Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

‚ÄúUto¬≠pie soll¬≠te ein Men¬≠schen¬≠recht sein‚ÄĚ

Poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung ist gelun¬≠gen, wenn sie die Men¬≠schen zum Den¬≠ken in Alter¬≠na¬≠ti¬≠ven erm√§ch¬≠tigt. War¬≠um das so oft miss¬≠lingt, erkl√§rt die Erzie¬≠hungs¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠le¬≠rin Juli¬≠ka B√ľrgin.

Protestierende Sch√ľler tragen ein Banner vor sich her.
Kritisches Denken beginnt in der Schule - und f√ľhrt manchmal aus ihr heraus. Die Fridays-for-Future-Proteste machen Hoffnung, sagt Bildungsexpertin Julika B√ľrgin | Foto: Julian Meehan

Lie¬≠be Frau B√ľr¬≠gin, wenn wir √ľber poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung spre¬≠chen, soll¬≠ten wir viel¬≠leicht mit dem Begriff begin¬≠nen. Ist die Unter¬≠schei¬≠dung zwi¬≠schen Bil¬≠dung und poli¬≠ti¬≠scher Bil¬≠dung bereits ein Pro¬≠blem, weil dadurch sug¬≠ge¬≠riert wird, dass die ‚Äč‚Äúnor¬≠ma¬≠le‚ÄĚ Bil¬≠dung unpo¬≠li¬≠tisch ist?

Juli¬≠ka B√ľr¬≠gin: Wenn man poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung als abge¬≠trenn¬≠tes Gebiet betrach¬≠tet und, wie es die Schu¬≠le domi¬≠nant tut, als ein Unter¬≠richts¬≠fach ver¬≠steht, dann kann man dar¬≠aus schlie¬≠√üen, dass alles ande¬≠re unpo¬≠li¬≠tisch ist. Wenn man aber, und die¬≠sem Fl√ľ¬≠gel in der Dis¬≠kus¬≠si¬≠on geh√∂¬≠re ich an, davon aus¬≠geht, dass sich Fra¬≠gen des Poli¬≠ti¬≠schen auch in allen ande¬≠ren Fel¬≠dern des sozia¬≠len Lebens von Men¬≠schen befin¬≠den, dann gibt es kei¬≠nen Bereich, den mal als unpo¬≠li¬≠tisch weg¬≠de¬≠fi¬≠nie¬≠ren kann. Wobei ich damit wie¬≠der¬≠um nicht einer Ent¬≠gren¬≠zung das Wort rede, dass irgend¬≠wie ja alles poli¬≠tisch sei und des¬≠halb auch poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung auto¬≠ma¬≠tisch √ľber¬≠all statt¬≠fin¬≠de. Im Gegen¬≠teil erfor¬≠dert poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit spe¬≠zi¬≠fi¬≠sche Kon¬≠zep¬≠te und auch Wissen. 

Juli¬≠ka B√ľr¬≠gin ist Pro¬≠fes¬≠so¬≠rin mit Schwer¬≠punkt Bil¬≠dung am Fach¬≠be¬≠reich Sozia¬≠le Arbeit der Hoch¬≠schu¬≠le Darm¬≠stadt. Sie war zuvor lan¬≠ge Zeit ehren¬≠amt¬≠lich und haupt¬≠be¬≠ruf¬≠lich in der gewerk¬≠schaft¬≠li¬≠chen und gesell¬≠schafts¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠schen Jugend- und Erwach¬≠se¬≠nen¬≠bil¬≠dung t√§tig. B√ľr¬≠gin ist im Forum kri¬≠ti¬≠sche poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung aktiv. Ein gegen¬≠w√§r¬≠ti¬≠ger Schwer¬≠punkt ihrer Arbeit ist die Poli¬≠tik der Demokratiebildung.

Das Dilem­ma der Kurzfristigkeit

Ist das aktu­el­le Bil­dungs­sys­tem denn zu unpolitisch?

In der Schu¬≠le fin¬≠den wir meist eine Fach¬≠ge¬≠biets¬≠lo¬≠gik, nach der Poli¬≠tik nur im Fach Poli¬≠tik unter¬≠rich¬≠tet wird, oder im Fach ‚Äč‚ÄúPoli¬≠tik und Wirt¬≠schaft‚ÄĚ teil¬≠wei¬≠se hin¬≠ter die Wirt¬≠schaft gestellt wird. Das ist erst¬≠mal zu pro¬≠ble¬≠ma¬≠ti¬≠sie¬≠ren. Viel √∂fter als ande¬≠re F√§cher wird der Poli¬≠tik¬≠un¬≠ter¬≠richt fach¬≠fremd unter¬≠rich¬≠tet. Vor allem in Haupt¬≠schu¬≠len erhal¬≠ten Sch√ľler*innen auch nur sehr wenig Poli¬≠tik¬≠un¬≠ter¬≠richt, was ich abso¬≠lut fatal fin¬≠de. Die¬≠se sehr gerin¬≠ge Wert¬≠sch√§t¬≠zung poli¬≠ti¬≠scher Bil¬≠dung setzt sich an den Hoch¬≠schu¬≠len und im au√üer¬≠schu¬≠li¬≠schen Bil¬≠dungs¬≠be¬≠reich fort. 

