Was wäre, wenn ganz Europa zuhörte?

Sehn­sucht nach Aufbruch

Kor¬≠rup¬≠ter Staat, Aus¬≠teri¬≠t√§ts¬≠op¬≠fer, Plei¬≠teland. Vie¬≠le Griech*innen sind die Fremd¬≠zu¬≠schrei¬≠bun¬≠gen und Kli¬≠schees aus der Kri¬≠se satt. Sie w√ľn¬≠schen sich, neue Geschich¬≠ten zu erz√§hlen.

Ein altes, rostiges Schiff liegt im Hafen.
Das geschichtstr√§chtige Elefsina beherbergt in seinem Hafen einen gro√üen Schiffsfriedhof. Die Umwelt leidet unter altem √Ėl und giftigen Substanzen. | Foto: Peter J. Fitzpatrick, CC BY-SA 4.0

‚ÄěNa, wie geht‚Äôs heu¬≠te unse¬≠rem fau¬≠len Plei¬≠te¬≠grie¬≠chen?‚Äú, frag¬≠te mich ein deut¬≠scher Freund vor ein paar Jah¬≠ren mal. Er war nicht der Ein¬≠zi¬≠ge, der sich zu die¬≠ser Zeit, als das Aus¬≠ma√ü der Finanz- und Staats¬≠kri¬≠se Grie¬≠chen¬≠lands zuneh¬≠mend sicht¬≠ba¬≠rer wur¬≠de, mit Humor ver¬≠such¬≠te. Auf der ande¬≠ren Sei¬≠te, in Grie¬≠chen¬≠land, durf¬≠te ich mir w√§h¬≠rend des Refe¬≠ren¬≠dums 2015 immer wie¬≠der anh√∂¬≠ren, ich sol¬≠le ‚Äč‚Äěder Mer¬≠kel‚Äú und ‚Äč‚Äědie¬≠sem Sch√§ub¬≠le‚Äú doch bit¬≠te aus¬≠rich¬≠ten, dass sie und die gesam¬≠te Troi¬≠ka aus Grie¬≠chen¬≠land ver¬≠schwin¬≠den soll¬≠ten. Griech*innen muss¬≠te ich also bei¬≠brin¬≠gen, dass ich zwar f√ľr deut¬≠sche Medi¬≠en berich¬≠te, aber kei¬≠nen per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Kon¬≠takt zur deut¬≠schen Bun¬≠des¬≠re¬≠gie¬≠rung pfle¬≠ge, w√§h¬≠rend ich man¬≠chen deut¬≠schen Freun¬≠den erkl√§r¬≠te, dass ihre Wit¬≠ze nicht viel mehr als fade Arro¬≠ganz dar¬≠stell¬≠ten. Es war eine Zeit, in der Res¬≠sen¬≠ti¬≠ments wie Smog in der Luft lagen. 

Ein Blick zur√ľck, zwei nach vorn

2015 war das Jahr, in dem sich Grie¬≠chen¬≠land in einer fast schon ver¬≠ges¬≠se¬≠nen Rol¬≠le befand, im Zen¬≠trum n√§m¬≠lich, im Zen¬≠trum der euro¬≠p√§i¬≠schen Aufmerksamkeit. 

Das Land hat¬≠te sich mit der EU ange¬≠legt ‚Äď und anders¬≠rum. Die Griech*innen hat¬≠ten eine ver¬≠meint¬≠lich lin¬≠ke Regie¬≠rung gew√§hlt, die dann mit den rechts¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠len ‚Äč‚ÄěUnab¬≠h√§n¬≠gi¬≠gen Grie¬≠chen‚Äú koalie¬≠ren soll¬≠te. Schul¬≠den¬≠kri¬≠se, Sch√§ub¬≠le gegen Varou¬≠fa¬≠kis, Zehn¬≠tau¬≠sen¬≠de Men¬≠schen auf den Stra¬≠√üen, ein Hauch von Revo¬≠lu¬≠ti¬≠on lag in der Luft und der fina¬≠le Bruch mit der Euro¬≠p√§i¬≠schen Uni¬≠on schien nah. Die Mehr¬≠heit der Grie¬≠chen setz¬≠te schlie√ü¬≠lich mit ihrem legen¬≠d√§¬≠ren Nein ein State¬≠ment: Wir wol¬≠len die¬≠ses Euro¬≠pa nicht, wir wol¬≠len ein anderes. 

