Was wÀre, wenn es keine GefÀngnisse mehr gÀbe?

Mein Mord und seine Folgen

Pedro Holzhey hat seine Frau mit einem Hammer erschlagen. 15 Jahre lang saß er dafĂŒr im GefĂ€ngnis. Doch wem ist geholfen, wenn auf Gewaltverbrechen repressive Strafen folgen?

Foto: Matthew Ansley

Dass ich die Verantwortung und Konsequenzen meines Handelns tragen muss, war mir sofort nach der Tat klar. Dass es eskaliert ist, war meine Schuld, das habe ich schnell akzeptiert. Es hat allerdings sehr viele Jahre gedauert, um die Tatsache, dass ich einem Menschen das Leben genommen habe, in mein Denken, FĂŒhlen und Handeln integrieren zu können. Wie es zu dieser Tat kommen konnte, wie es hĂ€tte anders kommen können, was es fĂŒr die Opfer bedeutet, wie ich zu deren Heilung beitragen und was ich daraus fĂŒr mich lernen kann – all das sind Fragen, fĂŒr deren Beantwortung ich sehr lange brauchte und bis heute noch nicht fertig bin. Freunde und Seelsorger helfen mir weiterhin bei der Reflektion. Meine Tat ist wie ein Rucksack, den ich mein Leben lang nicht mehr absetzen kann. Er ist sichtbar fĂŒr alle. Und ich musste lernen, diesen Rucksack zu tragen.

Ich habe mit großer Wucht körperliche Gewalt ausgeĂŒbt, das erst Mal in meinem Leben. All das, was sich ĂŒber Jahre unserer zerrĂŒtteten Ehe aufgestaut hatte, Trennungen, EnttĂ€uschungen und Fragen nach der Sorge um das gemeinsame Kind und anderes mehr, hatte sich dann entladen. ZurĂŒck blieb ein irreparabler Scherbenhaufen fĂŒr viele Menschen und auch fĂŒr mich selbst.

Ich wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und habe 15 Jahre im GefĂ€ngnis verbracht. Habe ich diese Strafe verdient? Sind 15 Jahre genug fĂŒr jemanden, der einen Menschen getötet hat? Es gibt keine Strafe, die das Leben eines Menschen „aufwiegen“ kann. Deswegen kann ich diese Frage nicht beantworten und ich denke auch, dass mir selbst eine Antwort auf diese Frage nicht zusteht. Aber ich kann sagen, worin ich viel mehr Sinn fĂŒr die Opfer, die Gesellschaft und auch fĂŒr mich selbst gesehen hĂ€tte: Wenn ich mit Hilfe professioneller UnterstĂŒtzung frĂŒhzeitig hĂ€tte versuchen können, mich dem Scherbenhaufen zuzuwenden, um zu sehen, ob es an kleinen Punkten Möglichkeiten gibt, fĂŒr die Hinterbliebenen Schmerz zu lindern, zur VerstĂ€ndigung in all den verletzten Beziehungen beizutragen. Kurz: Wenn es Chancen der (stellvertretenden) Wiedergutmachung gegeben hĂ€tte.

Der Wunsch nach psychologischer Hilfe

Meine Anfangszeit im GefĂ€ngnis war von Versuchen geprĂ€gt, das Tatgeschehen zu verstehen. Mein Wunsch nach einer psychologischen Betreuung wurde vonseiten der Justiz jahrelang mit der BegrĂŒndung abgewiesen, dass durch meine lange Haftstrafe ja noch Zeit wĂ€re. Nach fĂŒnf Jahren und unzĂ€hligen Versuchen fand ich dann durch hartnĂ€ckige eigene BemĂŒhungen eine Psychologin, die sich bereit erklĂ€rte, mit mir therapeutisch zu arbeiten und der ich auch vertrauen konnte. In Haft Vertrauen zu Fachdiensten zu finden, ist ein sehr großes Problem, durch die fehlende Schweigepflicht des sozialpĂ€dagogischen, psychologischen aber auch medizinischen Dienstes.

Pedro Holzhey ist MitbegrĂŒnder und Vorsitzender des SET-FREE e.V., der sich um Strafgefangene und ihre Angehörigen kĂŒmmert und sich das Ziel gesetzt hat, den Strafvollzug zu verĂ€ndern. Zum Konzept des Vereins gehören resozialisierende und wiedergutmachende Maßnahmen sowie AufklĂ€rungsarbeit. Inspiration fĂŒr SET-FREE lieferten die brasilianischen
Reintegrationszentren APAC.