Zudem kann man fest¬≠stel¬≠len, dass immer dann nach poli¬≠ti¬≠scher Bil¬≠dung geru¬≠fen wird, wenn es demo¬≠kra¬≠tisch kri¬≠selt. Dann wer¬≠den gro¬≠√üe F√∂r¬≠der¬≠pro¬≠gram¬≠me aus¬≠ge¬≠ru¬≠fen. Wenn es kri¬≠selt, sol¬≠len die au√üer¬≠schu¬≠li¬≠schen Akteu¬≠re also mit¬≠hel¬≠fen, die Sys¬≠tem¬≠pro¬≠ble¬≠me der Demo¬≠kra¬≠tie zu l√∂sen. Die ber√ľhm¬≠te Feu¬≠er¬≠wehr¬≠funk¬≠ti¬≠on. Es wer¬≠den aller¬≠dings kaum Vor¬≠aus¬≠set¬≠zun¬≠gen geschaf¬≠fen, dass sich Bil¬≠dungs¬≠pro¬≠zes¬≠se von unten, plu¬≠ra¬≠lis¬≠tisch und lang¬≠fris¬≠tig ent¬≠wi¬≠ckeln k√∂n¬≠nen, dass Schu¬≠len, Hoch¬≠schu¬≠len und freie Tr√§¬≠ger dau¬≠er¬≠haft genug Res¬≠sour¬≠cen daf√ľr haben.

Wie und wo dr√ľckt sich die¬≠se feh¬≠len¬≠de Wert¬≠sch√§t¬≠zung f√ľr poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit noch aus?

Wir sehen auch in ande¬≠ren Fel¬≠dern einen √§hn¬≠li¬≠chen Pro¬≠zess, den ich und ande¬≠re als ‚Äč‚ÄúPro¬≠gram¬≠mie¬≠rung‚ÄĚ bezeich¬≠nen. Der Staat stellt zwar Geld zu Ver¬≠f√ľ¬≠gung, aber die Mit¬≠tel sind an sehr, sehr, sehr spe¬≠zi¬≠fi¬≠sche Ver¬≠wen¬≠dungs¬≠zwe¬≠cke gebun¬≠den. Damit steu¬≠ert er nat√ľr¬≠lich mas¬≠siv, zumal gleich¬≠zei¬≠tig die insti¬≠tu¬≠tio¬≠nel¬≠le F√∂r¬≠de¬≠rung abge¬≠baut wird. Gera¬≠de die klei¬≠nen Tr√§¬≠ger sind hoch¬≠gra¬≠dig davon abh√§n¬≠gig, wel¬≠che Pro¬≠gram¬≠me der Staat gera¬≠de auf¬≠legt. Zum Bei¬≠spiel sind die Demo¬≠kra¬≠tie¬≠f√∂r¬≠der¬≠pro¬≠gram¬≠me mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le fast aus¬≠nahms¬≠los ein¬≠ge¬≠bet¬≠tet in eine Extre¬≠mis¬≠mus¬≠pr√§¬≠ven¬≠ti¬≠ons¬≠lo¬≠gik und vie¬≠le Tr√§¬≠ger sagen, das wol¬≠len sie nicht, sich vor einen Kar¬≠ren der Geheim¬≠diens¬≠te span¬≠nen las¬≠sen, was die Kon¬≠zep¬≠te angeht. Aber wenn sie es nicht tun, krie¬≠gen sie bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se f√ľr ras¬≠sis¬≠mus¬≠kri¬≠ti¬≠sche Work¬≠shops auch kein Geld. 

‚ÄúKri¬≠tik ist die ande¬≠re Sei¬≠te der Utopie‚ÄĚ

Wann ist poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung in Ihren Augen gelun¬≠gen? F√ľr die Gesell¬≠schaft und f√ľr jeden Einzelnen?

Gelun¬≠gen sind poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠an¬≠ge¬≠bo¬≠te aus mei¬≠ner Sicht dann, wenn Men¬≠schen sich dadurch die Welt ‚Äď oder Aus¬≠schnit¬≠te davon ‚Äď aneig¬≠nen k√∂n¬≠nen. Das ist der all¬≠ge¬≠meins¬≠te Bil¬≠dungs¬≠be¬≠griff, auf den ich mich in mei¬≠ner Arbeit bezie¬≠he: Aneig¬≠nung von Welt und der eige¬≠nen Situa¬≠ti¬≠on in der Welt. Und bei der poli¬≠ti¬≠schen Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit geht es um die Dimen¬≠sio¬≠nen des Poli¬≠ti¬≠schen in der Welt. Die¬≠se Ana¬≠ly¬≠se¬≠f√§¬≠hig¬≠keit, die¬≠ses Welt¬≠ver¬≠st√§nd¬≠nis, das geht zuneh¬≠mend ver¬≠lo¬≠ren. Wenn es aber gelingt, es zu erm√∂g¬≠li¬≠chen, dass Men¬≠schen dadurch auch ihre eige¬≠nen Inter¬≠es¬≠sen ein¬≠brin¬≠gen und hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hi¬≠ger wer¬≠den, dann ist poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit gelungen.