Und heu¬≠te? Wo ist sie hin, die Revo¬≠lu¬≠ti¬≠ons¬≠stim¬≠mung, der Drang der Men¬≠schen, sich Geh√∂r zu ver¬≠schaf¬≠fen? Wo sind die Demonstrant*innen geblie¬≠ben, die auf Ver¬≠√§n¬≠de¬≠rung hoff¬≠ten? Sind sie ver¬≠stummt? Oder h√∂rt ihnen blo√ü kei¬≠ner mehr zu? Der Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keits¬≠zir¬≠kus ist wei¬≠ter¬≠ge¬≠zo¬≠gen, ohne dass sich die struk¬≠tu¬≠rel¬≠len Pro¬≠ble¬≠me gel√∂st haben. Das Land hat ein ambi¬≠va¬≠len¬≠tes Ver¬≠h√§lt¬≠nis zu Euro¬≠pa, es tref¬≠fen prag¬≠ma¬≠ti¬≠scher Opti¬≠mis¬≠mus, Skep¬≠sis, Resi¬≠gna¬≠ti¬≠on, kul¬≠tu¬≠rel¬≠les Poten¬≠ti¬≠al und fast schon trot¬≠zi¬≠ger Huma¬≠nis¬≠mus aufeinander. 

In Euro¬≠pa bekom¬≠men seit eini¬≠gen Jah¬≠ren vor allem rechts¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠le Stim¬≠men Geh√∂r. Orb√°n, Sal¬≠vi¬≠ni, AfD, Le Pen, Nigel Fara¬≠ge, die Lis¬≠te ist lang. Um Grie¬≠chen¬≠land ist es aber stil¬≠ler gewor¬≠den. Und gera¬≠de des¬≠halb lohnt es sich hin¬≠zu¬≠schau¬≠en, zuzu¬≠h√∂¬≠ren. Damit die zwei domi¬≠nie¬≠ren¬≠den Grie¬≠chen¬≠land-Nar¬≠ra¬≠ti¬≠ve der letz¬≠ten Zeit ‚Äď Kor¬≠rup¬≠ti¬≠ons- und Chaos¬≠staat ver¬≠sus √ľber¬≠for¬≠der¬≠tes Aus¬≠teri¬≠t√§ts¬≠op¬≠fer ‚Äď von einem Bild abge¬≠l√∂st wer¬≠den, das der kom¬≠ple¬≠xen Lage des Lan¬≠des gerecht wird.

Ein junger Mann mit kurzen Bart

Pana¬≠jo¬≠tis Gav¬≠ri¬≠lis wur¬≠de 1987 in Deutsch¬≠land gebo¬≠ren und hat Tei¬≠le sei¬≠nes Lebens in Grie¬≠chen¬≠land ver¬≠bracht. Er stu¬≠dier¬≠te Jour¬≠na¬≠lis¬≠tik mit dem Schwer¬≠punkt Wirtschaft/‚ÄčPolitik in Bre¬≠men und Istan¬≠bul. Seit 2018 arbei¬≠tet Gav¬≠ri¬≠lis als frei¬≠er Kor¬≠re¬≠spon¬≠dent im Haupt¬≠stadt¬≠stu¬≠dio von Deutsch¬≠land¬≠ra¬≠dio und reist regel¬≠m√§¬≠√üig nach Grie¬≠chen¬≠land, um von dort zu berich¬≠ten. [Foto: privat]

