Was wäre, wenn ganz Europa zuhörte?

Sehnsucht nach Aufbruch

Korrupter Staat, Austeritätsopfer, Pleiteland. Viele Griech*innen sind die Fremdzuschreibungen und Klischees aus der Krise satt. Sie wünschen sich, neue Geschichten zu erzählen.

Ein altes, rostiges Schiff liegt im Hafen.
Das geschichtsträchtige Elefsina beherbergt in seinem Hafen einen großen Schiffsfriedhof. Die Umwelt leidet unter altem Öl und giftigen Substanzen. | Foto: Peter J. Fitzpatrick, CC BY-SA 4.0

„Na, wie geht’s heute unserem faulen Pleitegriechen?“, fragte mich ein deutscher Freund vor ein paar Jahren mal. Er war nicht der Einzige, der sich zu dieser Zeit, als das Ausmaß der Finanz- und Staatskrise Griechenlands zunehmend sichtbarer wurde, mit Humor versuchte. Auf der anderen Seite, in Griechenland, durfte ich mir während des Referendums 2015 immer wieder anhören, ich solle „der Merkel“ und „diesem Schäuble“ doch bitte ausrichten, dass sie und die gesamte Troika aus Griechenland verschwinden sollten. Griech*innen musste ich also beibringen, dass ich zwar für deutsche Medien berichte, aber keinen persönlichen Kontakt zur deutschen Bundesregierung pflege, während ich manchen deutschen Freunden erklärte, dass ihre Witze nicht viel mehr als fade Arroganz darstellten. Es war eine Zeit, in der Ressentiments wie Smog in der Luft lagen.

Ein Blick zurück, zwei nach vorn

2015 war das Jahr, in dem sich Griechenland in einer fast schon vergessenen Rolle befand, im Zentrum nämlich, im Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit.

Das Land hatte sich mit der EU angelegt – und andersrum. Die Griech*innen hatten eine vermeintlich linke Regierung gewählt, die dann mit den rechtsnationalen „Unabhängigen Griechen“ koalieren sollte. Schuldenkrise, Schäuble gegen Varoufakis, Zehntausende Menschen auf den Straßen, ein Hauch von Revolution lag in der Luft und der finale Bruch mit der Europäischen Union schien nah. Die Mehrheit der Griechen setzte schließlich mit ihrem legendären Nein ein Statement: Wir wollen dieses Europa nicht, wir wollen ein anderes.

Und heute? Wo ist sie hin, die Revolutionsstimmung, der Drang der Menschen, sich Gehör zu verschaffen? Wo sind die Demonstrant*innen geblieben, die auf Veränderung hofften? Sind sie verstummt? Oder hört ihnen bloß keiner mehr zu? Der Aufmerksamkeitszirkus ist weitergezogen, ohne dass sich die strukturellen Probleme gelöst haben. Das Land hat ein ambivalentes Verhältnis zu Europa, es treffen pragmatischer Optimismus, Skepsis, Resignation, kulturelles Potential und fast schon trotziger Humanismus aufeinander.

In Europa bekommen seit einigen Jahren vor allem rechtsnationale Stimmen Gehör. Orbán, Salvini, AfD, Le Pen, Nigel Farage, die Liste ist lang. Um Griechenland ist es aber stiller geworden. Und gerade deshalb lohnt es sich hinzuschauen, zuzuhören. Damit die zwei dominierenden Griechenland-Narrative der letzten Zeit – Korruptions- und Chaosstaat versus überfordertes Austeritätsopfer – von einem Bild abgelöst werden, das der komplexen Lage des Landes gerecht wird.

