Editorial

Was wäre, wenn Femi­nis­mus nicht mehr nötig wäre?

Wer zurück­blickt, erkennt die Erfol­ge der Bewe­gung. Die post-patri­ar­cha­le Gesell­schaft bleibt jedoch fern. Des­halb lohnt es sich, Uto­pi­en zu entwerfen.

Frauen protestieren mit Fahnen an einer Statue
Für ihr Wahlrecht demonstrierende Frauen verbrennen eine Rede von Präsident Wilson an der Lafayette Statue in Washington, D.C., 1918 | Foto: Harris & Ewing

Der Femi­nis­mus lebt, viel­leicht ist er sogar leben­di­ger als jemals zuvor. Ins­be­son­de­re die ver­gan­ge­nen zwei Jah­re haben gezeigt, wie stark und divers die­se Bewe­gung ist, die sich aus unzäh­li­gen Orga­ni­sa­tio­nen, Initia­ti­ven und Einzelaktivist*innen welt­weit zusam­men­setzt. Zum Women’s March 2017, der durch Trumps frau­en­feind­li­che Äuße­run­gen aus­ge­löst wur­de, kamen allein in Washing­ton rund 700.000 Men­schen zusam­men. 2018 betei­lig­ten sich über fünf Mil­lio­nen Spa­nie­rin­nen an dem Frau­en­streik für Gleich­stel­lung und gegen häus­li­che Gewalt. Am 8. März die­ses Jah­res gin­gen 30.000 Leu­te in Ber­lin für die Rech­te von Frau­en auf die Stra­ße. Und auch die seit Wochen andau­ern­den Pro­tes­te gegen das repres­si­ve Regime im Sudan wer­den von Frau­en geprägt. 

Femi­nis­mus ist leben­dig, weil er leben­dig sein muss. Weil die Kämp­fe nicht aus­ge­foch­ten sind, sich immer neue Her­aus­for­de­run­gen erge­ben, Tag für Tag, in jedem Gesell­schafts­be­reich. Die gro­ße Prä­senz und Vehe­menz der­zei­ti­ger femi­nis­ti­scher Debat­ten zeigt also zugleich, wie viel und wie wenig erreicht wur­de. Ein Blick zurück lohnt sich, aller­dings nicht, um sich aus­zu­ru­hen, um das Erreich­te zu kon­ser­vie­ren – son­dern um neue Erkennt­nis­se, Moti­va­ti­on und Ansprü­che zu bilden. 

Wei­te Wege zur Gleichheit

2018 jähr­te sich die Ein­füh­rung des Frau­en­wahl­rechts in Deutsch­land zum hun­derts­ten Mal. Es war ein über­fäl­li­ger Anlass, um an Vor­kämp­fe­rin­nen zu erin­nern, Frau­en, die Femi­nis­tin­nen waren, als der Begriff noch gar nicht geläu­fig war. An Olym­pe de Gouges zum Bei­spiel, eine Frau­en­recht­le­rin und Schrift­stel­le­rin, die 1791, zwei Jah­re nach Beginn der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, die Erklä­rung der Rech­te der Frau und der Bür­ge­rin“ ver­fass­te – und zwar als Ant­wort auf die Erklä­rung der Men­schenrech­te, die eben vor allem eine Erklä­rung der Män­nerrech­te war. 

Der Blick zurück ist auch des­halb wich­tig, um zu erken­nen, dass allen femi­nis­ti­schen Mei­len­stei­nen lang­wie­ri­ge Kämp­fe vor­aus­gin­gen. Der Zugang für Frau­en zu den Uni­ver­si­tä­ten wur­de um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert hart­nä­ckig erstrit­ten. Mit dem Grund­ge­setz von 1949 konn­te die Gleich­heit von Mann und Frau for­mal fest­ge­hal­ten wer­den, es dau­er­te aller­dings wei­te­re acht Jah­re und Pro­tes­te, bis das Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­setz erlas­sen wur­de. Seit­dem haben Män­ner in der Ehe kein fina­les Ent­schei­dungs­recht mehr, dür­fen nicht mehr die Beschäf­ti­gung ihrer Frau kün­di­gen oder über ihr Ver­mö­gen ver­fü­gen. Erst 1997 wur­de die Ver­ge­wal­ti­gung in der Ehe unter Stra­fe gestellt, der Grund­satz nein heißt nein“ 2017 im Gesetz ver­an­kert. Kei­ner die­ser Fort­schrit­te wäre ohne zivil­ge­sell­schaft­li­chen Druck zustan­de gekommen. 

Sind die Pri­vi­le­gi­en des Patri­ar­chats also Geschich­te? Natür­lich nicht. Auch, wenn es immer wie­der behaup­tet wird, und zwar am lau­tes­ten von denen, die von den Unge­rech­tig­kei­ten profitieren. 

Unglei­che Lasten

Nicht zuletzt die #metoo-Debat­te hat gezeigt, dass sexu­el­le Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung kei­nes­wegs in den Wes­ten“ impor­tiert wur­den, son­dern in unse­rer Gesell­schaft vor­han­den sind. Wie drin­gend Femi­nis­mus im Jahr 2019 ist, lässt sich auch am Gefäl­le im Berufs­le­ben erken­nen. Vom Gen­der Pay Gap, dem Ein­kom­mens­nach­teil der Frau­en von 21 Pro­zent, über die trotz ver­bind­li­cher Quo­te nicht ein­mal 30 Pro­zent in den Auf­sichts­rä­ten bis hin zu den mick­ri­gen zehn Pro­zent Frau­en­an­teil in den Vor­stän­den der 100 größ­ten Unter­neh­men in Deutschland. 

