Was w√§re, wenn Social Media den Nutzer*innen geh√∂ren w√ľrde?

Gesta­pel­te Demokratie

Wer die Vor­tei­le der gro­ßen Platt­for­men erhal­ten will, muss die ver­schie­de­nen Reform­ide­en kom­bi­nie­ren: User-Räte, zen­tra­les Meta-Gover­nan­ce, föde­rier­te Instan­zen. Eine Anleitung.

Ein Gebäude, das aus gestapelten Boxen besteht.
Gestapelte Struktur: Das Habitat 67 in Montreal ist eine Modelkomplex des Architekten Moshe Safdie. | Foto: Maela Ohana, CC BY-SA 4.0

Es ist eine Hass¬≠lie¬≠be, die die Gesell¬≠schaft mit den Platt¬≠for¬≠men wie Face¬≠book und You¬≠tube pflegt. Auf der einen Sei¬≠te geben sie vie¬≠len Men¬≠schen das ers¬≠te Mal eine Stim¬≠me, mit der sie sich in der √Ėffent¬≠lich¬≠keit arti¬≠ku¬≠lie¬≠ren k√∂n¬≠nen, oft sogar poli¬≠tisch (es gab zumin¬≠dest mal eine Zeit, als das als etwas Gutes galt). Auf der ande¬≠ren Sei¬≠te han¬≠delt es sich um Wirt¬≠schafts¬≠un¬≠ter¬≠neh¬≠men, die jeden Cent aus unse¬≠rer Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit und unse¬≠ren per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Daten pres¬≠sen wol¬≠len. Zudem √§hneln die¬≠se Orte weni¬≠ger √∂ffent¬≠li¬≠chen Pl√§t¬≠zen, als viel¬≠mehr pri¬≠va¬≠ten Ein¬≠kaufs¬≠zen¬≠tren, in denen man nur wenig bis kei¬≠ne Rech¬≠te und Mit¬≠be¬≠stim¬≠mungs¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten hat.

Es ist des¬≠we¬≠gen nahe¬≠lie¬≠gend, eine Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rung die¬≠ser Platt¬≠for¬≠men zu for¬≠dern, wenn wir sol¬≠che Infra¬≠struk¬≠tu¬≠ren schon mit unse¬≠ren Mei¬≠nun¬≠gen und Daten f√ľt¬≠tern. Was das hei√üt oder hei¬≠√üen kann, ist ein wei¬≠tes Feld und im Detail eine schwie¬≠ri¬≠ge Dis¬≠kus¬≠si¬≠on. Daher ori¬≠en¬≠tie¬≠ren sich hier mei¬≠ne For¬≠de¬≠run¬≠gen nach Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rung an den Model¬≠len und Kon¬≠zep¬≠ten, die wir aus den west¬≠li¬≠chen Indus¬≠trie¬≠na¬≠tio¬≠nen ken¬≠nen: Wir wol¬≠len gewis¬≠se Rech¬≠te haben, wir wol¬≠len mit¬≠be¬≠stim¬≠men, wo die Rei¬≠se hin¬≠geht, wir wol¬≠len Min¬≠dest¬≠stan¬≠dards der Mode¬≠ra¬≠ti¬≠on, Trans¬≠pa¬≠renz sowie nach¬≠voll¬≠zieh¬≠ba¬≠re Pro¬≠zes¬≠se. Und wir wol¬≠len, dass die enor¬≠me Macht die¬≠ser Platt¬≠for¬≠men nicht miss¬≠braucht wird.

Doch wie genau soll das pas¬≠sie¬≠ren? Platt¬≠for¬≠men sind kei¬≠ne Staa¬≠ten, wir k√∂n¬≠nen deren Kon¬≠zep¬≠te nicht eins zu eins √ľber¬≠tra¬≠gen. Zun√§chst m√∂ch¬≠te ich vier M√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten der Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rung von Platt¬≠for¬≠men vor¬≠stel¬≠len, ihre Vor- und Nach¬≠tei¬≠le dis¬≠ku¬≠tie¬≠ren und am Ende einen L√∂sungs¬≠vor¬≠schlag unterbreiten.