Ein junger Mann mit kurzen Bart

Panajotis Gavrilis wurde 1987 in Deutschland geboren und hat Teile seines Lebens in Griechenland verbracht. Er studierte Journalistik mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Politik in Bremen und Istanbul. Seit 2018 arbeitet Gavrilis als freier Korrespondent im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio und reist regelmäßig nach Griechenland, um von dort zu berichten. [Foto: privat]


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Eine wirkliche Union

Die Stadt Elefsina liegt nur eine halbe Autostunde vom Zentrum Athens entfernt. Knapp 30.000 Menschen wohnen hier zwischen den Fabrikschornsteinen einer alten Zementfabrik und antiken Säulen. Schnell setzt sich der Gestank einer benachbarten Ölraffinerie in der Nase fest. Es ist eine seltsame Mischung aus tristem Industriegebiet und antiker Ausgrabungsstätte. „Transition to Euphoria“ heißt die Kampagne dieser Stadt, die 2021 „Kulturhauptstadt Europas“ sein wird. Ein leicht absurd klingender Titel, denke ich zunächst, der realitätsferne Erwartungen weckt. Oder ist es Zweckoptimismus?

Kelly Diapouli, künstlerische Leiterin des Kulturhauptstadt-Projektes, möchte die lokale Bevölkerung, von der viele in der Ölindustrie oder auf Schiffswerften arbeiten, mit den Kunstschaffenden aus aller Welt zusammenbringen. „Wir machen die Probleme sichtbar, mit denen Europa heutzutage konfrontiert ist. Aber nicht mit der Absicht Europa zu verurteilen. Wir wollen herausfinden, wie man diese Probleme überwinden kann, wie wir eine wirkliche Union gestalten können, die den Menschen tatsächlich etwas nützt“, sagt Diapouli. Elefsina, eine Arbeiterstadt im Umbruch, eine Region im Strukturwandel, steht in gewisser Weise für ganz Europa. Es geht um die Frage, wie ein Ort, der seine beste Zeit hinter sich zu haben scheint, wieder glänzen kann. Und es geht auch darum, neue Geschichten zu erzählen.

Nicht nur in Elefsina sind viele der Ansicht, dass die EU sich in erster Linie als ein technokratischer, autoritärer Geldverwalter, als ein ungebetener Gast präsentiert, der einem ständig auf die Hände guckt. Mal wird dem Land mit Rauswurf gedroht, dann wieder mit Fördergeldern unterstützt. Um nur ein Beispiel für diese Schizophrenie zu nennen: Die EU unterstützt finanziell den Streckenbau für Hochgeschwindigkeitszüge, damit die Fahrt von Athen nach Thessaloniki in Zukunft weniger als vier Stunden dauern kann (heute dauert es eher fünf bis sechs Stunden). Das klingt sinnvoll, bringt den Menschen aber nur etwas, wenn sie sich Mobilität, also die Zugtickets, am Ende auch leisten können. Und das können sie, wohl auch aufgrund der EU-Austeritätspolitik, nur selten. Laut Eurostat war 2017 knapp jede*r Dritte in Griechenland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Für diese Menschen sind die propagierten Vorzüge der „offenen Grenzen und Reisefreiheit“ schlicht nicht existent.

Die ‚verlorene Generation‘

Es gibt auch Statistiken, die ein freundlicheres Bild zeichnen. Der Internationale Währungsfond rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von 2,4 Prozent, Griechenland leiht sich wieder Geld auf dem freien Markt, die Arbeitslosenquote ist von 27,5 Prozent im Jahr 2013 auf aktuell 18,5 Prozent gesunken, der Mindestlohn um knapp elf Prozent gestiegen – von etwa 586 Euro auf 650 Euro.

Doch solche Zahlen zeigen nicht die ganze Wahrheit. Familien, so erzählen sie es mir, haben mittlerweile ihr ganzes Erspartes aufgebraucht – die Sparprogramme, die Steuererhöhungen und Rentenkürzungen zeigten erst jetzt ihre volle Wirkung. Griechenland hat mit etwa 180 Prozent des Bruttoinlandsproduktes immer noch die höchste Schuldenquote in Europa.