Der bra¬≠si¬≠lia¬≠ni¬≠sche Poli¬≠tik¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler Rober¬≠to Unger schreibt in sei¬≠nem Buch ‚Äč‚ÄúThe Know¬≠ledge Eco¬≠no¬≠my‚ÄĚ, aus dem wir f√ľr was w√§re wenn ein Kapi¬≠tel √ľber¬≠setzt haben: ‚Äč‚ÄúDie zen¬≠tra¬≠le Span¬≠nung im Bil¬≠dungs¬≠be¬≠reich in einer Demo¬≠kra¬≠tie ist der Kon¬≠flikt zwi¬≠schen der Vor¬≠be¬≠rei¬≠tung des Men¬≠schen dar¬≠auf, auf der Grund¬≠la¬≠ge der gegen¬≠w√§r¬≠ti¬≠gen Bedin¬≠gun¬≠gen zu han¬≠deln, und dem Ver¬≠mit¬≠teln der F√§hig¬≠keit, die¬≠se Bedin¬≠gun¬≠gen zu √ľber¬≠win¬≠den.‚ÄĚ Wie kri¬≠tisch darf oder muss poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung sein? Soll¬≠te sie, zum Bei¬≠spiel, auch so etwas wie die sozia¬≠le Markt¬≠wirt¬≠schaft in Fra¬≠ge stellen?

Also, kri¬≠tisch ist Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit aus mei¬≠ner Sicht nicht dann, wenn sie schon fest¬≠ge¬≠legt, was in Fra¬≠ge zu stel¬≠len ist, son¬≠dern dann, wenn sie es ins¬≠ge¬≠samt erm√∂g¬≠licht, die Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se anders zu sehen, als sie sind. Es geht aus mei¬≠ner Sicht nicht dar¬≠um, eine Gegen¬≠po¬≠si¬≠ti¬≠on zu pro¬≠mo¬≠ten, son¬≠dern prin¬≠zi¬≠pi¬≠ell das Ver¬≠st√§nd¬≠nis daf√ľr zu st√§r¬≠ken, dass die sozia¬≠len Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se, die wir vor¬≠fin¬≠den, men¬≠schen¬≠ge¬≠macht sind und durch Men¬≠schen ver¬≠√§n¬≠der¬≠bar sind. Kri¬≠tik ist die ande¬≠re Sei¬≠te der Uto¬≠pie. Wenn ich das Bestehen¬≠de kri¬≠ti¬≠sie¬≠re, dann √∂ff¬≠net das den Blick f√ľr das Uto¬≠pi¬≠sche. Und umge¬≠kehrt, wenn ich mir die Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se anders vor¬≠stel¬≠len kann, dann kann ich auch die vor¬≠ge¬≠fun¬≠de¬≠nen kla¬≠rer ana¬≠ly¬≠sie¬≠ren. Das sehe ich sogar als Men¬≠schen¬≠recht: Jeder Mensch soll¬≠te sich die Din¬≠ge anders vor¬≠stel¬≠len k√∂n¬≠nen, als sie sind. 

2015 schrie¬≠ben Sie in einem Arti¬≠kel von einer ‚Äč‚ÄúKri¬≠se der Vor¬≠aus¬≠set¬≠zun¬≠gen f√ľr eman¬≠zi¬≠pa¬≠to¬≠ri¬≠sche Bil¬≠dung‚ÄĚ. Hat sich seit¬≠her etwas ver¬≠√§n¬≠dert? Oder herrscht wei¬≠ter¬≠hin eine Stim¬≠mung der Alternativlosigkeit?

Ich muss sagen, dass mich Fri¬≠days for Future wie¬≠der ein biss¬≠chen hoff¬≠nungs¬≠vol¬≠ler gemacht hat. Weil das f√ľr mich das ers¬≠te Bei¬≠spiel seit Jah¬≠ren daf√ľr ist, dass Men¬≠schen sich von unten orga¬≠ni¬≠sie¬≠ren und nach¬≠dr√ľck¬≠lich zu einer der exis¬≠ten¬≠ti¬≠ells¬≠ten Fra¬≠gen unse¬≠rer Gesell¬≠schaft etwas unter¬≠neh¬≠men. Die Jugend¬≠li¬≠chen und jun¬≠gen Erwach¬≠se¬≠nen gehen ja nicht auf die Stra¬≠√üe, weil sie Hoff¬≠nung haben, son¬≠dern weil sie ver¬≠zwei¬≠felt sind und eine Zukunft poli¬≠tisch ein¬≠for¬≠dern. Das macht mir Hoff¬≠nung, weil die aktu¬≠el¬≠le Kli¬≠ma¬≠po¬≠li¬≠tik nicht mehr als alter¬≠na¬≠tiv¬≠los akzep¬≠tiert wird. Die¬≠ser Pro¬≠test k√∂nn¬≠te ja auch ein Anlass daf√ľr sein, Bil¬≠dungs¬≠pro¬≠zes¬≠se rund¬≠her¬≠um zu orga¬≠ni¬≠sie¬≠ren, aber, da sind wir wie¬≠der beim Punkt von eben, f√ľr Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit zum The¬≠ma Kli¬≠ma gibt es gera¬≠de kein F√∂r¬≠der¬≠pro¬≠gramm, damit auch kei¬≠ne Res¬≠sour¬≠cen. Statt des¬≠sen l√§sst das Hes¬≠si¬≠sche Kul¬≠tus¬≠mi¬≠nis¬≠te¬≠ri¬≠um ver¬≠lau¬≠ten, eine Teil¬≠nah¬≠me von Sch√ľler*innen am welt¬≠wei¬≠ten Kli¬≠ma¬≠st¬≠reik ver¬≠sto¬≠√üe gegen das ‚Äč‚ÄúNeu¬≠tra¬≠li¬≠t√§ts¬≠ge¬≠bot‚ÄĚ.

