Was wÀre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wÀre?

Von der Freiheit, Hausfrau zu sein

Dem Kampf ihrer MĂŒtter zum Trotz ziehen viele junge Frauen das Familienleben der Karriere vor. Ist das der Gewinn einer neuen Wahlfreiheit oder Ausdruck hartnĂ€ckiger Ungleichheiten?

Foto: Benjamin Manley

„Es gibt wenige Aufgaben, die der Sisyphus-Qual verwandter sind als die Hausfrauenarbeit.“ Das schrieb Simone de Beauvoir in ihrem feministischen Werk „Das andere Geschlecht“ im Jahr 1949. FĂŒr die Philosophin, die dafĂŒr den Vergleich mit einer der unfreiesten Figuren der griechischen Mythologie bemĂŒhte, hatte die Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Sondern mit Gefangenschaft. Über die Ehe schrieb de Beauvoir, diese sei das Schicksal, das die Gesellschaft fĂŒr die Frau bereithalte.

Mutter und Hausfrau zu sein als unentrinnbares Schicksal? Wer heute der Generation der Dreißig- bis VierzigjĂ€hrigen angehört und sich im Freundeskreis umsieht, kann mitunter feststellen, dass viele Frauen mit der Geburt des ersten Kindes ihre PrioritĂ€ten neu setzen: Weg vom Beruf hin zur Familie. FĂŒr das PhĂ€nomen, dass ein Paar spĂ€testens nach der Geburt des ersten Kindes „traditionelle“ Rollen einnimmt, gibt es einen Namen: „Retraditionalisierung“. Der Mann geht arbeiten, die Frau kĂŒmmert sich um Haushalt und Kinder.

Gilda Sahebi ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Frauenrechte, Antisemitismus und Rassismus, Naher Osten. Zuvor als Ärztin und Politikwissenschaftlerin ausgebildet, schrieb sie unter anderem als Autorin beim „Neo Magazin Royale“, aktuell bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen.

Akademisch, liberal, grĂŒn

Gegen dieses Lebensmodell haben die Feministinnen der sechziger und siebziger Jahre gekĂ€mpft – sie wollten sich nicht mit der Rolle als Hausfrau und Mutter begnĂŒgen und sich endlich aus diesen Restriktionen und Konventionen befreien. Entfernen sich nun die Töchter jener Generation von den KĂ€mpfen ihrer MĂŒtter? Und was bedeutet das fĂŒr den Feminismus: Backlash oder neue SouverĂ€nitĂ€t?

Wenn Frauen nicht freiwillig fĂŒr Kinder und Haushalt zu Hause bleiben, sondern durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen UmstĂ€nde – insbesondere die nicht realisierte, vielzitierte Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die große LohnlĂŒcke zwischen Mann und Frau – keine andere Wahl haben, kann nicht von einer souverĂ€nen Entscheidung gesprochen werden. FĂŒr viele Frauen trifft das fraglos zu. Aber sind unter den Frauen, die zugunsten der Kindererziehung beruflich zurĂŒckstecken, nicht auch solche, die ihre PrioritĂ€ten bewusst – und selbstbewusst – neu setzen?

TatsĂ€chlich lĂ€sst sich nĂ€mlich beobachten: Viele junge Frauen sind gut, meist akademisch ausgebildet, bezeichnen sich als liberal, grĂŒn, Feministinnen. Sie wĂŒnschen sich Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, sind fĂŒr die Frauenquote und wĂŒnschen sich Frauen in FĂŒhrungspositionen. Sie haben studiert, waren im Ausland, haben Praktika gemacht, in hohen Positionen gearbeitet, haben ehrgeizige PlĂ€ne fĂŒr die Karriere – und entscheiden sich mit dem ersten Kind bewusst, beruflich zurĂŒckzustecken. Was steckt dahinter?

