Editorial

Was wäre, wenn Social Media den Nutzer*innen gehören würde?

Die großen Dienste sind längst ein Politikum. Trotzdem fehlen Ideen, wie gesellschaftlich mit ihrer besonderen Funktion umzugehen ist. Es ist Zeit, konkrete Vorschläge zu machen.

Das Benutzerpanel eines alten Prozessormoduls
Dieser Interface Message Processor (IMP) wurde verwendet, um 1969 die erste Nachricht im Internet zu übermitteln. Damals waren noch Entwicklungswege des Internets offen, die heute erst wiederentdeckt werden müssen. | Foto: FastLizard4, CC BY-SA 3.0

Manchmal fängt das Missverständnis schon mit den Worten an. „Sozial“ zum Beispiel. Was soll dieses Wort genau bezeichnen? Gerecht? Gemeinsam? Gemeinschaftlich? Und wie hat es sich gewandelt mit den Jahren? Was verbindet das „sozial“ der SPD mit dem „sozial“ von Mark Zuckerberg?

Oder Medien? Sie sind in vielem die Begründung und Möglichkeit der Demokratie, die die Öffentlichkeit braucht und den Austausch der Argumente und Meinungen, was in der arbeitsteiligen Gesellschaft, die am Beginn des liberalen Rechtsstaates steht, durch die Institution der Medien geregelt wurde.

Wenn nun aber Medien sozial werden, was bedeutet das dann? Ist das entweder eine Verdopplung, denn sind Medien nicht immer schon sozial, sonst wären sie keine Medien? Oder anders, wenn es das Soziale ist, also das Gesellschaftliche und das Miteinander, aus dem diese Medien entstehen, wenn sich also der Diskurs neu und von unten her strukturiert, was hat das für Auswirkungen auf die Demokratie?

Georg Diez ist Journalist, Buchautor und arbeitet als Direktor für Strategie und Medien bei einem unabhängigen Forschungsinstitut. Er schrieb die Kolumne "Der Kritiker" auf Spiegel Online und ist Mitgründer der Graduierten-Schule School of Disobedience. Zuletzt erschien von Diez "Power To The People" (Hanser Berlin), eine Zusammenarbeit mit Emanuel Heisenberg.

Die große Verwirrung

Was also sind „soziale Medien“? Und wozu dienen sie? Wozu führen sie? So wie Mark Zuckerberg und in seiner Folge viele viele andere den Begriff verwenden, steckt darin schon das inhärent Gute eines Konzeptes, das allein aus der Verbindung von Menschen das Verständnis füreinander schafft - Kommunikation kann nie schlecht sein, das ist der, wie sich zeigt, naive Glaube; wobei die Naivität nicht Mark Zuckerberg anzulasten ist, sondern eher uns anderen, die wir mit diesen Worten hantieren, ohne uns wirklich die Mühe machen, sie zu verstehen.

Und so sind die vergangenen ein bis zwei Jahrzehnte dadurch gekennzeichnet, dass wir in eine Welt hineingeschlittert sind, die wir zu kennen glauben, weil es den Anschein hat, dass wir sie mit erschaffen haben. Weil das aber nicht so ist, weil die Welt, wie sie sich uns darstellt, eine Erfindung von Menschen ist, die ganz andere Interessen und Vorstellungen hatten, als Demokratie, menschliches Zusammenleben, die Zartheiten der Seele neu zu programmieren, Menschen, die erstmal eine technische Herausforderung sahen, die eine Antwort auf eine Frage war, die es erst noch zu finden galt - deshalb ist die Verwirrung, wenn wir sie zulassen, gerade so allumfassend.

Neue Normalität

Der Internettheoretiker Benjamin Bratton hat diesen Zustand unserer Zeit, diese Geisteshaltung als „the new normal“ benannt - eine Normalität, die nicht existiert außerhalb der Worte und Begriffe, die wir dafür gefunden haben, weil sie der Veränderung und manchmal auch dem Chaos einen Schein von Rationalität verleihen, die uns hilft, darin zu navigieren.

Wir leben inmitten von Worten, die nicht das bezeichnen, was sie meinen, weil wir sie gewählt haben, ohne die Dinge, Prozesse, Realitäten und Folgen zu verstehen, auf die sie sich beziehen. Wir hecheln dem Verstehen hinterher, seit Jahren schon. Das hat Konsequenzen, materiell, politisch, seelisch. Im Fall der sozialen Medien mindestens alles drei, jeweils miteinander verbunden.

Das Grundmissverständnis dabei ist nicht, dass diese Medien weder sozial noch Medien sind - das tieferliegende Problem ist das Geschäftskonzept, das Business Model also, das die sozialen Medien antreibt, Facebook etwa, das bekanntermaßen gegründet wurde nicht um die Welt zu verbessern, sondern um testosterongebremsten College Boys die Möglichkeit zu geben, sich über Frauen auszutauschen.

Keineswegs umsonst

Dafür, wie für so viele andere Produkte dieses technologischen Zeitalters, wollte man kein Geld nehmen - selbst Mark Zuckerberg, der schon früh von „domination“ sprach, Weltherrschaft!, wusste ja nicht, was daraus werden würde. Und so wurde und war, auch in Ermangelung echter Alternativen und mit drastischen Konsequenzen, die Maxime von umsonst, frei oder free der Glaubensgrundsatz der mittleren Internet-Euphorie seit etwa 2006, hagiographisch veredelt 2009 durch Chris Andersons Buch „Free. The Future of a Radical Price“.

