Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?

Mehr als ein Vorbild

Femi­nis­mus ist der Aus­weg aus den selbst­auf­er­leg­ten Geschlech­ter­rol­len. Als Abbau von Män­ner­pri­vi­le­gi­en ist er falsch ver­stan­den. Es geht um die gerech­te­re Gesellschaft.

Ein Suchbild aus einem Parlament, in dem sich eine einzige Frau verbirgt
'Finding her': Um auf die geringen Zahlen von Frauen in Wissenschaft und Politik hinzuweisen, startete UN Women 2017 eine Suchbild-Kampagne: Finde die Frau.

Das Geschlech¬≠ter¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis auf Kon¬≠fe¬≠ren¬≠zen und in Panel¬≠dis¬≠kus¬≠sio¬≠nen ist ja zu Recht immer wie¬≠der The¬≠ma. Wenn das The¬≠ma des Panels aber ‚Äč‚ÄěZukunft & Inno¬≠va¬≠ti¬≠on‚Äú ist, dann f√§llt mir doch noch etwas schmerz¬≠haf¬≠ter auf, dass ich auf dem Podi¬≠um die ein¬≠zi¬≠ge Frau bin und mich aus dem Publi¬≠kum auch nur Vor¬≠stands¬≠vor¬≠sit¬≠zen¬≠de, Gesch√§fts¬≠f√ľh¬≠rer, Minis¬≠ter und Gr√ľn¬≠der in Anz√ľ¬≠gen anbli¬≠cken. Wie sol¬≠len wir ein Zukunfts¬≠bild der Gesell¬≠schaft ent¬≠wi¬≠ckeln, wenn nur eine H√§lf¬≠te der Gesell¬≠schaft in der Dis¬≠kus¬≠si¬≠on sicht¬≠bar ist? Wie soll Inno¬≠va¬≠ti¬≠on ent¬≠ste¬≠hen, wenn sie nur in den immer¬≠glei¬≠chen Struk¬≠tu¬≠ren dis¬≠ku¬≠tiert wird?

Auf dem Weg nach Hau¬≠se den¬≠ke ich √ľber die¬≠se Zukunft nach, √ľber mei¬≠ne Fami¬≠lie und √ľber die Hoff¬≠nung, dass unse¬≠re Zeit schon mei¬≠nem Enkel in rund 30 Jah¬≠ren wie ein schlech¬≠ter Witz erschei¬≠nen wird. Und ich √ľber¬≠le¬≠ge, wie ich ihm erkl√§¬≠re, dass und war¬≠um es eben doch alles sehr ernst war.

Und so begin­ne ich, zuhau­se ange­kom­men, zu schreiben:

Mein lie¬≠ber noch namen¬≠lo¬≠ser Enkel,

es ist dir sehr wahr¬≠schein¬≠lich und sch√∂¬≠ner¬≠wei¬≠se gar nicht so bewusst, aber du lebst in einer gro√ü¬≠ar¬≠ti¬≠gen Zeit. Du w√§chst in einer Epo¬≠che auf, in der M√§n¬≠ner und Frau¬≠en alles k√∂n¬≠nen und nichts m√ľs¬≠sen. Ihr d√ľrft selbst ent¬≠schei¬≠den, wer ihr sein wollt. Wann ein Mann ein Mann und eine Frau eine Frau ist, das beant¬≠wor¬≠tet dei¬≠ne Genera¬≠ti¬≠on f√ľr sich selbst und immer wie¬≠der neu.

Ihr wachst frei auf, gleich¬≠be¬≠rech¬≠tigt und selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠lich. Die Gleich¬≠be¬≠rech¬≠ti¬≠gung hat den Geschlech¬≠tern das √ľber¬≠hol¬≠te Gen¬≠der-Regel¬≠buch aus den H√§n¬≠den geris¬≠sen und ihnen die Frei¬≠heit zur Impro¬≠vi¬≠sa¬≠ti¬≠on geschenkt. Endlich.

