Editorial

Was wäre, wenn es kei­ne Gefäng­nis­se mehr gäbe?

Gerech­tig­keit, Abschre­ckung und Reso­zia­li­sie­rung. Seit rund 200 Jah­ren hält das Haft­sys­tem sei­ne Ver­spre­chen nur sehr bedingt. Es ist Zeit, Alter­na­ti­ven zu diskutieren.

Blick durch einen Sicherheitszaun an einer Gefängnismauer.
Foto: Hedi Benyounes

Gefäng­nis­se sind kei­ne Nor­ma­li­tät. Gefäng­nis­se müs­sen nicht sein. Gefäng­nis­se sind nur eine Mög­lich­keit, das Recht umzu­set­zen, sozia­le Ord­nung zu erhal­ten, Gerech­tig­keit her­zu­stel­len, und, das ist die The­se die­ses Texts, nicht die bes­te, gerech­tes­te, pro­duk­tivs­te, eman­zi­pa­to­rischs­te und nicht ein­mal die effizienteste.

Dar­um reden wir heu­te, in die­ser Aus­ga­be von was wäre wenn über Gefäng­nis­se. Hier las­sen sich Gesell­schafts­bil­der, Men­schen­bil­der beschrei­ben, wie sie sind – und wie sie anders sein könn­ten. Die­sen Raum zu eröff­nen, die­sen Ima­gi­na­ti­ons­raum, das ist die Idee hin­ter was wäre wenn. Es geht um kon­kre­te Uto­pi­en. Gefäng­nis­se sind ein Bei­spiel, ein kon­kre­tes Bei­spiel für eine Welt, die anders sein könn­te als die, die wir haben, ganz anders und bes­ser, glau­ben wir.

Um das zu ver­ste­hen, muss man den Fokus etwas erwei­tern und sich die his­to­ri­schen und phi­lo­so­phi­schen Vor­aus­set­zun­gen für die heu­ti­ge Gefäng­nis­pra­xis betrachten.

Ein Pro­dukt der Moderne

Stra­fe ist etwas, das die Men­schen beglei­tet, seit frü­hes­ten Zei­ten – aber die spe­zi­el­le Form des Stra­fens hängt von den kon­kre­ten geschicht­li­chen Umstän­den ab. Gefäng­nis­se sind nicht nur Aus­druck von bestimm­ten Gesell­schafts­vor­stel­lun­gen. Sie haben eine sozia­le, poli­ti­sche, öko­no­mi­sche Rea­li­tät mit kon­kre­ten Aus­prä­gun­gen, die von ver­schie­de­nen Fak­to­ren abhän­gen, etwa dem poli­ti­schen Sys­tem, auf der Ska­la von demo­kra­tisch und offen zu auto­ri­tär und geschlos­sen, Kon­zep­ten von Frei­heit und der wirt­schaft­li­chen Funk­ti­on von Strafe.

Es ist, kurz gesagt, nicht selbst­ver­ständ­lich, dass Men­schen ande­re Men­schen ein­sper­ren. Und es war nicht immer so. Im anti­ken Grie­chen­land etwa gab es eine ande­re Sys­te­ma­tik des Stra­fens – Zwangs­ar­beit, Ver­ban­nung, Kör­per- und Todes­stra­fen, der Pran­ger, der Ver­lust der Ehre, all das waren mög­li­che Kon­se­quen­zen für Rechts­bruch oder trans­gres­si­ves Verhalten.

Auch die Römer kann­ten die Frei­heits­stra­fe nicht. Kör­per-, Ehr- und Geld­stra­fen waren genau­so üblich wie noch im Mit­tel­al­ter. Erst im 16. Jahr­hun­dert wur­de das Sys­tem der Frei­heits­stra­fe ein­ge­führt, in Ver­bin­dung letzt­lich mit einem poli­ti­schen Kon­zept von Frei­heit, das uns bis heu­te prägt. Gefäng­nis­se, wie wir sie ken­nen, sind damit ein Pro­dukt der Moder­ne, und las­sen sich nach den Kri­te­ri­en der Moder­ne­kri­tik ana­ly­sie­ren und neu denken.

