Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?

Kon­sens spre­chen lernen

Dass Nein Nein heißt, soll­te Ver­hal­tens­grund­la­ge sein. Doch eman­zi­pa­to­ri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­langt mehr: die Suche nach dem gemein­sa­men Vielfachen.

Zwei Hände zeigen eine Geste.
R. A. Olea, CC BY 2.0

Seit Beginn der #metoo Debat¬≠te sit¬≠ze ich gef√ľhlt durch¬≠ge¬≠hend auf Podi¬≠en und dis¬≠ku¬≠tie¬≠re √ľber Sex und sexu¬≠el¬≠le Gren¬≠zen und wie wir die¬≠se ein¬≠hal¬≠ten. Vor kur¬≠zem hob ein jun¬≠ger Mensch aus dem Publi¬≠kum die Hand und frag¬≠te: ‚Äč‚ÄěWas kann man denn √ľber¬≠haupt noch machen?‚Äú 
Das ist nicht das ers¬≠te Mal, dass die¬≠se Fra¬≠ge bei Ver¬≠an¬≠stal¬≠tun¬≠gen gestellt wird, h√§u¬≠fig auch in der Vari¬≠an¬≠te: ‚Äč‚ÄěWas kann man denn √ľber¬≠haupt noch sagen?‚Äú (Sel¬≠te¬≠ner ‚Äč‚ÄěWie kann man denn √ľber¬≠haupt noch flir¬≠ten?‚Äú Aber auch das ist schon vor¬≠ge¬≠kom¬≠men) Und es ist auch nicht das ers¬≠te Mal, dass blitz¬≠schnell die Ant¬≠wort kommt: ‚Äč‚ÄěAlles ist erlaubt, solan¬≠ge es nicht sexis¬≠tisch oder ras¬≠sis¬≠tisch ist.‚Äú

Nun ist das eine gute Selbst¬≠ver¬≠pflich¬≠tung ‚Äď ver¬≠su¬≠che, kein Arsch¬≠loch zu sein! ‚Äď aber als Ver¬≠hal¬≠tens¬≠richt¬≠li¬≠nie nicht ganz so n√ľtz¬≠lich. Zumin¬≠dest in mei¬≠ner Bub¬≠ble ken¬≠ne ich nie¬≠man¬≠den, der von sich sagen w√ľr¬≠de: Ich bin stolz dar¬≠auf, dass ich so ras¬≠sis¬≠tisch und/‚Äčoder sexis¬≠tisch bin. 
Und trotz¬≠dem sind wir es immer wie¬≠der. Die Auf¬≠for¬≠de¬≠rung ‚Äč‚ÄěH√∂r auf es falsch zu machen‚Äú reicht also nicht aus. Was wir brau¬≠chen ist mehr.

Was wäre, wenn wir alle flie­ßend Kon­sens sprächen?

Kon¬≠sens ist das, was alle wol¬≠len, von dem aber kei¬≠ner so recht wei√ü, was er nun genau ist. Des¬≠halb m√ľs¬≠sen wir die¬≠se Fra¬≠ge durch¬≠aus ernst neh¬≠men: Wie k√∂n¬≠nen wir Kon¬≠sens lernen?

Wenn wir Kon­sens sagen, mei­nen wir in der Regel damit, dass wir einer Mei­nung sein wol­len. Und das ist super, wenn wir einer Mei­nung sind. Sobald es einen (Interessens)Konflikt gibt, hilft es uns aber nicht wei­ter. In einem Satz: Wir wol­len Kon­sens haben, aber ihn nicht her­stel­len.