Ana-Marija Cvitic

Ana-Mari¬≠ja Cvi¬≠tic ist Refe¬≠ren¬≠tin bei TLGG. Dort bear¬≠bei¬≠tet sie zur¬≠zeit den The¬≠men¬≠kom¬≠plex Digi¬≠ta¬≠ler Wan¬≠del & Cor¬≠po¬≠ra¬≠te Diver¬≠si¬≠ty. Ana-Mari¬≠ja hat in Wien, Paris und Zagreb Rechts¬≠wis¬≠sen¬≠schaf¬≠ten stu¬≠diert und danach Polis180 mit¬≠ge¬≠gr√ľn¬≠det, einen Think¬≠tank f√ľr Euro¬≠pa¬≠po¬≠li¬≠tik in Berlin. 

Gefan¬≠gen in Rollen 

Als dein Gro√ü¬≠va¬≠ter und ich noch jung waren, war das anders, im Gro¬≠√üen wie im Klei¬≠nen. Schon die Suche nach Kin¬≠der¬≠spiel¬≠zeug f√ľr dei¬≠ne Mut¬≠ter war eine Her¬≠aus¬≠for¬≠de¬≠rung. Es gab nur M√§d¬≠chen¬≠ro¬≠sa oder Jungsblau, Prin¬≠zes¬≠sin¬≠nen oder Bau¬≠ar¬≠bei¬≠ter, f√ľr¬≠sorg¬≠lich oder mutig. Bin√§¬≠re Bil¬≠der, mit denen es sich man¬≠che Eltern ein¬≠fach mach¬≠ten, die aber M√§d¬≠chen und Jun¬≠gen glei¬≠cher¬≠ma¬≠√üen einschr√§nkten. 

Wir leb¬≠ten in einer Gesell¬≠schaft, die von Jungs ver¬≠lang¬≠te, ihre Emo¬≠tio¬≠nen zu unter¬≠dr√ľ¬≠cken und Bed√ľrf¬≠nis¬≠se zu igno¬≠rie¬≠ren. N√§he und Empa¬≠thie waren Zei¬≠chen von Schw√§¬≠che, also war unse¬≠re Welt vol¬≠ler Chefs, die sich ell¬≠bo¬≠gen¬≠haft durch¬≠setz¬≠ten. Mit¬≠ar¬≠bei¬≠ter fie¬≠len ihren Kol¬≠le¬≠gen ins Wort und V√§ter ver¬≠bo¬≠ten ihren S√∂h¬≠nen, Schw√§¬≠che zu zei¬≠gen. Ein ech¬≠ter Mann klag¬≠te und wein¬≠te nicht. Rate mal, wem die¬≠se Idee von einem M√§n¬≠ner¬≠bild am meis¬≠ten scha¬≠de¬≠te? Na klar: den M√§n¬≠nern. Sie waren √∂fter alko¬≠hol¬≠krank, gewalt¬≠t√§¬≠tig, arbeits¬≠los oder leb¬≠ten auf der Stra¬≠√üe. Ihre Sui¬≠zid¬≠ra¬≠te war um zwei Drit¬≠tel h√∂her, ihre Lebens¬≠er¬≠war¬≠tung um f√ľnf Jah¬≠re niedriger. 

Auch f√ľr Frau¬≠en waren die Rol¬≠lenzw√§n¬≠ge eine Last. W√§h¬≠rend M√§n¬≠ner stark und aut¬≠ark zu sein hat¬≠ten, muss¬≠ten sie f√ľr¬≠sorg¬≠lich und nach¬≠gie¬≠big sein. Frau¬≠en hat¬≠ten als unkom¬≠pli¬≠zier¬≠te Acces¬≠soires zu funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren, stets brav und gut gelaunt. Der Gesell¬≠schaft zu gefal¬≠len war ein Impe¬≠ra¬≠tiv, und kaum eine Rol¬≠le oder Funk¬≠ti¬≠on wur¬≠de ihnen zuge¬≠stan¬≠den, die nicht mit einem Mann oder ihrer Fami¬≠lie ver¬≠bun¬≠den war. 