Gefäng­nis­se und Sklaverei

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault hat in sei­nem Werk Über­wa­chen und Stra­fen“ 1975 die­sen Pro­zess beschrie­ben. Im 16. und 17. Jahr­hun­dert wur­de die moder­ne Kon­zep­ti­on des Indi­vi­du­ums ent­wi­ckelt, im 18. und 19. Jahr­hun­dert, so Fou­caults The­se, wur­den dann die Mecha­nis­men ent­wi­ckelt, um die Kon­trol­le über das Indi­vi­du­um zu garan­tie­ren. Das Gefäng­nis war dabei nur ein Teil eines grö­ße­ren Über­wa­chungs­zu­sam­men­hangs. Auch Fabri­ken, Schu­len und ande­re Insti­tu­tio­nen tru­gen ihren Teil dazu bei, durch die Prak­ti­ken von Ein­schluss und Aus­schluss, Par­zel­lie­rung und Zuwei­sung des jewei­li­gen Plat­zes in einer Gesell­schaft, schließ­lich durch Hier­ar­chi­sie­rung nach Rang und Sta­tus die repres­si­ve Ord­nung zu sichern.

Die Geburt des Gefäng­nis­ses“, so der Unter­ti­tel des Buches, wäre dem­nach eng ver­bun­den mit der Geburt oder dem Ent­ste­hen eines Wirt­schafts- und Gesell­schafts­sys­tems mit Namen Kapi­ta­lis­mus, das sich zur glei­chen Zeit ent­wi­ckel­te und in vie­lem auf die­sen Herr­schafts­me­cha­nis­men auf­baut, wie sie sich in der reins­ten Form im Gefäng­nis­sys­tem zei­gen – am klars­ten wohl in den USA, wo es der Ursprung der eben gar nicht so frei­en Markt­wirt­schaft von der Geschichts­for­schung immer öfter eng mit der Insti­tu­ti­on der Skla­ve­rei ver­bun­den wird; ohne die unbe­zahl­te Arbeits­kraft der Schwar­zen, so die The­se des His­to­ri­kers Joshua Roth­man in sei­nem Buch Flush Times and Fever: A Sto­ry of Capi­ta­lism and Slavery in the Age of Jack­son“, wäre der öko­no­mi­sche Auf­stieg Ame­ri­kas nicht mög­lich gewesen.

Die Fort­set­zung die­ses Sys­tems ist heu­te, so beschreibt es etwa der Jurist und Akti­vist Bryan Ste­ven­son in sei­nem Buch Just Mer­cy“, der Kos­mos der ame­ri­ka­ni­schen Gefäng­nis­se, die über­pro­por­tio­nal von Schwar­zen belegt sind: Der Ras­sen­ter­ror der Lynch­mor­de war in vie­ler Hin­sicht der Vor­läu­fer der moder­nen Todes­stra­fe”, schreibt Ste­ven­son. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ent­schie­den sich auch des­halb für die lega­len’ Hin­rich­tun­gen, um die gewalt­tä­ti­ge Ener­gie der Lynch­jus­tiz zu kana­li­sie­ren und wei­ßen Süd­staat­lern zu signa­li­sie­ren, dass die Schwar­zen am Ende mit ihrem Tod büßen würden.”

USA sind die füh­ren­de Gefängnisnation

Ras­sis­mus bleibt in den USA, wo mehr Men­schen im Gefäng­nis sit­zen als in jedem ande­ren Land der Erde, ein wesent­li­cher Teil des Straf­sys­tems: Die Wahr­schein­lich­keit, dass ein schwar­zer US-ame­ri­ka­ni­scher Mann wenigs­tens ein­mal in sei­nem Leben ins Gefäng­nis muss, ist etwa fünf­mal so hoch wie die für einen wei­ßen US-Ame­ri­ka­ner. Jeder 15. US-Bür­ger, der nach 2001 gebo­ren wur­de, wird für eine Wei­le ein­ge­sperrt, so Schät­zun­gen, für schwar­ze Bür­ger ist das Ver­hält­nis eins zu drei. Noch­mal kla­rer: Jeder drit­te schwar­ze US-ame­ri­ka­ni­sche Jun­ge wird im Gefäng­nis landen.

