Was wäre, wenn Technologie uns die Arbeit abnähme?

Neue Ökonomien für das digitale Zeitalter

Steigende Produktivität sorgt bislang nicht für die Reduktion von Arbeitszeit und wird so zu einem ökologischen Problem. Erst wenn Zeitgewinne wachsenden Konsum ersetzen, wird Wohlstand nachhaltig.

Im Jahr 2013 landeten zwei Wissenschaftler aus Oxford einen akademischen Coup: Carl Frey und Michael Osborne veröffentlichten eine Studie, in der sie die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt prognostizierten. Die Ergebnisse wurden international in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Studie sagte voraus, dass innerhalb von 20 Jahren in den USA 47 Prozent der Jobs mittels Computer und Roboter automatisiert werden könnten – quer durch alle Qualifizierungsniveaus. Auf Deutschland bezogen, würden nach der Logik ihrer Berechnungsweise 42 Prozent aller Jobs wegfallen. Inzwischen ist die Angst vor Arbeitsplatzverlusten jedoch bei den meisten Analysen stark relativiert worden. Bereits kurze Zeit nach der Veröffentlichung von Frey und Osborne haben andere Studien bedeutend geringere Auswirkungen vorhergesagt. Heute, sechs Jahre später, ist klar: So schnell geht es nicht mit den Arbeitsplatzverlusten. Denn zum einen ist die Revolution nicht so schnell wie gedacht. Noch viel wichtiger ist aber: Andere Arbeitsplätze entstehen.

Steffen Lange

Steffen Lange erforscht am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, wie Ökonomien nachhaltig gestaltet werden können. Schwerpunkte sind die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch, Rebound-Effekte, Digitalisierung und Konzepte für Ökonomien ohne Wachstum. Zuletzt erschienen von ihm „Smarte grüne Welt?“ und „Macroeconomics without Growth“.


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Diese Erkenntnis ist historisch nicht neu: Seit Beginn der industriellen Revolution war immer wieder von radikalen Rationalisierungen die Rede. Und immer wieder entstanden neue Arbeitsplätze an anderer Stelle, das Heer von Langzeit-Arbeitslosen bleibt bis heute aus. Das heißt nicht, dass Arbeitslosigkeit in unserer Gesellschaft kein Problem darstellt. Aber die Arbeitsplatzsituation wird nicht langfristig immer schlechter, das haben die letzten 200 Jahre gezeigt.

Eine Interpretation dessen ist: Dann ist ja alles gut, es werden neue Arbeitsplätze entstehen und allen (oder zumindest den meisten) geht es gut. Das ist aber nur der Fall, wenn man sich die Arbeitsplatzfrage allein auf Makroebene ansieht und andere soziale und ökologische Belange ausblendet. Übersehen wird, dass Arbeitsplatzverluste für die betroffenen Personen ökonomisch und sozial meist katastrophal sind. Außerdem hängt es wesentlich von den sozialpolitischen Rahmenbedingungen ab, ob die neuen Arbeitsplätze eine Verbesserung oder Verschlechterung darstellen. Darüber hinaus ist die ökologische Situation im Laufe dieser 200 Jahre immer schlechter geworden ist. Neben der Klimakatastrophe erleben wir derzeit eine Biodiversitätskatastrophe.

Die gute Nachricht ist: Das muss nicht so sein. Dafür müssen wir anerkennen, dass „die Technologie“ keine neutrale Materie ist. Sie ist eng an die Möglichkeiten und Sinnzuschreibungen gekoppelt, die wir ihr geben. Und sie entwickelt sich auch nicht von selbst, sondern hängt davon ab, wer sie mit welchen Zielsetzungen vorantreibt. Historisch gewendet heißt das: Wir hätten „neue“ Technologien in der Vergangenheit anders entwickeln und nutzen können. Dies können wir heute mit der neuesten Basistechnologie, den Informations- und Kommunikationstechnologien, ebenfalls tun.

Wachstum statt Arbeitslosigkeit

Vor Beginn der industriellen Revolution haben die allermeisten Menschen in Europa in der Landwirtschaft gearbeitet. Noch 1900 produzierte ein*e Bäuer*in im Schnitt Nahrungsmittel für vier Personen. Bis 1950 kletterte diese Zahl auf zehn Personen, um dann bis 2004 auf 131 Personen hochzuschnellen, Tendenz weiter steigend. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ein landwirtschaftlicher Betrieb ist heute in der Lage, zehnmal mehr Menschen mit dem gleichen menschlichen Arbeitseinsatz zu ernähren, als noch vor 50 Jahren. Hätte man diese Zahlen einer Person aus vorindustriellen Zeiten präsentiert, sie wäre wohl nicht umhingekommen, sich zu fragen was denn die Menschen im 21. Jahrhundert noch machen werden. Faulenzen? Sich intellektuellen Spielereien hingeben?

