Editorial

Was wäre, wenn Städ­te gut für das Kli­ma wären?

Urba­ne Regio­nen wer­den immer vol­ler, wär­mer, sti­cki­ger — und sie sind für einen Groß­teil der CO2-Emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. Genau des­halb muss gera­de hier die Trans­for­ma­ti­on beginnen.

Der sogenannte Stanford-Torus ist eine visionäre Weltraumkolonie, in den 70er Jahren von der NASA entwickelt. Im Kampf gegen die Erderwärmung helfen solche extraterristischen Utopien allerdings kaum weiter. Wir brauchen Pläne auf dem Boden. [Foto: NASA / Donald Davis]

Die Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­ci­ca­ti­on (APA) defi­niert den Begriff eco-anxie­ty als chro­ni­sche Angst vor dem Ster­ben der Umwelt“. Es ist eine Angst, wie die APA vor zwei Jah­ren in einem Report schrieb, die die Fähig­keit zur Empa­thie und Für­sor­ge läh­men kön­ne. Eine Art Ohn­macht also, die in Ego­zen­trik resul­tiert, ange­sichts der oft unlös­bar wir­ken­den Her­aus­for­de­run­gen der Erderhitzung. 

Es sieht düs­ter aus. Es ist düs­ter. Und ent­spre­chend funk­tio­niert auch die Kli­ma-Bericht­erstat­tung: ein Wech­sel­spiel aus nie­der­schmet­tern­den Pro­gno­sen, ernüch­tern­den Was­ser­stands­mel­dun­gen und bit­te­ren Rück­bli­cken. Seit Jahr­zehn­ten war­nen Wissenschaftler*innen, wel­che Effek­te CO2-Emmis­sio­nen auf die Atmo­sphä­re haben. Seit Jahr­zehn­ten wis­sen Forscher*innen, dass es an uns Men­schen liegt, an unse­ren Pro­duk­ti­ons­wei­sen, unse­rem Trans­port­we­sen, unse­rem Kon­sum. Es wird immer düs­te­rer, wenn wir nichts verändern. 

Die kürz­lich ver­stor­be­ne unga­ri­sche Phi­lo­so­phin Agnes Hel­ler war von der kon­struk­ti­ven Kraft von Dys­to­pi­en über­zeugt. Sie zei­gen uns, was mög­lich ist und sagen uns, bit­te, tu’ das nicht! Ver­hin­de­re, dass die­se Sache zustan­de kommt!“, schrieb sie in ihrem Essay Von der Uto­pie zur Dys­to­pie – Was kön­nen wir uns wünschen?“

It’s the eco­no­my, stupid

Was die Zer­stö­rung unse­rer Erde betrifft, liegt nichts näher als eine dys­to­pi­sche Stim­mung, eco-anxie­ty. Doch es stellt sich die Fra­ge, wie hilf­reich solch ein Ver­har­ren in Unter­gangs­sze­na­ri­en ist. Wenn es stimmt, was Agnes Hel­ler sagt, wenn Dys­to­pi­en der Anfang eines Lern­pro­zes­ses sein kön­nen – war­um hat das dann beim Kli­ma­wan­del so wenig funk­tio­niert? Wie­so sind die War­nun­gen, die seit lan­ger Zeit im Raum schwe­ben, so inef­fek­tiv? Wes­halb weh­ren wir uns nicht vehe­men­ter dage­gen, dass vie­le Politiker*innen und Wirt­schafts­bos­se immer noch so tun, als wären E‑Autos und begrün­te Dächer schon die Ret­tung. Klar, Inlands­flü­ge sind absurd. Aber allei­ne Inlands­flü­ge abzu­schaf­fen, wird nicht rei­chen. It’s the eco­no­my, stupid. 

was wäre wenn wäre nicht was wäre wenn, wenn es sich gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen nicht kon­kret-visio­när nähern wür­de. Doch wo fängt man beim The­ma Kli­ma an? Wo hört man auf? Aus wes­sen Per­spek­ti­ve wird erzählt? Wer ist das wir“, von dem ja auch in die­sem Arti­kel die Rede ist? Sind damit alle Men­schen auf die­ser Erde gemeint, die glei­cher­ma­ßen ver­ant­wort­lich sind? Sind vor allem wir im glo­ba­len Wes­ten gefragt? Nur die­je­ni­gen in Führungspositionen?