Damit nie¬≠mand denkt, ich h√§t¬≠te den Kon¬≠sens mit L√∂f¬≠feln geges¬≠sen, m√∂ch¬≠te ich an die¬≠ser Stel¬≠le klar¬≠stel¬≠len, dass das meis¬≠te was folgt, auf der Arbeit von Joris Kern (www‚Äč.kern‚Äčfor‚Äčschen‚Äč.de) beruht. Kern unter¬≠schei¬≠det zwi¬≠schen einer Kom¬≠pro¬≠miss¬≠kul¬≠tur‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČalso der, in der wir alle gro√ü gewor¬≠den sind ‚Äď und Kon¬≠sens¬≠kul¬≠tur. Kom¬≠pro¬≠miss¬≠kul¬≠tur hei√üt, dass bei einem Kon¬≠flikt alle Sei¬≠ten etwas auf¬≠ge¬≠ben und sich in der Mit¬≠te tref¬≠fen. Also, wenn mein Sohn Geld von mir m√∂ch¬≠te, um sich Oran¬≠gen¬≠saft zu kau¬≠fen, und ich will, dass er f√ľr sei¬≠ne Mathe¬≠ar¬≠beit lernt, w√§re der Kom¬≠pro¬≠miss, dass er eine hal¬≠be Fla¬≠sche Saft kauft und die H√§f¬≠te sei¬≠ner Auf¬≠ga¬≠ben lernt. Ist irgend¬≠je¬≠mand gl√ľck¬≠li¬≠cher? Das hat¬≠te ich auch nicht erwartet.

Das Bei¬≠spiel ist nur halb so absurd, wie es sich anh√∂rt, denn bei Kom¬≠pro¬≠mis¬≠sen sind in der Regel alle ungl√ľck¬≠lich‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČnur halt nicht all¬≠zu ungl√ľck¬≠lich. Man trifft sich auf dem kleins¬≠ten gemein¬≠sa¬≠men Nen¬≠ner und bei√üt die Z√§h¬≠ne zusammen.

Kon¬≠sens¬≠kul¬≠tur dage¬≠gen sucht nach dem gr√∂√ü¬≠ten gemein¬≠sa¬≠men Viel¬≠fa¬≠chen. Sie basiert, so Kern, auf der √úber¬≠zeu¬≠gung, dass ‚Äč‚Äěver¬≠schie¬≠de¬≠ne Bed√ľrf¬≠nis¬≠se oder W√ľn¬≠sche nicht per se in Kon¬≠kur¬≠renz zuein¬≠an¬≠der, son¬≠dern Teil eines noch zu gestal¬≠ten¬≠den gemein¬≠sa¬≠men gr√∂¬≠√üe¬≠ren Bil¬≠des‚Äú sind. Kein Pro¬≠blem bei Oran¬≠gen¬≠saft und Mathe, aber wie sieht das bei kom¬≠ple¬≠xe¬≠ren Bed√ľrf¬≠nis¬≠kon¬≠stel¬≠la¬≠tio¬≠nen aus?

Sagen, was man will

Auch daf√ľr ist es not¬≠wen¬≠dig, √ľber¬≠haupt erst ein¬≠mal zu wis¬≠sen, was alle Sei¬≠ten eigent¬≠lich wol¬≠len. Und das setzt vor¬≠aus, dass alle das sagen. Und vor allem erst ein¬≠mal wis¬≠sen! Im wirk¬≠li¬≠chen Leben ‚Äď ver¬≠sus der idea¬≠len Welt die¬≠ses Arti¬≠kels ‚Äď wis¬≠sen wir aber h√§u¬≠fig kei¬≠nes¬≠wegs, was wir wol¬≠len. Ganz im Gegen¬≠teil wird uns das von fr√ľh auf abtrai¬≠niert, nach dem Mot¬≠to: Stell dich nicht so an, du bist so kompliziert ‚Ķ

Nach die¬≠sem Modell ist nett, wer √ľber sich selbst hin¬≠weg¬≠geht. Ich hat¬≠te eine sehr net¬≠te Mut¬≠ter. Eine sehr, sehr net¬≠te Mut¬≠ter. Und ich kann sagen, dass es nicht ein¬≠fach ist, mit Men¬≠schen zusam¬≠men¬≠zu¬≠le¬≠ben, die st√§n¬≠dig Opfer f√ľr dich bringen.

Dr. Mit¬≠hu M. San¬≠y¬≠al ist Kul¬≠tur¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠le¬≠rin und Jour¬≠na¬≠lis¬≠tin. Sie schreibt √ľber die The¬≠men Sex, Gen¬≠der, Macht und Ras¬≠sis¬≠mus, u.a. in ihrer taz-Kolum¬≠ne ‚Äč‚ÄěMit¬≠hulo¬≠gie‚Äú. Zudem ist sie Autorin meh¬≠re¬≠rer B√ľcher. Zuletzt erschien von ihr ‚Äč‚ÄěVer¬≠ge¬≠wal¬≠ti¬≠gung. Aspek¬≠te eines Ver¬≠bre¬≠chens‚Äú (Nau¬≠ti¬≠lus).