Der neue RĂŒckzug ins Privatleben

Junge Frauen entdecken mit der Geburt eines Kindes nicht urplötzlich, dass sie tief im Inneren eigentlich schon immer konservativ und „traditionell“ waren. Im Gegenteil, in den meisten Beziehungen waren vor Geburt des ersten Kindes die Aufgaben im Haushalt egalitĂ€r verteilt; beide Seiten legten großen Wert auf ein gleichberechtigtes VerhĂ€ltnis. Was sich aber Ă€ndert, wenn Kinder auf die Welt kommen: Ein echter RĂŒckzugsort entsteht. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat 2016 fĂŒr eine reprĂ€sentative Studie („Was junge Frauen wollen“) Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren nach ihren Einstellungen zu Beruf, Familie und Gleichberechtigung gefragt. Dieser Studie zufolge wĂŒnschen sich nicht nur Frauen aus dem „konservativen“ Milieu „Ruhe und RĂŒckzug in eine harmonische, stabile moderne ‚heile Welt‘“, die Familie.

Zu den „Konservativen“ zĂ€hlt die Studie Frauen, fĂŒr die die „in ihrer Familie gepflegten und fĂŒr Deutschland charakteristischen deutschen Werte und Tugenden“ besonders wichtig sind. In diesem Milieu ist eine Favorisierung des „traditionellen“ RollenverhĂ€ltnisses also nicht ĂŒberraschend. Nur: Auch Frauen der sogenannten „bĂŒrgerlichen Mitte“ – in der Studie unter anderem definiert als „leistungsbereiter Mainstream“ und „ökonomisch wohl situiert“, nach eigener Beschreibung „modern“ und emanzipiert“ – empfinden die Familie als Ort der Regeneration und als Schutzraum vor den „Zumutungen draußen“. Als einen Ort, der ihnen laut Studie zu erhalten wichtiger ist als die einmal geschmiedete KarriereplĂ€nen zu verfolgen; der es wert ist, berufliche WĂŒnsche aufzugeben oder zu verschieben. Dasselbe gilt fĂŒr Frauen aus einem Milieu, das in der Studie als „Performer“ bezeichnet wird – mit dem Selbstbild als „ökonomischer und kultureller Elite“ – auch sie geben als primĂ€res Motiv fĂŒr ihre Lebensentscheidungen an, Zeit fĂŒr die eigenen Kinder haben zu wollen; dafĂŒr geben sie ihre Karriereambitionen auf oder stellen sie zurĂŒck.

Dabei ist der RĂŒckzug in das Familienleben heute nicht mehr gleichbedeutend mit Isolation; eine Frau, die zu Hause bleibt, muss sich nicht zwangslĂ€ufig von der Welt abgeschnitten fĂŒhlen. Manche Frauen machen ein Fernstudium, andere schreiben ihre Dissertation oder lernen Sprachen, wĂ€hrend sie mit dem Kind zu Hause sind. Sie vernetzen sich mit anderen MĂŒttern, schreiben Blogs ĂŒber das Muttersein oder BĂŒcher ĂŒber Erziehung. FĂŒr sie ist die Erziehung des eigenen Kindes zudem wie eine Investition, aber nicht fĂŒr ihre Altersvorsorge Ă  la Sparkassenwerbung, sondern fĂŒr die Gesellschaft als ganzer. Sie machen sich Gedanken darĂŒber, was fĂŒr Windeln sie kaufen, ĂŒber ErnĂ€hrung und ökologischen Anbau und ĂŒber den Wert alternativer Medizin und Naturheilkunde. Sie ĂŒberlegen, welche frĂŒhkindliche Bildung sie ihren Kindern mitgeben, welche Werte und welches Können, sie denken ĂŒber gendergerechte Erziehung nach. Partnerin, Mutter, Tochter, Wissenschaftlerin, Aktivistin, Feministin – Frauen, die heute zwischen 30 und 40 sind, stehen mehr denn je fĂŒr die Vervielschichtigung des Lebens, fĂŒr die ParallelitĂ€t von Rollen und Aufgaben.