Bil­dung als sozia­le Praxis

Wir erle­ben einer­seits die von Ihnen ange­spro­che­ne Kli­ma­be­we­gung. Ande­rer­seits steht die AfD in man­chen Bun­des­län­dern bei rund 30 Pro­zent. Ist das eine wie das ande­re Aus­druck von poli­ti­scher Bil­dungs­ar­beit? Ist der Erfolg der AfD auch ein Aus­druck geschei­ter­ter poli­ti­scher Bildung?

Ich sehe das nicht so. Aus mei­ner Sicht wäre das eine Über­be­to­nung des­sen, was poli­ti­sche Bil­dungs­ar­beit leis­ten kann und eine Unter­be­to­nung des­sen, was gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se als sol­che aus­ma­chen. Und wenn wir von der AfD spre­chen, da besteht die Spit­zen­mann­schaft ja vor­neh­mend aus Juris­ten und ande­ren hoch­ge­bil­de­ten Menschen.

Ein Pro¬≠blem ist, dass der Bil¬≠dungs¬≠be¬≠griff oft auf Pro¬≠zes¬≠se, die im Kopf pas¬≠sie¬≠ren, ver¬≠engt wird. Ich den¬≠ke aber, dass ein ande¬≠rer Aspekt oft ver¬≠ges¬≠sen wird, und zwar, dass Bil¬≠dung aus mei¬≠ner Sicht immer auch bedeu¬≠tet, etwas her¬≠aus¬≠zubil¬≠den, also eine sozia¬≠le Pra¬≠xis ist. Es ist n√§m¬≠lich nicht immer so, dass man sich erst bil¬≠det und dann han¬≠delt, oft ist es genau umge¬≠kehrt: Man han¬≠delt erst, weil man ein Pro¬≠blem sieht, und im Pro¬≠zess des Han¬≠delns f√§ngt man dann an, rich¬≠tig nach¬≠zu¬≠den¬≠ken. Fri¬≠days For Future ist da ein gutes Bei¬≠spiel. Die Sch√ľler*innen sagen auch selbst, was sie alles gelernt h√§t¬≠ten, seit¬≠dem sie auf die Stra¬≠√üe gehen. 

Sie spra¬≠chen davon, dass es Kern poli¬≠ti¬≠scher Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit sei, Alter¬≠na¬≠ti¬≠ven auf¬≠zu¬≠zei¬≠gen. Gibt es denn Berei¬≠che oder Punk¬≠te, wo poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung auch auto¬≠ri¬≠t√§r sein muss? Ist es didak¬≠tisch sinn¬≠voll, einem AfD-W√§h¬≠ler zu sagen, dass er die ‚Äč‚Äúfal¬≠sche‚ÄĚ Par¬≠tei w√§hle?

Die ein¬≠zel¬≠nen Men¬≠schen sind ja ‚Äď zum Gl√ľck ‚Äď in gewis¬≠ser Wei¬≠se unver¬≠f√ľg¬≠bar. Men¬≠schen machen immer etwas mit den Impul¬≠sen und Ein¬≠wir¬≠kun¬≠gen, die sie erhal¬≠ten. Inso¬≠fern grei¬≠fen auto¬≠ri¬≠t√§¬≠re Ver¬≠su¬≠che immer nur begrenzt. Kei¬≠ner will sich beleh¬≠ren und bekeh¬≠ren las¬≠sen und erst recht nicht auto¬≠ri¬≠t√§r zurich¬≠ten las¬≠sen. Im Zwei¬≠fel schal¬≠ten die Leu¬≠te da auf Durch¬≠zug, das ler¬≠nen wir alle ja schon in der Schu¬≠le. Nat√ľr¬≠lich aber fin¬≠de ich, dass es zur Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit geh√∂rt, zu wider¬≠spre¬≠chen und auf¬≠zu¬≠kl√§¬≠ren. Kon¬≠kret, wenn es um die AfD geht, ver¬≠su¬≠chen Gewerk¬≠schaf¬≠ten dar¬≠√ľber auf¬≠zu¬≠kl√§¬≠ren, dass die AfD f√ľr Arbeitnehmer*innen eigent¬≠lich nicht viel anzu¬≠bie¬≠ten hat, weil die¬≠se Par¬≠tei unter dem Strich f√ľr eine neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠le Poli¬≠tik steht, und davon haben Arbeitnehmer*innen eben nichts. Das ist wich¬≠tig, eben¬≠so wie fal¬≠sche Tat¬≠sa¬≠chen¬≠be¬≠haup¬≠tun¬≠gen zur√ľck¬≠zu¬≠wei¬≠sen. Wir wis¬≠sen aller¬≠dings auch, dass poli¬≠ti¬≠sches Ver¬≠hal¬≠ten nicht nur von den Sach¬≠in¬≠for¬≠ma¬≠tio¬≠nen abh√§ngt, das mar¬≠kiert auch eine Gren¬≠ze der M√∂g¬≠lich¬≠keit von Auf¬≠kl√§¬≠rung. Und wenn Men¬≠schen ande¬≠ren Men¬≠schen das Exis¬≠tenz¬≠recht oder ande¬≠re grund¬≠le¬≠gen¬≠de Rech¬≠te aberken¬≠nen, dann ist es auch manch¬≠mal schwie¬≠rig, p√§d¬≠ago¬≠gisch wei¬≠ter zusam¬≠men zu arbeiten. 

