Was wäre, wenn Städte gut für das Klima wären?

Nie wieder abreißen

Die urbane Wohnungsnot wird größer, die Klimakatastrophe aber auch. Um beides zu lösen, brauchen wir einen Paradigmenwechsel in der Stadtplanung - ohne Zement und Neubauten.

Foto: Lorie Shaull

Bei der Frage nach einer nachhaltigen und schließlich klimaneutralen Stadt gibt es einen zentralen Aspekt, der fast aggressiv verschwiegen wird: das Bauen ist so, wie es in den letzten Jahrzehnten praktiziert wurde, in hohem Maße toxisch für die Umwelt. Zement zum Beispiel ist ein echter Klimakiller, seine Herstellung ist weltweit für acht Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich, zudem ist er schlecht recyclebar. Und in Deutschland verursacht das Bauen mehr als 200 Millionen Tonnen an Bau- und Abbruchabfällen jährlich, das sind über fünfzig Prozent des Abfallaufkommens.

Ganz einfach gesagt: Konventionelles Bauen mit Beton und Stahl ist mit dem Konzept einer klimaneutralen Stadt nicht vereinbar. Klar ist, die Städte in aller Welt wachsen rasant – und wo sollen die ganzen Menschen wohnen? Diese Frage hat eine erhebliche soziale Tragweite. Auch in Deutschland ist der Wohnungsbau längst auf der Ebene der Bundespolitik angekommen und einer der Top-Wahlkampfthemen. Was dabei überrascht: Allein 2018 wurden statistisch gesehen 172.000 Wohnungen zu viel gebaut. Dies ergibt sich aus dem Bevölkerungsanstieg von 227.000 Einwohnern und rechnerisch dafür benötigten 113.500 Wohneinheiten. Tatsächlich wurden aber in diesem Zeitraum 285.900 Wohneinheiten neu gebaut. Das erscheint als krasser Widerspruch für alle diejenigen, die erfolglos auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sind.

Manuel Ehlers ist bei der sozial-ökologischen Triodos Bank für den Bereich Nachhaltige Immobilien zuständig.


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Die Lobby der Neubauten

Wer jetzt sagt, das gilt nicht für die Metropolen, dem sei folgendes Zahlenverhältnis ans Herz gelegt: Die Stadt Berlin ist 2018 um 31.300 Einwohner gewachsen, statistisch hätte es dafür 15.600 neue Wohnungen gebraucht – gebaut wurden aber sogar 16.706 neue Wohnungen (so nachzulesen in einem Interview mit Daniel Fuhrhop, Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Oldenburg). Dennoch ruft die Immobilienbranche mantra-artig „bauen, bauen, bauen“. Die Forderung nach mehr Neubau folgt dem makroökonomischen Muster, dass der Preis (also die Miete) sich schon regulieren würde, wenn das Angebot stimmt – doch diese Gleichung geht schon durch Zweckentfremdung in Milieuschutzgebieten, Airbnb und spekulativen Leerstand nicht auf.

Die ständige Forderung nach Neubauten ist deshalb naiv oder lobbyistisch motiviert – und lässt die Frage des Überlebens des Planeten außer Acht. Boden ist kein beliebig vermehrbares Gut – schon gar nicht in Berliner Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg. Bauen braucht Zeit – eine Wohnung, die heute benötigt und nachgefragt wird, ist erst zwei bis drei Jahre später bezugsfertig. Das Bauen in der gegenwärtigen Form ignoriert meist die Frage, was gebaut werden soll, für wen und von wem – und vor allem, in welcher Art und Weise. Sinnvolle Antworten auf diese Fragen kommen weder von der Politik noch aus dem Bausektor selbst. Wer genauer hinschaut findet erste gute Ansätze in Bürgerinitiativen oder Zusammenschlüssen wie dem Netzwerk "Immovielen", einer Plattform für gemeinwohlorientierte Akteure rund um das Thema Bauen.

Wir brauchen drastische Reduktion

Die Immobilienbranche versteht unter Nachhaltigkeit kein zukunftsorientiertes, ganzheitliches Handeln unter Berücksichtigung der Lebenszykluskosten, sondern ein "Weiter so", vielleicht ergänzt um neue, vermeintlich smarte Technologien. Unser CO2-Konto ist längst verbraucht. Wenn wir Nachhaltigkeit ernst nehmen, sind die Klimaziele nicht mit neuen smarten Technologien zu erreichen, sondern fast ausschließlich mit drastischer Reduktion. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Wohnfläche 46,5 Quadratmeter pro Kopf – Tendenz steigend. Da stellt sich die Frage nach der Suffizienz, und ob das eine richtige Entwicklung ist. Die nachhaltigste Art zu bauen ist eindeutig – und da dürften sich alle einig sein – nicht zu bauen. Es ist im Übrigen auch sachlogisch, dass die Miete in einem Bestandsgebäude geringer ist, als die Miete, die an derselben Stelle in einem Neubau gezahlt werden muss, die nicht nur die Kosten für den Abriss, sonder auch den Neubau selbst erwirtschaften muss. Dieser Logik folgend, müsste es ein generelles Abrissverbot geben.

In Bezug auf Immobilien müssen wir ganzheitlich betrachtet nicht nur den laufenden Energieverbrauch einer Immobilie berücksichtigen, sondern auch die Lebenszykluskosten und den CO2-Rucksack, den das konventionelle Bauen mit sich trägt – von der Erstellung bis zur Entsorgung. Der CO2-Ausstoß bei der Produktion von Baumaterialien wird fast immer ausgeblendet, was dadurch erleichtert wird, dass immer noch keine vernünftige Bepreisung von CO2 existiert. Wenn man einen realistischen Preis für CO2 in Form einer CO2-Steuer von 180 Euro pro Tonne zugrunde legt, wie es von Scientists for Future und anderen gefordert wird, würde das den Endpreis von Beton beispielsweise fast verdoppeln.