Eine wirk¬≠li¬≠che Union

Die Stadt Elef¬≠si¬≠na liegt nur eine hal¬≠be Auto¬≠stun¬≠de vom Zen¬≠trum Athens ent¬≠fernt. Knapp 30.000 Men¬≠schen woh¬≠nen hier zwi¬≠schen den Fabrik¬≠schorn¬≠stei¬≠nen einer alten Zement¬≠fa¬≠brik und anti¬≠ken S√§u¬≠len. Schnell setzt sich der Gestank einer benach¬≠bar¬≠ten √Ėlraf¬≠fi¬≠ne¬≠rie in der Nase fest. Es ist eine selt¬≠sa¬≠me Mischung aus tris¬≠tem Indus¬≠trie¬≠ge¬≠biet und anti¬≠ker Aus¬≠gra¬≠bungs¬≠st√§t¬≠te. ‚Äč‚ÄěTran¬≠si¬≠ti¬≠on to Eupho¬≠ria‚Äú hei√üt die Kam¬≠pa¬≠gne die¬≠ser Stadt, die 2021 ‚Äč‚ÄěKul¬≠tur¬≠haupt¬≠stadt Euro¬≠pas‚Äú sein wird. Ein leicht absurd klin¬≠gen¬≠der Titel, den¬≠ke ich zun√§chst, der rea¬≠li¬≠t√§ts¬≠fer¬≠ne Erwar¬≠tun¬≠gen weckt. Oder ist es Zweckoptimismus?

Kel¬≠ly Dia¬≠pouli, k√ľnst¬≠le¬≠ri¬≠sche Lei¬≠te¬≠rin des Kul¬≠tur¬≠haupt¬≠stadt-Pro¬≠jek¬≠tes, m√∂ch¬≠te die loka¬≠le Bev√∂l¬≠ke¬≠rung, von der vie¬≠le in der √Ėlin¬≠dus¬≠trie oder auf Schiffs¬≠werf¬≠ten arbei¬≠ten, mit den Kunst¬≠schaf¬≠fen¬≠den aus aller Welt zusam¬≠men¬≠brin¬≠gen. ‚Äč‚ÄěWir machen die Pro¬≠ble¬≠me sicht¬≠bar, mit denen Euro¬≠pa heut¬≠zu¬≠ta¬≠ge kon¬≠fron¬≠tiert ist. Aber nicht mit der Absicht Euro¬≠pa zu ver¬≠ur¬≠tei¬≠len. Wir wol¬≠len her¬≠aus¬≠fin¬≠den, wie man die¬≠se Pro¬≠ble¬≠me √ľber¬≠win¬≠den kann, wie wir eine wirk¬≠li¬≠che Uni¬≠on gestal¬≠ten k√∂n¬≠nen, die den Men¬≠schen tat¬≠s√§ch¬≠lich etwas n√ľtzt‚Äú, sagt Dia¬≠pouli. Elef¬≠si¬≠na, eine Arbei¬≠ter¬≠stadt im Umbruch, eine Regi¬≠on im Struk¬≠tur¬≠wan¬≠del, steht in gewis¬≠ser Wei¬≠se f√ľr ganz Euro¬≠pa. Es geht um die Fra¬≠ge, wie ein Ort, der sei¬≠ne bes¬≠te Zeit hin¬≠ter sich zu haben scheint, wie¬≠der gl√§n¬≠zen kann. Und es geht auch dar¬≠um, neue Geschich¬≠ten zu erz√§hlen. 