Die √ľber¬≠all sicht¬≠ba¬≠re Unsicht¬≠bar¬≠keit der Frau¬≠en in Ent¬≠schei¬≠dungs- und F√ľh¬≠rungs¬≠po¬≠si¬≠tio¬≠nen brems¬≠te uns aus. Es fehl¬≠te an Vor¬≠g√§n¬≠ge¬≠rin¬≠nen und weib¬≠li¬≠chen Vor¬≠bil¬≠dern, ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re im √∂ffent¬≠li¬≠chen Raum. Es gab kaum eine weib¬≠li¬≠che Tra¬≠di¬≠ti¬≠on, auf der man eine gleich¬≠be¬≠rech¬≠tig¬≠te Gesell¬≠schaft auf¬≠bau¬≠en konn¬≠te. Frau¬≠en soll¬≠ten sich halt mit¬≠ge¬≠meint f√ľh¬≠len in den von M√§n¬≠nern geschrie¬≠be¬≠nen B√ľchern, in den von M√§n¬≠nern gemal¬≠ten Bil¬≠dern und den von M√§n¬≠nern errich¬≠te¬≠ten Denk¬≠sys¬≠te¬≠men. All das muss¬≠te erst √ľber¬≠wun¬≠den wer¬≠den. Die Lite¬≠ra¬≠tur¬≠jour¬≠na¬≠lis¬≠tin Iris Radisch beschrieb es mal so: ‚Äč‚ÄěGemes¬≠sen an der m√§ch¬≠ti¬≠gen und schier end¬≠lo¬≠sen Geschich¬≠te m√§nn¬≠li¬≠cher Weib¬≠lich¬≠keits¬≠ent¬≠w√ľr¬≠fe ist die Zeit, in der Frau¬≠en selbst ein Bild von sich ent¬≠wer¬≠fen ‚Äď hier stimmt das Wort aus¬≠nahms¬≠wei¬≠se-, ein Fliegenschiss.‚Äú 

Fr√§nzi K√ľhne

Fr√§n¬≠zi K√ľh¬≠ne ist Gr√ľn¬≠de¬≠rin und Gesch√§fts¬≠f√ľh¬≠re¬≠rin der Digi¬≠ta¬≠l¬≠agen¬≠tur TLGG GmbH, sowie Auf¬≠sichts¬≠r√§¬≠tin bei der Fre¬≠e¬≠n¬≠et AG und der W√ľrt¬≠tem¬≠ber¬≠gi¬≠schen Ver¬≠si¬≠che¬≠rung AG. Seit M√§rz 2018 ist sie Teil des Stif¬≠tungs¬≠ra¬≠tes der All¬≠Bright Stif¬≠tung und Advo¬≠ka¬≠tin f√ľr mehr Diver¬≠si¬≠t√§t in Diversit√§t. 

Der Wan­del des Arbeitsmarktes

Zu mei¬≠ner Zeit war die Rol¬≠le eines Man¬≠nes extrem an die Berufs¬≠welt gekn√ľpft. Ein Mann war, wer es zu etwas brach¬≠te. Und das bedeu¬≠te¬≠te, auf dem Arbeits¬≠markt ein¬≠ge¬≠setzt wer¬≠den zu k√∂n¬≠nen, wie der es gera¬≠de ver¬≠lang¬≠te: lan¬≠ge Anwe¬≠sen¬≠heits¬≠zei¬≠ten, hohes Arbeits¬≠pen¬≠sum, per¬≠ma¬≠nen¬≠te Erreichbarkeit.

Doch pl√∂tz¬≠lich √§nder¬≠ten sich die Struk¬≠tu¬≠ren. Die Digi¬≠ta¬≠li¬≠sie¬≠rung und ihre Fol¬≠gen ver¬≠√§n¬≠der¬≠te den Arbeits¬≠markt und sei¬≠ne Bed√ľrf¬≠nis¬≠se. Einem sta¬≠gnie¬≠ren¬≠den Indus¬≠trie¬≠sek¬≠tor mit tra¬≠di¬≠tio¬≠nel¬≠len M√§n¬≠ner¬≠jobs stand ein wach¬≠sen¬≠der Dienst¬≠leis¬≠tungs¬≠sek¬≠tor gegen¬≠√ľber, in dem Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on und Empa¬≠thie gefragt waren. Klas¬≠sisch ‚Äč‚Äěweib¬≠li¬≠che‚Äú Kom¬≠pe¬≠ten¬≠zen. Pl√∂tz¬≠lich gab es √ľber¬≠all Frau¬≠en, die M√§n¬≠nern ihre Posi¬≠ti¬≠on in der Gesell¬≠schaft strei¬≠tig mach¬≠ten und nicht sel¬≠ten h√∂r¬≠te man emp√∂r¬≠te Stamm¬≠tisch¬≠phra¬≠sen wie: ‚Äč‚ÄěMitt¬≠ler¬≠wei¬≠le wer¬≠den ja M√§n¬≠ner diskriminiert!‚Äú 

