Editorial

Was wäre, wenn öffent­li­cher Per­so­nen­ver­kehr kos­ten­los wäre?

Elek­tro­au­tos und Flug­ta­xis wer­den die Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft nicht bewäl­ti­gen. Für gerech­te und nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät müs­sen neue kol­lek­ti­ve Ide­en dis­ku­tiert werden.

Blick über den Boden eines Busses, bei dem die Füße der Fahrgäste zu sehen sind.
Matthew Henry via unsplash

Im Febru­ar 2018 über­rasch­te die Bun­des­re­gie­rung mit einem radi­ka­len Vor­schlag: In meh­re­ren deut­schen Groß­städ­ten soll­te der öffent­li­che Nah­ver­kehr künf­tig gra­tis ange­bo­ten wer­den, hieß es in einem Brief, den das Kanz­ler­amt, sowie Umwelt- und Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um unter­schrie­ben hat­ten. Adres­sat war die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, die Deutsch­land zuvor mit einer Kla­ge wegen andau­ern­der Über­schrei­tung der Schad­stoff­grenz­wer­te gedroht hat­te. Lang­fris­tig plan­te die Bun­des­re­gie­rung sogar, die Maß­nah­men für sau­be­re Luft bun­des­weit auszurollen. 

Die Reak­tio­nen auf die­sen Vor­stoß ver­rie­ten nicht nur, wie pola­ri­sie­rend das The­ma öffent­li­cher Ver­kehr ist, son­dern auch wie über­fäl­lig eine Dis­kus­si­on dar­über. Von den Oppo­si­ti­ons­par­tei­en kam alles zwi­schen Über­ra­schung, Lob und Kri­tik. Der Ver­band Deut­scher Ver­kehrs­un­ter­neh­men bemän­gel­te die Finan­zie­rungs­lü­cken und warn­te vor Aktio­nis­mus, wäh­rend die Deut­sche Umwelt­hil­fe von wol­ki­gen Ankün­di­gun­gen“ sprach. In einer kurz dar­auf durch­ge­führ­ten Umfra­ge des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Civey stimm­ten mehr als die Hälf­te der Befrag­ten für einen kos­ten­frei­en Nahverkehr. 

Das umstrit­te­ne Auto

Aus dem Plan der Bun­des­re­gie­rung ist bis heu­te nichts gewor­den. Die Pro­ble­me sind geblie­ben. Bus­se und Bah­nen sind in vie­len Städ­ten über­las­tet, wäh­rend sie auf dem Dorf zu sel­ten genutzt wer­den. In Bal­lungs­zen­tren sind die Stra­ßen oft ver­stopft, in länd­li­chen Regio­nen ver­waist. In Groß­städ­ten wie Ber­lin, Ham­burg und Mün­chen ver­schwen­den Autofahrer*innen pro Jahr rund sechs Tage im Stau. Und die Kla­ge der EU-Kom­mis­si­on konn­te auch nicht abge­wen­det werden.

Deutsch­land stößt wei­ter­hin mehr CO2-Emis­sio­nen aus, als die Erde ver­tra­gen kann. Der Anteil der Ver­kehrs­emis­sio­nen am gesam­ten CO2-Aus­stoß ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sogar gestie­gen. Es wirkt so, als wür­de die­ses Land kei­ne Ant­wor­ten auf eine der drin­gends­ten Fra­gen unse­rer Gesell­schaft fin­den: Wie bewah­ren wir uns Mobi­li­tät, ohne die Umwelt zu zerstören? 

Der Druck aus der Bevöl­ke­rung ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gewach­sen. In Ber­lin zum Bei­spiel wur­de der Senat qua Volks­ent­scheid gezwun­gen, Schrit­te zu einem fahr­rad­freund­li­che­ren Ver­kehr zu unter­neh­men, nicht zuletzt wegen der kon­stant hohen Zah­len von Ver­kehrs­to­ten. Bür­ger­initia­ti­ven kämp­fen über­all in Deutsch­land für auto­freie Stadt­be­zir­ke. Das Auto ist längst nicht mehr so unum­strit­ten wie frü­her, ins­be­son­de­re Ben­zin- und Die­sel­fahr­zeu­ge ste­hen in der Kritik.

