Was wÀre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wÀre?

Mehr als ein Vorbild

Feminismus ist der Ausweg aus den selbstauferlegten Geschlechterrollen. Als Abbau von MĂ€nnerprivilegien ist er falsch verstanden. Es geht um die gerechtere Gesellschaft.

Ein Suchbild aus einem Parlament, in dem sich eine einzige Frau verbirgt
'Finding her': Um auf die geringen Zahlen von Frauen in Wissenschaft und Politik hinzuweisen, startete UN Women 2017 eine Suchbild-Kampagne: Finde die Frau.

Das GeschlechterverhĂ€ltnis auf Konferenzen und in Paneldiskussionen ist ja zu Recht immer wieder Thema. Wenn das Thema des Panels aber „Zukunft & Innovation“ ist, dann fĂ€llt mir doch noch etwas schmerzhafter auf, dass ich auf dem Podium die einzige Frau bin und mich aus dem Publikum auch nur Vorstandsvorsitzende, GeschĂ€ftsfĂŒhrer, Minister und GrĂŒnder in AnzĂŒgen anblicken. Wie sollen wir ein Zukunftsbild der Gesellschaft entwickeln, wenn nur eine HĂ€lfte der Gesellschaft in der Diskussion sichtbar ist? Wie soll Innovation entstehen, wenn sie nur in den immergleichen Strukturen diskutiert wird?

Auf dem Weg nach Hause denke ich ĂŒber diese Zukunft nach, ĂŒber meine Familie und ĂŒber die Hoffnung, dass unsere Zeit schon meinem Enkel in rund 30 Jahren wie ein schlechter Witz erscheinen wird. Und ich ĂŒberlege, wie ich ihm erklĂ€re, dass und warum es eben doch alles sehr ernst war.

Und so beginne ich, zuhause angekommen, zu schreiben:

Mein lieber noch namenloser Enkel,

es ist dir sehr wahrscheinlich und schönerweise gar nicht so bewusst, aber du lebst in einer großartigen Zeit. Du wĂ€chst in einer Epoche auf, in der MĂ€nner und Frauen alles können und nichts mĂŒssen. Ihr dĂŒrft selbst entscheiden, wer ihr sein wollt. Wann ein Mann ein Mann und eine Frau eine Frau ist, das beantwortet deine Generation fĂŒr sich selbst und immer wieder neu.

Ihr wachst frei auf, gleichberechtigt und selbstverstĂ€ndlich. Die Gleichberechtigung hat den Geschlechtern das ĂŒberholte Gender-Regelbuch aus den HĂ€nden gerissen und ihnen die Freiheit zur Improvisation geschenkt. Endlich.

Ana-Marija Cvitic

Ana-Marija Cvitic ist Referentin bei TLGG. Dort bearbeitet sie zurzeit den Themenkomplex Digitaler Wandel & Corporate Diversity. Ana-Marija hat in Wien, Paris und Zagreb Rechtswissenschaften studiert und danach Polis180 mitgegrĂŒndet, einen Thinktank fĂŒr Europapolitik in Berlin.


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Gefangen in Rollen

Als dein Großvater und ich noch jung waren, war das anders, im Großen wie im Kleinen. Schon die Suche nach Kinderspielzeug fĂŒr deine Mutter war eine Herausforderung. Es gab nur MĂ€dchenrosa oder Jungsblau, Prinzessinnen oder Bauarbeiter, fĂŒrsorglich oder mutig. BinĂ€re Bilder, mit denen es sich manche Eltern einfach machten, die aber MĂ€dchen und Jungen gleichermaßen einschrĂ€nkten.

Wir lebten in einer Gesellschaft, die von Jungs verlangte, ihre Emotionen zu unterdrĂŒcken und BedĂŒrfnisse zu ignorieren. NĂ€he und Empathie waren Zeichen von SchwĂ€che, also war unsere Welt voller Chefs, die sich ellbogenhaft durchsetzten. Mitarbeiter fielen ihren Kollegen ins Wort und VĂ€ter verboten ihren Söhnen, SchwĂ€che zu zeigen. Ein echter Mann klagte und weinte nicht. Rate mal, wem diese Idee von einem MĂ€nnerbild am meisten schadete? Na klar: den MĂ€nnern. Sie waren öfter alkoholkrank, gewalttĂ€tig, arbeitslos oder lebten auf der Straße. Ihre Suizidrate war um zwei Drittel höher, ihre Lebenserwartung um fĂŒnf Jahre niedriger.

Auch fĂŒr Frauen waren die RollenzwĂ€nge eine Last. WĂ€hrend MĂ€nner stark und autark zu sein hatten, mussten sie fĂŒrsorglich und nachgiebig sein. Frauen hatten als unkomplizierte Accessoires zu funktionieren, stets brav und gut gelaunt. Der Gesellschaft zu gefallen war ein Imperativ, und kaum eine Rolle oder Funktion wurde ihnen zugestanden, die nicht mit einem Mann oder ihrer Familie verbunden war.