Falsch dar¬≠an war nur das ‚Äč‚Äěmitt¬≠ler¬≠wei¬≠le‚Äú. M√§n¬≠ner wur¬≠den schon immer dis¬≠kri¬≠mi¬≠niert. N√§m¬≠lich durch ande¬≠re M√§n¬≠ner und star¬≠re Rol¬≠len¬≠bil¬≠der in der Gesell¬≠schaft. Wenn sie nicht aggres¬≠siv, stark, tech¬≠nisch begabt oder hete¬≠ro¬≠se¬≠xu¬≠ell genug waren. Oder indem sie dazu erzo¬≠gen wur¬≠den, als Wirt¬≠schafts¬≠wa¬≠re unbarm¬≠her¬≠zig und maschi¬≠nen¬≠haft zu sein; als Men¬≠schen¬≠ma¬≠te¬≠ri¬≠al f√ľr Krieg und Pro¬≠duk¬≠ti¬≠on. Mit der Ver¬≠√§n¬≠de¬≠rung des Arbeits¬≠mark¬≠tes begann das alte M√§n¬≠ner¬≠bild zu br√∂ckeln. 

Falsch gedacht

Man mein¬≠te es gut und mach¬≠te es schlecht. Im Ver¬≠gleich zu den har¬≠ten Ell¬≠bo¬≠gen¬≠jungs bil¬≠de¬≠ten M√§d¬≠chen einen Kon¬≠trast. Um sie also zu f√∂r¬≠dern, woll¬≠te man sie fit¬≠ter machen f√ľr die har¬≠te Welt da drau¬≠√üen. Man orga¬≠ni¬≠sier¬≠te Girls Days in Unter¬≠neh¬≠men, Quo¬≠ten in der Wirt¬≠schaft und F√∂r¬≠de¬≠rungs¬≠pro¬≠gram¬≠me in der Poli¬≠tik. Die Hand¬≠lungs¬≠auf¬≠for¬≠de¬≠rung an M√§d¬≠chen wie Frau¬≠en lau¬≠te¬≠te: Wer¬≠det bes¬≠ser und durch¬≠set¬≠zungs¬≠f√§¬≠hi¬≠ger, lau¬≠ter und ehr¬≠gei¬≠zi¬≠ger! Ihr m√ľsst es nur wol¬≠len! Alle T√ľren ste¬≠hen euch offen! Aber die Ziel¬≠vor¬≠ga¬≠be war klar: Hier die M√§n¬≠ner, die schon immer gut per¬≠form¬≠ten und ihr m√ľsst genau¬≠so und bes¬≠ser sein.

M√§d¬≠chen waren also feh¬≠ler¬≠haft. Doch indem man alles ver¬≠such¬≠te, um das zu kor¬≠ri¬≠gie¬≠ren, wur¬≠den wie¬≠der¬≠um die Jungs ver¬≠nach¬≠l√§s¬≠sigt. Bewe¬≠gungs¬≠hung¬≠rig blie¬≠ben sie hin¬≠ter ihren flei¬≠√üi¬≠gen Klas¬≠sen¬≠ka¬≠me¬≠ra¬≠din¬≠nen zur√ľck. Sie hat¬≠ten schlech¬≠te¬≠re Noten, schnit¬≠ten schlech¬≠ter im Stu¬≠di¬≠um ab und waren als Uni-Absol¬≠ven¬≠ten zah¬≠len¬≠m√§¬≠√üig unter¬≠le¬≠gen. W√ľr¬≠den sie die n√§chs¬≠ten Ver¬≠lie¬≠rer der Gesell¬≠schaft wer¬≠den? Kurz mach¬≠te man sich Sor¬≠gen, dann atme¬≠te man wie¬≠der auf. Denn schlie√ü¬≠lich w√ľr¬≠den die ehr¬≠gei¬≠zi¬≠gen Kol¬≠le¬≠gin¬≠nen irgend¬≠wann Kin¬≠der bekom¬≠men und daheim blei¬≠ben und dann w√§re ja wie¬≠der Platz f√ľr die M√§n¬≠ner. Ich habe selbst noch mit¬≠be¬≠kom¬≠men, wie das enor¬≠me Poten¬≠zi¬≠al gut aus¬≠ge¬≠bil¬≠de¬≠ter Frau¬≠en unge¬≠nutzt blieb, nur weil wir damals kei¬≠ne Vor¬≠stel¬≠lung davon hat¬≠ten, wie wir hoch¬≠qua¬≠li¬≠fi¬≠zier¬≠te Frau¬≠en bei der Ver¬≠ein¬≠bar¬≠keit von Fami¬≠li¬≠en und Kar¬≠rie¬≠re unter¬≠st√ľt¬≠zen k√∂n¬≠nen ‚Äď von Nied¬≠rig¬≠qua¬≠li¬≠fi¬≠zier¬≠ten gar nicht zu sprechen.

