Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?

Konsens sprechen lernen

Dass Nein Nein heißt, sollte Verhaltensgrundlage sein. Doch emanzipatorische Kommunikation verlangt mehr: die Suche nach dem gemeinsamen Vielfachen.

Zwei Hände zeigen eine Geste.
R. A. Olea, CC BY 2.0

Seit Beginn der #metoo Debatte sitze ich gefühlt durchgehend auf Podien und diskutiere über Sex und sexuelle Grenzen und wie wir diese einhalten. Vor kurzem hob ein junger Mensch aus dem Publikum die Hand und fragte: „Was kann man denn überhaupt noch machen?“
Das ist nicht das erste Mal, dass diese Frage bei Veranstaltungen gestellt wird, häufig auch in der Variante: „Was kann man denn überhaupt noch sagen?“ (Seltener „Wie kann man denn überhaupt noch flirten?“ Aber auch das ist schon vorgekommen) Und es ist auch nicht das erste Mal, dass blitzschnell die Antwort kommt: „Alles ist erlaubt, solange es nicht sexistisch oder rassistisch ist.“

Nun ist das eine gute Selbstverpflichtung – versuche, kein Arschloch zu sein! – aber als Verhaltensrichtlinie nicht ganz so nützlich. Zumindest in meiner Bubble kenne ich niemanden, der von sich sagen würde: Ich bin stolz darauf, dass ich so rassistisch und/oder sexistisch bin.
Und trotzdem sind wir es immer wieder. Die Aufforderung „Hör auf es falsch zu machen“ reicht also nicht aus. Was wir brauchen ist mehr.

Was wäre, wenn wir alle fließend Konsens sprächen?

Konsens ist das, was alle wollen, von dem aber keiner so recht weiß, was er nun genau ist. Deshalb müssen wir diese Frage durchaus ernst nehmen: Wie können wir Konsens lernen?

Wenn wir Konsens sagen, meinen wir in der Regel damit, dass wir einer Meinung sein wollen. Und das ist super, wenn wir einer Meinung sind. Sobald es einen (Interessens)Konflikt gibt, hilft es uns aber nicht weiter. In einem Satz: Wir wollen Konsens haben, aber ihn nicht herstellen.

Damit niemand denkt, ich hätte den Konsens mit Löffeln gegessen, möchte ich an dieser Stelle klarstellen, dass das meiste was folgt, auf der Arbeit von Joris Kern (www.kernforschen.de) beruht. Kern unterscheidet zwischen einer Kompromisskultur - also der, in der wir alle groß geworden sind – und Konsenskultur. Kompromisskultur heißt, dass bei einem Konflikt alle Seiten etwas aufgeben und sich in der Mitte treffen. Also, wenn mein Sohn Geld von mir möchte, um sich Orangensaft zu kaufen, und ich will, dass er für seine Mathearbeit lernt, wäre der Kompromiss, dass er eine halbe Flasche Saft kauft und die Häfte seiner Aufgaben lernt. Ist irgendjemand glücklicher? Das hatte ich auch nicht erwartet.

Das Beispiel ist nur halb so absurd, wie es sich anhört, denn bei Kompromissen sind in der Regel alle unglücklich - nur halt nicht allzu unglücklich. Man trifft sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und beißt die Zähne zusammen.

Konsenskultur dagegen sucht nach dem größten gemeinsamen Vielfachen. Sie basiert, so Kern, auf der Überzeugung, dass „verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teil eines noch zu gestaltenden gemeinsamen größeren Bildes“ sind. Kein Problem bei Orangensaft und Mathe, aber wie sieht das bei komplexeren Bedürfniskonstellationen aus?

Sagen, was man will

Auch dafür ist es notwendig, überhaupt erst einmal zu wissen, was alle Seiten eigentlich wollen. Und das setzt voraus, dass alle das sagen. Und vor allem erst einmal wissen! Im wirklichen Leben – versus der idealen Welt dieses Artikels – wissen wir aber häufig keineswegs, was wir wollen. Ganz im Gegenteil wird uns das von früh auf abtrainiert, nach dem Motto: Stell dich nicht so an, du bist so kompliziert ...

Nach diesem Modell ist nett, wer über sich selbst hinweggeht. Ich hatte eine sehr nette Mutter. Eine sehr, sehr nette Mutter. Und ich kann sagen, dass es nicht einfach ist, mit Menschen zusammenzuleben, die ständig Opfer für dich bringen.