Nicht nur in Elef¬≠si¬≠na sind vie¬≠le der Ansicht, dass die EU sich in ers¬≠ter Linie als ein tech¬≠no¬≠kra¬≠ti¬≠scher, auto¬≠ri¬≠t√§¬≠rer Geld¬≠ver¬≠wal¬≠ter, als ein unge¬≠be¬≠te¬≠ner Gast pr√§¬≠sen¬≠tiert, der einem st√§n¬≠dig auf die H√§n¬≠de guckt. Mal wird dem Land mit Raus¬≠wurf gedroht, dann wie¬≠der mit F√∂r¬≠der¬≠gel¬≠dern unter¬≠st√ľtzt. Um nur ein Bei¬≠spiel f√ľr die¬≠se Schi¬≠zo¬≠phre¬≠nie zu nen¬≠nen: Die EU unter¬≠st√ľtzt finan¬≠zi¬≠ell den Stre¬≠cken¬≠bau f√ľr Hoch¬≠ge¬≠schwin¬≠dig¬≠keits¬≠z√ľ¬≠ge, damit die Fahrt von Athen nach Thes¬≠sa¬≠lo¬≠ni¬≠ki in Zukunft weni¬≠ger als vier Stun¬≠den dau¬≠ern kann (heu¬≠te dau¬≠ert es eher f√ľnf bis sechs Stun¬≠den). Das klingt sinn¬≠voll, bringt den Men¬≠schen aber nur etwas, wenn sie sich Mobi¬≠li¬≠t√§t, also die Zug¬≠ti¬≠ckets, am Ende auch leis¬≠ten k√∂n¬≠nen. Und das k√∂n¬≠nen sie, wohl auch auf¬≠grund der EU-Aus¬≠teri¬≠t√§ts¬≠po¬≠li¬≠tik, nur sel¬≠ten. Laut Euro¬≠stat war 2017 knapp jede*r Drit¬≠te in Grie¬≠chen¬≠land von Armut oder sozia¬≠ler Aus¬≠gren¬≠zung bedroht. F√ľr die¬≠se Men¬≠schen sind die pro¬≠pa¬≠gier¬≠ten Vor¬≠z√ľ¬≠ge der ‚Äč‚Äěoffe¬≠nen Gren¬≠zen und Rei¬≠se¬≠frei¬≠heit‚Äú schlicht nicht existent.

Die ‚Äč‚Äöver¬≠lo¬≠re¬≠ne Generation‚Äė

Es gibt auch Sta¬≠tis¬≠ti¬≠ken, die ein freund¬≠li¬≠che¬≠res Bild zeich¬≠nen. Der Inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠le W√§h¬≠rungs¬≠fond rech¬≠net f√ľr die¬≠ses Jahr mit einem Wachs¬≠tum von 2,4 Pro¬≠zent, Grie¬≠chen¬≠land leiht sich wie¬≠der Geld auf dem frei¬≠en Markt, die Arbeits¬≠lo¬≠sen¬≠quo¬≠te ist von 27,5 Pro¬≠zent im Jahr 2013 auf aktu¬≠ell 18,5 Pro¬≠zent gesun¬≠ken, der Min¬≠dest¬≠lohn um knapp elf Pro¬≠zent gestie¬≠gen ‚Äď von etwa 586 Euro auf 650 Euro. 

Doch sol¬≠che Zah¬≠len zei¬≠gen nicht die gan¬≠ze Wahr¬≠heit. Fami¬≠li¬≠en, so erz√§h¬≠len sie es mir, haben mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le ihr gan¬≠zes Erspar¬≠tes auf¬≠ge¬≠braucht ‚Äď die Spar¬≠pro¬≠gram¬≠me, die Steu¬≠er¬≠erh√∂¬≠hun¬≠gen und Ren¬≠ten¬≠k√ľr¬≠zun¬≠gen zeig¬≠ten erst jetzt ihre vol¬≠le Wir¬≠kung. Grie¬≠chen¬≠land hat mit etwa 180 Pro¬≠zent des Brut¬≠to¬≠in¬≠lands¬≠pro¬≠duk¬≠tes immer noch die h√∂chs¬≠te Schul¬≠den¬≠quo¬≠te in Europa. 