Frau¬≠en wie M√§n¬≠ner bezahl¬≠ten einen hohen Preis, wenn sie sich von Rol¬≠len¬≠bil¬≠dern wie die¬≠sen befrei¬≠en woll¬≠ten. Ent¬≠schied ein Mann sich daf√ľr Pfle¬≠ger, Sozi¬≠al¬≠ar¬≠bei¬≠ter oder Erzie¬≠her zu wer¬≠den, wur¬≠de er bel√§¬≠chelt. Frau¬≠en wie¬≠der¬≠um, die Kar¬≠rie¬≠re machen woll¬≠ten, muss¬≠ten sich anh√∂¬≠ren, ‚Äč‚Äěkom¬≠pro¬≠miss¬≠los‚Äú zu sein oder wur¬≠den als ‚Äč‚ÄěQuo¬≠ten¬≠frau‚Äú abge¬≠stem¬≠pelt. Gelang es ihnen, Kin¬≠der und Kar¬≠rie¬≠re zu ver¬≠ein¬≠ba¬≠ren, nann¬≠te man sie ‚Äč‚ÄěRaben¬≠mut¬≠ter‚Äú. St√§n¬≠dig spra¬≠chen mich Jour¬≠na¬≠lis¬≠ten auf mei¬≠ne Work-Life-Balan¬≠ce an und frag¬≠ten, wer sich denn in der Zeit um die Kin¬≠der k√ľm¬≠me¬≠re. √úber Inhal¬≠te spra¬≠chen wir viel zu selten.

Die rich­ti­ge Richtung

Irgend¬≠wann in den letz¬≠ten 50 Jah¬≠ren erkann¬≠te man gl√ľck¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se, dass m√§nn¬≠li¬≠che Attri¬≠bu¬≠te nicht Uni¬≠ver¬≠sal¬≠g√ľl¬≠tig¬≠keit haben und schon gar nicht das Ma√ü aller Din¬≠ge sind. Man ver¬≠ab¬≠schie¬≠de¬≠te sich von der bin√§¬≠ren Sicht auf die Gesell¬≠schaft, die sowie¬≠so immer viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠ger wur¬≠de. Die¬≠ser Wer¬≠te¬≠wan¬≠del wirk¬≠te befrei¬≠end: Nun durf¬≠ten sich auch Frau¬≠en √ľber ihre Jobs defi¬≠nie¬≠ren und V√§ter √ľber ihre Vater¬≠schaft. Beruf¬≠li¬≠cher Erfolg war nun f√ľr bei¬≠de wich¬≠tig, doch die Fami¬≠lie eben¬≠so. Und wir fan¬≠den Wege, dies zu hono¬≠rie¬≠ren und zu unterst√ľtzen.

Das ein¬≠fachs¬≠te und wirk¬≠sams¬≠te Mit¬≠tel war wohl die ‚Äč‚ÄěGol¬≠den Ratio‚Äú, die Chan¬≠cen¬≠gleich¬≠heit erm√∂g¬≠lich¬≠te, nicht erzwun¬≠ge¬≠ne Pari¬≠t√§t. Sobald es mehr als 60% eines Geschlechts in einem Bereich gab, hol¬≠te man M√§n¬≠ner oder Frau¬≠en nach, bis das Ver¬≠h√§lt¬≠nis wie¬≠der bei 60:40 oder 40:60 lag. Und heu¬≠te siehst du √ľber¬≠all M√§n¬≠ner wie Frau¬≠en: auf den B√ľh¬≠nen und Chef-Eta¬≠gen die¬≠ser Welt, in der Lite¬≠ra¬≠tur und Kunst, in Wirt¬≠schaft, Poli¬≠tik, Erzie¬≠hung, Pfle¬≠ge und Tech¬≠nik. Wir ver¬≠ab¬≠schie¬≠de¬≠ten uns von einem Arbeits¬≠mo¬≠dell, in dem eine Fami¬≠lie dem Arbeits¬≠markt mehr als 80 Stun¬≠den zur Ver¬≠f√ľ¬≠gung stell¬≠te. Ver¬≠ein¬≠bar¬≠keit wur¬≠de von allen eingefordert. 

