Editorial

Was wäre, wenn Bil­dung nie aufhörte?

Wenn Bil­dung lei­det, lei­det auch die Demo­kra­tie. Des­halb braucht es ein ganz­heit­li­ches und fle­xi­bles Ange­bot, das über star­re und limi­tier­te Ein­rich­tun­gen hinausgeht.

"Die Schule von Athen", auf den Kopf gestellt. Das Fresko des Renaissance-Malers Raffael zeigt berühmte Philosophen der Antike wie zum Beispiel Sokrates und Pythagoras

Wir ler­nen fürs Leben – oder zumin­dest bil­den wir uns und wer­den aus­ge­bil­det, um auf das Berufs­le­ben vor­be­rei­tet zu sein. Mit dem erwor­be­nen Wis­sen und den erlern­ten Fer­tig­kei­ten hof­fen wir, einen Platz in der Gesell­schaft zu fin­den, der uns ent­spricht. Gelingt Bil­dung, erlan­gen wir außer­dem ein reflek­tier­tes und kri­ti­sches Ver­hält­nis zu uns selbst und unse­rer Umwelt. Wir ler­nen, die Welt in ihren klei­nen und gro­ßen Zusam­men­hän­gen zu erfassen. 

Bil­dung ist also zen­tral für die Demo­kra­tie. Sie ist nicht nur ent­schei­dend für den indi­vi­du­el­len Erfolg, für die Posi­ti­on und Stel­lung des Ein­zel­nen in der Gesell­schaft, sie ist auch Vor­aus­set­zung dafür, dass wir uns als Bürger*innen ver­ste­hen und an dem durch­aus kom­pli­zier­ten Pro­zess kol­lek­ti­ver Wil­lens­bil­dung teil­ha­ben können. 

Da Gesell­schaf­ten sich stets im Wan­del befin­den, soll­te sich auch die Art und Wei­se, wie wir Wis­sen ver­mit­teln und Bil­dung ver­ste­hen wan­deln. In unse­rer neu­en Debat­te wid­men wir uns des­halb dem viel­schich­ti­gen Begriff Bil­dung und fra­gen, ob unse­re gegen­wär­ti­ge gesell­schaft­li­che Pra­xis ihm tat­säch­lich gerecht wird. 

Die Bedin­gun­gen des Wis­sens herausfordern 

Die bestehen­den Her­aus­for­de­run­gen wer­den durch die Wis­sens­ex­plo­si­on, die das Inter­net und die Digi­ta­li­sie­rung mit sich brin­gen, nur noch beschleu­nigt und ver­schärft. Das Inter­net ver­än­dert nicht alles, aber vie­les. Es ver­än­dert die Sicht auf das Selbst, das sich digi­tal anders formt; es ver­än­dert, wie Wis­sen und Infor­ma­tio­nen erzeugt wer­den, es ermög­licht damit eine Befrei­ung, falls alte Auto­ri­tä­ten und Kon­trol­leu­re des Wis­sens ent­mach­tet wer­den, es ermög­licht aber auch Unter­drü­ckung, wenn die­se Auto­ri­tä­ten die Macht des Digi­ta­len zu eige­nen Zwe­cken nut­zen.

Demo­kra­tie lei­det, wenn Bil­dung lei­det. Sie beruht auf einem frei­en Fluss von Infor­ma­tio­nen, die ver­stan­den und ein­ge­ord­net wer­den müs­sen. Dafür ist Ver­än­de­rung wich­tig, denn Bil­dung muss leben­dig blei­ben. Oder wie es der bra­si­lia­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph Rober­to Man­ga­bei­ra Unger in sei­nem Essay The Know­ledge Eco­no­my”, den wir hier in einem Aus­schnitt vor­stel­len, sagt: Bil­dung gelingt nur dann, wenn sie gleich­zei­tig Wis­sen auf­baut und die Bedin­gun­gen die­ses Wis­sens und der Wis­sens­pra­xis her­aus­for­dert und verändert. 