F√ľhrt gute poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit also nicht auto¬≠ma¬≠tisch zu einer bes¬≠se¬≠ren, gerech¬≠te¬≠ren Demokratie?

Wenn aus die¬≠ser guten Bil¬≠dungsarbeit eine Bil¬≠dung ent¬≠steht, sich also etwas her¬≠aus¬≠bil¬≠det, dann w√ľr¬≠de das auch die Demo¬≠kra¬≠tie ver¬≠bes¬≠sern, davon bin ich √ľber¬≠zeugt. Eine gut¬≠mo¬≠ti¬≠vier¬≠te Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit, die die Leu¬≠te aber nicht erreicht, die f√ľhrt im Zwei¬≠fels¬≠fall zu gar nichts. Wie kommt man in einen Dia¬≠log? Wie kann man sich als P√§dagog*in als Rei¬≠bungs¬≠fl√§¬≠che anbie¬≠ten? Das hei√üt auch, Posi¬≠ti¬≠on zu bezie¬≠hen, gute Argu¬≠men¬≠te vor zu brin¬≠gen, die Din¬≠ge selbst zu ver¬≠ste¬≠hen, das geh√∂rt zu guter Bildungsarbeit. 

Sym­ptom Bildungswiderstand

Die Grund¬≠s√§t¬≠ze der poli¬≠ti¬≠schen Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit wur¬≠den in den 70er Jah¬≠ren mit dem Beu¬≠tels¬≠ba¬≠cher Kon¬≠sens fest¬≠ge¬≠legt. Sind die drei Prin¬≠zi¬≠pi¬≠en ‚Äď Indok¬≠tri¬≠na¬≠ti¬≠ons¬≠ver¬≠bot, Kon¬≠tro¬≠ver¬≠si¬≠t√§t, Sch√ľler*innenorientierung ‚Äď immer noch zeit¬≠ge¬≠m√§√ü oder √ľberholt?

Ich kann mit die¬≠sen Dimen¬≠sio¬≠nen etwas anfan¬≠gen, wenn sie als Gesamt¬≠pa¬≠ket gedacht und behan¬≠delt wer¬≠den. Und das sage ich des¬≠halb, weil die Bezug¬≠nah¬≠me auf den Beu¬≠tels¬≠ba¬≠cher Kon¬≠sens gera¬≠de bei denen, die ihn am vehe¬≠men¬≠tes¬≠ten ein¬≠for¬≠dern, unheim¬≠lich selek¬≠tiv ist. Die For¬≠de¬≠rung, Sch√ľler*innen nicht zu √ľber¬≠w√§l¬≠ti¬≠gen, wird meist nur an die Lehrer*innen gerich¬≠tet, die poli¬≠tisch Posi¬≠ti¬≠on bezie¬≠hen. Das Kon¬≠tro¬≠ver¬≠si¬≠t√§ts¬≠ge¬≠bot wird schon viel weni¬≠ger ber√ľck¬≠sich¬≠tigt. Das Kon¬≠tro¬≠ver¬≠si¬≠t√§ts¬≠ge¬≠bot, das ja meint, dass alle kon¬≠tro¬≠ver¬≠sen The¬≠men der Gesell¬≠schaft auch im Unter¬≠richt kon¬≠tro¬≠vers behan¬≠delt wer¬≠den soll¬≠ten, m√ľss¬≠te auch bedeu¬≠ten, dass Min¬≠der¬≠hei¬≠ten¬≠the¬≠men √ľber¬≠haupt erst ein¬≠mal auf¬≠ge¬≠grif¬≠fen werden. 

Inter¬≠es¬≠sant fand ich des¬≠halb auch Ihre Debat¬≠te zu den Gef√§ng¬≠nis¬≠sen: Was w√§re, wenn Gef√§ng¬≠nis¬≠se abge¬≠schafft w√ľr¬≠den? Ich glau¬≠be, dass die¬≠se Fra¬≠ge in kei¬≠ner Schu¬≠le jemals dis¬≠ku¬≠tiert wird. Und das w√§re ja durch¬≠aus kon¬≠tro¬≠vers. Ist es rich¬≠tig, Men¬≠schen so weg¬≠zu¬≠sper¬≠ren ‚Äď vie¬≠le nur des¬≠halb, weil sie zu arm sind, um ihre Geld¬≠stra¬≠fe zu zah¬≠len? Und der drit¬≠te Bestand¬≠teil, der zwar unter dem Wort Sch√ľler*innenorientierung refe¬≠riert wird, aber eigent¬≠lich ein Auf¬≠ruf zur hand¬≠lungs¬≠ori¬≠en¬≠tier¬≠ten Inter¬≠es¬≠sen¬≠ana¬≠ly¬≠se ist, die¬≠ser Punkt spielt in der Schu¬≠le in der Regel gar kei¬≠ne Rolle.