Wer es sich ein­fach machen will, sagt: Schuld sind ein­zig und allein Poli­tik und Wirt­schaft. Wer es sich noch ein­fa­cher machen will, sagt: Gleich viel Schuld haben alle Men­schen, die Teil der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft sind. Und wer es sich am ein­fachs­ten machen will, bleibt bei Schuld­fra­gen hängen. 

Wir als Redak­ti­on haben uns dafür ent­schie­den, eine Kli­ma-Uto­pie genau­er zu betrach­ten: die Uto­pie einer nach­hal­ti­gen Stadt. 

Lust­voll leben, ohne die Erde zu zerstören

Die­ser Fokus hat ins­be­son­de­re zwei Grün­de: Laut UN ent­ste­hen 75 Pro­zent der CO2-Emis­sio­nen in Städ­ten. Und bis 2050 wer­den über zwei Drit­tel aller Men­schen in urba­nen Regio­nen leben. Die Zukunft der Stadt, davon sind Expert*innen über­zeugt, bestimmt auch die Zukunft der Erde. 

In Städ­ten zei­chen sich grö­ße­re Ent­wick­lun­gen ab, im Guten wie im Schlech­ten. In Städ­ten wer­den die wich­tigs­ten poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen getrof­fen. Wir als Redak­ti­on und die aller­meis­ten Leser*innen arbei­ten in urba­nen Regio­nen. Wir Stadtbewohner*innen sind – gewiss in äußerst unter­schied­li­chem Maße – dar­an betei­ligt, dass Städ­te so funk­tio­nie­ren, wie sie funk­tio­nie­ren. Und bis­lang funk­tio­nie­ren sie nicht nach­hal­tig, das steht fest. 

Alles könn­te anders sein“ heißt das im Febru­ar ver­öf­fent­lich­te Buch des Sozio­lo­gen Harald Wel­zer. Und tat­säch­lich müss­te fast alles anders sein, damit gro­ße Städ­te Kli­ma­neu­tra­li­tät errei­chen, so wie sich das bei­spiels­wei­se Ber­lin, Bos­ton oder Kopen­ha­gen vor­ge­nom­men haben. Die Fra­ge ist: Wie sieht die­ses anders aus? 

Wie wer­den wir in Zukunft bau­en – oder sind Neu­bau­ten schon ein Übel an sich? Wie wer­den wir uns fort­be­we­gen – oder ist der ewi­ger Anspruch auf Mobi­li­tät schon Teil des Pro­blems? Wie kann es uns gelin­gen, dass wir wei­ter reich­hal­tig essen, Din­ge erfin­den und lust­voll leben, ohne dabei die Erde abzuwirtschaften? 

Kom­pli­zier­te Geset­ze, kaum Anreize

In den kom­men­den Wochen wird es zu die­sen Fra­gen diver­se Bei­trä­ge und Inter­views bei was wäre wenn geben. Der Unter­neh­mer Ema­nu­el Hei­sen­berg und der Autor Chris­to­pher Lau­er haben einen Plan ent­wor­fen, wie es einer Stadt wie Ber­lin gelin­gen könn­te, bis 2030 kli­ma­neu­tral zu wer­den. Die Jour­na­lis­tin Vere­na Kern ist der Fra­ge nach­ge­gan­gen, war­um sich immer mehr Städ­te im Kampf gegen den Kli­ma­wan­del zusam­men­schlie­ßen — und was die­se Netz­wer­ke über­haupt leis­ten (kön­nen). Der Agrar­for­scher Ingo Zasa­da spricht im Inter­view über die Mög­lich­kei­ten einer kon­se­quent-regio­na­len Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on und ‑ver­sor­gung. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Anet­te Bald­auf hat einen Essay über das grü­ne Umnut­zungs­po­ten­zi­al toter Shop­ping Malls geschrie­ben. Manu­el Ehlers von der Nach­hal­tig­keits­bank Tri­odos plä­diert für ein Abriss­ver­bot und die Ver­wen­dung nach­wach­sen­der Res­sour­cen im Aus­bau. was wäre wenn wird sich außer­dem den The­men Trans­port, Kon­sum und Smart City nähern.

