Editorial

Was wäre, wenn die Gesundheitsversorgung frei wäre?

Eine Gesellschaft muss sich daran messen, wie sie mit kranken, alten und marginalisierten Menschen umgeht. Für eine gerechte medizinische Versorgung sollten wir uns von überholten Prinzipien trennen.

Ein Arzt horcht ein Kind mit dem Stethoskop ab.
Zeit für neue Techniken. Hier sieht man den französischen Arzt René Laënnec, der im 19. Jahrhundert das Stethoskop erfand.

Gesundheit ist eine Frage des Geldes. Das zeigt sich überall auf der Welt, aber wohl besonders stark in den USA, wo die medizinische Versorgung teurer ist als in jedem anderen Land, wo sich 27 Millionen Menschen gar keine Krankenversicherung leisten können und wo 137 Millionen Menschen medizinisch verschuldet sind. Das zeigt sich aber auch in europäischen Ländern wie Großbritannien und Deutschland, deren Gesundheitssysteme auf jeweils andere Weise auf einem Prinzip der Solidarität aufgebaut sind. Dennoch werden die Warnrufe lauter, dass der britische Gesundheitsdienst NHS kurz vor dem Kollaps steht und in Deutschland ein System der "Zwei-Klassen-Medizin" kreiert wurde, wie es selbst die Regierungspartei SPD verlauten ließ. Fakt ist, dass Privatversicherte schnelleren und einfacheren Zugang zu medizinischen Behandlungen als Kassenpatient*innen erhalten, weshalb es nicht überrascht, dass einer aktuellen Allensbach-Umfrage zufolge 75 Prozent der Befragten darüber klagen, dass bei Behandlungen wirtschaftliche Interessen über therapeutischen stünden. Konkret bedeutet es, dass sich auch in Europa ärmere Menschen oft nicht erlauben können, ernsthaft krank zu werden.

Gesundheit ist ungleich verteilt

Gesundheit ist eine Frage des Standortes. Die medizinische Infrastruktur ist im globalen Süden dramatisch schlechter als im Norden; die Folgen dieses Gefälles machen sich in nahezu jeder Gesundheitsstatistik bemerkbar: höhere Kindersterblichkeit, mehr HIV-Neuinfektionen, unbehandelte psychische Krankheiten, die Liste ist lang. Aber selbst innerhalb eines Landes spielt der Standort eine wichtige Rolle. Die Abwanderung von Ärzt*innen aus ländlichen Regionen Deutschlands in die Städte und der Mangel an Hebammen, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind Belege dafür, dass der Wohnort mit darüber entscheidet, ob, wie gut und wie schnell Unfälle oder Krankheiten behandelt werden.

Gesundheit ist eine Frage der Macht. Ob in Deutschland, Großbritannien, den USA oder anderswo: Marginalisierten Menschen wird es überall auf dieser Welt schwer gemacht, an medizinische Versorgung zu gelangen, nicht zuletzt, weil das medizinische System auf einem engen Bild vom gesunden Körper und Geist aufbaut. Viele Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, sehen sich entmündigenden Erfahrungen, Stigmatisierungen und Fehlbehandlungen ausgesetzt – ob aus Unwillen oder Unwissen spielt dabei keine Rolle. Trans Menschen beispielsweise müssen nicht nur gegen Vorurteile und Wissenslücken auf Seiten vieler Ärzt*innen ankämpfen, sondern haben eine weitaus niedrigere Lebenserwartung, wie der 2019 erschienene Band "Trans & Care", herausgegeben von Max Appenroth und María do Mar Castro Varela, dokumentiert. Die erschwerten sozioökonomischen Faktoren sind maßgeblich für den körperlichen und psychischen Gesundheitszustand und die Lebensqualität von trans Menschen, weshalb es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss, ihre Interessen besser zu schützen – auch in einem wohlhabenden Land wie Deutschland.

Umfassende Teilhabe

Es gibt viele Länder auf dieser Welt, in denen die Gesundheitsversorgung schlechter ist als in Deutschland, daran besteht kein Zweifel. Gemessen am Wohlstand und der Wirtschaftskraft ist die Situation allerdings verheerend. Der Pflegenotstand wird immer größer, es fehlt an Ausbildungsplätzen, an Fachkräften und an Ressourcen – die Folgen der Privatisierungs- und Kürzungspolitik sind überall spürbar. Alle paar Monate, wenn eine Pflegekraft in eine Talkshow eingeladen wird, um über die Missstände berichten zu dürfen, oder eine neue Studie veröffentlicht wird (aktuell sind 17.000 Stellen für Ärzte und Pflegekräfte nicht besetzt), kommt es zu kurzer Empörung – abgesehen davon erfährt das Thema allermeist Ignoranz.

Eine grundsätzliche Debatte darüber, wie Partizipation, Teilhabe, Vorsorge, Gerechtigkeit in einem umfassenden Sinn gestaltet sein sollen, ist also überfällig. Wir, die Redaktion von was wäre wenn, versuchen, einen Teil beizutragen mit einer Frage, die sich auf verschiedene Weise deuten lässt: Was wäre, wenn die Gesundheitsversorgung frei wäre?

Frei soll in diesem Zusammenhang bedeuten, dass Geld kein entscheidender Faktor beim Zugang zur medizinischen Behandlungen spielen sollte. Frei meint aber auch, dass es Zeit ist, alte Normen und Dogmen zu überdenken. Wer darf sich krank nennen? Wer wird als krank stigmatisiert? Wer bestimmt überhaupt, was Gesundheit bedeutet? Und wie können wir den Begriff der Gesundheit vom Konzept der Krankheit lösen, um auch den gravierenden Einfluss sozialer und politischer Faktoren auf die individuelle Gesundheitsversorgung einzubeziehen?