Aber das war Unsinn. Nichts ist umsonst, kein Brötchen, kein Fahrrad, keines der schönen Produkte, die Facebook oder Google uns anboten und die wir gern annahmen, auch weil wir dachten, dass wir dafür nicht zahlen. Es war eine Art Erziehungsprozess, und Zeitungen etwa und andere klassische Medien haben damit heute zu kämpfen - wie kann man Menschen, die ein Jahrzehnt lang gelernt haben, dass es Dinge umsonst gibt, erklären, dass das nicht der Fall ist.

Denn natürlich bezahlen wir, die Nutzer*innen, es kann auch gar nicht anders sein, weil irgendjemand sich darum kümmern muss, dass Facebook so aussieht und so läuft, wie es tut, irgendwer muss diese ganzen Sachen programmieren und sich den Like-Button ausdenken – das Problem dabei ist, dass wir erst nach und nach verstanden haben, dass das nicht umsonst ist, dass wir zahlen, mit unseren Daten, die für die Werbemilliarden von Facebook und Google sorgen, dass wir also, die Nutzer*innen, selbst das Produkt sind.

Transparente Wahlmöglichkeiten

Dieser Zustand begründet viele der anderen Probleme, die sich heute mit sozialen Medien verbinden: Da ist die Abhängigkeit der Nutzer*innen, die notwendig ist für die Werbeeinnahmen und erzeugt wird, damit wir, die Kunden, das Produkt, nicht einfach woanders hingehen und etwas anderes machen, zum Beispiel über eine Wiese spazieren, was für Google nicht ganz so viele Daten hergibt wie unser Suchverhalten im Netz.

Da ist die Möglichkeit der Manipulation und der Propaganda wie im Fall der Wahl von Donald Trump, da ist die Hetze wie im Fall der Massaker an den Rohingya in Myanmar, da ist YouTube, wo man mit ein paar Klicks in den Tiefen des Grauens versinken kann, wie es James Bridle in seinem Buch „The New Dark Age" unter anderem für ins Grausame gedrehte Peppa-Pig-Filme beschrieben hat – die sozialen Medien sind in vielem zu unsozialen Medien geworden, und die ökonomischen Grundlagen der gegenwärtigen technologischen Weltordnung sind ein wesentlicher Teil der Ursache.

Wie könnte das also anders gehen? Was wäre, wenn es eine klare Bezahlmöglichkeit geben würde, wenn klar wäre, dass ich, der Kunde, die Macht habe, über meinen Beitrag zu entscheiden, wo ich mit wem über was reden oder wie ich informiert werden will? Diese Entscheidung gibt es de facto nicht mehr, und der Grund dafür liegt in dem Umstand, dass nicht wir, die Nutzer*innen, die sozialen Medien besitzen - die sozialen Medien besitzen uns.

Internet als Daseinsvorsorge

Dieser Frage wollen wir in den kommenden Tagen hier Raum geben. Sollte etwas, das für die Demokratie so wichtig ist wie der digitale Marktplatz, das Parlament der Meinungen, überhaupt dem Markt ausgesetzt sein? Ist der Markt hier der richtige Mechanismus? Tatsächlich gibt es im digitalen Denken genug Ansatzpunkte, genau diese Marktlogik zu überwinden. Es sind Utopien aus der Frühzeit des Internets und der Kybernetik, die eine andere Vorstellung von Verbundenheit ermöglichen. Und viele Menschen arbeiten bereits an einem neuen, anderen Internet, mit neuen, anderen Möglichkeiten, sich zu vernetzen.

Gerade weil das Internet die Grundlage von fast allem ist, was die Gegenwart an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Veränderungen erlebt, sind hier Eigentumsfragen von so besonderer Bedeutung. Was etwa bedeutet es, wenn sich in den USA etwa ärmere Menschen zunehmend weniger einen Internetzugang leisten können und nur noch über ihr Smartphone, noch so ein New-Normal-Wort, einen Internetzugang haben? Für 26 Prozent derjenigen, die weniger als 30.000 Dollar im Jahr verdienen, ist das Realität, doppelt so viele wie 2013. Aber ist das Internet nicht eigentlich so wie Wasser, Luft und Erde zu behandeln, eine Art von Gemeinschaftseigentum, die digitalen Commons?

Das ist einer der Ansätze für ein neues Internet oder eine andere Wirtschaftsform, die aus dem digitalen Denken geboren ist. Wir werden in dieser Ausgabe von www noch ein paar andere Gedanken vorstellen, die sich mit der Frage befassen, was wäre, wenn die sozialen Medien den Nutzer*innen gehören würden? Erik Bordeleau, Forscher für Kryptoökonomie, stellt ein Modell vor, wie auf der Basis von Blockchain die Grundformen einer neuen sozialen Ordnung skizziert werden; der Internettheoretiker tante konstatiert, dass wir es bei Facebook mit einem Staat-ähnlichen Konstrukt zu haben und macht Vorschläge, wie sich eine solche Entität demokratisieren ließe; der Kulturwissenschaftler Michael Seemann diskutiert die Möglichkeit, soziale Medien als Commons, also als Gemeingüter zu organisieren; die Professorin und Autorin Moira Weigel und der Journalist Ben Tarnoff berichten im Interview, wie hinter den Diensten der Onlineplattformen ganz reale Arbeitsverhältnisse stehen, die zunehmend umkämpft sind.

Weitere Beiträge werden folgen, die die Möglichkeiten einer politischen Aneignung der sozialen Medien weiterdiskutieren. Denn im Internet findet sich keinesfalls das Virtuelle und Unterscheidung vom Realen. Gerechtigkeit und Demokratie in der "realen" Welt kann es nur geben mit Gerechtigkeit und Demokratie in der digitalen Welt.