Vor allem jun¬≠ge Griech*innen, oft¬≠mals als ‚Äč‚Äěver¬≠lo¬≠re¬≠ne Genera¬≠ti¬≠on‚Äú beschrie¬≠ben, ken¬≠nen nichts ande¬≠res als per¬≠ma¬≠nen¬≠te Exis¬≠tenz¬≠angst. W√§h¬≠rend des Refe¬≠ren¬≠dums traf ich Panagio¬≠ta, eine jun¬≠ge Grie¬≠chin, die auf mich wie die Bot¬≠schaf¬≠te¬≠rin einer gan¬≠zen Genera¬≠ti¬≠on wirk¬≠te. Sie ist gut aus¬≠ge¬≠bil¬≠det, hat ein Logo¬≠p√§¬≠die-Stu¬≠di¬≠um in der Tasche und erz√§hl¬≠te mir zugleich von der Per¬≠spek¬≠tiv¬≠lo¬≠sig¬≠keit, von ihrem All¬≠tag, in dem sie sich mit Kell¬≠nern √ľber Was¬≠ser hielt, f√ľr vier Euro die Stun¬≠de. Heu¬≠te, vier Jah¬≠re sp√§¬≠ter, kann Panagio¬≠ta eine wei¬≠te¬≠re Aus¬≠bil¬≠dung vor¬≠wei¬≠sen. Sie besuch¬≠te in den ver¬≠gan¬≠ge¬≠nen Jah¬≠ren eine Schau¬≠spiel¬≠schu¬≠le, doch arbei¬≠tet sie immer noch in einem Caf√©, f√ľr das glei¬≠che Geld.

Im Zwei¬≠fel f√ľr Europa 

Ich tref¬≠fe die 26-J√§h¬≠ri¬≠ge mor¬≠gens, sie hat nur ein paar Minu¬≠ten Zeit, dann muss sie ins Natio¬≠nal¬≠thea¬≠ter, wo sie der¬≠zeit als Regie¬≠as¬≠sis¬≠ten¬≠tin t√§tig ist. Sechs Tage die Woche, bis zu sie¬≠ben Stun¬≠den, 400 Euro kriegt sie daf√ľr. ‚Äč‚ÄěIch kann mich gl√ľck¬≠lich sch√§t¬≠zen. Bei ande¬≠ren, frei¬≠en Thea¬≠tern gibt es gar nichts‚Äú, sagt Panagio¬≠ta beschei¬≠den. Zwei Mona¬≠te lang wird sie in dem Thea¬≠ter arbei¬≠ten, bis zur Pre¬≠mie¬≠re, danach ist Schluss. Vie¬≠le jun¬≠ge Erwach¬≠se¬≠ne job¬≠ben in einer Bar oder einem Mobil¬≠funk¬≠shop mit der Hoff¬≠nung, dass sie end¬≠lich eine Stel¬≠le in ihrem Berufs¬≠feld fin¬≠den. Vie¬≠le sind dabei nur die H√§lf¬≠te ihrer Arbeits¬≠zeit sozialversichert. 

Mit einer Jugend¬≠ar¬≠beits¬≠lo¬≠sen¬≠quo¬≠te bei den 15 bis 24-J√§h¬≠ri¬≠gen von 39,7 Pro¬≠zent ist Grie¬≠chen¬≠land nach wie vor trau¬≠ri¬≠ger Spit¬≠zen¬≠rei¬≠ter. Zum Ver¬≠gleich: In Deutsch¬≠land sind es 5,6 Pro¬≠zent. Vie¬≠le jun¬≠ge Griech*innen ken¬≠nen Euro¬≠pa nur als ein Ver¬≠spre¬≠chen, das nie wirk¬≠lich ein¬≠ge¬≠l√∂st wur¬≠de. Doch sie f√ľh¬≠len sich auch von der eige¬≠nen Regie¬≠rung betro¬≠gen. Schlie√ü¬≠lich war Tsi¬≠pras ange¬≠tre¬≠ten, um den ‚Äč‚ÄěSpar¬≠dik¬≠ta¬≠ten‚Äú ein Ende zu set¬≠zen. Was kam: Das Abkom¬≠men mit den Gl√§u¬≠bi¬≠gern, wei¬≠te¬≠re Steu¬≠er¬≠erh√∂¬≠hun¬≠gen, Ren¬≠ten¬≠k√ľr¬≠zun¬≠gen und Pri¬≠va¬≠ti¬≠sie¬≠run¬≠gen. Die fast 257 Mil¬≠li¬≠ar¬≠den Euro an Not¬≠kre¬≠di¬≠ten haben ihren Preis. 