So gibt es, wie in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergrĂŒndet, viele Frauen, fĂŒr die eine Vollzeitarbeit nicht in Betracht kommt, solange das Kind noch klein ist; die, laut Studie, mindestens die ersten drei Lebensjahre des Kindes in erster Linie der Familie widmen wollen; die die Hauptverantwortung fĂŒr den Zusammenhalt der Familie bei sich selbst sehen; die kritisch gegenĂŒber der Forderung sind, MĂŒtter mĂŒssten so schnell wie möglich wieder in die Arbeitswelt zurĂŒckkehren; die damit einverstanden sind, wenn nur der Partner Vollzeit arbeitet und fĂŒr die finanzielle Sicherheit der Familie sorgt.

Eine selbstbewusste Entscheidung?

Die WĂŒnsche und Vorstellungen dieser Frauen klingen wie das Gegenteil klassisch feministischer LebensentwĂŒrfe. „Den“ Feminismus gab es jedoch nie; und dennoch kursiert weiterhin das ĂŒberholte Klischee des Alice-Schwarzer-Feminismus. Definiert man Feminismus aber als gesellschaftliches Konzept, das auf Wahlfreiheit beruht, entspricht auch die Entscheidung dieser Frauen in erster Linie Hausfrau und Mutter zu sein, dem feministischen Denkmuster. Denn es gibt, wie dargelegt, Frauen, die ihre PrioritĂ€ten bewusst neu setzen. Familie hat Vorrang. Das ist, erst einmal, eine souverĂ€ne Entscheidung – und, das muss besonders betont werden, auch ein Privileg, gar ein Luxus: Denn zum einen können sich viele Familien (von alleinerziehenden MĂŒttern ganz zu schweigen) nicht leisten, auf ein Gehalt teilweise oder sogar ganz zu verzichten. Außerdem: Es gibt auch VĂ€ter, die sich wĂŒnschen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen – aber so weit ist die Gesellschaft noch lange nicht. Ein Vater, der mehr als zwei Monate Elternzeit nimmt, stĂ¶ĂŸt in der Arbeitswelt im besten Fall auf UnverstĂ€ndnis, im schlechtesten Fall auf Ausgrenzung. Auch das einer der GrĂŒnde, warum noch immer nur jeder zehnte Elternzeitmonat von VĂ€tern genommen wird. Ein anderer Grund ist die erwĂ€hnte LohnlĂŒcke: In 90 Prozent der Beziehungen verdient der Mann mehr als die Frau – und ist der ökonomischen Logik folgend derjenige, der weiterhin Vollzeit arbeitet.

Wenn Frauen allerdings, wie sie es in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung angeben, durch den RĂŒckzug in das Private eine Zuflucht vor den „Zumutungen draußen“ suchen, dann hat das in erster Linie mit der Struktur der Berufswelt und der Gesellschaft zu tun. Denn die Berufswelt ist, und das klingt wie ein Klischee, im Wandel – bis hin zur völligen UnĂŒbersichtlichkeit. Dass es immer weniger Chancen auf unbefristete ArbeitsverhĂ€ltnisse und damit auf so etwas wie Sicherheit gibt, ist keine Neuigkeit. Wir befinden uns im Zeitalter des Verschwindens der Karriere – und das gilt fĂŒr Frauen noch stĂ€rker als fĂŒr MĂ€nner. Denn der Berufsweg der meisten Frauen wird irgendwann durch die Geburt von Kindern zwangslĂ€ufig unterbrochen – im Dickicht der befristeten VertrĂ€ge und unterschiedlichen Arbeitsmöglichkeiten, von selbststĂ€ndig ĂŒber fest-frei bis zur TeilselbstĂ€ndigkeit, ist es schwer, sich nach einer Pause wieder einzufinden oder gar an Vorheriges anzuknĂŒpfen.

Die Studie stellt denn auch die beruflichen Erwartungen der Generation der Frauen der 60er bis in die 90er Jahre den Erwartungen der heutigen Generation gegenĂŒber: Die Ă€ltere Generation war grundsĂ€tzlich „aufstiegsorientiert“, sie empfand die Chancen fĂŒr einen Aufstieg als realistisch und engagierte sich beruflich dementsprechend. Im Gegensatz dazu sei die Aufstiegsorientierung bei jungen Frauen der bĂŒrgerlichen Mitte heute „kaum noch zu spĂŒren“; sie halten sie sogar fĂŒr einen „gesellschaftlichen Mythos“, heißt es in der Studie.