Die ĂŒberall sichtbare Unsichtbarkeit der Frauen in Entscheidungs- und FĂŒhrungspositionen bremste uns aus. Es fehlte an VorgĂ€ngerinnen und weiblichen Vorbildern, insbesondere im öffentlichen Raum. Es gab kaum eine weibliche Tradition, auf der man eine gleichberechtigte Gesellschaft aufbauen konnte. Frauen sollten sich halt mitgemeint fĂŒhlen in den von MĂ€nnern geschriebenen BĂŒchern, in den von MĂ€nnern gemalten Bildern und den von MĂ€nnern errichteten Denksystemen. All das musste erst ĂŒberwunden werden. Die Literaturjournalistin Iris Radisch beschrieb es mal so: „Gemessen an der mĂ€chtigen und schier endlosen Geschichte mĂ€nnlicher WeiblichkeitsentwĂŒrfe ist die Zeit, in der Frauen selbst ein Bild von sich entwerfen – hier stimmt das Wort ausnahmsweise-, ein Fliegenschiss.“

FrĂ€nzi KĂŒhne

FrĂ€nzi KĂŒhne ist GrĂŒnderin und GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Digitalagentur TLGG GmbH, sowie AufsichtsrĂ€tin bei der Freenet AG und der WĂŒrttembergischen Versicherung AG. Seit MĂ€rz 2018 ist sie Teil des Stiftungsrates der AllBright Stiftung und Advokatin fĂŒr mehr DiversitĂ€t in DiversitĂ€t.


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Der Wandel des Arbeitsmarktes

Zu meiner Zeit war die Rolle eines Mannes extrem an die Berufswelt geknĂŒpft. Ein Mann war, wer es zu etwas brachte. Und das bedeutete, auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt werden zu können, wie der es gerade verlangte: lange Anwesenheitszeiten, hohes Arbeitspensum, permanente Erreichbarkeit.

Doch plötzlich Ă€nderten sich die Strukturen. Die Digitalisierung und ihre Folgen verĂ€nderte den Arbeitsmarkt und seine BedĂŒrfnisse. Einem stagnierenden Industriesektor mit traditionellen MĂ€nnerjobs stand ein wachsender Dienstleistungssektor gegenĂŒber, in dem Kommunikation und Empathie gefragt waren. Klassisch „weibliche“ Kompetenzen. Plötzlich gab es ĂŒberall Frauen, die MĂ€nnern ihre Position in der Gesellschaft streitig machten und nicht selten hörte man empörte Stammtischphrasen wie: „Mittlerweile werden ja MĂ€nner diskriminiert!“

Falsch daran war nur das „mittlerweile“. MĂ€nner wurden schon immer diskriminiert. NĂ€mlich durch andere MĂ€nner und starre Rollenbilder in der Gesellschaft. Wenn sie nicht aggressiv, stark, technisch begabt oder heterosexuell genug waren. Oder indem sie dazu erzogen wurden, als Wirtschaftsware unbarmherzig und maschinenhaft zu sein; als Menschenmaterial fĂŒr Krieg und Produktion. Mit der VerĂ€nderung des Arbeitsmarktes begann das alte MĂ€nnerbild zu bröckeln.

Falsch gedacht

Man meinte es gut und machte es schlecht. Im Vergleich zu den harten Ellbogenjungs bildeten MĂ€dchen einen Kontrast. Um sie also zu fördern, wollte man sie fitter machen fĂŒr die harte Welt da draußen. Man organisierte Girls Days in Unternehmen, Quoten in der Wirtschaft und Förderungsprogramme in der Politik. Die Handlungsaufforderung an MĂ€dchen wie Frauen lautete: Werdet besser und durchsetzungsfĂ€higer, lauter und ehrgeiziger! Ihr mĂŒsst es nur wollen! Alle TĂŒren stehen euch offen! Aber die Zielvorgabe war klar: Hier die MĂ€nner, die schon immer gut performten und ihr mĂŒsst genauso und besser sein.

MĂ€dchen waren also fehlerhaft. Doch indem man alles versuchte, um das zu korrigieren, wurden wiederum die Jungs vernachlĂ€ssigt. Bewegungshungrig blieben sie hinter ihren fleißigen Klassenkameradinnen zurĂŒck. Sie hatten schlechtere Noten, schnitten schlechter im Studium ab und waren als Uni-Absolventen zahlenmĂ€ĂŸig unterlegen. WĂŒrden sie die nĂ€chsten Verlierer der Gesellschaft werden? Kurz machte man sich Sorgen, dann atmete man wieder auf. Denn schließlich wĂŒrden die ehrgeizigen Kolleginnen irgendwann Kinder bekommen und daheim bleiben und dann wĂ€re ja wieder Platz fĂŒr die MĂ€nner. Ich habe selbst noch mitbekommen, wie das enorme Potenzial gut ausgebildeter Frauen ungenutzt blieb, nur weil wir damals keine Vorstellung davon hatten, wie wir hochqualifizierte Frauen bei der Vereinbarkeit von Familien und Karriere unterstĂŒtzen können – von Niedrigqualifizierten gar nicht zu sprechen.