‚ÄěDie Men¬≠schen in Grie¬≠chen¬≠land sind his¬≠to¬≠risch betrach¬≠tet pro-euro¬≠p√§¬≠isch ein¬≠ge¬≠stellt‚Äú, sagt der Poli¬≠tik¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler Yian¬≠nis Bala¬≠ba¬≠ni¬≠dis. Er arbei¬≠tet im Finanz¬≠mi¬≠nis¬≠te¬≠ri¬≠um und forscht neben¬≠bei an der Athe¬≠ner Pan¬≠tei¬≠on-Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§t zum The¬≠ma ‚Äč‚ÄěEuro¬≠pa¬≠skep¬≠sis‚Äú. Wir tref¬≠fen uns in sei¬≠ner Mit¬≠tags¬≠pau¬≠se in einem Caf√©, ein jun¬≠ger Typ in sei¬≠nen Vier¬≠zi¬≠gern, der akri¬≠bisch Ziga¬≠ret¬≠ten dreht. 1981, zum Bei¬≠tritt Grie¬≠chen¬≠lands in die Euro¬≠p√§i¬≠sche Wirt¬≠schafts¬≠ge¬≠mein¬≠schaft, sei¬≠en die Men¬≠schen zwar noch skep¬≠tisch ein¬≠ge¬≠stellt gewe¬≠sen. ‚Äč‚ÄěDas hat sich aber schnell nor¬≠ma¬≠li¬≠siert, so wie in ande¬≠ren L√§n¬≠dern auch. Die grie¬≠chi¬≠sche Gesell¬≠schaft wur¬≠de immer euro¬≠pa¬≠freund¬≠li¬≠cher.‚Äú In Umfra¬≠gen gab die Mehr¬≠heit an, dass Grie¬≠chen¬≠land von der EU pro¬≠fi¬≠tie¬≠re. ‚Äč‚ÄěDer Anteil die¬≠ser Grup¬≠pe war zum Teil sogar h√∂her als in ande¬≠ren L√§n¬≠dern der EU‚Äú, so Bala¬≠ba¬≠ni¬≠dis. Mit Blick auf die schwie¬≠ri¬≠gen und ange¬≠spann¬≠ten Bezie¬≠hun¬≠gen zum Nach¬≠bar¬≠land T√ľr¬≠kei war die Euro¬≠p√§i¬≠sche Uni¬≠on f√ľr Grie¬≠chen¬≠land vor allem geo¬≠stra¬≠te¬≠gisch, aber auch wirt¬≠schaft¬≠lich eine Absicherung. 

Zu fern oder zu nah

Beh√§lt man im Hin¬≠ter¬≠kopf, dass vie¬≠le Griech*innen in die EU anfangs Hoff¬≠nun¬≠gen setz¬≠ten, erscheint der Bruch, der sich im ver¬≠gan¬≠ge¬≠nen Jahr¬≠zehnt voll¬≠zo¬≠gen hat, noch bit¬≠te¬≠rer. Mit jedem neu¬≠en Schub von EU-F√∂r¬≠der¬≠mit¬≠teln, erkl√§rt Bala¬≠ba¬≠ni¬≠dis, sei die Bezie¬≠hung zwi¬≠schen Grie¬≠chen¬≠land und Euro¬≠pa ‚Äč‚Äěober¬≠f√§ch¬≠li¬≠cher‚Äú gewor¬≠den, im Zen¬≠trum habe zuneh¬≠mend Geld gestan¬≠den. Par¬≠al¬≠lel √ľber¬≠mit¬≠tel¬≠te der grie¬≠chi¬≠sche Staats¬≠ap¬≠pa¬≠rat jah¬≠re¬≠lang fal¬≠sche Sta¬≠tis¬≠ti¬≠ken nach Br√ľs¬≠sel. Ban¬≠ken-Kri¬≠se und Aus¬≠teri¬≠t√§ts¬≠po¬≠li¬≠tik sorg¬≠ten schlie√ü¬≠lich daf√ľr, dass das Ver¬≠h√§lt¬≠nis wei¬≠ter abk√ľhl¬≠te. 2010 gab erst¬≠mals eine Mehr¬≠heit der Griech*innen an, dass das Land nicht von der EU-Mit¬≠glied¬≠schaft profitiere. 