Weil Sie die ver¬≠schie¬≠de¬≠nen sozia¬≠len Per¬≠spek¬≠ti¬≠ven anspre¬≠chen. Muss sich poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung √ľber die Grund¬≠s√§t¬≠ze hin¬≠aus immer auch an die Bedin¬≠gun¬≠gen der Ein¬≠zel¬≠nen anpassen?

Ja, und es ist eine kom¬≠ple¬≠xe Her¬≠aus¬≠for¬≠de¬≠rung, m√∂g¬≠lichst viel Welt ver¬≠f√ľg¬≠bar zu machen und trotz¬≠dem zu ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gen, dass sich die Welt f√ľr jede*n unter¬≠schied¬≠lich dar¬≠stellt. Ein Jugend¬≠li¬≠cher, der in Armut auf¬≠ge¬≠wach¬≠sen ist, wo sich die Eltern viel¬≠leicht nicht mal die Repa¬≠ra¬≠tur des Fahr¬≠rads leis¬≠ten k√∂n¬≠nen, lebt in einer ande¬≠ren, auch poli¬≠ti¬≠schen Welt als ein Kind aus aka¬≠de¬≠mi¬≠schem Eltern¬≠haus, bei dem die Abschl√ľs¬≠se das Ein¬≠stiegs¬≠ti¬≠cket f√ľr eine rela¬≠tiv pri¬≠vi¬≠le¬≠gier¬≠te Lebens¬≠f√ľh¬≠rung sind. Und ja, ich bin der Mei¬≠nung, dass die poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit an Lebens¬≠la¬≠gen ori¬≠en¬≠tiert sein muss. Das hei√üt auch zu ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gen, dass es auch gute Gr√ľn¬≠de f√ľr Wider¬≠stand gegen Bil¬≠dungs¬≠au¬≠for¬≠de¬≠run¬≠gen gibt. Gera¬≠de Men¬≠schen, die erfah¬≠ren, dass sie per¬≠ma¬≠nent auf¬≠ge¬≠for¬≠dert wer¬≠den, anders zu leben, sich noch mehr zu bil¬≠den, gera¬≠de die¬≠se Men¬≠schen ent¬≠wi¬≠ckeln einen Wider¬≠stand gegen √ľber¬≠grif¬≠fi¬≠ge insti¬≠tu¬≠tio¬≠nel¬≠le Bil¬≠dung. Kri¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dung bedeu¬≠tet f√ľr mich auch, ihnen die¬≠sen Wider¬≠stand nicht aus¬≠trei¬≠ben zu wol¬≠len, son¬≠dern zu fra¬≠gen, ob er auf Hand¬≠lungs¬≠be¬≠darf ‚Äď auch poli¬≠ti¬≠schen ‚Äď an ande¬≠rer Stel¬≠le hinweist. 

Die post¬≠ko¬≠lo¬≠nia¬≠le Theo¬≠re¬≠ti¬≠ke¬≠rin Gaya¬≠tri Cha¬≠kra¬≠vor¬≠ty Spivak schreibt davon, dass Pri¬≠vi¬≠le¬≠gi¬≠en ein Ver¬≠lust sein k√∂n¬≠nen, wenn sie ein¬≠engend wir¬≠ken. Kann man das auch auf den Bil¬≠dungs¬≠be¬≠reich bezie¬≠hen? Kann eine bestimm¬≠te Form der Bil¬≠dung ein Ver¬≠lust sein?

Ich tei¬≠le die Kri¬≠tik an der Vor¬≠stel¬≠lung eines fest¬≠ste¬≠hen¬≠den Bil¬≠dungs¬≠ka¬≠nons. In unse¬≠rem Bil¬≠dungs¬≠sys¬≠tem wird Wis¬≠sen oft nur daf√ľr erwor¬≠ben, mit den ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Abschl√ľs¬≠sen bestimm¬≠te Posi¬≠tio¬≠nen in der Gesell¬≠schaft anzu¬≠stre¬≠ben. Unter ande¬≠rem des¬≠halb wol¬≠len ja auch so vie¬≠le Eltern, dass ihre Kin¬≠der unbe¬≠dingt ein Gym¬≠na¬≠si¬≠um besu¬≠chen. Ich erz√§h¬≠le eine klei¬≠ne Anek¬≠do¬≠te: Letz¬≠tens beim Sport bean¬≠stan¬≠de¬≠te eine Mut¬≠ter, dass in der Grund¬≠schu¬≠le, die ihr Kind besucht, jetzt fast alle eine Gym¬≠na¬≠sial¬≠emp¬≠feh¬≠lung bekom¬≠men. Sie f√ľrch¬≠tet offen¬≠bar dar¬≠um, dass ihr Kind den erhoff¬≠ten Vor¬≠teil gegen¬≠√ľber ande¬≠ren ver¬≠liert. Oft geht es also gar nicht um die Inhal¬≠te von Bil¬≠dung, son¬≠dern um das Zer¬≠ti¬≠fi¬≠kat, um die Ein¬≠tritts¬≠kar¬≠te, und dann die n√§chs¬≠te Ein¬≠tritts¬≠kar¬≠te und die n√§chs¬≠te. Ich wei√ü nicht, ob der Erfolg als Ver¬≠lust betrach¬≠tet wird, aber zumin¬≠dest bli¬≠cken vie¬≠le Sch√ľler*innen mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le recht kri¬≠tisch auf die Akku¬≠mu¬≠la¬≠ti¬≠on toten Wis¬≠sens, die sie als Buli¬≠mie-Ler¬≠nen bezeichnen.