Im Gegen¬≠zug gel¬≠ten Men¬≠schen, die sich daf√ľr ein¬≠set¬≠zen, was sie wol¬≠len, als irgend¬≠wie ‚Äč‚Äěschlech¬≠ter‚Äú. Und wenn es dabei bleibt, dass sie halt ihren Wil¬≠len durch¬≠set¬≠zen, ist das nat√ľr¬≠lich kei¬≠ne Kon¬≠sens¬≠kul¬≠tur. Aller¬≠dings ist zu sagen, wo man steht und was man will, die abso¬≠lut not¬≠wen¬≠di¬≠ge Vor¬≠aus¬≠set¬≠zung, um √ľber¬≠haupt zu einem Kon¬≠sens kom¬≠men zu k√∂n¬≠nen. ‚Äč‚ÄěIn der Kon¬≠sens¬≠fin¬≠dung sind die urspr√ľng¬≠li¬≠chen W√ľn¬≠sche oder Posi¬≠tio¬≠nen kei¬≠ne Begren¬≠zung, son¬≠dern ein Start¬≠punkt‚Äú, f√ľhrt Kern aus. ‚Äč‚ÄěMan zer¬≠legt die W√ľn¬≠sche und Bed√ľrf¬≠nis¬≠se in immer genaue¬≠re Bau¬≠stei¬≠ne, um dann aus dem ent¬≠stan¬≠de¬≠nen gro¬≠√üen Puz¬≠zle eine L√∂sung zusam¬≠men¬≠zu¬≠bau¬≠en. Wich¬≠ti¬≠ge Bed√ľrf¬≠nis¬≠se nicht zu √§u√üern, macht es ande¬≠ren schwer bis unm√∂g¬≠lich, die Bed√ľrf¬≠nis¬≠se aller bei der Erar¬≠bei¬≠tung einer L√∂sung mitzudenken.‚Äú

Die Spiel¬≠ar¬≠ten der Neins 

Dazu muss dann der n√§chs¬≠te Schritt gemacht wer¬≠den und die Bed√ľr¬≠nis¬≠se der ande¬≠ren genau¬≠so wich¬≠tig genom¬≠men wer¬≠den wie die eige¬≠nen. Genau¬≠so. Aber eben nicht mehr. Oder weni¬≠ger. Kon¬≠sens bedeu¬≠tet n√§m¬≠lich auch, sich davon frei zu machen, ande¬≠ren Men¬≠schen ihre Bed√ľrf¬≠nis¬≠se befrie¬≠di¬≠gen zu m√ľs¬≠sen. Und zwar SO WIE SIE SIND. Denn das Ergeb¬≠nis eines Kon¬≠sens¬≠pro¬≠zes¬≠ses ist h√§u¬≠fig √ľber¬≠ra¬≠schend und kei¬≠nes¬≠wegs das, was die eine Sei¬≠te getan h√§t¬≠te, wenn sie die Gedan¬≠ken (sprich Bed√ľrf¬≠nis¬≠se) der ande¬≠ren Sei¬≠te gele¬≠sen h√§tte.

Des¬≠halb bin ich so ent¬≠setzt √ľber vie¬≠le Kon¬≠sens¬≠se¬≠mi¬≠na¬≠re, vor allem an Schu¬≠len, bei denen M√§d¬≠chen bei¬≠gebracht wird, Nein zu sagen, und Jun¬≠gen, das Nein zu akzep¬≠tie¬≠ren‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČund das war‚Äôs! Die¬≠se Semi¬≠na¬≠re setz¬≠ten nicht da an, dass sich Men¬≠schen ‚Äď und das bedeu¬≠tet in die¬≠sem Fall M√§d¬≠chen ‚Äď √ľber ihre eige¬≠nen Bed√ľrf¬≠nis¬≠se klar wer¬≠den sol¬≠len. Statt¬≠des¬≠sen ver¬≠mit¬≠teln sie ein sexu¬≠el¬≠les Sze¬≠na¬≠rio, in dem Jun¬≠gen den sexu¬≠el¬≠len Laden schmei¬≠√üen und M√§d¬≠chen ein Veto¬≠recht haben, was alle Sei¬≠ten klei¬≠ner macht, inklu¬≠si¬≠ve der Sexualit√§t.