Gan­ze 273 Mal taucht der Begriff Bil­dung” im Koali­ti­ons­ver­trag von Uni­on und SPD auf. Es gilt, tech­no­lo­gi­sche, wis­sen­schaft­li­che und sozia­le Inno­va­tio­nen zu för­dern, gerech­te Bil­dungs­chan­cen für alle zu gewähr­leis­ten und ein hohes Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau zu sichern”, heißt es dar­in etwa. Ähn­li­che Sät­ze fin­den sich auch im Koali­ti­ons­ver­trag von 2013 und in dem davor und in dem davor und in dem davor – was nicht bedeu­tet, dass in all den Jah­ren kei­ne inter­es­san­ten Reform­ver­su­che und loka­len Expe­ri­men­te statt­fan­den, son­dern viel­mehr, dass inno­va­ti­ve und gerech­te Bil­dung ein wie­der­keh­ren­des und gern gehör­tes Ver­spre­chen ist. Doch war­um scheint es so schwer zu sein, die­ses Ver­spre­chen einzulösen?

Genera­tio­nen von nütz­li­chen Maschinen?

Das gegen­wär­ti­ge Bil­dungs­sys­tem funk­tio­niert wun­der­bar im Sin­ne einer markt­ge­rech­ten Ver­wer­tung. Es setzt von vorn­her­ein auf Aus­schluss und Hier­ar­chi­en und lenkt Men­schen nach einer begrenz­ten Zeit und in jun­gen Jah­ren in die star­ren Bah­nen eines Wett­be­werbs. Damit wirkt es den demo­kra­ti­schen Zie­len von Bil­dung zuwei­len ent­ge­gen, wie die Phi­lo­so­phin Mar­tha C. Nuss­baum 2012 in ihrem Essay Nicht für den Pro­fit! War­um Demo­kra­tie Bil­dung braucht” kon­sta­tier­te: Getrie­ben vom Gewinn­stre­ben der eige­nen Volks­wirt­schaft ver­nach­läs­si­gen Gesell­schaf­ten und ihre Bil­dungs­sys­te­me genau die Fähig­kei­ten, die benö­tigt wer­den, um Demo­kra­ti­en leben­dig zu hal­ten. Wenn sich die­ser Trend fort­setzt, wer­den die Natio­nen über­all auf der Welt bald Genera­tio­nen von nütz­li­chen Maschi­nen pro­du­zie­ren statt all­seits ent­wi­ckel­ter Bürger*innen, die selb­stän­dig den­ken, Kri­tik an Tra­di­tio­nen üben und den Stel­len­wert der Lei­den und Leis­tun­gen ande­rer Men­schen begrei­fen können.” 

In einer Demo­kra­tie soll­te Bil­dung ein lebens­lan­ger Pro­zess sein, nicht aus Kar­rie­re­grün­den, son­dern aus Grün­den des geis­ti­gen Reich­tums, der Mög­lich­keit, sich selbst zu sehen, allein und in der Gesell­schaft, als Indi­vi­du­um und als Teil, selbst­be­wusst und selbst­kri­tisch zugleich. Die Demo­kra­tie von heu­te wie von mor­gen braucht infor­mier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die sich wan­deln­de Zusam­men­hän­ge erken­nen und ver­ste­hen. Und die Lebens- und Arbeits­welt von mor­gen braucht Men­schen, die ler­nen und ver­ler­nen, die grund­sätz­li­che Fähig­kei­ten haben, die weni­ger mit kon­kre­ten Skills und mehr mit all­ge­mein mensch­li­chen Tugen­den zu tun haben wie Empa­thie, Neu­gier, Geduld, Zuwen­dung, Krea­ti­vi­tät, Kri­tik­fä­hig­keit. Der Mensch von mor­gen braucht die Mög­lich­keit, sich sei­ner eige­nen Frei­hei­ten zu ver­si­chern, und das wird nur gelin­gen, wenn er oder sie sich vom Gedan­ken löst, dass Bil­dung jemals abge­schlos­sen und auf Wis­sen zu redu­zie­ren ist. Was wäre also, wenn Bil­dung nie­mals aufhörte?

Die Gren­zen des Kanons

Unse­re Redak­ti­on hat Men­schen unter­schied­li­chen Alters zum The­ma Ler­nen befragt: Was ler­nen sie, das sie wich­tig fin­den? War­um ler­nen sie Din­ge, die sie nicht für einen Beruf benö­ti­gen? Was hät­ten sie gern frü­her im Leben gelernt? Bei aller Viel­falt ist es doch bemer­kens­wert, wie oft die Ant­wor­ten den man­geln­den Bezug von Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen zur geleb­ten Rea­li­tät auf­grei­fen. So schreibt die Leh­re­rin Arua Elabd, dass Schu­le ihrer Mei­nung nach nur bedingt auf das Leben vor­be­rei­tet: Natür­lich freue ich mich, wenn ich einen feh­ler­frei­en Auf­satz bekom­me, doch wie gehe ich damit um, wenn das Kind nichts hin­ter­fragt und alles so hin­nimmt, wie es ist?”