1. Ver­ge­sell­schaf­te­te Monopole

Ein Pro¬≠blem, das bei Platt¬≠for¬≠men immer wie¬≠der auf¬≠taucht, ist ihre Ten¬≠denz zum Mono¬≠pol. Face¬≠book, Ama¬≠zon und Goog¬≠le sind jeweils auf ihrem Gebiet markt¬≠be¬≠herr¬≠schend. Bei der Pro¬≠ble¬≠ma¬≠ti¬≠sie¬≠rung wird jedoch oft ver¬≠ges¬≠sen zu erw√§h¬≠nen, dass die Mono¬≠po¬≠li¬≠sie¬≠rung auch n√ľtz¬≠li¬≠che Sei¬≠ten f√ľr die Nutzer*innen hat. Stel¬≠len wir uns vor, unse¬≠re Freun¬≠de w√§ren auf zig unter¬≠schied¬≠li¬≠che Soci¬≠al Net¬≠works ver¬≠teilt, Ama¬≠zon h√§t¬≠te nur dies und das im Ange¬≠bot und Goog¬≠le w√ľr¬≠de nur etwa ein Drit¬≠tel des Webs ken¬≠nen. Geben wir es zu: alles (Freun¬≠de, Pro¬≠duk¬≠te, Such¬≠ergeb¬≠nis¬≠se) an einer Stel¬≠le zu haben, ist ziem¬≠lich praktisch.

Viel¬≠leicht soll¬≠te man aus die¬≠sen Gr√ľn¬≠den Mono¬≠po¬≠le auch nicht zer¬≠schla¬≠gen, son¬≠dern eher ver¬≠ge¬≠sell¬≠schaf¬≠ten. Das muss nicht Ver¬≠staat¬≠li¬≠chung bedeu¬≠ten, es kann auch bedeu¬≠ten, dass wir alle Anteilseigner*innen einer rie¬≠sen¬≠gro¬≠√üen Genos¬≠sen¬≠schaft wer¬≠den. Die Idee der ‚Äč‚ÄěPlat¬≠form Coope¬≠ra¬≠ti¬≠ves‚Äú wird bereits in vie¬≠len US-St√§d¬≠ten erprobt. Wir h√§t¬≠ten Stimm¬≠an¬≠teil, wenn es um Grund¬≠satz¬≠ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen geht und w√ľr¬≠den die Gewin¬≠ne unter¬≠ein¬≠an¬≠der auf¬≠tei¬≠len. Zus√§tz¬≠lich k√∂nn¬≠ten wir eini¬≠ge der insti¬≠tu¬≠tio¬≠nel¬≠len Struk¬≠tu¬≠ren, die √ľber die letz¬≠ten Jahr¬≠hun¬≠der¬≠te Staa¬≠ten √ľber¬≠ge¬≠st√ľlpt wur¬≠den, auch bei Platt¬≠for¬≠men aus¬≠pro¬≠bie¬≠ren: Gewal¬≠ten¬≠tei¬≠lung, bzw. Checks & Balan¬≠ces, eine Art unab¬≠h√§n¬≠gi¬≠ge Jus¬≠tiz, die Kon¬≠flik¬≠te auf der Platt¬≠form behan¬≠delt, Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen, die Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen kon¬≠trol¬≠lie¬≠ren, indi¬≠vi¬≠du¬≠el¬≠le Rech¬≠te, Min¬≠der¬≠hei¬≠ten¬≠schutz, etc. Am Ende w√ľr¬≠den wir Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen √ľber die Wei¬≠ter¬≠ent¬≠wick¬≠lung und Aus¬≠ge¬≠stal¬≠tung von Platt¬≠for¬≠men mit ech¬≠ter, poli¬≠ti¬≠scher Legi¬≠ti¬≠mi¬≠t√§t ausstatten.