Aber ist Nein denn nicht wich¬≠tig? Aber hallo! 

Ich fin¬≠de schon lan¬≠ge, dass wir eine Nein-Alpha¬≠be¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠kam¬≠pa¬≠gne brau¬≠chen. Wenn ich das auf Panels sage, wird es immer ganz still im Raum, weil alle Angst haben, der n√§chs¬≠te Satz w√§re, dass ‚Äč‚ÄěNein‚Äú in Wirk¬≠lich¬≠keit doch ‚Äč‚Äěja‚Äú hei√üt oder ‚Äč‚Äěviel¬≠leicht‚Äú oder ‚Äč‚Äě√ľber¬≠re¬≠de mich‚Äú. Des¬≠halb gebe ich es hier¬≠mit schrift¬≠lich: Nat√ľr¬≠lich gibt es ein Nein, bei dem alles sofort stop¬≠pen soll¬≠te. Joris Kern nennt das das Not¬≠fall-Nein. Es ist das Nein, das wir erst √§u√üern, wenn wir bereits mit dem R√ľcken an der Wand ste¬≠hen. Und f√ľr vie¬≠le Men¬≠schen ist das das ein¬≠zi¬≠ge Nein, das sie haben. Weil wir ‚Äď Stich¬≠wort: Alpha¬≠be¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠kam¬≠pa¬≠gne‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČkei¬≠ne ande¬≠ren ler¬≠nen. Des¬≠halb ist Nein auch so bedroh¬≠lich f√ľr uns, weil wir dann nicht wei¬≠ter wis¬≠sen, au√üer sofort alles ste¬≠hen und lie¬≠gen zu las¬≠sen und die Flucht zu ergreifen.

Nein spre­chen lernen

Dabei ist Nein erst ein¬≠mal eine Infor¬≠ma¬≠ti¬≠on. Und zwar eine wich¬≠ti¬≠ge Infor¬≠ma¬≠ti¬≠on: Nicht so. 

Wie gesagt, bei einem Not¬≠fall-Nein gibt es danach kei¬≠ne Dis¬≠kus¬≠sio¬≠nen. Die¬≠ses Nein ist das Safe-Word unter den Kon¬≠sens¬≠wor¬≠ten. Doch es ist kein Zufall, dass die meis¬≠ten Safe-W√∂r¬≠ter eben nicht Nein sind, son¬≠dern Piz¬≠za oder Rum¬≠pel¬≠stilz¬≠chen, damit sie nicht mit all den ande¬≠ren Neins auf dem Weg zum Kon¬≠sens ver¬≠wech¬≠selt wer¬≠den. Bei die¬≠sen Neins ‚Äď eben¬≠so wie bei vie¬≠len Jas ‚Äď f√§ngt das Gespr√§ch erst an. Gar nicht? Oder so nicht? War¬≠um nicht? Oder auch: Wie dann?

Neben¬≠bei k√∂n¬≠nen wir auch nur, wenn wir sel¬≠ber ja und nein und ich brau¬≠che sagen k√∂n¬≠nen, in die Kon¬≠flik¬≠te von ande¬≠ren kon¬≠struk¬≠tiv ein¬≠grei¬≠fen und nicht ein¬≠fach nur panisch schrei¬≠en: Du hast Recht ver¬≠sus du bist falsch. Son¬≠dern statt¬≠des¬≠sen fra¬≠gen: Was wollt ihr? Was braucht ihr? Schlie√ü¬≠lich geht es in Kon¬≠flik¬≠ten h√§u¬≠fig nicht um die Inhal¬≠te, son¬≠dern um die im Ver¬≠lauf ent¬≠stan¬≠de¬≠nen Ver¬≠let¬≠zun¬≠gen, wes¬≠halb wir umso h√§r¬≠ter gegen ande¬≠re Men¬≠schen vorgehen. 

√úber Bed√ľrf¬≠nis¬≠se, W√ľn¬≠sche, Phan¬≠ta¬≠si¬≠en reden: Nichts ein¬≠fa¬≠cher als das.