Georg Diez ist Jour­na­list und Buch­au­tor. Er schrieb die Kolum­ne Der Kri­ti­ker“ auf Spie­gel Online, war Nie­man Fel­low in Har­vard und ist Mit­grün­der des expe­ri­men­tel­len Wis­sens-Insti­tuts School of Dis­obe­dience. Zuletzt erschien von ihm Das ande­re Land. Wie unse­re Demo­kra­tie beschä­digt wur­de und was wir tun kön­nen, um sie zu reparieren.“ 

Es ist eine regel­rech­te Gefäng­nis­in­dus­trie, die sich in den USA gebil­det hat, wo vie­le Stra­f­in­sti­tu­tio­nen pri­vat betrie­ben wer­den, wes­halb es auch ein öko­no­mi­sches Inter­es­se am Stra­fen gibt. Zwi­schen 1920 und 2016 explo­dier­te die Zahl der Gefäng­nis­in­sas­sen und -insas­sin­nen von rund 100.000 auf rund 2,1 Mil­lio­nen, wobei der wirk­li­che Anstieg erst 1980 begann, gekop­pelt also an die här­te­re Straf­po­li­tik der Regie­rung Rea­gan, ihren War on Drugs“ und die gesell­schaft­li­che Ver­schär­fung der Ver­hält­nis­se gene­rell, wach­sen­de Armut und Ungleich­heit, mehr Här­te und Ego­is­mus in der Gesell­schaft – das Gefäng­nis ist Aus­druck die­ser Umstände.

Im welt­wei­ten Ver­gleich sind die Zah­len noch deut­li­cher: Laut der World Pri­son Popu­la­ti­on List waren 2016 fast elf Mil­lio­nen Men­schen in Gefäng­nis­sen ein­ge­sperrt, was bedeu­tet, dass der Anteil der US-ame­ri­ka­ni­schen Häft­lin­ge bei rund 20 Pro­zent liegt, wäh­rend der Anteil der US-Bür­ger an der Welt­be­völ­ke­rung nur bei 4,4 Pro­zent liegt. 655 von 100.000 US-Ame­ri­ka­ner sit­zen im Gefäng­nis, aber es ist nicht allein die Zahl, die hier bemer­kens­wert ist, es ist, so schreibt es die New York Times, vor allem die Län­ge der Gefäng­nis­stra­fen. Und Adam Gopnik bemerkt im New Yor­ker, dass mehr US-Ame­ri­ka­ner über­wacht und bestraft wer­den als im Archi­pel Gulag der Sowjet­uni­on unter Stalin.

Russ­land ist dabei auch heu­te kein beson­ders gutes Bei­spiel für ein frei­heit­li­ches Land, was die Gefäng­nis­po­li­tik betrifft. Etwa 402 von 100.000 Bür­gern ver­bü­ßen Frei­heits­stra­fen, wobei sich die schlim­men Bedin­gun­gen der Haft – Über­be­le­gung der Zel­len etwa, was zu einer regel­rech­ten Tuber­ku­lo­se-Epi­de­mie führ­te – in den ver­gan­ge­nen Jah­ren etwas gebes­sert haben. In Chi­na, wo etwa 118 von 100.000 Bür­gern im Gefäng­nis sit­zen, war bis in die 1980er Jah­re hin­ein Zwangs­ar­beit die vor­herr­schen­de Form von Stra­fe und die sozia­le Ein­glie­de­rung des Häft­lings das Ziel, auch um die Kos­ten für die Gesell­schaft nied­rig zu hal­ten. Seit 2008 nimmt die Zahl der Gefäng­nis­in­sas­sen in Chi­na kon­ti­nu­ier­lich ab, wobei Todes­stra­fen ohne fai­ren Pro­zess, Fol­ter und erzwun­ge­ne Geständ­nis­se Teil der täg­li­chen Ver­let­zung der Men­schen­rech­te dort sind.