Ver­läss­lich vie­le Frau­en fin­det man dage­gen in den Beru­fen, die schlecht bezahlt sind. Rei­ni­gungs­kräf­te, Kell­ne­rin­nen, Fri­seu­rin­nen, die Lis­te lässt sich wei­ter­füh­ren. In Pfle­ge­be­ru­fen liegt der Anteil von Frau­en bei 82 Pro­zent. Zudem wird noch immer ein Groß­teil der kom­plett unbe­zahl­ten Sor­ge­ar­beit (Erzie­hung der Kin­der, Pfle­ge von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, Haus­halt, etc.) von Frau­en erledigt. 

Der Blick in die Ver­gan­gen­heit lohnt sich noch aus einem ande­ren Grund: Um zu ver­ste­hen, wie sich Femi­nis­mus mit der Zeit ver­än­dert, ver­scho­ben, neu erfun­den, wei­ter­ent­wi­ckelt hat. Erstritt die soge­nann­te ers­te Wel­le des Femi­nis­mus vor allem poli­ti­sche Rech­te wie das Wahl­recht, stand bei der zwei­ten Wel­le die Aus­beu­tung der Frau im Pri­va­ten im Fokus. Dis­ku­tiert wur­den Fra­gen der Sexua­li­tät, häus­li­che Gewalt­er­fah­run­gen, das Recht auf Schwan­ger­schafts­ab­bruch, Arbeitsteilung. 

Es geht um alles und alle

Die drit­te Wel­le reagier­te zunächst auf die Stim­men, die den Femi­nis­mus als erle­digt betrach­te­ten, um dann eige­ne For­de­run­gen stel­len zu kön­nen. Vie­le Feminist*innen kämp­fen heu­te nicht mehr nur für die Rech­te der Frau­en, son­dern für die Rech­te aller mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen. Sie den­ken inter­sek­tio­nal, das heißt: die ver­schie­de­nen Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men nicht gelöst von­ein­an­der, son­dern zusam­men, sei es Ras­sis­mus, Klas­sis­mus (Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der sozia­len Her­kunft), Ableis­mus (Dis­kri­mi­nie­rung von behin­der­ten Men­schen), sowie Trans-und Homo­se­xu­el­len-Feind­lich­keit. Das Akro­nym LGBT­QI (Les­bisch, Gay [schwul], Bise­xu­ell, Trans­se­xu­ell, Queer, Inter­se­xu­ell) ver­weist zudem auf die ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten, die hier mit­ge­meint sind. Femi­nis­mus ist längst nicht mehr nur Frau­en­the­ma, son­dern ein Feld, in dem in stän­dig neu­er Wei­se die Erfah­run­gen von feh­len­der Aner­ken­nung, Unter­drü­ckung und Aus­schluss arti­ku­lier­bar wer­den. Beim Femi­nis­mus geht es um alles und um alle. 

Was mei­nen wir also, wenn wir fra­gen: Was wäre, wenn der Femi­nis­mus nicht mehr nötig wäre? Mit die­ser Fra­ge­stel­lung las­sen sich zwei Punk­te zusam­men­füh­ren: Ers­tens, dass es den einen Femi­nis­mus nie geben wird, weil es auch inner­halb der Bewe­gung stets Wider­sprü­che und Span­nun­gen gab. Und zwei­tens, dass es sich trotz­dem lohnt, Uto­pi­en zu ent­wer­fen. Daher wol­len wir aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln in die Zukunft schauen.

Die Phi­lo­so­phin Bini Adamc­zak anti­zi­piert eine Welt, in der die Herr­schaft von Geschlech­ter­ka­te­go­ri­en über­wun­den ist, und argu­men­tiert, dass eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft dort nicht hin­ge­lan­gen wird. Die Jour­na­lis­tin Gil­da Sahe­bi fragt, ob das Phä­no­men, dass vie­le Frau­en sich mit dem ers­ten Kind in die Fami­lie zurück­zie­hen, Aus­druck einer neu­en Sou­ve­rä­ni­tät oder einen Back­lash bedeu­tet. Kolumnist*in Hen­g­a­meh Yag­hoo­bi­fa­rah for­dert einen Femi­nis­mus, von dem alle pro­fi­tie­ren, und nicht nur pri­vi­le­gier­te, wei­ße Frau­en. Der Psy­cho­lo­ge Mar­kus Theu­nert und der Autor Nils Pickert ver­su­chen gemein­sam her­aus­zu­fin­den, wel­che Rol­le Män­ner spie­len sol­len, müs­sen und kön­nen. Die Unter­neh­me­rin Frän­zi Küh­ne schreibt einen Brief an eine kom­men­de Genera­ti­on, die das Bild vom männ­li­chen Allein­ver­die­ner end­gül­tig über­wun­den haben wird. Die Pro­fes­so­rin und Buch­au­torin Helen Hes­ter zeigt auf, wel­che eman­zi­pa­to­ri­schen Poten­zia­le in tech­ni­schen Inno­va­tio­nen ste­cken. Und die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Mit­hu San­y­al beschäf­tigt sich in ihrem Essay mit dem kom­ple­xen The­ma Kon­sens.

Die­se Bei­trä­ge erge­ben kein Mani­fest, sie schaf­fen kein Pro­gramm. Doch sie wir­ken mit an einem Pro­zess, bil­den Quer­ver­bin­dun­gen, eröff­nen Alter­na­ti­ven zu einer Gegen­wart, in der Femi­nis­mus noch immer nötig ist.