Das h√§t¬≠te nat√ľr¬≠lich auch Nach¬≠tei¬≠le. Es w√ľr¬≠de zun√§chst die Struk¬≠tu¬≠ren enorm l√§h¬≠men und Pro¬≠zes¬≠se ver¬≠lang¬≠sa¬≠men, Inno¬≠va¬≠tio¬≠nen br√§uch¬≠ten Ewig¬≠kei¬≠ten, um bei den Nutzer*innen anzu¬≠kom¬≠men. Alle Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen w√ľr¬≠den in Ver¬≠hand¬≠lun¬≠gen zwi¬≠schen ver¬≠schie¬≠de¬≠nen Inter¬≠es¬≠sen¬≠grup¬≠pen ver¬≠w√§s¬≠sert, wie wir es aus der par¬≠la¬≠men¬≠ta¬≠ri¬≠schen Demo¬≠kra¬≠tie ken¬≠nen. Ama¬≠zon sieht aus, wie Jeff Bezos es will. Wie s√§he es aus, wenn sich CDU und SPD auf einen Ent¬≠wurf eini¬≠gen m√ľss¬≠ten? Aber selbst, wenn wir davon aus¬≠gin¬≠gen, dass die Leu¬≠te nicht in Scha¬≠ren davon¬≠lie¬≠fen, h√§t¬≠ten wir immer noch einen unglaub¬≠lich m√§ch¬≠ti¬≠gen Koloss vor uns, der uns her¬≠um¬≠schub¬≠sen k√∂nn¬≠te. Wenn wir etwas aus den paar tau¬≠send Jah¬≠ren Demo¬≠kra¬≠tie¬≠ge¬≠schich¬≠te gelernt haben, dann, dass auch demo¬≠kra¬≠ti¬≠sche Struk¬≠tu¬≠ren ins tyran¬≠ni¬≠sche kip¬≠pen k√∂n¬≠nen. Was ist, wenn die Kon¬≠ser¬≠va¬≠ti¬≠ven einen √úber¬≠wa¬≠chungs¬≠alb¬≠traum instal¬≠lier¬≠ten, oder gar Nazis die Kon¬≠trol¬≠le √ľber¬≠n√§h¬≠men? Da w√§re mir per¬≠s√∂n¬≠lich die poli¬≠tisch ver¬≠gleichs¬≠wei¬≠se indif¬≠fe¬≠ren¬≠te Zucker¬≠berg-Herr¬≠schaft lieber.

Michael Seemann

Micha¬≠el See¬≠mann arbei¬≠tet als Blog¬≠ger und frei¬≠er Autor f√ľr ver¬≠schie¬≠de¬≠ne Medi¬≠en in Ber¬≠lin. Der Kul¬≠tur¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler besch√§f¬≠tigt sich vor allem mit den The¬≠men Whist¬≠leb¬≠lo¬≠wing, Daten¬≠schutz, Urhe¬≠ber¬≠recht, Inter¬≠net¬≠kul¬≠tur und Platt¬≠for¬≠men. Zum digi¬≠ta¬≠len Kon¬≠troll¬≠ver¬≠lust hat er ein Buch geschrie¬≠ben. [Foto: Stef¬≠fi Ro√üdeutscher]

2. Ver­teil­te Infrastruktur

Libe¬≠ra¬≠le bis liber¬≠t√§¬≠re (und meist tech¬≠no¬≠lo¬≠gie¬≠af¬≠fi¬≠ne) Kr√§f¬≠te ver¬≠fol¬≠gen des¬≠we¬≠gen einen ande¬≠ren Ansatz: Sie wol¬≠len grund¬≠s√§tz¬≠lich weg von den gro¬≠√üen, zen¬≠tra¬≠len Infra¬≠struk¬≠tu¬≠ren und die¬≠se statt¬≠des¬≠sen direkt in die H√§n¬≠de der Leu¬≠te ver¬≠tei¬≠len. Sie st√∂rt nicht nur, dass eine Art dik¬≠ta¬≠to¬≠ri¬≠sches Regime in ihr Leben rein¬≠re¬≠giert, son¬≠dern dass √ľber¬≠haupt irgend¬≠wer es wagt, ihnen zu sagen, was sie zu tun und zu las¬≠sen haben. Kei¬≠ne Macht f√ľr niemand!

Ihr Ansatz ist es, die Funk¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t der Platt¬≠for¬≠men auf ein √ľber die Nutzer*innen ver¬≠teil¬≠tes Pro¬≠to¬≠koll zu √ľber¬≠tra¬≠gen, einen tech¬≠ni¬≠schen Stan¬≠dard, der es erlaubt, dass unter¬≠schied¬≠li¬≠che Instan¬≠zen einer Soft¬≠ware mit¬≠ein¬≠an¬≠der kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren k√∂nnen. 