Die Zukunft liegt im Kollektiv

Die Kli­ma- und Infra­struk­tur-Her­aus­for­de­run­gen las­sen sich nicht durch loka­le Refor­men bewäl­ti­gen – da sind sich fast alle Exper­ten einig. Auch der fos­sil betrie­be­ne Indi­vi­du­al­ver­kehr ist kein Modell der Zukunft. Zu dre­ckig. Zu gefähr­lich. Zu raum­ein­neh­mend. Und auch: zu teu­er. Der Kas­se­ler Ver­kehrs­for­scher Cars­ten Som­mer errech­ne­te im ver­gan­ge­nen Jahr, dass Autos mehr exter­ne – also nicht durch die eige­nen Nutzer*innen gedeck­ten – Kos­ten ver­ur­sa­chen, als jedes ande­re Verkehrsmittel. 

Die Mobi­li­tät der Zukunft, das scheint nahe­lie­gend, ist kol­lek­tiv. Was wäre also, wenn öffent­li­cher Per­so­nen­ver­kehr tat­säch­lich kos­ten­los wäre? Und zwar nicht nur in ein­zel­nen Regio­nen und für eine begrenz­te Zeit. Son­dern bun­des­weit und dau­er­haft. Was wäre, wenn Bus­se und Bah­nen zur selbst­ver­ständ­li­chen Daseins­vor­sor­ge gehör­ten? Für jeden frei, unab­hän­gig vom eige­nen Ein­kom­men. Was für neue Räu­me wür­den sich dann erge­ben? Phy­sisch und psy­chisch. Hät­ten wir eine ande­re Gesellschaft?

Kos­ten­los heißt nicht umsonst

Dass kos­ten­lo­se Fahr­ten im ÖPNV allein nicht rei­chen, ist klar. Es braucht eine Rei­he ande­rer Maß­nah­men, Initia­ti­ven und Geset­ze, damit so etwas wie eine Ver­kehrs­wen­de wirk­lich rea­li­siert wer­den kann. Das kann eine City­maut sein, das kön­nen Elek­tro­au­tos sein, viel­leicht sogar Flug­ta­xis. Drin­gen­der und essen­zi­el­ler scheint aber eine Neu­struk­tu­rie­rung des öffent­li­chen Ver­kehrs. Wes­halb wir ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven zu die­sem The­ma zusam­men­ge­bracht haben.

Die Jour­na­lis­tin Han­na Ger­wig arbei­tet die Erfah­run­gen auf, die die est­ni­sche Haupt­stadt Tal­linn seit der Ein­füh­rung eines fahr­schein­frei­en ÖPNV im Jahr 2013 macht. Der Blog­ger und Grün­der der Inter­net­platt­form Zukunft Mobi­li­tät Mar­tin Ran­del­hoff fasst die Ergeb­nis­se einer neu­en Stu­die des Deut­schen Insti­tuts für Luft- und Raum­fahrt zum kos­ten­lo­sen ÖPNV zusam­men. Der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Weert Canz­ler ana­ly­siert den Abna­be­lungs­pro­zess der Deut­schen vom eige­nen Auto als Bedin­gung für eine am Nut­zen, nicht am Eigen­tum ori­en­tier­te Mobi­li­tät. Der Ver­kehrs­for­scher Hei­ner Mon­heim dis­ku­tiert mit dem Zukunfts­for­scher Lars Thom­sen, wie der öffent­li­che Per­so­nen­ver­kehr der Zukunft aus­se­hen wird und wel­chen Platz digi­ta­le Inno­va­tio­nen und auto­no­mes Fah­ren dabei ein­neh­men kön­nen und sol­len. Die Ver­kehrs­pla­ne­rin Caro­lin Röh­rig vom Fach­zen­trum Mobi­li­tät im Länd­li­chen Raum macht Vor­schlä­ge, wie Men­schen auch jen­seits der Metro­po­len vom öffent­li­chen Ver­kehr pro­fi­tie­ren kön­nen. Der Pira­ten-Poli­ti­ker Oli­ver Bay­er spricht im Inter­view dar­über, was pas­siert, wenn man fahr­schein­frei­en ÖPNV in einem deut­schen Par­la­ment vor­schlägt. Die Phi­lo­so­phin Johan­na Worbs hat eine Uto­pie ent­wor­fen, in der ein kos­ten­lo­ser, öffent­li­cher Ver­kehr viel mehr als nur Fort­be­we­gung anbietet.

Eines vor­ab: Natür­lich ist die Bezeich­nung kos­ten­lo­ser Nah­ver­kehr“ unge­nau, irgend­wo muss das Geld ja her­kom­men. Es wäre eine Umstel­lung der Finan­zie­rung. Die Mit­tel müss­ten etwa aus Steu­er­gel­dern ent­nom­men wer­den. Doch genau so lie­ße sich – bei klu­ger Pla­nung und Durch­füh­rung – Nach­hal­tig­keit mit sozia­ler Gerech­tig­keit verbinden.