Ein post-kapitalistisches Ideal

Diese Fragen nach Exklusion und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen standen im Mittelpunkt eines Gespräches, das www-Redakteurin Asal Dardan mit drei Menschen geführt hat, die auf unterschiedliche Weise auf das Thema blicken: der trans Aktivist Max Appenroth, die feministische Journalistin Nicole Schöndorfer und die Kulturwissenschaftlerin und Rollstuhlfahrerin Gesa C. Teichert.

Gerade weil Krankheit oft zu einem individuellen Problem – oder sogar zu einem individuellen Versagen – reduziert wird und zu selten mit Armut, Rassismus oder anderen Diskriminierungsformen verbunden wird, möchten wir uns den strukturellen Missständen des aktuellen Systems widmen. Es stellt sich die sehr fundamentale Frage: Wie sinnvoll ist es in einer Wohlstandsgesellschaft, wenn das individuelle Schicksal, Leben, wenn die Grundlage der Existenz unter ökonomischen Prämissen bemessen wird und je nach Verdienst zugeteilt wird? Ist Gesundheit also ein Gut, das auf dem Markt gehandelt werden sollte? Das nach Angebot und Nachfrage verteilt wird? Oder ist Gesundheit etwas mehr in Richtung eines allgemeinen Menschenrechts, und alternative Ordnungsvorstellungen von medizinischer Versorgung als das derzeitige System von Ärzt*innen, Krankenhäusern, Krankenkassen und Pharmaindustrie ist nicht nur denkbar, sondern erstrebenswert?

Diese Gedanken verbinden sich mit anderen, die wir in unserem Magazin bereits diskutiert haben, mit der Idee eines kostenlosen Personenverkehrs beispielsweise, oder mit dem Plan eines bedingungslosen Grundeinkommens in einer Welt, in der die Arbeit immer mehr von Robotern übernommen werden wird und sich die Frage nach der Natur des Verhältnisses von Kapital und Arbeit anders stellt: Arbeit löst sich vom Kapital, idealerweise, und wird etwas, das zur Selbstverwirklichung freigegeben ist, ein marxistisches Ideal.

Medizinische Forschung auf den Bedarf ausrichten

Eine freie Gesundheitsversorgung ist damit ein post-kapitalistisches Ideal, eine Vorstellung also einer Gesellschaft, die nicht primäre oder ausschließlich nach Marktprinzipien organisiert ist, sondern die Fragen des guten Lebens anders verhandelt, anders löst als durch Geld. Wie dieses Gesundheitssystem der Zukunft aussehen könnte, beschreibt die Ärztin Kirsten Schubert in ihrem Beitrag für was wäre wenn. Schubert hat nicht nur als Ärztin Erfahrung, sondern auch als Organisatorin. Sie ist Mitgründerin des Gesundheitskollektivs Berlin, eine Gruppe von rund 20 Menschen, die im Berliner Bezirk Neukölln derzeit ein multiprofessionelles, barrierearmes und patient*innenorientiertes Sozial- und Gesundheitszentrum aufbauen.

Einen anderen Blick auf das Gesundheitswesen hat Paul Schnase, der in Münster Politikwissenschaft studiert und Teil der Universities Allied for Essential Medicines (UAEM) ist, einer 2001 gegründeten Initiative von Student*innen, die sich für einen faireren Zugang zu medizinischer Versorgung, insbesondere zu Medikamenten, einsetzt. Schnase erklärt in seinem Text, warum Forschung nicht auf Profit, sondern Bedarf ausgerichtet werden sollte.

In Deutschland ist die Gesundheitsfrage auch deshalb eine besondere Herausforderung, weil der Anteil älterer Menschen immer weiter wächst. Es wird mehr Pflegepersonal gebraucht, bessere Einrichtungen, eine modernere Infrastruktur, und all das passiert wohl nur, wenn die Pflegeberufe insgesamt eine Aufwertung bekommen, wenn sie politisch als das betrachtet werden, was sie sind: lebensentscheidend.

Gesunder Umgang mit Daten

Eine Folge des demographischen Wandels ist es, dass immer mehr jüngere Menschen in die Situation kommen, für ihre Eltern und Verwandten sorgen zu müssen. Während die Politik hier gefordert ist, Institutionen zu schaffen, die die persönlichen Zwänge abmildern, stellt sich auch eine moralische Frage für die Betroffenen: Haben Kinder für ihre kranken, alten Eltern Verantwortung? Und wenn ja, wo endet diese Verantwortung? Unser Autor Georg Diez hat sich dazu in einem Essay Gedanken gemacht.

Sprechen wir über die Zukunft der Gesundheitspolitik, stellen sich noch ganz andere Fragen, zum Beispiel die nach Privatsphäre und Überwachung. Werden unsere Krankenkassenbeiträge in Zukunft von unseren Fitnesswerten abhängig sein? Wer sollte über unsere Gesundheitsdaten verfügen dürfen? Und wofür werden sie schon jetzt benutzt und missbraucht? Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski, die das aktuelle Buch "Die Gesellschaft der Wearables" zu diesem Thema geschrieben haben, analysieren in ihrem Beitrag für was wäre wenn, wie nah Selbstoptimierung und Fremdbestimmung sein können und wie wichtig Datensouveränität ist.

Krankheit bedeutet meist Abhängigkeit, von anderen Menschen und von einem System, das immer wieder dazu neigt, den Einzelnen aus dem Blick zu verlieren und das gleichzeitig soziopolitische Hintergründe von Krankheiten oft ignoriert. Wir möchten darauf schauen, wie ein gutes, souveränes und würdevolles Leben für so viele Menschen wie möglich zur Realität werden kann – ohne von Fragen des Geldes, des Standorts und der Macht eingeschränkt zu werden.