Am bes¬≠ten soll¬≠ten die Fea¬≠tures und Funk¬≠tio¬≠nen kom¬≠plett im Pro¬≠to¬≠koll imple¬≠men¬≠tiert sein. Wer eine Soft¬≠ware hat, die mit dem Pro¬≠to¬≠koll spre¬≠chen kann (auf dem Han¬≠dy, durch die Instal¬≠la¬≠ti¬≠on einer bestimm¬≠ten App oder durch die Instal¬≠la¬≠ti¬≠on einer Soft¬≠ware auf dem Com¬≠pu¬≠ter), darf mit¬≠ma¬≠chen. Auf die¬≠se Art sind alle mit¬≠ein¬≠an¬≠der ver¬≠netzt die das wol¬≠len, ohne dass irgend¬≠wer f√§hig w√§re Kon¬≠trol¬≠le √ľber das Netz¬≠werk aus¬≠zu¬≠√ľben, irgend¬≠je¬≠man¬≠den aus¬≠zu¬≠schlie¬≠√üen oder zu bestra¬≠fen. Nie¬≠man¬≠dem ‚Äč‚Äěgeh√∂rt‚Äú das Netz¬≠werk und Ent¬≠schei¬≠dun¬≠gen k√∂n¬≠nen per se nicht gegen die Com¬≠mu¬≠ni¬≠ty getrof¬≠fen werden. 

Auch die¬≠ser Ansatz h√∂rt sich auf dem Papier erst¬≠mal pri¬≠ma an, hat aber mit eini¬≠gen Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten zu k√§mp¬≠fen. Zun√§chst w√§re da die tech¬≠ni¬≠sche Umsetz¬≠bar¬≠keit, denn ver¬≠teil¬≠te Netz¬≠wer¬≠ke m√ľs¬≠sen auch √ľber eine ver¬≠teil¬≠te Daten¬≠hal¬≠tung ver¬≠f√ľ¬≠gen. All die Nutzer*innen-Accounts und Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠tio¬≠nen m√ľs¬≠sen schlie√ü¬≠lich irgend¬≠wo gespei¬≠chert und f√ľr die jewei¬≠li¬≠gen Netz¬≠werk¬≠kno¬≠ten ver¬≠f√ľg¬≠bar gehal¬≠ten wer¬≠den. Bei den grund¬≠le¬≠gen¬≠den Pro¬≠to¬≠kol¬≠len des Inter¬≠nets (TCP/IP) funk¬≠tio¬≠niert das, weil da nicht jeder Rech¬≠ner jeden ande¬≠ren Rech¬≠ner ken¬≠nen muss, damit das Rou¬≠ting funk¬≠tio¬≠niert, aber bei Face¬≠book w√§re das schon bl√∂d wenn ich mei¬≠ne Freun¬≠de nicht mehr f√§nde. 

Auch eine sol¬≠che ver¬≠teil¬≠te Infra¬≠struk¬≠tur h√§t¬≠te das Pro¬≠blem, dass es wahn¬≠sin¬≠nig z√§h w√§re, sie wei¬≠ter zu ent¬≠wi¬≠ckeln. Wie man bei der Tran¬≠si¬≠ti¬≠on des Inter¬≠net¬≠pro¬≠to¬≠kolls von IPv4 auf IPv6 sieht, kann so ein grund¬≠le¬≠gen¬≠der Ein¬≠griff schon mal 30 Jah¬≠re dau¬≠ern‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČund er ist bis heu¬≠te nicht voll¬≠zo¬≠gen. W√§h¬≠rend Goog¬≠le-CEO Sun¬≠dai Pichar nur einen Hebel bedie¬≠nen muss, um die Such¬≠ma¬≠schi¬≠ne kom¬≠plett umzu¬≠ge¬≠stal¬≠ten, m√ľs¬≠sen bei viel genutz¬≠ten Pro¬≠to¬≠kol¬≠len Mil¬≠lio¬≠nen Men¬≠schen Mil¬≠lio¬≠nen Hebel umstel¬≠len, bevor irgend¬≠was pas¬≠siert. Pro¬≠to¬≠kol¬≠le sind enorm strukturkonservativ.