Wenn ich im Fr√ľh¬≠som¬≠mer 2019 durch Grie¬≠chen¬≠land rei¬≠se und mit den Men¬≠schen √ľber die Euro¬≠p√§i¬≠sche Uni¬≠on spre¬≠che, ist von Eupho¬≠rie kaum etwas zu sp√ľren. 

Die meis¬≠ten sehen ledig¬≠lich eine Uni¬≠on des frei¬≠en Waren¬≠ver¬≠kehrs, der Ban¬≠ken, des Gel¬≠des. Das drit¬≠te ‚Äč‚ÄěRet¬≠tungs¬≠pa¬≠ket‚Äú, das die EU-Kom¬≠mis¬≠si¬≠on als ‚Äč‚Äěwirt¬≠schaft¬≠li¬≠ches Anpas¬≠sungs¬≠pro¬≠gramm‚Äú bezeich¬≠net, emp¬≠fin¬≠det in Grie¬≠chen¬≠land kaum jemand als Ret¬≠tung. Von den ‚Äč‚ÄěHilfs¬≠gel¬≠dern‚Äú f√ľh¬≠len sich nur weni¬≠ge per¬≠s√∂n¬≠lich gehol¬≠fen. Die EU ist meist sehr fern, und dann pl√∂tz¬≠lich auf¬≠dring¬≠lich nah. 

Vie¬≠le Griech*innen haben einen Impuls zum natio¬≠na¬≠len Allein¬≠gang, ahnen aber, dass ein ‚Äč‚ÄěGre¬≠x¬≠it‚Äú die Pro¬≠ble¬≠me nicht l√∂sen, son¬≠dern wohl ver¬≠sch√§r¬≠fen w√ľr¬≠de. Es scheint, als g√§ben sich vie¬≠le damit zu zufrie¬≠den, getreu dem Mot¬≠to: Lie¬≠ber die¬≠se EU als gar kei¬≠ne EU. Die Bri¬≠ten zei¬≠gen schlie√ü¬≠lich, wohin es f√ľh¬≠ren kann.

Ver­än­de­rung, die bleibt

Wenn die ‚Äč‚ÄěGrie¬≠chen¬≠land-Kri¬≠se‚Äú die letz¬≠ten Jah¬≠re eines gezeigt hat, dann dass euro¬≠p√§i¬≠sche Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t nicht nur √ľber Ret¬≠tungs¬≠schir¬≠me und Hilfs¬≠pa¬≠ke¬≠te funk¬≠tio¬≠niert. Es ist die dahin¬≠ter¬≠ste¬≠hen¬≠de Poli¬≠tik, die am Ende nur das vom Poli¬≠to¬≠lo¬≠gen Bala¬≠ba¬≠ni¬≠dis erw√§hn¬≠te ober¬≠fl√§ch¬≠li¬≠che Ver¬≠h√§lt¬≠nis zu Euro¬≠pa f√∂r¬≠dert. Grie¬≠chen¬≠land sym¬≠bo¬≠li¬≠siert viel¬≠leicht wie kein ande¬≠res Land das, wovor Gre¬≠gor Gysi bereits 1998 in sei¬≠ner ber√ľch¬≠tig¬≠ten Bun¬≠des¬≠tags¬≠re¬≠de warn¬≠te: ‚Äč‚ÄěMan kann einen Kon¬≠ti¬≠nent nicht √ľber Geld einen.‚Äú Der fr√ľ¬≠he¬≠re SPD-Chef und Bun¬≠des¬≠au¬≠√üen¬≠mi¬≠nis¬≠ter Sig¬≠mar Gabri¬≠el sag¬≠te k√ľrz¬≠lich in Ber¬≠lin: Ganz ohne gin¬≠ge es aber auch nicht.