Dieses GefĂŒhl entspricht der deutschen RealitĂ€t. Denn Frauen, die ihren beruflichen Werdegang fĂŒr die Familie unterbrechen, sind in unserem System nicht vorgesehen. Der jĂŒngste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2017 ist deutlich: Je lĂ€nger die Familienpause ist, desto schwieriger ist es fĂŒr Frauen, „qualitĂ€tsadĂ€quat und vollzeitnah“ in den Beruf zurĂŒckzukehren. Dieser Zusammenhang ist laut Bericht „statistisch nachweisbar und beharrlich“. Nach drei Jahren Pause vom Beruf arbeiten in Westdeutschland nur 50 Prozent der MĂŒtter, in Ostdeutschland sind es zwei Drittel. Außerdem arbeiten 70 Prozent der Frauen, die Kinder unter drei Jahren haben, in Teilzeit. Was besonders auffĂ€llt: Von den Frauen, die mindestens drei Jahre pausiert haben, sind 30 bis 40 Prozent fĂŒr die TĂ€tigkeit, die sie ausĂŒben, ĂŒberqualifiziert. Sie mĂŒssen also einen Job annehmen – oft auch gezwungenermaßen nach Trennung oder Scheidung – fĂŒr den sie zu gut ausgebildet sind.

Weder Backlash noch neue SouverÀnitÀt

Nun wird in Politik und Öffentlichkeit viel ĂŒber bessere Betreuungsangebote gesprochen; die muss es geben. Insbesondere fĂŒr Familien oder Alleinerziehende, die auf solche angewiesen sind. Aber die besten Betreuungsangebote helfen jenen MĂŒttern nicht, die ihre Kinder das erste Jahr oder auch die ersten drei Jahre nicht in eine Kita geben wollen, sondern entscheiden, selbst mit dem Kind zu Hause zu bleiben. Was ihnen hilft, ist nur eine vollkommene Umstrukturierung der Arbeitswelt.

Was neben geschlechtergerechter Bezahlung, guten Betreuungsangeboten und flexiblen Arbeitsbedingungen notwendig ist, ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Erziehungszeit. Wenn Frauen ein oder auch mehrere Jahre fĂŒr die Familie zu Hause bleiben (möchten), heißt das nicht, dass sie – provokant ausgedrĂŒckt – nur „Hausmuttchen“ sind, verdummen oder ihre Qualifizierung abnimmt. Im Gegenteil, sie bringen Erfahrungen und Wissen mit, die sie zuvor nicht hatten – und das nicht nur in der OrganisationsfĂ€higkeit. Es muss möglich sein, dass Frauen ihre Qualifikationen und ihr Wissen auch mit 40 oder mehr Jahren bĂŒndeln können und auf dem Arbeitsmarkt als gleichwertig zu jenen erachtet werden, die ihre berufliche Laufbahn nicht unterbrochen haben. Es muss möglich sein, dass es gar nicht erst zur „Rush hour“ des Lebens kommt, dass Beruf und Familie nicht gleichzeitig vereinbar sein mĂŒssen, sondern genauso gut auch nacheinander realisierbar sind – fĂŒr diejenigen, die sich das wĂŒnschen.

Die Retraditionalisierung der Geschlechterrollen ist also weder Backlash fĂŒr den Feminismus noch neue SouverĂ€nitĂ€t. Sie kann Ausdruck von SouverĂ€nitĂ€t sein, wenn frau die Entscheidung fĂŒr die Familie bewusst und frei trifft; sie wird aber dann zum Backlash, wenn die Frau nach ihrer Familienzeit beruflich diskriminiert wird. Hausfrau und Mutter zu sein kann also durchaus einem feministischen Lebensmodell entsprechen; dieses Lebensmodell wird aber dann zum Backlash, wenn die Frau danach wie Sisyphus immer wieder am unteren Ende des Berges beginnen muss.