Vor allem junge Griech*innen, oftmals als „verlorene Generation“ beschrieben, kennen nichts anderes als permanente Existenzangst. Während des Referendums traf ich Panagiota, eine junge Griechin, die auf mich wie die Botschafterin einer ganzen Generation wirkte. Sie ist gut ausgebildet, hat ein Logopädie-Studium in der Tasche und erzählte mir zugleich von der Perspektivlosigkeit, von ihrem Alltag, in dem sie sich mit Kellnern über Wasser hielt, für vier Euro die Stunde. Heute, vier Jahre später, kann Panagiota eine weitere Ausbildung vorweisen. Sie besuchte in den vergangenen Jahren eine Schauspielschule, doch arbeitet sie immer noch in einem Café, für das gleiche Geld.

Im Zweifel für Europa

Ich treffe die 26-Jährige morgens, sie hat nur ein paar Minuten Zeit, dann muss sie ins Nationaltheater, wo sie derzeit als Regieassistentin tätig ist. Sechs Tage die Woche, bis zu sieben Stunden, 400 Euro kriegt sie dafür. „Ich kann mich glücklich schätzen. Bei anderen, freien Theatern gibt es gar nichts“, sagt Panagiota bescheiden. Zwei Monate lang wird sie in dem Theater arbeiten, bis zur Premiere, danach ist Schluss. Viele junge Erwachsene jobben in einer Bar oder einem Mobilfunkshop mit der Hoffnung, dass sie endlich eine Stelle in ihrem Berufsfeld finden. Viele sind dabei nur die Hälfte ihrer Arbeitszeit sozialversichert.

Mit einer Jugendarbeitslosenquote bei den 15 bis 24-Jährigen von 39,7 Prozent ist Griechenland nach wie vor trauriger Spitzenreiter. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 5,6 Prozent. Viele junge Griech*innen kennen Europa nur als ein Versprechen, das nie wirklich eingelöst wurde. Doch sie fühlen sich auch von der eigenen Regierung betrogen. Schließlich war Tsipras angetreten, um den „Spardiktaten“ ein Ende zu setzen. Was kam: Das Abkommen mit den Gläubigern, weitere Steuererhöhungen, Rentenkürzungen und Privatisierungen. Die fast 257 Milliarden Euro an Notkrediten haben ihren Preis.

„Die Menschen in Griechenland sind historisch betrachtet pro-europäisch eingestellt“, sagt der Politikwissenschaftler Yiannis Balabanidis. Er arbeitet im Finanzministerium und forscht nebenbei an der Athener Panteion-Universität zum Thema „Europaskepsis“. Wir treffen uns in seiner Mittagspause in einem Café, ein junger Typ in seinen Vierzigern, der akribisch Zigaretten dreht. 1981, zum Beitritt Griechenlands in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, seien die Menschen zwar noch skeptisch eingestellt gewesen. „Das hat sich aber schnell normalisiert, so wie in anderen Ländern auch. Die griechische Gesellschaft wurde immer europafreundlicher.“ In Umfragen gab die Mehrheit an, dass Griechenland von der EU profitiere. „Der Anteil dieser Gruppe war zum Teil sogar höher als in anderen Ländern der EU“, so Balabanidis. Mit Blick auf die schwierigen und angespannten Beziehungen zum Nachbarland Türkei war die Europäische Union für Griechenland vor allem geostrategisch, aber auch wirtschaftlich eine Absicherung.

Zu fern oder zu nah

Behält man im Hinterkopf, dass viele Griech*innen in die EU anfangs Hoffnungen setzten, erscheint der Bruch, der sich im vergangenen Jahrzehnt vollzogen hat, noch bitterer. Mit jedem neuen Schub von EU-Fördermitteln, erklärt Balabanidis, sei die Beziehung zwischen Griechenland und Europa „oberfächlicher“ geworden, im Zentrum habe zunehmend Geld gestanden. Parallel übermittelte der griechische Staatsapparat jahrelang falsche Statistiken nach Brüssel. Banken-Krise und Austeritätspolitik sorgten schließlich dafür, dass das Verhältnis weiter abkühlte. 2010 gab erstmals eine Mehrheit der Griech*innen an, dass das Land nicht von der EU-Mitgliedschaft profitiere.