Aber wodurch kann es geeint wer¬≠den? Es braucht ein Euro¬≠pa, das die Unter¬≠schie¬≠de sei¬≠ner L√§n¬≠der nicht glatt¬≠b√ľ¬≠geln will, son¬≠dern respek¬≠tiert. Ein Euro¬≠pa, das sich f√ľr sei¬≠ne Mit¬≠glie¬≠der nicht nur dann inter¬≠es¬≠siert, wenn es um Geld geht. Die ‚Äč‚Äěgrie¬≠chi¬≠sche Kri¬≠se‚Äú hat die Insta¬≠bi¬≠li¬≠t√§t Euro¬≠pas ent¬≠bl√∂√üt. Eine Uni¬≠on ver¬≠eint in der Uneinigkeit. 

Nun k√∂nn¬≠te Grie¬≠chen¬≠land zei¬≠gen, was f√ľr ein Euro¬≠pa m√∂g¬≠lich ist. Allein der soli¬≠da¬≠ri¬≠sche, offe¬≠ne Umgang vie¬≠ler Griech*innen mit Gefl√ľch¬≠te¬≠ten hat bewie¬≠sen, was die Men¬≠schen leis¬≠ten k√∂n¬≠nen ‚Äď trotz Kri¬≠se. Die Hilfs¬≠be¬≠reit¬≠schaft auf den √§g√§i¬≠schen Inseln und Ido¬≠me¬≠ni, die klei¬≠ne Insel Tilos, die von Anfang an ver¬≠such¬≠te, die Neu¬≠an¬≠ge¬≠kom¬≠me¬≠nen zu inte¬≠grie¬≠ren, das City Pla¬≠za als umfunk¬≠tio¬≠nier¬≠tes Hotel f√ľr Gefl√ľch¬≠te¬≠te. F√ľr ein Land in einer Kri¬≠se war und ist das nicht selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich, die Last der euro¬≠p√§i¬≠schen Migra¬≠ti¬≠ons¬≠po¬≠li¬≠tik zu schul¬≠tern, auch wenn die Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t in den ver¬≠gan¬≠ge¬≠nen Jah¬≠ren nach¬≠ge¬≠las¬≠sen hat.

Elef¬≠si¬≠na, die Kul¬≠tur¬≠haupt¬≠stadt Euro¬≠pas 2021, k√∂nn¬≠te nun also tat¬≠s√§ch¬≠lich eine ‚Äč‚ÄěTran¬≠si¬≠ti¬≠on to Eupho¬≠ria‚Äú aus¬≠l√∂¬≠sen. Hier wird nichts glatt¬≠ge¬≠b√ľ¬≠gelt, hier wird nichts √ľber¬≠malt oder sch√∂n ange¬≠stri¬≠chen. Es ist zumin¬≠dest ein Ver¬≠such, ehr¬≠lich mit den Men¬≠schen ins Gespr√§ch zu kom¬≠men, zu erfah¬≠ren, was Euro¬≠pa f√ľr sie bedeu¬≠tet. Wer durch die ruhi¬≠gen Gas¬≠sen Elef¬≠si¬≠nas l√§uft und mit den Men¬≠schen spricht, h√∂rt h√§u¬≠fig das Wort ‚Äč‚ÄěTeil¬≠ha¬≠be‚Äú. Vie¬≠le Men¬≠schen w√ľn¬≠schen sich schlicht¬≠weg, dass sie ein¬≠ge¬≠bun¬≠den wer¬≠den. Sie w√ľn¬≠schen sich, dass ihre Stadt nicht nur f√ľr das Jahr 2021 auf¬≠po¬≠liert wird, son¬≠dern dau¬≠er¬≠haft davon pro¬≠fi¬≠tiert. Dass die Ver¬≠√§n¬≠de¬≠rung bleibt.