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Eine der prĂ€gendsten Situationen war eine sogenannte Begegnungswoche im GefĂ€ngnis, als mich meine spĂ€tere Betreuerin fragte, ob ich etwas zum Thema Schuld sagen könnte. Ich habe versucht, vor 45 Inhaftierten und 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern meine Schuld irgendwie in einzelne Teile zu zerlegen. Ich zĂ€hlte alle Personen, denen ich geschadet hatte. Von Eltern ĂŒber Geschwister und Kinder bis zum gemeinsamen Freundeskreis. In dieser Situation, sagte meine Betreuerin spĂ€ter, sei fĂŒr sie deutlich geworden, dass ich meine Schuld als so groß empfunden habe, dass ich mich immer nur einem kleinen Teil davon zuwenden konnte – Name fĂŒr Name.

Zwang und Misstrauen

Hat das GefĂ€ngnis mich zu einem anderen Menschen gemacht? Zu einem besseren? Zu einem schlechteren? Fest steht, dass die Haft viele WesenszĂŒge von mir verĂ€ndert hat, in positiver und negativer Weise. Negativ ist sicher, dass mein Grundvertrauen in Demokratie, Politik und Justiz dramatisch erschĂŒttert wurde – irreversibel sogar. Mit dem Kopf weiß ich noch, dass öffentliche Amtspersonen eigentlich unser aller „Freund und Helfer“ sein sollten, aber im Umgang mit allem, was den Staat reprĂ€sentiert, bin ich zutiefst misstrauisch geworden und habe extreme Antennen fĂŒr Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch und WillkĂŒr entwickelt. Der Idealismus, mit dem ich frĂŒher als Offizier und Beamter diesem Staat gedient und ihn verteidigt habe, ist tief enttĂ€uscht worden. Was hinter den Mauern der Justiz vor sich geht, hĂ€tte ich in meinem frĂŒheren Leben nie geglaubt und hĂ€tte jeden einen LĂŒgner genannt, der anderes behauptet hĂ€tte.

Die gesamte Haftzeit ist von Zwang und gegenseitigem Misstrauen geprĂ€gt. Wie sollen sich Menschen in einer AtmosphĂ€re, die sich tĂ€glich wie ein Minenfeld anfĂŒhlt, zum Positiven verĂ€ndern?

FĂŒr den Betroffenen und seine Bezugspersonen fĂŒhrt Haft in der Regel zu erniedrigenden GefĂŒhlen, EntselbststĂ€ndigung und Desozialisierung. Nur diejenigen, die vorher schon besonders lebenstĂŒchtig, stark und planvoll ihr Leben gelebt hatten, können vielleicht hoffen, die Haft halbwegs ohne LangzeitschĂ€den zu ĂŒberstehen und danach vielleicht wieder in eine Art geregeltes Leben zurĂŒckzufinden. FĂŒr die meisten Inhaftierten aber fĂŒhrt die Zeit und die Art und Weise von Haft zu bleibenden SchĂ€den und zu einem Leben, das problematischer geworden ist als vor der Haft.

Freiheit muss vorbereitet werden

Ich habe das GefĂ€ngnis als abschreckendes Beispiel fĂŒr den Umgang des Staates mit einzelnen Menschen erlebt. Durch diese Erfahrung hat sich allerdings ganz sicher meine Empathie fĂŒr Randgruppen der Gesellschaft verbessert, meine Bereitschaft, Menschen in Not ohne Ansehen der Person oder Tat zu helfen, soziales bĂŒrgerschaftliches Engagement zu leben und jedem Menschen in seiner von Gott gegebenen WĂŒrde zu begegnen. Die NĂ€chstenliebe ist bei mir zu einem bestimmenden Wesenszug geworden.