Frauen wie MĂ€nner bezahlten einen hohen Preis, wenn sie sich von Rollenbildern wie diesen befreien wollten. Entschied ein Mann sich dafĂŒr Pfleger, Sozialarbeiter oder Erzieher zu werden, wurde er belĂ€chelt. Frauen wiederum, die Karriere machen wollten, mussten sich anhören, „kompromisslos“ zu sein oder wurden als „Quotenfrau“ abgestempelt. Gelang es ihnen, Kinder und Karriere zu vereinbaren, nannte man sie „Rabenmutter“. StĂ€ndig sprachen mich Journalisten auf meine Work-Life-Balance an und fragten, wer sich denn in der Zeit um die Kinder kĂŒmmere. Über Inhalte sprachen wir viel zu selten.

Die richtige Richtung

Irgendwann in den letzten 50 Jahren erkannte man glĂŒcklicherweise, dass mĂ€nnliche Attribute nicht UniversalgĂŒltigkeit haben und schon gar nicht das Maß aller Dinge sind. Man verabschiedete sich von der binĂ€ren Sicht auf die Gesellschaft, die sowieso immer vielfĂ€ltiger wurde. Dieser Wertewandel wirkte befreiend: Nun durften sich auch Frauen ĂŒber ihre Jobs definieren und VĂ€ter ĂŒber ihre Vaterschaft. Beruflicher Erfolg war nun fĂŒr beide wichtig, doch die Familie ebenso. Und wir fanden Wege, dies zu honorieren und zu unterstĂŒtzen.

Das einfachste und wirksamste Mittel war wohl die „Golden Ratio“, die Chancengleichheit ermöglichte, nicht erzwungene ParitĂ€t. Sobald es mehr als 60% eines Geschlechts in einem Bereich gab, holte man MĂ€nner oder Frauen nach, bis das VerhĂ€ltnis wieder bei 60:40 oder 40:60 lag. Und heute siehst du ĂŒberall MĂ€nner wie Frauen: auf den BĂŒhnen und Chef-Etagen dieser Welt, in der Literatur und Kunst, in Wirtschaft, Politik, Erziehung, Pflege und Technik. Wir verabschiedeten uns von einem Arbeitsmodell, in dem eine Familie dem Arbeitsmarkt mehr als 80 Stunden zur VerfĂŒgung stellte. Vereinbarkeit wurde von allen eingefordert.

Endlich war die Zeit vorbei, in der die Rollen hierarchisch und scharf voneinander getrennt wurden. MĂŒtter und VĂ€ter, GeschĂ€ftsmĂ€nner und GeschĂ€ftsfrauen und drumherum eine glĂŒckliche Familie. Deiner Generation gewĂ€hrt man aus einem bunten Spektrum an Vorbildern zu wĂ€hlen.

Jeder so wie er ist

Mein lieber noch namenloser Enkel, du hast das GlĂŒck, keine Rolle bedienen zu mĂŒssen. Du darfst sein, wie du möchtest. Du musst dich nicht verstellen, um dich zu behaupten. Du darfst reflektiert sein, selbstbewusst und empathisch. Emotional intelligent und dennoch auch maskulin, denn eine gefestigte IdentitĂ€t vertrĂ€gt das. Du wĂ€chst in einer Zeit auf, in der du dich nicht nur ĂŒber Karriere und Arbeit definierst und deswegen Frauen in deiner Arbeitswelt nicht als Bedrohung wahrnimmst. Du darfst ganzheitlich denken und musst weder deine Freunde, deine Freizeit noch deine Familie vernachlĂ€ssigen. Du wurdest in eine Gesellschaft hineingeboren, in der es nicht um radikale Gleichheit der Geschlechter geht, sondern um einen bewussten und inklusiven Umgang mit Unterschieden.

Aber lehn dich nicht allzu entspannt zurĂŒck, denn jetzt seid ihr dran. Was Gleichberechtigung ist, das verĂ€ndert sich mit den gesellschaftlichen UmstĂ€nden, verĂ€nderten NormlebenslĂ€ufen, mit Erreichtem und Verfehltem. Jetzt mĂŒsst ihr fĂŒr euch ausloten was Gleichberechtigung fĂŒr deine Generation bedeutet und wie das bisher Erreichte weiterentwickelt werden kann. Die Welt liegt dir zu FĂŒĂŸen, gestalte sie mit!

In Liebe

Oma FrÀnzi

Ein Brief, eine Mail, eine Nachricht, die ich 2050 vielleicht genau so abschicken kann. WĂŒnschenswert wĂ€re es.