Wenn ich im Frühsommer 2019 durch Griechenland reise und mit den Menschen über die Europäische Union spreche, ist von Euphorie kaum etwas zu spüren.

Die meisten sehen lediglich eine Union des freien Warenverkehrs, der Banken, des Geldes. Das dritte „Rettungspaket“, das die EU-Kommission als „wirtschaftliches Anpassungsprogramm“ bezeichnet, empfindet in Griechenland kaum jemand als Rettung. Von den „Hilfsgeldern“ fühlen sich nur wenige persönlich geholfen. Die EU ist meist sehr fern, und dann plötzlich aufdringlich nah.

Viele Griech*innen haben einen Impuls zum nationalen Alleingang, ahnen aber, dass ein „Grexit“ die Probleme nicht lösen, sondern wohl verschärfen würde. Es scheint, als gäben sich viele damit zu zufrieden, getreu dem Motto: Lieber diese EU als gar keine EU. Die Briten zeigen schließlich, wohin es führen kann.

Veränderung, die bleibt

Wenn die „Griechenland-Krise“ die letzten Jahre eines gezeigt hat, dann dass europäische Solidarität nicht nur über Rettungsschirme und Hilfspakete funktioniert. Es ist die dahinterstehende Politik, die am Ende nur das vom Politologen Balabanidis erwähnte oberflächliche Verhältnis zu Europa fördert. Griechenland symbolisiert vielleicht wie kein anderes Land das, wovor Gregor Gysi bereits 1998 in seiner berüchtigten Bundestagsrede warnte: „Man kann einen Kontinent nicht über Geld einen.“ Der frühere SPD-Chef und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sagte kürzlich in Berlin: Ganz ohne ginge es aber auch nicht.

Aber wodurch kann es geeint werden? Es braucht ein Europa, das die Unterschiede seiner Länder nicht glattbügeln will, sondern respektiert. Ein Europa, das sich für seine Mitglieder nicht nur dann interessiert, wenn es um Geld geht. Die „griechische Krise“ hat die Instabilität Europas entblößt. Eine Union vereint in der Uneinigkeit.

Nun könnte Griechenland zeigen, was für ein Europa möglich ist. Allein der solidarische, offene Umgang vieler Griech*innen mit Geflüchteten hat bewiesen, was die Menschen leisten können – trotz Krise. Die Hilfsbereitschaft auf den ägäischen Inseln und Idomeni, die kleine Insel Tilos, die von Anfang an versuchte, die Neuangekommenen zu integrieren, das City Plaza als umfunktioniertes Hotel für Geflüchtete. Für ein Land in einer Krise war und ist das nicht selbstverständlich, die Last der europäischen Migrationspolitik zu schultern, auch wenn die Solidarität in den vergangenen Jahren nachgelassen hat.

Elefsina, die Kulturhauptstadt Europas 2021, könnte nun also tatsächlich eine „Transition to Euphoria“ auslösen. Hier wird nichts glattgebügelt, hier wird nichts übermalt oder schön angestrichen. Es ist zumindest ein Versuch, ehrlich mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, zu erfahren, was Europa für sie bedeutet. Wer durch die ruhigen Gassen Elefsinas läuft und mit den Menschen spricht, hört häufig das Wort „Teilhabe“. Viele Menschen wünschen sich schlichtweg, dass sie eingebunden werden. Sie wünschen sich, dass ihre Stadt nicht nur für das Jahr 2021 aufpoliert wird, sondern dauerhaft davon profitiert. Dass die Veränderung bleibt.