Löh­ne oder gerin­ge Arbeits­zeit gehört zum Letz­ten, was Inves­to­ren attrak­tiv fin­den. Ange­sichts der von man­chen befürch­te­ten tech­no­lo­gi­schen Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, wird mit­un­ter auch das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men gefor­dert. Dar­über kann man lan­ge dis­ku­tie­ren, man muss aber sehr genau hin­se­hen, dass das Grund­ein­kom­men am Ende nicht doch nur die Ver­wal­tung des Elends ist, das jenen wider­fährt, die aufs Pflas­ter gewor­fen wer­den, weil sie nicht mehr gebraucht wer­den, bezie­hungs­wei­se nicht mehr ren­ta­bel genug ein­setz­bar sind. 

Man müss­te an der Demo­kra­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­on ansetzen”

Was müss­te denn gesche­hen, dass das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men mehr als nur als eine Ver­wal­tung des Elends ist”? Inter­es­sant ist ja, dass die For­de­rung danach aus allen poli­ti­schen Rich­tun­gen kommt. 

Ja, für das bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men (BGE) sind mitt­ler­wei­le auch Mana­ger von der Tele­kom, Sie­mens oder die Initia­ti­ve Wirt­schaft für Grund­ein­kom­men, wo auch Ban­ker und Risi­ko­ka­pi­tal-Inves­to­ren ver­tre­ten sind. Für die Unter­neh­men ist solch ein BGE prak­tisch, weil sie dann weni­ger Lohn bezah­len müs­sen und fle­xi­bler die Arbeits­kräf­te ein­stel­len und ent­las­sen kön­nen, nicht zufäl­lig wird im glei­chen Atem­zug gesagt, dass man dann ja auch den Kün­di­gungs­schutz lockern kön­ne. Eine Stu­die der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf zum Ein­satz von Robo­tern in der deut­schen Indus­trie hat gezeigt, dass ein Robo­ter zwei Jobs ersetzt, dass es aber trotz­dem nicht zu einem Rück­gang der Beschäf­ti­gung kam, es wur­de kom­pen­siert vom Dienst­leis­tungs­sek­tor. Aller­dings, so die Stu­die wei­ter, sank das Lohn­ni­veau, bis­lang zwar noch gering, aber es sei damit zu rech­nen, dass die­se Ent­wick­lung zuneh­men wird.

Bedeu­tet: Je mehr Robo­ter im Ein­satz, des­to weni­ger Lohn für die Menschen?

Soll­te tat­säch­lich der Fall ein­tre­ten, dass der Ein­satz von Robo­tern und ande­rer digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en wie zum Bei­spiel die Künst­li­che Intel­li­genz (KI) mensch­li­che Arbeits­kraft rich­tig­ge­hend in Grö­ßen­ord­nun­gen frei­setzt”, sinkt das Lohn­ni­veau, weil dann abso­lut mehr Arbeits­lo­se in Kon­kur­renz zu ande­ren dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen. Sie wer­den damit erpress­ba­rer und müs­sen dann auch Jobs zu gerin­ge­ren Löh­nen anneh­men. Was wäre die eman­zi­pa­to­ri­sche Vari­an­te des bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens? Die wür­de tat­säch­lich ein gutes Leben für alle ermög­li­chen. Das aller­dings erfor­dert eine enor­me Umver­tei­lung von oben” nach unten” und wür­de damit eine der wich­tigs­ten Bedin­gun­gen der markt­wirt­schaft­li­chen Ord­nung gehö­rig erschüt­tern: dass Leu­te gezwun­gen sind, ihre Arbeits­kraft zu ver­kau­fen. Es lohnt den­noch dafür zu strei­ten, weil dies allen die Mög­lich­keit geben wür­de, repro­duk­ti­ve Arbeit mit pro­duk­ti­ver Arbeit zu kom­bi­nie­ren. Aber par­al­lel müss­te man an der Demo­kra­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­on anset­zen, nicht nur an der Ver­tei­lung der Einkommen.