Aber selbst wenn man eine tech¬≠ni¬≠sche L√∂sung f√ľr all das fin¬≠den w√ľr¬≠de, w√ľr¬≠den die Pro¬≠ble¬≠me erst rich¬≠tig los¬≠ge¬≠hen. Ein kom¬≠plett pro¬≠to¬≠koll¬≠ba¬≠sier¬≠tes Netz¬≠werk w√§re kaum mode¬≠rier¬≠bar ‚Äď was ja gera¬≠de von deren Enthu¬≠si¬≠as¬≠ten auch als Vor¬≠zug geprie¬≠sen wird. Tota¬≠le Mei¬≠nungs¬≠frei¬≠heit! Aber gera¬≠de im Inter¬≠net las¬≠sen sich vie¬≠le Bei¬≠spie¬≠le fin¬≠den, wie unmo¬≠de¬≠rier¬≠te R√§u¬≠me in eine ras¬≠sis¬≠ti¬≠sche und sexis¬≠ti¬≠sche Jau¬≠che¬≠gru¬≠be umkip¬≠pen. Auch das ist kei¬≠ne wirk¬≠li¬≠che Demo¬≠kra¬≠tie, denn das Feh¬≠len von for¬≠mel¬≠len Aus¬≠schl√ľs¬≠sen pro¬≠du¬≠ziert infor¬≠mel¬≠le: Min¬≠der¬≠hei¬≠ten und Frau¬≠en wer¬≠den sys¬≠te¬≠ma¬≠tisch aus sol¬≠chen R√§u¬≠men her¬≠aus¬≠ge¬≠mobbt. Einen unmo¬≠de¬≠rier¬≠ten, ‚Äč‚Äěregie¬≠rungs¬≠frei¬≠en‚Äú Raum kann sich nur jemand w√ľn¬≠schen, der noch nie von Ver¬≠fol¬≠gung und Dis¬≠kri¬≠mi¬≠nie¬≠rung betrof¬≠fen war, wes¬≠we¬≠gen liber¬≠t√§¬≠re Tech-Bros, die sowas fei¬≠ern, in der Regel auch m√§nn¬≠lich, wei√ü und hete¬≠ro¬≠se¬≠xu¬≠ell sind.

Die¬≠se w√§ren auf einer solch pseu¬≠do-ega¬≠li¬≠t√§¬≠ren Platt¬≠form auch noch des¬≠we¬≠gen bevor¬≠teilt, weil tech¬≠ni¬≠sche Fines¬≠se f√ľr den Erfolg auf der Platt¬≠form ent¬≠schei¬≠dend sein d√ľrf¬≠te. Am Ende h√§t¬≠ten wir also eine sehr h√§ss¬≠li¬≠che Form der Tech-Bro-Olig¬≠ar¬≠chie statt Demo¬≠kra¬≠tie ‚Äď es w√§re nicht viel gewonnen.

3. Dezen­tra­le Instanzen

Es gibt noch eine Art Kom¬≠pro¬≠miss aus den ers¬≠ten bei¬≠den Ans√§t¬≠zen, den ich vor¬≠stel¬≠len m√∂ch¬≠te. Auch hier ist das Pro¬≠to¬≠koll ent¬≠schei¬≠dend und bil¬≠det vie¬≠le Funk¬≠tio¬≠nen des Netz¬≠werks ab, aber f√ľr die Daten¬≠hal¬≠tung und wesent¬≠li¬≠che Pro¬≠zes¬≠se braucht es durch¬≠aus noch Instan¬≠zen mit ange¬≠schlos¬≠se¬≠ner Daten¬≠bank. Das sind Ser¬≠ver, bei denen sich Nutzer*innen regis¬≠trie¬≠ren k√∂n¬≠nen, die Inhal¬≠te sen¬≠den, emp¬≠fan¬≠gen, spei¬≠chern und bereit¬≠hal¬≠ten. Bei¬≠spie¬≠le daf√ľr gibt es eini¬≠ge: Zum Bei¬≠spiel das mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le in die Jah¬≠re gekom¬≠me¬≠ne Dia¬≠spo¬≠ra* und das nach wie vor quir¬≠li¬≠ge Mastodon. Es sind Ser¬≠ver, die sich jede*r instal¬≠lie¬≠ren kann und von denen User*innen √ľber Ser¬≠ver¬≠gren¬≠zen hin¬≠weg in Kon¬≠takt tre¬≠ten, dar¬≠in ver¬≠gleich¬≠bar mit Email, wo Nutzer/‚Äčinnen ja auch zwi¬≠schen unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Email-Anbie¬≠tern kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren k√∂nnen.