Das Resultat des Produktivitätsanstiegs in der Landwirtschaft war aber nicht Faulenzerei Stattdessen wechselten viele Arbeitssuchende in die Industrie. Ob dies für die Menschen eine positive oder negative Entwicklung war, ist nicht so einfach zu sagen. Im 19. Jahrhundert beschrieb u.a. Karl Marx die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen in der Industrie. Andere verweisen auf den, zumindest langfristig, steigenden Lebensstandard auch der arbeitenden Bevölkerung. Die Geschichte hat auch gezeigt, dass sozialpolitische Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle spielen: Gewerkschaften und sozialdemokratische Gesetzgebungen trugen entscheidend dazu bei, dass sich die Bedingungen der Arbeiter*innen in Westeuropa und Nordamerika im Laufe des 20. Jahrhunderts verbessert haben. Bei aller Ambivalenz der Industrialisierung wird eines klar: In der Industrie sind die Arbeitsplätze entstanden, die in der Landwirtschaft aufgrund von Produktivitätsgewinnen weggefallen sind. Breitflächiger Zeitwohlstand ließ auf sich warten.

Der nächste Schritt war von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Wieder gab es große Angst vor Arbeitsplatzverlusten, und wieder blieben sie in der Breite aus. Heute arbeitet nur noch ein Bruchteil der frühindustrialisierten Gesellschaften in der Industrie, sehr viel mehr Menschen arbeiten im Dienstleistungsbereich. Das hat zwar auch damit zu tun, dass die industrielle Produktion sich global in die Schwellenländer verlagert hat. Bedeutender ist jedoch die Automatisierung. Nicht die Menschen in China, sondern die Roboter ersetzen also die Arbeitsplätze. Aber: neue entstehen an anderer Stelle.

Alle diese Transformationen gingen mit Wirtschaftswachstum einher. Und solange Produktivitätssteigerung mit Vollzeitbeschäftigung der breiten Bevölkerung zusammenfällt, wird das so bleiben, da der wachsende Wohlstand eben nicht in freie Zeit, sondern in zusätzlichen Konsum übersetzt wurde. Wenn es nun stimmt, dass die Digitalisierung einen neuen Rationalisierungsschub bringt, dann ist die Frage: Antworten wir wieder mit Wirtschaftswachstum darauf? Oder anders ausgedrückt: Lassen wir den Mechanismen des Kapitalismus weiter freies Spiel?

Wachstum statt Nachhaltigkeit

Aus ökologischer Sicht ist es keine gute Idee, auf starkes Wachstum im digitalen Kapitalismus zu setzen. Die vorangegangenen Transformationen des Kapitalismus sind immer mit der Steigerung von Ressourcenverbrauch, Klimagasemissionen und anderer Naturzerstörung einhergegangen. Das wird bei der digitalen Transformation nicht anders sein, wenn wir die Spielregeln nicht ändern. Der Schritt von der Agrar- zur Industriegesellschaft hat zunächst die Verbrennung vieler Wälder und dann fossiler Rohstoffe nach sich gezogen. Und auch der nächste Schritt zur Dienstleistungsgesellschaft hat die ökologische Situation verschlimmert statt verbessert – und das obwohl Dienstleistungen weniger ressourcenintensiv als Industrieprodukte sind. Die Erklärung ist einfach: Dienstleistungen haben industrielle Produktion nicht abgelöst, sie sind oben drauf gekommen. Das Ergebnis: Wir sind meilenweit davon entfernt, ökologisch nachhaltig zu wirtschaften. So verfehlt Deutschland das Pariser Klimaabkommen um Meilen.