Nach fast 20 Jahren der persönlichen Erfahrung und theoretischen BeschĂ€ftigung mit dem Thema Resozialisierung kann ich sagen, dass ich in Deutschland kein System und keinen Haftort kenne, an dem Resozialisierung wirklich gelingen wĂŒrde. Das Hauptproblem ist der mangelnde politische Wille. Im Zweifel fließen alle – ohnehin viel zu knappen – Ressourcen in die vermeintliche Erhöhung der Sicherheit. Ob und wie die Haftentlassenen draußen zurechtkommen, dafĂŒr empfindet sich der Strafvollzug als nicht mehr zustĂ€ndig. Der Strafgefangene, der in Haft zu gefĂ€hrlich fĂŒr die Freiheit gewesen sein soll, muss sich von einem Tag auf den anderen in der Gesellschaft zurechtfinden. Ohne ÜberprĂŒfung, ob sich jemand draußen zurechtfindet und an welchen Stellen man noch unterstĂŒtzen mĂŒsste.

Ein Vorbild aus Brasilien

Es brĂ€uchte einen humanistischen und auch nĂ€chstenliebenden Ansatz – ganz bewusst als positives Gegenbeispiel zum Wesenszug der KriminalitĂ€t, der aber auch Mitarbeit und Disziplin der Betroffenen fordert. Immer aber sollte großer Wert darauf gelegt werden, alle Seiten zu berĂŒcksichtigen und in eine Behandlung oder Lösung mit einzubeziehen – die Opfer und die TĂ€ter sowie die jeweiligen Bezugspersonen, die Gemeinschaft und die Verantwortlichen des Staates.

Wie all das gelingen kann, habe ich im vergangenen Jahr persönlich erlebt, und zwar in Brasilien. Dort betreibt APAC (eine StraffĂ€lligenhilfe-Vereinigung namens Associação de Proteção e AssistĂȘncia aos Condenados) 50 sogenannte Reintegrationszentren, die auf „Liebe und Disziplin“, so ihr Motto, setzen. Ich wollte mir diese Zentren, von denen ich in Haft schon sehr viel gehört hatte, nach meiner Entlassung persönlich ansehen und habe dort einige Monate mitgearbeitet.

Zum Programm von APAC gehört neben der Ausbildung von Ehrenamtlichen und Vermittlung grundlegender Werte wie SolidaritĂ€t, auch die Beteiligung der Familien der Betroffenen. Soziale Reintegration findet durch ein abgestuftes Vollzugssystem (geschlossen, halboffen, offen) statt, das alle Inhaftierten durchlaufen. Ein neues APAC wird nur dann gebaut, wenn die Gemeinschaft einverstanden ist und es mittrĂ€gt. Die Gemeinschaft kann sich also entscheiden, ob sie in ihrer Kommune einen humanen Strafvollzug will, an dem sie sich beteiligt, oder ob sie Vergeltung leben will. Der Unterschied zeigt sich in der RĂŒckfallrate: Bei APAC sind es um die 20 Prozent, wĂ€hrend es im staatlichen Strafvollzug in Brasilien ĂŒber 70 Prozent sind.

Die Tat ist nur ein Teil der IdentitÀt

HĂ€tte es ein anderes Strafjustizsystem gegeben, in dem Menschen nicht jahrelang weggesperrt werden, hĂ€tte auch ich mich frĂŒhzeitig mit Tat, Opfern und der Reaktion der Menschen auf meine Tat auseinandersetzen mĂŒssen – und können. Aufarbeitung und VerĂ€nderung wĂ€ren Hauptthemen meines Lebens gewesen, statt staatlicher Verwahrung, Abschottung, BeziehungsabbrĂŒchen und Desozialisierung. Auch mein Wunsch, wenigstens in irgendeiner Form „stellvertretende Wiedergutmachung“ zu leisten, hĂ€tte dann vielleicht frĂŒher einen Platz gefunden und dazu beigetragen können, dass in die Gesellschaft etwas Positives und Konstruktives zurĂŒckgeflossen wĂ€re. Und letztlich hĂ€tte eine frĂŒhzeitige Reintegration dem Steuerzahler Hunderttausende Euro gespart, die meine Haftzeit gekostet hat – tĂ€glich mindestens 100 Euro, 15 Jahre lang.

Meine Tat ist ein Teil meiner Lebensgeschichte, aber sie beschreibt nicht meine ganze IdentitĂ€t. Ein Mensch ist immer mehr als die Summe seiner Fehler. Deswegen darf all das, was er vor und nach seiner Tat getan hat und was ihn sonst ausmacht, niemals zur Seite geschoben werden. StraftĂ€ter, die man nicht bei der Reintegration unterstĂŒtzt, werden sich sonst weiter entfremden. Und damit ist niemandem geholfen.