Die √ľber¬≠ge¬≠ord¬≠ne¬≠te Fra¬≠ge, die wir als Redak¬≠ti¬≠on f√ľr das Bil¬≠dungs¬≠the¬≠ma aus¬≠ge¬≠sucht haben, ist ja die nach der lebens¬≠lan¬≠gen Bil¬≠dung. Sie schrie¬≠ben in Ihrer ers¬≠ten Email an mich, dass die¬≠se Vor¬≠stel¬≠lung wohl f√ľr vie¬≠le ein Alb¬≠traum sei. Wieso?

Weil kei¬≠nes¬≠wegs alle Men¬≠schen die Schu¬≠le mit dem Wunsch ver¬≠las¬≠sen, wei¬≠ter¬≠zu¬≠ler¬≠nen. F√ľr vie¬≠le war und ist das eine sol¬≠che Zumu¬≠tung, dass sie mit Bil¬≠dung nichts mehr zu tun haben wol¬≠len. Im Sin¬≠ne von: H√∂rt auf, mei¬≠ne Lebens¬≠welt zu kolo¬≠ni¬≠sie¬≠ren, mich st√§n¬≠dig als defi¬≠zi¬≠t√§r zu betrach¬≠ten! Ich bin erwach¬≠sen, ich m√∂ch¬≠te nicht mehr auf die Schul¬≠bank! Und wir wis¬≠sen aus Stu¬≠di¬≠en, dass sich vor allem die¬≠je¬≠ni¬≠gen mit sta¬≠bi¬≠lem Bil¬≠dungs¬≠hin¬≠ter¬≠grund sp√§¬≠ter weiterbilden. 

Aber nat√ľr¬≠lich ist es drin¬≠gend not¬≠wen¬≠dig, die Erwach¬≠se¬≠nen¬≠bil¬≠dung f√ľr alle zug√§ng¬≠lich zu machen, ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re die¬≠je¬≠ni¬≠gen, die kei¬≠nen guten schu¬≠li¬≠schen Start hat¬≠ten und/‚Äčoder sozi¬≠al benach¬≠tei¬≠ligt sind. Es gibt zum Gl√ľck immer mehr Wei¬≠ter¬≠bil¬≠dungs¬≠tr√§¬≠ger, die sich selbst¬≠kri¬≠tisch fra¬≠gen, ob sie offen genug sind oder sich eben doch sub¬≠til an ein bil¬≠dungs¬≠b√ľr¬≠ger¬≠li¬≠ches Milieu wen¬≠den. Die Erm√∂g¬≠li¬≠chung von Bil¬≠dungs¬≠teil¬≠ha¬≠be darf aber kein Zwang wer¬≠den, auch nicht indi¬≠rekt durch die Andro¬≠hung des Arbeits¬≠platz¬≠ver¬≠lus¬≠tes. Hier fin¬≠den sub¬≠ti¬≠le Ver¬≠√§n¬≠de¬≠run¬≠gen statt. So ste¬≠hen auch etwa Senior*innen immer h√§u¬≠fig im Fokus der Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit, dass sie zum Bei¬≠spiel auf dem neu¬≠es¬≠ten Stand der digi¬≠ta¬≠len Tech¬≠nik sein sol¬≠len. Was noch als Opti¬≠on ange¬≠prie¬≠sen wird, davon wird viel¬≠leicht schon bald die Nut¬≠zung sozia¬≠ler und medi¬≠zi¬≠ni¬≠scher Dienst¬≠leis¬≠tun¬≠gen abh√§n¬≠gen. Ich tre¬≠te hin¬≠ge¬≠gen f√ľr ein Recht auf eine ana¬≠lo¬≠ge Lebens¬≠f√ľh¬≠rung f√ľr Men¬≠schen im h√∂he¬≠ren Alter ein. Nur wenn es eine ent¬≠spre¬≠chen¬≠de sozi¬≠al- und gesund¬≠heits¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠sche Infra¬≠struk¬≠tur gibt, k√∂n¬≠nen Men¬≠schen wirk¬≠lich frei¬≠wil¬≠lig ent¬≠schei¬≠den, ob sie bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se den Umgang mit Hard- und Soft¬≠ware erler¬≠nen wollen.

Das Recht auf ana¬≠lo¬≠ge Lebensf√ľhrung

Die Arbeits¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se haben sich in den letz¬≠ten Jahr¬≠zehn¬≠ten stark ver¬≠√§n¬≠dert. Der Sozio¬≠lo¬≠ge Wil¬≠helm Heit¬≠mey¬≠er spricht von ‚Äč‚ÄúFlexi¬≠bi¬≠li¬≠t√§ts¬≠druck‚ÄĚ und ‚Äč‚ÄúUmstel¬≠lungs¬≠zu¬≠mu¬≠tun¬≠gen‚ÄĚ. Soll¬≠te sich poli¬≠ti¬≠sche Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit dar¬≠auf anpas¬≠sen ‚Äď oder wom√∂g¬≠lich gegensteuern?