Die Digitalisierung fügt sich in dieses Schema ein. Denn zunächst bedeuten digitale Neuerungen zusätzlichen Konsum, etwa von Computern, Smartphones und neuen smarten Haushaltsgeräten. Das ist die materielle Basis der Digitalisierung. Inzwischen entfallen so rund zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs sowie drei bis vier Prozent der globalen Treibhausgasemissionen auf die Nutzung des Internets und der Geräte der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) – ein Anteil, der allen Prognosen zufolge weiter steigen wird. Demgegenüber steht die Hoffnung, dass digitale Geräte effizienter sind und zu ökologischer Entlastung führen. Und tatsächlich nimmt die Effizienz insgesamt zu. Allerdings tritt hier ein weiterer bekannter Effekt aus vorherigen Transformationen auf - Wachstum durch die neuen Technologien. Die industrielle Produktion soll nicht nur ökologischer, sondern auch kosteneffizienter werden, um weiter wachsen zu können. Die Wissenschaft kennt diesen Zusammenhang als Reboundeffekt. So werden beispielsweise Prozessoren in Computern und Smartphones immer energieeffizienter. Doch die daraus resultierende Energieersparnis wird von der zunehmenden Nutzung der Geräte mehr als überkompensiert. Insgesamt entsteht aus ökologischer Sicht also ein ambivalentes Bild der Digitalisierung, in dem sich die gegensätzlichen Effekte bestenfalls gegenseitig aufheben. Das bedeutet: Darauf, dass die Digitalisierung von alleine unseren Planeten retten wird, sollten wir nicht hoffen.

Es hapert nicht an neuen Technologien, es hapert an neuen Ökonomien

Die Geschichte des Kapitalismus offenbart immer wieder die gleichen Logiken. Wettbewerb und neue Technologien rationalisieren Arbeitsplätze und steigern die Energie- und Ressourceneffizienz – sei es in der Landwirtschaft, der Industrie, den Dienstleistungen oder der Digitalen Ökonomie. Doch diese Entwicklungen führen im bestehenden globalen Wirtschaftssystem weder zu einem Heer von Arbeitslosen, noch zu sinkendem Energie- und Ressourcenverbrauch. Arbeitslose sind dazu gezwungen, für relativ geringen Lohn zu arbeiten und damit neue Geschäftsfelder zu ermöglichen. Das verhindert mittelfristig Arbeitslosigkeit und führt zu Wachstum. Höhere Energieeffizienz führt zu mehr Produktion und der Erfindung gänzlich neuer Produkte. Soziale und ökologische Belange bleiben in diesem Prozess meist auf der Strecke.

Lassen wir die Digitalisierung so wirken wie bisherige Technologien, ist das Ergebnis somit sehr klar: Bestimmte Arbeitsplätze werden wegfallen und andere werden entstehen. Die Wirtschaft wird weiter wachsen. Ob die Transformation mehr oder weniger Ungleichheit hervorbringt und zu besseren oder schlechteren Arbeits- und Lebensbedingungen führt, hängt von den wirtschafts- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen ab. Dessen ungeachtet ist jedoch klar: Ökologisch wird uns dieses Status-Quo-Szenario in den sicheren Ruin treiben.

Dieser Beitrag verweist daher auf das Szenario einer deutlich tiefer ansetzenden sozial-ökologischen Transformation, welche sich auf das transformative Moment der Digitalisierung stützt: digitale und andere neue Technologien könnten demnach für eine Neuaufstellung unserer Wirtschaft genutzt werden. Ein Ende des Wachstums wäre aus ökologischer Sicht wichtiger Bestandteil. In sozialer wie ökonomischer Hinsicht wäre das kein Problem – solange der Kuchen gerecht verteilt wird, ist genug für alle da. In einer solchen Postwachstumsökonomie könnten die effizienteren Technologien echte ökologische Früchte tragen. Intelligente Industrie könnte den Materialverbrauch verringern, ohne dass die Gewinne vom Wachstum aufgefressen werden. Smarte, elektrobasierte öffentliche Verkehrsträger könnten den privaten Verbrennungsmotor ablösen – ohne dass eine weitere Verkehrszunahme dem im Weg stünde. Und die Energiewende auf 100 Prozent Erneuerbare wäre zu meistern, weil der Bedarf an Energie in einer wachstumsbefriedeten Wirtschaft nicht weiter zu- sondern abnehmen würde.

Auf dem Weg dorthin brauchen wir vor allem mutige ökologische und sozialstaatliche Politik. Rationalisierung von Arbeit sollte durch starke Arbeitnehmer*innenrechte und Arbeitszeitverkürzung begegnet werden. Konsequente ökologische Bepreisung von Treibhausgasemissionen würde der Digitalen Ökonomie die richtigen Anreizstrukturen bieten. Eine vorausschauende und gestaltende Infrastruktur- und Innovationspolitik nimmt die Jahrhundertaufgabe des ökologischen Umbaus ernst. Und eine gerechte Verteilung des Einkommens würde sowohl soziale Akzeptanz als auch den Abbau von Ungleichheit fördern. So würde der Weg in eine digitale Postwachstumsökonomie geebnet, die sowohl für Umwelt als auch für die Menschen das Beste aus den digitalen Möglichkeiten macht.