Es gibt vie­le Ansät­ze einer koope­ra­ti­ven Öko­no­mie, aber sie wer­den abgewertet”

Wie lässt sich die­se Demo­kra­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­on am bes­ten erstrei­ten? Wer­den Gewerk­schaf­ten — ange­sichts der fort­schrei­ten­den Tech­no­lo­gi­sie­rung und Auto­ma­ti­sie­rung der Arbeits­wel­ten – wichtiger?

Auf jeden Fall. Wir haben ja gese­hen, dass arbeits­er­leich­tern­de Maß­nah­men nur dann in Betrie­ben ein­ge­führt wer­den, wenn sie auch die Pro­duk­ti­vi­tät stei­gern. Sie sind eine davon abge­lei­te­te Funk­ti­on. Oder aber, und da kom­men die Gewerk­schaf­ten ins Spiel: Sie wer­den durch inner­be­trieb­li­chen Druck sei­tens der orga­ni­sier­ten Arbeit­neh­mer erkämpft. Gewerk­schaf­ten spie­len ange­sichts der zuneh­men­den Auto­ma­ti­sie­rungs­po­ten­tia­le eine wich­ti­ge Rol­le. Aller­dings haben Gewerk­schaf­ten häu­fig auch das – nach­voll­zieh­ba­re – Inter­es­se am Erhalt der Arbeits­plät­ze, und inso­fern Stand­or­te glo­bal im Wett­be­werb um das stän­di­ge Schnel­ler, Höher, Wei­ter, Bil­li­ger und Bes­ser gegen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den, schränkt auch das ihren Spiel­raum ein. Daher braucht es eine gesamt- und zivil­ge­sell­schaft­li­che, brei­te Debat­te dar­über, ob die Art und Wei­se der Öko­no­mie, in der wir unser Leben orga­ni­sie­ren, noch zeit­ge­mäß ist. Fri­days for Future gibt da durch­aus wich­ti­ge Impul­se. Es gibt auch eine Men­ge alter­na­ti­ver Pra­xis­for­men, in der alter­na­ti­ve Öko­no­mie­mo­del­le erprobt wer­den, dar­auf soll­te man mehr den Licht­schein werfen.

Was für alter­na­ti­ve Pra­xis­for­men und Öko­no­mie­mo­del­le sind das?

Zunächst mal alle nicht an Pro­fit ori­en­tier­ten und von Kon­kur­renz ange­trie­be­nen Tätig­kei­ten. Sehen wir mal von den öffent­li­chen Berei­chen wie der Daseins­vor­sor­ge, sofern sie nicht pri­va­ti­siert wur­den, ab, bie­tet der soge­nann­te Drit­te Sek­tor, der unter­schied­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­for­men wie NGOs, Ver­ei­ne, Stif­tun­gen kennt, gute Bei­spie­le, aber auch man­che Genos­sen­schaf­ten zäh­len dazu, Haus­pro­jek­te, selbst­ver­wal­te­te Koope­ra­ti­ven, wie bei­spiels­wei­se die Park Slo­pe Food Coop, ein gemein­schaft­li­cher Super­markt in Brook­lyn, New York, nach des­sen Vor­bild übri­gens 2016 einer in Paris ent­stan­den ist und der­zeit eine Grün­dung in Ber­lin in Pla­nung ist. Aber eben­so die repro­duk­ti­ven, meist von Frau­en unbe­zahlt geleis­te­ten Arbei­ten gehö­ren dazu, oder Akti­vi­tä­ten in der Frei­zeit, das Ehren­amt, poli­ti­sches Enga­ge­ment, all das sind jen­seits pro­fit­ori­en­tier­ter Moti­ve pro­duk­ti­ve, gemein­sam und koope­ra­tiv orga­ni­sier­te Tätig­kei­ten, die auch grö­ße­re Dimen­sio­nen anneh­men kön­nen. Zum Bei­spiel bei inter­na­tio­na­len Kli­ma­camps mit teil­wei­se Tau­sen­den von Teil­neh­mern, wo mit Arbeits­grup­pen, Mai­ling­lis­ten etc. eine umfas­sen­de Infra­struk­tur orga­ni­siert wird. Ein wei­te­res Bei­spiel ist Linux, eine Open-Source-Soft­ware, die zahl­rei­che Ent­wick­ler in einem kom­ple­xen glo­ba­len arbeits­tei­li­gen Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zess pro­gram­miert haben. Auch die Enquete-Kom­mis­si­on des Deut­schen Bun­des­tags Wachs­tum, Wohl­stand, Lebens­qua­li­tät” schreibt in ihrem Schluss­be­richt, dass, ich zitie­re: “…mit der nicht-markt­ver­mit­tel­ten Pro­duk­ti­on ein gro­ßer volks­wirt­schaft­li­cher Wert­schöp­fungs­be­reich besteht, der bis­lang nicht in glei­chem Umfang ins Blick­feld gerückt ist wie die markt­ver­mit­tel­te Pro­duk­ti­on”. Es gibt vie­le Bei­spie­le von Ansät­zen einer koope­ra­ti­ven Öko­no­mie, aber sie wer­den abge­wer­tet, belä­chelt oder gar nicht erst wahr­ge­nom­men. Aber es sind wich­ti­ge Lernorte. 