Dr. Mithu M. Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin und Journalistin. Sie schreibt über die Themen Sex, Gender, Macht und Rassismus, u.a. in ihrer taz-Kolumne „Mithulogie“. Zudem ist sie Autorin mehrerer Bücher. Zuletzt erschien von ihr „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ (Nautilus).


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Im Gegenzug gelten Menschen, die sich dafür einsetzen, was sie wollen, als irgendwie „schlechter“. Und wenn es dabei bleibt, dass sie halt ihren Willen durchsetzen, ist das natürlich keine Konsenskultur. Allerdings ist zu sagen, wo man steht und was man will, die absolut notwendige Voraussetzung, um überhaupt zu einem Konsens kommen zu können. „In der Konsensfindung sind die ursprünglichen Wünsche oder Positionen keine Begrenzung, sondern ein Startpunkt“, führt Kern aus. „Man zerlegt die Wünsche und Bedürfnisse in immer genauere Bausteine, um dann aus dem entstandenen großen Puzzle eine Lösung zusammenzubauen. Wichtige Bedürfnisse nicht zu äußern, macht es anderen schwer bis unmöglich, die Bedürfnisse aller bei der Erarbeitung einer Lösung mitzudenken.“

Die Spielarten der Neins

Dazu muss dann der nächste Schritt gemacht werden und die Bedürnisse der anderen genauso wichtig genommen werden wie die eigenen. Genauso. Aber eben nicht mehr. Oder weniger. Konsens bedeutet nämlich auch, sich davon frei zu machen, anderen Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen zu müssen. Und zwar SO WIE SIE SIND. Denn das Ergebnis eines Konsensprozesses ist häufig überraschend und keineswegs das, was die eine Seite getan hätte, wenn sie die Gedanken (sprich Bedürfnisse) der anderen Seite gelesen hätte.

Deshalb bin ich so entsetzt über viele Konsensseminare, vor allem an Schulen, bei denen Mädchen beigebracht wird, Nein zu sagen, und Jungen, das Nein zu akzeptieren - und das war’s! Diese Seminare setzten nicht da an, dass sich Menschen – und das bedeutet in diesem Fall Mädchen – über ihre eigenen Bedürfnisse klar werden sollen. Stattdessen vermitteln sie ein sexuelles Szenario, in dem Jungen den sexuellen Laden schmeißen und Mädchen ein Vetorecht haben, was alle Seiten kleiner macht, inklusive der Sexualität.

Aber ist Nein denn nicht wichtig? Aber hallo!

Ich finde schon lange, dass wir eine Nein-Alphabetisierungskampagne brauchen. Wenn ich das auf Panels sage, wird es immer ganz still im Raum, weil alle Angst haben, der nächste Satz wäre, dass „Nein“ in Wirklichkeit doch „ja“ heißt oder „vielleicht“ oder „überrede mich“. Deshalb gebe ich es hiermit schriftlich: Natürlich gibt es ein Nein, bei dem alles sofort stoppen sollte. Joris Kern nennt das das Notfall-Nein. Es ist das Nein, das wir erst äußern, wenn wir bereits mit dem Rücken an der Wand stehen. Und für viele Menschen ist das das einzige Nein, das sie haben. Weil wir – Stichwort: Alphabetisierungskampagne - keine anderen lernen. Deshalb ist Nein auch so bedrohlich für uns, weil wir dann nicht weiter wissen, außer sofort alles stehen und liegen zu lassen und die Flucht zu ergreifen.

Nein sprechen lernen

Dabei ist Nein erst einmal eine Information. Und zwar eine wichtige Information: Nicht so.

Wie gesagt, bei einem Notfall-Nein gibt es danach keine Diskussionen. Dieses Nein ist das Safe-Word unter den Konsensworten. Doch es ist kein Zufall, dass die meisten Safe-Wörter eben nicht Nein sind, sondern Pizza oder Rumpelstilzchen, damit sie nicht mit all den anderen Neins auf dem Weg zum Konsens verwechselt werden. Bei diesen Neins – ebenso wie bei vielen Jas – fängt das Gespräch erst an. Gar nicht? Oder so nicht? Warum nicht? Oder auch: Wie dann?

Nebenbei können wir auch nur, wenn wir selber ja und nein und ich brauche sagen können, in die Konflikte von anderen konstruktiv eingreifen und nicht einfach nur panisch schreien: Du hast Recht versus du bist falsch. Sondern stattdessen fragen: Was wollt ihr? Was braucht ihr? Schließlich geht es in Konflikten häufig nicht um die Inhalte, sondern um die im Verlauf entstandenen Verletzungen, weshalb wir umso härter gegen andere Menschen vorgehen.

Über Bedürfnisse, Wünsche, Phantasien reden: Nichts einfacher als das.