Auch hier geht es dar¬≠um, den Men¬≠schen zu erm√∂g¬≠li¬≠chen, die Arbeits¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se und ihre eige¬≠ne Inter¬≠es¬≠sen¬≠la¬≠ge dar¬≠in zu ver¬≠ste¬≠hen und hand¬≠lungs¬≠f√§¬≠hig zu wer¬≠den. Zum Bei¬≠spiel soll¬≠ten sie ver¬≠ste¬≠hen, wie Manage¬≠ment¬≠sys¬≠te¬≠me funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren und was die¬≠se damit zu tun haben, dass man als Arbeitnehmer*in gar nicht mehr aus dem Hams¬≠ter¬≠rad raus¬≠kommt. Vie¬≠le enden irgend¬≠wann im Bur¬≠nout, was in einer Erwerbs¬≠ar¬≠beits¬≠ge¬≠sell¬≠schaft fata¬≠le Fol¬≠gen hat. Das geh√∂rt f√ľr mich zur poli¬≠ti¬≠schen Allgemeinbildungsarbeit. 

Zum Schluss noch eine etwas all­ge­mei­ne­re Fra­ge: Wenn von Bil­dung gespro­chen wird, haben die meis­ten Men­schen wohl die Insti­tu­tio­nen, allen vor­an Schu­le und Uni­ver­si­tät, im Kopf. Wel­che Berei­che, in denen gebil­det wird, wer­den Ihrer Mei­nung nach unterschätzt?

Also aus mei¬≠ner Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve als Pro¬≠fes¬≠so¬≠rin in einem Fach¬≠be¬≠reich Sozia¬≠le Arbeit w√ľr¬≠de ich zun√§chst mal sagen, dass der gan¬≠ze Bereich des Sozia¬≠len Lebens unter¬≠sch√§tzt wird. R√§u¬≠me, in denen Men¬≠schen All¬≠tags¬≠fra¬≠gen w√§l¬≠zen. Ich w√ľn¬≠sche mir eigent¬≠lich kei¬≠ne st√§r¬≠ke¬≠re Insti¬≠tu¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠sie¬≠rung der Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit, son¬≠dern, dass Men¬≠schen dort, wo sie mit¬≠ein¬≠an¬≠der als sozia¬≠le Wesen agie¬≠ren, dort, wo poli¬≠ti¬≠sche Fra¬≠gen auf¬≠tau¬≠chen, sie auch die M√∂g¬≠lich¬≠keit haben, dar¬≠√ľber nach¬≠zu¬≠den¬≠ken, die Welt und ihre eige¬≠ne Posi¬≠ti¬≠on dar¬≠in bes¬≠ser zu ver¬≠ste¬≠hen. Das beinhal¬≠tet immer die Fra¬≠ge nach indi¬≠vi¬≠du¬≠el¬≠len und kol¬≠lek¬≠ti¬≠ven Hand¬≠lungs¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten. Also eigent¬≠lich geht es mir um eine st√§r¬≠ke¬≠re Bil¬≠dungs¬≠ar¬≠beit in den sozia¬≠len und poli¬≠ti¬≠schen All¬≠tags¬≠pro¬≠zes¬≠sen. Das min¬≠dert nicht die Bedeu¬≠tung von Bil¬≠dungs¬≠tr√§¬≠gern. Vor allem stellt es hohe Anfor¬≠de¬≠run¬≠gen an Men¬≠schen, die haupt¬≠be¬≠ruf¬≠lich zu Bil¬≠dungs¬≠pro¬≠zes¬≠sen bei¬≠tra¬≠gen k√∂n¬≠nen. Im Gegen¬≠satz zum toten Wis¬≠sen ist bei ihnen leben¬≠di¬≠ges Wis¬≠sen gefragt, eben¬≠so wie Begeis¬≠te¬≠rung f√ľr gemein¬≠sa¬≠me Denkprozesse.

Bil¬≠dung als All¬≠tags¬≠pra¬≠xis, das betont auch der Leh¬≠rer Dejan Miha¬≠jl¬≠o¬≠vic, der in einem Bei¬≠trag f√ľr unser Maga¬≠zin schreibt: ‚Äč‚ÄúIm Prin¬≠zip m√ľss¬≠ten eini¬≠ge Ele¬≠men¬≠te vom Ler¬≠nen im Netz in den phy¬≠si¬≠schen und kom¬≠mu¬≠na¬≠len Raum √ľber¬≠tra¬≠gen und geformt wer¬≠den: Ein offe¬≠ner Zugang zu Infor¬≠ma¬≠tio¬≠nen und Expert*innen, attrak¬≠ti¬≠ve Gele¬≠gen¬≠hei¬≠ten, davon zu erfah¬≠ren oder auch diver¬≠se M√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten f√ľr Ver¬≠net¬≠zung, Aus¬≠tausch und Kol¬≠la¬≠bo¬≠ra¬≠ti¬≠on.‚ÄĚ K√∂n¬≠nen Sie damit etwas anfangen?

Auf jeden Fall. Vor allem des¬≠halb, weil sich ja vie¬≠le Men¬≠schen so an die elek¬≠tro¬≠ni¬≠sche Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on klam¬≠mern, weil sie zu wenig rea¬≠le sozia¬≠le Kon¬≠tak¬≠te haben. Teil¬≠wei¬≠se feh¬≠len auch die R√§u¬≠me, also die Orte, in denen Men¬≠schen ohne Kon¬≠sum¬≠zwang mit¬≠ein¬≠an¬≠der in Kon¬≠takt kom¬≠men k√∂nnen.