Man müss­te nicht stän­dig Adap­ter kaufen”

Also noch­mal die Fra­ge: Wie wären Arbeit und Lohn in einer hoch­tech­no­lo­gi­sier­ten, demo­kra­ti­schen Arbeits­welt organisiert?

Es wäre Ergeb­nis gemein­sam getrof­fe­ner Ent­schei­dun­gen. Unvor­stell­bar? Mag sein, aber schon heu­te han­deln wir täg­lich außer­halb und sogar manch­mal inner­halb der Lohn­ar­beit aus, wer was an Arbei­ten über­nimmt, nach Fähig­kei­ten, nach Bedürf­nis­sen. Wir haben zwar wenig Ein­fluss auf die Lohn­ar­beits­zeit oder auf den Lohn. Aber wir strei­ten und eini­gen uns, ent­we­der in grö­ße­ren Pro­jekt­teams im Job oder zu Hau­se in der Wohn­ge­mein­schaft, in der Fami­lie oder ande­ren sozia­len Zusam­men­hän­gen, im Ehren­amt, im Ver­ein, etc. Wir ken­nen das also, Tätig­kei­ten gemein­sam zu beschlie­ßen, zu pla­nen und koope­ra­tiv aus­zu­füh­ren. In jedem kapi­ta­lis­ti­schen Betrieb wird geplant und die­ser Plan schließ­lich koor­di­niert aus­ge­führt. Aller­dings ist der Anteil an Pla­nung und Koope­ra­ti­on in einer Markt­wirt­schaft einem ganz bestimm­ten Ziel unter­ge­ord­net: Die Güter wer­den geplant und her­ge­stellt, um sie dann auf einem anony­men Markt anzu­bie­ten, in der Hoff­nung, sie mögen sich ver­kau­fen und das ein­ge­setz­te Kapi­tal ver­meh­ren. Der Markt über­nimmt hin­ter unse­rem Rücken die Ver­mitt­lung von Ange­bot und Nach­fra­ge. Wir sind tief sozia­li­siert in eine Wirt­schaft, in der wir die Orga­ni­sa­ti­on unse­rer öko­no­mi­schen Pro­zes­se abge­ge­ben haben an die­se unsicht­ba­re Hand”, wie es so tref­fend heißt. Wir neh­men unse­re – auch tech­no­lo­gisch mitt­ler­wei­le hoch­ent­wi­ckel­te – Kom­pe­tenz in Sachen Pla­nung und Abstim­mung von kom­ple­xen Pro­zes­sen gar nicht mehr wahr als ein Poten­ti­al, den kom­plet­ten öko­no­mi­schen Pro­zess selbst zu orga­ni­sie­ren. Sicher auch wegen des desas­trös geschei­ter­ten his­to­ri­schen Zwi­schen­spiels einer zen­tral geplan­ten Staats­wirt­schaft. Ich sag es mal so: Ange­sichts des Kli­ma­wan­dels wären wir auf­ge­schmis­sen, hät­te die Geschich­te nur zwei Optio­nen im Angebot.