Als ich vor vielen Jahren einmal mit einem damaligen Liebhaber Sex initiieren wollte, stieß er meine Hand mit einem schroffen „Lass das“ zurück. Ich war verblüfft, weil ich bis dahin davon ausgegangen war, dass von mir liebkost zu werden, ein Geschenk sei. Ein Geschenk, das man vielleicht nicht immer wollte, aber nichtsdestotrotz ein Geschenk. Also sagte ich: „Von mir liebkost zu werden, ist ein Geschenk. Ein Geschenk, das du vielleicht gerade nicht willst, aber nichtsdestotrotz ein Geschenk. Warum sagst du nicht einfach: Nein, danke?“
Und er antwortete: „Ich habe gelernt, dass Nein Nein heißt.“

Nehmen wir uns ernst!

Müssen wir also immer „Nein danke“ sagen? Keineswegs. Aber es wäre erstrebenswert, wenn wir es könnten. Weil – und das ist das Erstrebenswerteste daran – das bedeutet, dass wir uns wohl und sicher in unserem Nein fühlen und es unserem Gegenüber deshalb nicht um die Ohren klatschen müssen. Denn ein Nein ist ein Geschenk, ein Zeichen, dass wir uns gegenseitig ernst nehmen.

Doch auch ein „Ich möchte/brauche/will ...“ ist ein Geschenk, weil wir uns verletzlich machen, indem wir offen über unsere Bedürfnisse sprechen. Schließlich können wir nur dann zurückgewiesen werden. Weshalb sich viele Menschen lieber hinter „objektiven“ Gründen verstecken, warum ihr Bedürfnis richtig ist und Leute, die anderer Meinung sind, halt irgendwie das falsche Bewusstsein haben. Sogar Menschen, die nicht dogmatisch darauf beharren, dass das, was sie gut finden, auch gut ist, tun dies. Das geht auf den Philosophen Jürgen Habermas zurück und sein deliberatives Modell der Auseinandersetzung, nach dem ein (politischer) Konflikt ein rationaler Austausch sei, bei dem schließlich das beste Argument siegt. Bloß bedeutet das in der Praxis, dass sich die Überstimmten auch noch schämen müssen, weil sie offensichtlich die falschen Argumente hatten.

Noch eine Anekdote zum Schluss: Während ich diesen Text schrieb, hatte ich eine Auseinandersetzung (also einen Streit) mit meinem Liebsten. Ich sage jetzt nicht, worum es ging, nur, dass ich mir dachte: Prima, eine Gelegenheit Konsens zu üben. Und bat ihn, mir zu erklären, was er wollte, und mir danach zuzuhören, was ich wollte – was kein Problem war. Viel schwieriger war, nicht sofort eine Lösung anzubieten; Schließlich brauchen wir für eine echte Lösung erst alle Informationen.

Es war verblüffend, wie schnell wir zu einem Ergebnis kamen, und noch verblüffender, dass er danach irgendwann nervös wurde. „Aber was muss ich denn jetzt dafür leisten?“ fragte er schließlich unruhig, da er gelernt hatte, dass man für einen Kompromiss immer etwas bezahlen muss.

Dabei war für mich in diesem Moment – ebenso wie für die meisten von uns - alleine in meinen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden, schon umwerfend. Joris Kern erklärt, dass das sogar heilend sein kann. Weil es so selten ist.

Lasst uns dafür sorgen, dass es häufiger wird!

Konsens als Kern des guten Lebens

Wäre das schon eine Welt, in der der Feminismus nicht mehr notwendig ist? Keine Ahnung. Aber es wäre ein guter Schritt dahin. Doch dann sind die Feminismen für mich sowieso nur ein Analyseinstrument, das wir dann/jetzt halt noch auf andere Beziehungen anwenden können, zum Beispiel auf unser Verhältnis zu anderen Spezien und Lebensformen. Wie können wir mit der Welt um uns herum genauso respektvoll interagieren wie wir uns das miteinander wünschen? Aber vielleicht ist das ja auch eine Frage von Konsens. Erst vor kurzem wurde den Flüssen in Victoria, Australien, dem Whanganui River in New Zealand sowie dem Ganges und dem Yamuna in Indien Menschenrechte zugesprochen, damit gegen Leute und Unternehmen, die sie verschmutzen, genauso vorgegangen werden kann, als würden sie einem Menschen Schaden zufügen.

Wie auch immer wir es nennen, wir brauchen es, um weiter darüber nachzudenken, wie wir miteinander leben wollen, ja wie wir leben wollen.