Als ich vor vie¬≠len Jah¬≠ren ein¬≠mal mit einem dama¬≠li¬≠gen Lieb¬≠ha¬≠ber Sex initi¬≠ie¬≠ren woll¬≠te, stie√ü er mei¬≠ne Hand mit einem schrof¬≠fen ‚Äč‚ÄěLass das‚Äú zur√ľck. Ich war ver¬≠bl√ľfft, weil ich bis dahin davon aus¬≠ge¬≠gan¬≠gen war, dass von mir lieb¬≠kost zu wer¬≠den, ein Geschenk sei. Ein Geschenk, das man viel¬≠leicht nicht immer woll¬≠te, aber nichts¬≠des¬≠to¬≠trotz ein Geschenk. Also sag¬≠te ich: ‚Äč‚ÄěVon mir lieb¬≠kost zu wer¬≠den, ist ein Geschenk. Ein Geschenk, das du viel¬≠leicht gera¬≠de nicht willst, aber nichts¬≠des¬≠to¬≠trotz ein Geschenk. War¬≠um sagst du nicht ein¬≠fach: Nein, danke?‚Äú
Und er ant¬≠wor¬≠te¬≠te: ‚Äč‚ÄěIch habe gelernt, dass Nein Nein hei√üt.‚Äú

Neh¬≠men wir uns ernst!

M√ľs¬≠sen wir also immer ‚Äč‚ÄěNein dan¬≠ke‚Äú sagen? Kei¬≠nes¬≠wegs. Aber es w√§re erstre¬≠bens¬≠wert, wenn wir es k√∂nn¬≠ten. Weil ‚Äď und das ist das Erstre¬≠bens¬≠wer¬≠tes¬≠te dar¬≠an ‚Äď das bedeu¬≠tet, dass wir uns wohl und sicher in unse¬≠rem Nein f√ľh¬≠len und es unse¬≠rem Gegen¬≠√ľber des¬≠halb nicht um die Ohren klat¬≠schen m√ľs¬≠sen. Denn ein Nein ist ein Geschenk, ein Zei¬≠chen, dass wir uns gegen¬≠sei¬≠tig ernst nehmen. 

Doch auch ein ‚Äč‚ÄěIch m√∂chte/‚Äčbrauche/‚Äčwill ‚Ķ‚Äú ist ein Geschenk, weil wir uns ver¬≠letz¬≠lich machen, indem wir offen √ľber unse¬≠re Bed√ľrf¬≠nis¬≠se spre¬≠chen. Schlie√ü¬≠lich k√∂n¬≠nen wir nur dann zur√ľck¬≠ge¬≠wie¬≠sen wer¬≠den. Wes¬≠halb sich vie¬≠le Men¬≠schen lie¬≠ber hin¬≠ter ‚Äč‚Äěobjek¬≠ti¬≠ven‚Äú Gr√ľn¬≠den ver¬≠ste¬≠cken, war¬≠um ihr Bed√ľrf¬≠nis rich¬≠tig ist und Leu¬≠te, die ande¬≠rer Mei¬≠nung sind, halt irgend¬≠wie das fal¬≠sche Bewusst¬≠sein haben. Sogar Men¬≠schen, die nicht dog¬≠ma¬≠tisch dar¬≠auf behar¬≠ren, dass das, was sie gut fin¬≠den, auch gut ist, tun dies. Das geht auf den Phi¬≠lo¬≠so¬≠phen J√ľr¬≠gen Haber¬≠mas zur√ľck und sein deli¬≠be¬≠ra¬≠ti¬≠ves Modell der Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung, nach dem ein (poli¬≠ti¬≠scher) Kon¬≠flikt ein ratio¬≠na¬≠ler Aus¬≠tausch sei, bei dem schlie√ü¬≠lich das bes¬≠te Argu¬≠ment siegt. Blo√ü bedeu¬≠tet das in der Pra¬≠xis, dass sich die √úber¬≠stimm¬≠ten auch noch sch√§¬≠men m√ľs¬≠sen, weil sie offen¬≠sicht¬≠lich die fal¬≠schen Argu¬≠men¬≠te hatten.