In die­ser Welt wür­den wir also einer­seits selbststän­di­ger arbei­ten und ande­rer­seits – das ent­neh­me ich Ihrem neu­en Buch Kei­ne Ent­eig­nung ist auch kei­ne Lösung“ – weni­ger selbst besit­zen.

Inter­es­sant, dass Sie mei­nem Buch ent­neh­men, dass man dann weni­ger besit­zen wür­de. Es geht dar­in gar nicht so sehr um quan­ti­ta­tiv weni­ger, es geht um qua­li­ta­tiv bes­ser. Um nur ein Bei­spiel aus der Elek­tro­nik­in­dus­trie zu nen­nen: Hard­ware und Soft­ware wer­den oft so kon­zi­piert, dass Schnitt­stel­len nicht kom­pa­ti­bel sind, sodass Kun­den an ein Pro­dukt gebun­den sind und gleich­zei­tig dazu gezwun­gen wer­den, jede neue Genera­ti­on mit­zu­ge­hen. Was ich damit sagen will: Man wür­de in einer koope­ra­ti­ven Öko­no­mie die Häu­fig­keit, in der ein Pro­dukt erneu­ert” auf den Markt gewor­fen wird nach öko­lo­gi­schen und tech­nisch sinn­haf­te­ren Kri­te­ri­en aus­rich­ten kön­nen, mög­li­cher­wei­se hät­te man dann end­lich mal die Mög­lich­keit, ein Gerät län­ger nut­zen zu kön­nen und müss­te außer­dem nicht mehr stän­dig irgend­wel­che Adap­ter kau­fen. Attri­bu­te, die dem Markt oder dem Pri­vat­ei­gen­tum zuge­schrie­ben wer­den, wie Effi­zi­enz” oder Inno­va­ti­on”, hät­ten dann auch einen ganz ande­ren Sinngehalt.

Oder neh­men wir das Bei­spiel Fleisch­kon­sum: Wenn eine Gesell­schaft ent­schei­det, wir pro­du­zie­ren nicht mehr soviel Fleisch, weil es dem Kli­ma scha­det, dann ist der Kon­sum eine davon abge­lei­te­te Grö­ße. Heu­te ist es umge­kehrt: Es wird auf der einen Sei­te Fleisch am lau­fen­den Band pro­du­ziert und im Kühl­re­gal zum Ver­kauf ange­bo­ten und mit viel Mar­ke­ting­quatsch bewor­ben und dann wird der Kon­su­ment von der ande­ren Sei­te beschimpft, wenn er es kauft und zum Ver­zicht auf­ge­ru­fen. Absurd. Und ja, nicht mehr die­sem Hams­ter­rad aus­ge­lie­fert sein zu müs­sen, wür­de einen enor­men Frei­heits- und Auto­no­mie­ge­winn der Indi­vi­du­en nach sich zie­hen. Man wäre schließ­lich auch frei, die Tren­nung von repro­duk­ti­ver und pro­duk­ti­ver Arbeit auf­zu­he­ben. Im vor­hin erwähn­ten koope­ra­ti­ven Super­markt gibt es, um nur ein klei­nes Bei­spiel zu nen­nen, eine Kin­der­be­treu­ung. Aller­dings, und das ist das Wich­tigs­te: Eine koope­ra­ti­ve Öko­no­mie funk­tio­niert nur, wenn die Leu­te es wol­len. Eine frei­heit­li­che Gesell­schaft, die auf Zwang beruht, ist keine.