Der neue www-Pod­cast ist bereits jetzt online. Zu Wort kommt dar­in unter ande­rem Vol­ker Qua­sch­ning, Pro­fes­sor für Rege­ne­ra­ti­ve Ener­gie­sys­te­me an der Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft (HTW) in Ber­lin, der einer­seits beschreibt, dass die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine kli­ma­neu­tra­le Stadt längst gege­ben sei­en, es aber ande­rer­seits viel zu weni­ge poli­ti­sche Anrei­ze gebe. Ein gutes Bei­spiel sei­en Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen, so Qua­sch­ning, wenn man die baut, muss man sich noch mit kom­pli­zier­ten Geset­zen rumär­gern, die Ren­di­te ist über­schau­bar, das führt dann dazu, dass in der Kom­bi­na­ti­on so wenig passiert.“

Eine Fra­ge, die bei Kli­ma-Debat­ten zuver­läs­sig auf­kommt, ist die nach der indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung. Was kann der oder die Ein­zel­ne tun? Wie wich­tig sind Kon­sum- und Ver­brau­cher-Ent­schei­dun­gen? Oder anders gefragt: Solan­ge Solar­po­ten­tia­le unge­nutzt blei­ben, Städ­te wei­ter auto­zen­triert gedacht wer­den und Inlands­flü­ge bil­li­ger als Bahn­fahr­ten sind, solan­ge Erd­bee­ren aus Chi­na nach Deutsch­land und Rind­fleisch aus Deutsch­land nach Argen­ti­ni­en geflo­gen wer­den, Bana­nen plas­tik­ver­schweißt ankom­men und immer mehr Zement ver­baut wird – bringt es da über­haupt etwas, wenn die Bürger*innen Müll tren­nen und Bio kaufen?

Eco-uto­pia statt eco-anxiety 

Fest steht, auch da sind sich Expert*innen einig: Ohne grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Struk­tu­ren wird die Erd­er­wär­mung nicht auf­zu­hal­ten sein. Das indi­vi­du­el­le Ver­hal­ten lohnt sich aber viel­leicht allei­ne des­halb umzu­stel­len, weil man dann gut vor­be­rei­tet ist auf die Ver­än­de­run­gen, die mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit kom­men wer­den“, wie Sara Stei­nert, die Mode­ra­to­rin des www-Pod­casts, in der aktu­el­len Fol­ge sagt.

Die Meta-Fra­ge zur neu­en Debat­te lau­tet also: Was wäre, wenn Städ­te gut für das Kli­ma wären? Wobei das gut“ in die­ser Fra­ge noch etwas ande­res aus­drü­cken soll als nach­hal­tig“: Was wäre, wenn wir die bevor­ste­hen­den Ver­än­de­run­gen nicht als Last, son­dern als Berei­che­rung wahr­neh­men? Was wäre, wenn Umwelt­be­wusst­sein Spaß macht? 

Beein­dru­ckend geht die Jugend­be­we­gung Fri­days for Future vor­an, die einer­seits ihre Wut aus­drückt, die Entscheidungsträger*innen kon­fron­tiert und kon­kre­te For­de­run­gen stellt – aber dabei nicht den Spaß ver­liert, wei­ter an Visio­nen arbei­tet, kon­struk­tiv nach vor­ne schaut. Die FFF-Pro­tes­te sind ernst, krea­tiv, drin­gend und inspi­rie­rend zugleich – auch des­halb wird die Bewe­gung immer größer. 

Und den­noch: Die 23-jäh­ri­ge Stu­den­tin Lui­sa Neu­bau­er, wohl das bekann­tes­te Gesicht von Fri­days For Future, beschrieb kürz­lich auf Twit­ter, was sie in Bezug auf den Kli­ma­wan­del füh­le: Die­se Art von Angst, die tief in dein Herz kriecht und schwer auf dei­nen Schul­tern liegt.“ Eco-anxie­ty.

Viel­leicht wird das die größ­te Her­aus­for­de­rung der kom­men­den Jah­re und Jahr­zehn­te: Eine radi­ka­le Gegen­warts­ana­ly­se mit Zukunfts­lust zu ver­bin­den. Ein eco-uto­pia ent­wi­ckeln.