Editorial

Was wäre, wenn Technologie uns die Arbeit abnähme?

Durch Digi­ta­li­sie­rung und Automatisierung scheint die Utopie vom Ende der Arbeit näher als je zuvor. Höchste Zeit, den Wan­del demokratisch zu gestalten. Damit alle profitieren.

Ein Roboter verbindet den Arm eines Menschen.

Eines Tages hört der fleißige und zuverlässige Bartleby einfach auf zu arbeiten. Am Vortag hatte er noch ein überaus langes Dokument in vierfacher Ausfertigung kopiert – schweigsam, blass und mechanisch, wie es seine Art war. Doch als sein Vorgesetzter, ein Rechtsanwalt und Notar an der Wall Street, ihn darum bittet, mit den anderen Angestellten der Kanzlei die Abschriften zu prüfen, antwortet Bartleby ihm schlicht mit den Worten: "Ich möchte lieber nicht." Der Rechtsanwalt, der zugleich der Erzähler der 1856 erschienenen Novelle "Bartleby der Schreiber" von Herman Melville ist, reagiert zwar irritiert, hält aber überraschenderweise bis zuletzt an seinem sich verweigernden Mitarbeiter fest. In gewisser Hinsicht scheint er Verständnis für Bartleby zu haben, beschreibt er doch dessen Aufgaben als sehr langweilig, monoton und für einige Menschen schlichtweg unerträglich.

Bartlebys Beruf gibt es längst nicht mehr. Je nach Sichtweise würde man heute davon sprechen, dass er und seine Kollegen von einer Maschine ersetzt oder aber entlastet wurden. Heute können wir Dokumente scannen, sie nach Stichworten durchsuchen und sie in unendlicher Ausfertigung drucken oder ins Internet stellen. Inzwischen können wir sie sogar einer Spracherkennung diktieren und uns im Anschluss von einer digitalen Sprachassistenz wieder vorlesen lassen. Ist also das Verschwinden mancher Tätigkeiten sogar ein Segen?

Wider den Technik-Fetisch

Die Rolle des Einzelnen in unserem ökonomischen System bleibt natürlich auch über 160 Jahre nach Erscheinen von Melvilles Novelle eines der bedeutendsten gesellschaftlichen Themen. Angesichts der voranschreitenden Automatisierung und Digitalisierung ist der Blick auf den Wert von Arbeit für die Gemeinschaft wie auch das individuelle Selbstverständnis nicht weniger wichtig geworden. Gerade weil die digitale Ökonomie als vierte industrielle Revolution in Europa gedeutet wird, stellen sich manche Fragen sogar wieder neu. Wir möchten sie aufgreifen und in unserer aktuellen Debatte darauf schauen, was wäre, wenn die Technik uns die Arbeit abnähme.

Unsere Frage zielt nicht bloß auf eine Einschätzung, ob dies unsere Arbeitswelt im Besonderen und unsere Leben im Allgemeinen verbessern oder verschlechtern würde. Die ehrliche Antwort lautet wohl ohnehin, dass jeder Wandel ein bisschen von beidem mit sich bringt. Wichtig ist aber, dass wir einen großen Anteil daran haben, wie dieser Wandel explizit aussieht. Wir möchten also mithilfe der unterschiedlichen Perspektiven unserer Beitragenden danach fragen, welche sozialen, politischen und ökologischen Herausforderungen sich uns durch den technologischen Fortschritt stellen und welche Gestaltungsmöglichkeiten sich uns bieten.

Wir sind der Technik nämlich mitnichten ausgeliefert, auch wenn viele Prognosen zur Arbeitswelt der Zukunft – seien sie nun optimistisch oder alarmierend – das zu suggerieren scheinen. Diese Tendenz, Technik zum Fetisch zu machen, kritisieren auch Sabine Nuss und Florian Butollo in ihrem jüngst erschienen Sammelband "Marx und die Roboter": "Mit höheren Kräften ausgestattet bricht sie gleichsam von außen über die Gesellschaft herein und revolutioniert diese – ein technologischer Determinismus." Dieser Determinismus stehe, so schreiben sie weiter, "einer differenzierten Deutung des zeitgenössischen Kapitalismus, aus der sich politische Strategien ableiten ließen" jedoch im Wege. Unser Redakteur Lukas Hermsmeier bespricht mit Sabine Nuss, ob die Digitalisierung das Ende der Lohnarbeitsgesellschaft bedeuten könnte und welche Möglichkeiten einer gerechteren Verteilung von Arbeit, Wohlstand und auch Freizeit sie eröffnet.

Der einfühlsame Roboter

Es ist selbstverständlich spannend, über die Potentiale zukünftiger Technologien zu spekulieren. Doch um eine bessere Zukunft zu entwerfen, sollten diese Gedankenspielen auch die sozio-politischen, ökonomischen und ökologischen Realitäten unserer Gegenwart einbeziehen. Schaut man sich etwa manche der Jobs und Tätigkeiten an, die durch die Digitalisierung erst entstanden sind, fällt einem schnell wieder Bartleby ein. Wäre sein Schicksal bei Uber, Test IO und Amazons Mechanical Turk wirklich ein besseres gewesen?