Noch eine Anek¬≠do¬≠te zum Schluss: W√§h¬≠rend ich die¬≠sen Text schrieb, hat¬≠te ich eine Aus¬≠ein¬≠an¬≠der¬≠set¬≠zung (also einen Streit) mit mei¬≠nem Liebs¬≠ten. Ich sage jetzt nicht, wor¬≠um es ging, nur, dass ich mir dach¬≠te: Pri¬≠ma, eine Gele¬≠gen¬≠heit Kon¬≠sens zu √ľben. Und bat ihn, mir zu erkl√§¬≠ren, was er woll¬≠te, und mir danach zuzu¬≠h√∂¬≠ren, was ich woll¬≠te ‚Äď was kein Pro¬≠blem war. Viel schwie¬≠ri¬≠ger war, nicht sofort eine L√∂sung anzu¬≠bie¬≠ten; Schlie√ü¬≠lich brau¬≠chen wir f√ľr eine ech¬≠te L√∂sung erst alle Informationen. 

Es war ver¬≠bl√ľf¬≠fend, wie schnell wir zu einem Ergeb¬≠nis kamen, und noch ver¬≠bl√ľf¬≠fen¬≠der, dass er danach irgend¬≠wann ner¬≠v√∂s wur¬≠de. ‚Äč‚ÄěAber was muss ich denn jetzt daf√ľr leis¬≠ten?‚Äú frag¬≠te er schlie√ü¬≠lich unru¬≠hig, da er gelernt hat¬≠te, dass man f√ľr einen Kom¬≠pro¬≠miss immer etwas bezah¬≠len muss. 

Dabei war f√ľr mich in die¬≠sem Moment ‚Äď eben¬≠so wie f√ľr die meis¬≠ten von uns‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČallei¬≠ne in mei¬≠nen Bed√ľrf¬≠nis¬≠sen wahr¬≠ge¬≠nom¬≠men zu wer¬≠den, schon umwer¬≠fend. Joris Kern erkl√§rt, dass das sogar hei¬≠lend sein kann. Weil es so sel¬≠ten ist. 

Lasst uns daf√ľr sor¬≠gen, dass es h√§u¬≠fi¬≠ger wird!

Kon­sens als Kern des guten Lebens

W√§re das schon eine Welt, in der der Femi¬≠nis¬≠mus nicht mehr not¬≠wen¬≠dig ist? Kei¬≠ne Ahnung. Aber es w√§re ein guter Schritt dahin. Doch dann sind die Femi¬≠nis¬≠men f√ľr mich sowie¬≠so nur ein Ana¬≠ly¬≠se¬≠instru¬≠ment, das wir dann/‚Äčjetzt halt noch auf ande¬≠re Bezie¬≠hun¬≠gen anwen¬≠den k√∂n¬≠nen, zum Bei¬≠spiel auf unser Ver¬≠h√§lt¬≠nis zu ande¬≠ren Spe¬≠zi¬≠en und Lebens¬≠for¬≠men. Wie k√∂n¬≠nen wir mit der Welt um uns her¬≠um genau¬≠so respekt¬≠voll inter¬≠agie¬≠ren wie wir uns das mit¬≠ein¬≠an¬≠der w√ľn¬≠schen? Aber viel¬≠leicht ist das ja auch eine Fra¬≠ge von Kon¬≠sens. Erst vor kur¬≠zem wur¬≠de den Fl√ľs¬≠sen in Vic¬≠to¬≠ria, Aus¬≠tra¬≠li¬≠en, dem Whan¬≠ga¬≠nui River in New Zea¬≠land sowie dem Gan¬≠ges und dem Yamu¬≠na in Indi¬≠en Men¬≠schen¬≠rech¬≠te zuge¬≠spro¬≠chen, damit gegen Leu¬≠te und Unter¬≠neh¬≠men, die sie ver¬≠schmut¬≠zen, genau¬≠so vor¬≠ge¬≠gan¬≠gen wer¬≠den kann, als w√ľr¬≠den sie einem Men¬≠schen Scha¬≠den zuf√ľgen. 

Wie auch immer wir es nen¬≠nen, wir brau¬≠chen es, um wei¬≠ter dar¬≠√ľber nach¬≠zu¬≠den¬≠ken, wie wir mit¬≠ein¬≠an¬≠der leben wol¬≠len, ja wie wir leben wollen.