Aber gibt es Din­ge, die ein­fach alle Ler­nen­den ken­nen soll­ten? Wenn ja, wer wählt die­se Inhal­te aus, wer ent­schei­det dar­über, was wich­tig und was unwich­tig ist? Um das zu erör­tern, haben wir ein Gespräch mit der Kura­to­rin Mah­ret Ifeo­ma Kup­ka, der Schrift­stel­le­rin und Skan­di­na­vis­tin Berit Glanz und der Schrift­stel­le­rin und Leh­re­rin Nadire Y. Bis­kin geführt. Sie sind alle drei auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se am Bil­dungs­pro­zess betei­ligt und wis­sen um die Funk­tio­nen und Limi­ta­tio­nen des Kanons. Wir haben sie gefragt, wozu kano­ni­sche Tex­te die­nen und wel­che Gren­zen und Mög­lich­kei­ten der Aktua­li­sie­rung des Kanons es gibt. 

Mit der Öff­nung des Kanons soll­ten wir auch unse­re Vor­stel­lun­gen einer ledig­lich auf star­re insti­tu­tio­nel­le Struk­tu­ren beru­hen­den Bil­dung auf­lo­ckern. Der Leh­rer Dejan Miha­jl­o­vic wirbt in sei­nem Bei­trag für ein urba­nes Ler­nen, das die vor­han­de­nen Räu­me und Kom­pe­ten­zen des Umfelds als Res­sour­cen ent­deckt und klug mit­ein­an­der ver­knüpft und dabei krea­tiv der eige­nen Neu­gier folgt. 

Und nicht nur die räum­li­che, son­dern auch die zeit­li­che Begren­zung müs­sen wir in den Blick neh­men. Wie sinn­voll ist es von jun­gen Men­schen zu erwar­ten, dass sie sich für den Rest ihres Lebens fest­le­gen? In sei­nem Bei­trag wirbt Georg Diez für das Kon­zept der Gra­du­ier­ten­schu­len, das wir uns von den angel­säch­si­schen Län­dern abschau­en soll­ten, weil es Men­schen ermög­licht, sich neu zu defi­nie­ren und ande­re Wege einzuschlagen.

Da lebens­lan­ges Ler­nen nicht nur Selbst­ver­wirk­li­chung bedeu­tet, rich­ten wir im Inter­view mit der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­le­rin Juli­ka Bür­gin außer­dem den Blick auf die poli­ti­sche Bil­dung und fra­gen, inwie­fern sie uns eman­zi­pa­ti­ve Bli­cke eröff­nen, auto­ri­tä­re Abwe­ge hin­ge­gen ver­schlie­ßen kann.

Zeit­ge­mä­ße For­men des Unterrichts

Im Pod­cast wid­men wir uns dem Ler­nen und Unter­rich­ten in der Schu­le. Unse­re Mode­ra­to­rin Sara Stei­nert unter­hält sich zunächst mit dem Ber­li­ner Leh­rer Phil­ip Elsen über zeit­ge­mä­ße For­men und Inhal­te des Unter­richts und bespricht anschlie­ßend mit der Bil­dungs­ex­per­tin und Grü­nen-Poli­ti­ke­rin Mari­na Weis­band das Demo­kra­tie­pro­jekt aula, in dem Schü­ler anhand digi­ta­ler Abstim­mungs­tools zur akti­ven Mit­be­stim­mung ermäch­tigt und damit in demo­kra­ti­sche Pra­xis geschult wer­den können. 

All dies zeigt, dass Bil­dung kein Pri­vi­leg sein darf. Wenn wir sie also nicht nur als geis­ti­ges Kapi­tal ver­ste­hen, son­dern als ganz­heit­li­chen und lebens­lan­gen Pro­zess, bei dem wir in allen Pha­sen unse­res Lebens mit­ein­an­der und von­ein­an­der ler­nen, fin­den wir viel­leicht sogar neue Wege des gesell­schaft­li­chen Zusammenhalts.