Also ja, vom Reich der Freiheit bei Marx, über Keynes’ goldenes Zeitalter bis hin zu Bastanis vollautomatisiertem Luxuskommunismus – die utopische Vorstellung eines Lebens ohne Arbeit ist so alt wie der moderne Kapitalismus. Doch Arbeit wird auch in diesen Utopien nicht einfach abgeschafft. Sie geben nur jeweils unterschiedliche Antworten darauf, wie sie verteilt werden könnte, welche Rolle Maschinen dabei spielen und wie sich unser Gesellschaftssystem durch ihre Neuverteilung verändern wird. Der Kognitionswissenschaftler und Experte für künstliche Intelligenz (KI) Frank Jäkel erklärt im Gespräch, wie er sich den Einsatz intelligenter Maschinen in der Arbeitswelt der Zukunft vorstellt und erörtert, weshalb KI weder neutral ist, noch als Ersatz für den Menschen gesehen werden sollte.

In der Vergangenheit haben wir Maschinen vor allem zur Entlastung körperlicher Arbeit eingesetzt. Und auch wenn wir Rechner und Roboter bereits heute für kognitive und kreative Arbeiten nutzen können, bleibt die Frage, in welchen Bereichen wir den Menschen nicht ersetzen können oder sogar wollen. Besonders dringlich erscheint sie beim Blick auf jene Tätigkeiten, bei denen wir bisher auf persönlichen Kontakt und Fürsorge Wert gelegt haben. Das betrifft nicht nur Dienstleistungsberufe, sondern insbesondere auch bezahlte sowie unbezahlte Pflegearbeit. Die freie Autorin und Politologin Anna Stiede widmet sich in ihrem Beitrag dem Thema Carework und ordnet es in die Debatte ein.

Das Ende der Arbeit?

Da es sich immer lohnt, theoretische Überlegungen mit der Lebenswirklichkeit von Menschen abzugleichen, hat unser Redakteur Raven Musialik drei Menschen gefragt, wie sie über die Technologisierung in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen denken. Sehen sie diese als Hilfe, Überforderung oder gar als Konkurrenz? Zu oft bleiben wir bei Science-Fiction-Szenarien hängen, doch es sind die alltäglicheren Fragen, die uns eine Auskunft darüber geben können, in welche Richtung sich etwas zu entwickeln scheint.

Doch natürlich möchten wir uns auch mit den großen Fiktionen des Themas beschäftigen, immerhin baut ein ganzes Genre auf Robotern und Co. auf. Der Literaturkritiker Simon Sahner hat sich zwei aktuelle Prosawerke von deutschen Autorinnen vorgenommen, um zu sehen, welche Aspekte des Zusammenspiels von Technik und Arbeit sie besonders interessiert. Wie werden Roboter dargestellt und wie verlaufen die Interaktionen zwischen Mensch und Maschine?

Die neugewonnene, freie Zeit beschäftigt uns selbstverständlich auch. Wenn unser Alltag nämlich nicht mehr von Arbeitszeiten bestimmt würde, wie könnten wir unsere Tage verbringen? Wie würden wir unser Zusammenleben strukturieren und unsere Ressourcen nutzen? Und hat jeder Mensch gleichviel Freizeit? Diese Fragen nimmt die Autorin, Verlegerin und Kulturphilosophin Christiane Frohmann auf und entwirft in ihrem Text für uns eine post-kapitalistische, feministische Vision einer lebenswerten Zukunft, der man sich in der Gegenwart durch sukzessive Selbst-Deprogrammierung anzunähern beginnen könnte.

Der Mensch bleibt also. Und damit bleiben viele Probleme, die sich ihm stellen und die er teilweise selbst zu verantworten hat. Neben der Digitalisierung fordert uns derzeit wohl kaum etwas so heraus wie der Klimawandel. Welche ökologische Dimension hat also unsere Leitfrage? Die Antwort gibt der Ökonom Steffen Lange, der gemeinsam mit Tilman Santarius das im letzten Jahr erschienene Buch "Smarte grüne Welt?" verfasst hat. Darin analysieren sie die ökologischen Effekte der Digitalisierung und skizzieren Leitlinien einer nachhaltigen Nutzung von Technologie.

Wir haben es in der Hand, menschenzentrierte und nachhaltige Technologien zu fördern und damit eine Arbeitswelt zu gestalten, in der jemand wie Bartleby vielleicht all die Freiheit, Sicherheit und Zeit besitzt, um den nächsten großen Roman zu schreiben. Ob er zu Lebzeiten seines Autors zum Bestseller wird oder wie „Moby-Dick“ erst nach dessen Tod Würdigung findet, übersteigt wohl auch in Zukunft unsere Wirkkraft.