Was bei all dem deut­lich wird: Das Gefäng­nis erfüllt in einer Gesell­schaft mehr als nur den offen­sicht­li­chen Zweck der Straf­ver­fol­gung. Es geht um Macht. Und wenn man die­se Macht­ver­hält­nis­se ändern will, dann ist das Gefäng­nis­sys­tem ein guter Ort, um damit zu beginnen.

Die Stra­fe im 21. Jahrhundert

Die Über­wa­chung und Bestra­fung des Indi­vi­du­ums steht am Beginn des Gefäng­nis­ses in der Moder­ne, im indus­tri­el­len Zeit­al­ter. In der Welt des 21. Jahr­hun­derts, im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung, ändert sich nicht nur der Begriff von Sub­jekt und Indi­vi­du­um, es ändern sich auch die Vor­stel­lun­gen davon, wie eine Gesell­schaft funk­tio­nie­ren und beschaf­fen sein soll­te, die gerech­ter und bes­ser ist. Das hat mehr Kon­se­quen­zen als die Dis­kus­si­on dar­über, ob Stra­fe Abschre­ckung, Rache oder Reso­zia­li­sie­rung in den Mit­tel­punkt stel­len soll­te, wie es die klas­si­sche Rechts­phi­lo­so­phie tut. Die­se Dis­kus­si­on ist wich­tig, und gera­de der Aspekt der Reso­zia­li­sie­rung ist auch in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jah­ren etwas aus der Debat­te verschwunden.

Wie also müss­te Stra­fe im 21. Jahr­hun­dert aus­se­hen? Was ist das uto­pi­sche Poten­ti­al einer Gesell­schaft ohne Stra­fen? Was ist der Preis von Gefäng­nis­sen – über­tra­gen für die Men­schen, sehr kon­kret für die Wirt­schaft? Was wäre ein poli­ti­sches Sys­tem, das ande­re Vor­stel­lun­gen von Ein­schluss und Aus­schluss hat, von Über­wa­chung, Frei­heit und Kontrolle?

All das sind Fra­gen, die wir dis­ku­tie­ren und reflek­tie­ren. Die Phi­lo­so­phie-Pro­fes­so­rin und Akti­vis­tin Azzur­ra Cris­pi­no beschreibt am Bei­spiel der USA, war­um eine Welt ohne Gefäng­nis­se eine bes­se­re wäre und geht dabei auf zwei Kon­zep­tio­nen von Gerech­tig­keit ein, res­to­ra­ti­ve jus­ti­ce“ und trans­for­ma­ti­ve jus­ti­ce“. Der lang­jäh­ri­ge Gefäng­nis­lei­ter Tho­mas Gal­li schil­dert im Inter­view, wie er aus eige­nem Erle­ben her­aus ver­stand, wie dys­funk­tio­nal der gegen­wär­ti­ge Straf­voll­zug ist und wie ein Aus­gleich der Schuld aus­se­hen könn­te. Die Grup­pe KNAS[ ] zeigt, wie Gefäng­nis­se vor allem Armut bestra­fen und repro­du­zie­ren, und dass eine sozia­le­re Gesell­schaft dies nicht bräuch­te. Die Anwäl­tin Chris­ti­na Clemm erklärt, wie ver­en­gend ihrer Mei­nung nach das Ver­ständ­nis von Schuld und Ver­ge­bung im Gefäng­nis­sys­tem ist und Ver­bre­chens­op­fer oft auch ande­re Straf­op­tio­nen befür­wor­ten wür­den. Der ver­ur­teil­te Mör­der Pedro Holz­hey schil­dert aus sei­ner Sicht, wie wenig das Gefäng­nis ein Ort der Ein­sicht und Mensch­lich­keit ist und was für alter­na­ti­ve For­men der Reso­zia­li­sie­rung es in ande­ren Län­dern bereits gibt. Und die Jour­na­lis­tin Lena Kampf gibt einen Über­blick über Reform­ver­su­che und Reform­schei­tern im deut­schen Gefängnisalltag.

Die­ser Pro­zess, die Fra­ge von Reform oder bes­ser Abschaf­fung von Gefäng­nis­sen, hat gera­de erst begon­nen und wird uns noch län­ger begleiten.