End¬≠lich war die Zeit vor¬≠bei, in der die Rol¬≠len hier¬≠ar¬≠chisch und scharf von¬≠ein¬≠an¬≠der getrennt wur¬≠den. M√ľt¬≠ter und V√§ter, Gesch√§fts¬≠m√§n¬≠ner und Gesch√§fts¬≠frau¬≠en und drum¬≠her¬≠um eine gl√ľck¬≠li¬≠che Fami¬≠lie. Dei¬≠ner Genera¬≠ti¬≠on gew√§hrt man aus einem bun¬≠ten Spek¬≠trum an Vor¬≠bil¬≠dern zu w√§hlen.

Jeder so wie er ist

Mein lie¬≠ber noch namen¬≠lo¬≠ser Enkel, du hast das Gl√ľck, kei¬≠ne Rol¬≠le bedie¬≠nen zu m√ľs¬≠sen. Du darfst sein, wie du m√∂ch¬≠test. Du musst dich nicht ver¬≠stel¬≠len, um dich zu behaup¬≠ten. Du darfst reflek¬≠tiert sein, selbst¬≠be¬≠wusst und empa¬≠thisch. Emo¬≠tio¬≠nal intel¬≠li¬≠gent und den¬≠noch auch mas¬≠ku¬≠lin, denn eine gefes¬≠tig¬≠te Iden¬≠ti¬≠t√§t ver¬≠tr√§gt das. Du w√§chst in einer Zeit auf, in der du dich nicht nur √ľber Kar¬≠rie¬≠re und Arbeit defi¬≠nierst und des¬≠we¬≠gen Frau¬≠en in dei¬≠ner Arbeits¬≠welt nicht als Bedro¬≠hung wahr¬≠nimmst. Du darfst ganz¬≠heit¬≠lich den¬≠ken und musst weder dei¬≠ne Freun¬≠de, dei¬≠ne Frei¬≠zeit noch dei¬≠ne Fami¬≠lie ver¬≠nach¬≠l√§s¬≠si¬≠gen. Du wur¬≠dest in eine Gesell¬≠schaft hin¬≠ein¬≠ge¬≠bo¬≠ren, in der es nicht um radi¬≠ka¬≠le Gleich¬≠heit der Geschlech¬≠ter geht, son¬≠dern um einen bewuss¬≠ten und inklu¬≠si¬≠ven Umgang mit Unterschieden. 

Aber lehn dich nicht all¬≠zu ent¬≠spannt zur√ľck, denn jetzt seid ihr dran. Was Gleich¬≠be¬≠rech¬≠ti¬≠gung ist, das ver¬≠√§n¬≠dert sich mit den gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Umst√§n¬≠den, ver¬≠√§n¬≠der¬≠ten Norm¬≠le¬≠bens¬≠l√§u¬≠fen, mit Erreich¬≠tem und Ver¬≠fehl¬≠tem. Jetzt m√ľsst ihr f√ľr euch aus¬≠lo¬≠ten was Gleich¬≠be¬≠rech¬≠ti¬≠gung f√ľr dei¬≠ne Genera¬≠ti¬≠on bedeu¬≠tet und wie das bis¬≠her Erreich¬≠te wei¬≠ter¬≠ent¬≠wi¬≠ckelt wer¬≠den kann. Die Welt liegt dir zu F√ľ√üen, gestal¬≠te sie mit!

In Lie­be

Oma Frän­zi

Ein Brief, eine Mail, eine Nach¬≠richt, die ich 2050 viel¬≠leicht genau so abschi¬≠cken kann. W√ľn¬≠schens¬≠wert w√§re es.