Nachnutzung, Umnutzung, Holznutzung

Es stellt sich also ökonomisch, ökologisch und kulturell die Frage: Was wäre, wenn wir ein Abrissverbot hätten? Tatsache ist: Wir müssen mit ressourcenschonenden, lokalen, nachwachsenden Materialien arbeiten – in erster Linie und soweit konstruktiv und brandschutztechnisch möglich mit Holz, Lehm und Hanf. Ein Szenario, das sich in der Konsequenz eines Abrissverbotes in Kombination mit einer vernünftigen Post-Wachstumsgesellschaft manifestiert, wäre zum Beispiel eine Landschaft diverser leerstehender Shopping-Malls. Diese dann einfach abzureißen, wäre für viele Konsumkritiker sicherlich eine große Genugtuung – und gleichzeitig sind sie ein wertvolles Mahnmal einer Konsumgesellschaft, an der wir um ein Haar kaputt gegangen wären.

Diese leeren Einkaufszentren ließen sich wunderbar nachnutzen, indem sie etwa zu vertikalen Gewächshäusern und Aquaponik-Anlagen (das ist die Gemüsezucht in erdlosen Wasser-Anlagen, die etwa in Tel Aviv schon heute im großen Stil betrieben wird) umfunktioniert werden. Sie können ohne lange Transportwege die Stadt mit Nahrungsmitteln versorgen. Auf den Dächern werden kommunale Gärten entstehen, die auch Treffpunkt und zusätzliche Grünflächen in der Stadt sind. Die Stadt würde so sukzessive zu einer grünen Oase, die sogar im Stande ist, einen positiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Ein positives Beispiel dafür, wie bereits begonnen wird, zentral gelegene und nicht ausreichend genutzte Flächen nachzunutzen, ist auf dem Parkhaus im Ring-Center 2 in Berlin entstanden. Hier ist auf dem obersten und fast nie von Autofahrern benutzten Parkdeck ein Hotel mit 152 Zimmer in Holzmodulbauweise entstanden. Es wurde also eine innerstädtische Brache nachgenutzt und mit einer Bauweise verdichtet, die aufgrund des Materialeinsatzes in der Herstellung klimaneutral oder sogar besser ist, weil das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft mehr CO2 gespeichert hat, als durch Verarbeitung und Transport anfällt.

Kurze Wege, lokale Produktion

In einem anderen beispielhaften Projekt wurden in einem leerstehenden und dem Abriss geweihten Industriegebäude in einem südlichen Stadtteil Berlins leerstehende Flächen so hergerichtet, dass sie jetzt über 60 Künstlerateliers beherbergen. Direkt gegenüber wurde hingegen eine bestehende Immobilie platt gemacht, um eine Logistikhalle für einen riesigen Versandhändler zu bauen. Hier fahren nun die prekär beschäftigten Kuriere in ihren Dieselkutschen ein und aus, um im Internet bestellte Waren innerhalb von wenigen Stunden in die Stadt auszuliefern. Genau wie die Entwicklung neuer Shopping-Malls in Berlin ist dies eine höchst denkwürdige Entwicklung und völlig entgegen der Utopie einer klimagerechten Stadt, der kurzen Wege und der lokalen Produktion.

Wenn wir ein Abrissverbot hätten, würden wir also nicht nur verwaiste Shoppingcenter auf nachhaltige Weise nachnutzen und in den Dienst der Stadtgesellschaft stellen, wir würden auch verhindern, dass weiter Verwertungsphantasien von Investoren angeheizt werden. Dass die Bodenpreise in Ballungsräumen immer neue Höhen erreichen, liegt auch an der fortfährenden Befriedigungen von Renditeversprechen und Verdichtung des Stadtraums mit Hochhäusern, Mikroapartments oder Kapselhotels.

Apropos Rendite mit Grund und Boden: In Artikel 161, Absatz 2 der Bayrischen Verfassung steht: "Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Arbeits- oder Kapitalaufwand des Eigentümers entstehen, sind für die Allgemeinheit nutzbar zu machen." Ergänzend dazu passt die mit dem Eigentum verknüpfte Verpflichtung, dem Gemeinwohl zu dienen, aus Artikel 14 des Grundgesetzes. "Eigentum verpflichtet" heißt der berühmte Satz, der heute so oft ignoriert wird. Wenn wir also ein Abrissverbot hätten, käme das nicht etwa dem Ausrufen des Kommunismus gleich, es wäre lediglich die längst fällige Übersetzung der Verfassung in zeitgemäße Gesetzgebung.

Neudenken statt abreißen

Der Diskurs über ein Abrissverbot sollte dabei überall gelten und nicht bei Wohnraum halt machen. Gewerberäume und -mieten sind genauso problematisch. Zum Teil ist die Verdrängung im Gewerbebereich sogar noch stärker als im Wohnbereich – und das liegt eben nicht daran, dass nicht genug Shoppingcenter oder andere Gewerbeobjekte gebaut werden, die wir hoffentlich irgendwann dank eines Abrissverbotes als Beweis unserer hoffentlich dann überwundenen Dummheit und in neuer Funktion bewundern dürfen. Das betrifft den Weinladen an der Ecke ebenso wie den kleinen Handwerker, Künstlerateliers und viele soziale Träger in der Stadt, die etwa Wohnraum und Hilfe für diejenigen in unserer Gesellschaft bieten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Deswegen braucht es einen stärkeren Schutz für Gewerbemieten – zum Beispiel durch ein Abrissverbot in Kombination mit einem Mietendeckel für Gewerbemieten.