Auf den ers¬≠ten Blick ver¬≠eint die¬≠ser Ansatz eini¬≠ge der Vor¬≠tei¬≠le bei¬≠der Wel¬≠ten ‚Äď der zen¬≠tra¬≠len und der ver¬≠teil¬≠ten. Das Pro¬≠to¬≠koll ist nicht ganz so kom¬≠plex und die Daten¬≠hal¬≠tung nicht ganz so auf¬≠w√§n¬≠dig wie beim ver¬≠teil¬≠ten Pro¬≠to¬≠koll-Ansatz, was die tech¬≠ni¬≠sche Umset¬≠zung ein¬≠fa¬≠cher macht. Mode¬≠ra¬≠ti¬≠on ist auf den jewei¬≠li¬≠gen Ser¬≠vern durch¬≠aus m√∂g¬≠lich, wenn auch lokal auf die jewei¬≠li¬≠ge Instanz beschr√§nkt. Bei Mastodon kann man zum Bei¬≠spiel auch Instan¬≠zen von¬≠ein¬≠an¬≠der ent¬≠kop¬≠peln, wenn man meint, mit ihr nicht kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren zu wol¬≠len. Man kann so auch unter¬≠schied¬≠li¬≠che Mode¬≠ra¬≠ti¬≠ons- oder gar Mit¬≠be¬≠stim¬≠mungs-Regime neben¬≠ein¬≠an¬≠der betrei¬≠ben und Nutzer*innen k√∂n¬≠nen sich danach ent¬≠schei¬≠den, wo sie sich regis¬≠trie¬≠ren. Gleich¬≠zei¬≠tig gibt es kei¬≠ne glo¬≠ba¬≠le Instanz, die all¬≠zu viel Macht akku¬≠mu¬≠lie¬≠ren und die eige¬≠nen Regeln und Inter¬≠es¬≠sen allen Instan¬≠zen auf¬≠ok¬≠troy¬≠ie¬≠ren k√∂nnte. 

Aber nat√ľr¬≠lich gibt es auch hier Pro¬≠ble¬≠me. Durch die Ver¬≠teilt¬≠heit der Daten ist es schwie¬≠rig, sei¬≠ne Kommunikationspartner*innen zu fin¬≠den, oder auch nur span¬≠nen¬≠de Inhal¬≠te √ľber die Suche. Eine glo¬≠ba¬≠le Such¬≠funk¬≠ti¬≠on, die f√§hig w√§re, alle Ser¬≠ver zu durch¬≠su¬≠chen, wird zwar ange¬≠strebt, ist aber tech¬≠nisch nur schwer umzu¬≠set¬≠zen und au√üer¬≠dem daten¬≠schutz¬≠tech¬≠nisch oft gar nicht erw√ľnscht. Das schr√§nkt Wachs¬≠tum, Nutzer*innenfreundlichkeit und Netz¬≠werk¬≠ef¬≠fek¬≠te ein.

Gleich¬≠zei¬≠tig kauft man sich eini¬≠ge Pro¬≠ble¬≠me des Pro¬≠to¬≠kollan¬≠sat¬≠zes ein, bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se die z√§he Wei¬≠ter¬≠ent¬≠wi¬≠ckel¬≠bar¬≠keit. Auch hier m√ľs¬≠sen immer¬≠hin hun¬≠der¬≠te Leu¬≠te hun¬≠der¬≠te Hebel in Bewe¬≠gung set¬≠zen, damit eine Neue¬≠rung alle Nutzer*innen erreicht.

In der Pra¬≠xis stellt sich zudem her¬≠aus, dass Mode¬≠ra¬≠ti¬≠on auch im klei¬≠ne¬≠ren Ma√ü¬≠stab ein Job ist, der zumin¬≠dest die Teilzeitbetreiber*innen der Instan¬≠zen oft √ľber¬≠for¬≠dert. Aber mit wel¬≠chen Mit¬≠teln sol¬≠len sie Leu¬≠te anstel¬≠len? Geld ver¬≠die¬≠nen ist schwie¬≠rig bis unm√∂g¬≠lich mit einem Ser¬≠vice, den im Zwei¬≠fel jede*r anbie¬≠ten kann. Und da viel Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on zwi¬≠schen den Instan¬≠zen statt¬≠fin¬≠det, kommt es auch immer wie¬≠der zu kon¬≠f¬≠li¬≠gie¬≠ren¬≠den Moderationsstandards. 

In der Pra¬≠xis sind die¬≠se Ans√§t¬≠ze wegen der vie¬≠len Pro¬≠ble¬≠me zwar durch¬≠aus gang¬≠bar, aber immer nur begrenzt erfolg¬≠reich. Sie zie¬≠hen oft nur Idealist*innen an, die dann im vir¬≠tu¬≠el¬≠len Sitz¬≠kreis davon erz√§h¬≠len, wie schlimm die kom¬≠mer¬≠zi¬≠el¬≠len Platt¬≠for¬≠men doch sind und ver¬≠si¬≠chern sich der √úber¬≠le¬≠gen¬≠heit ihres tech¬≠ni¬≠schen Ansatzes. 

4. Markt­ba­sier­te Monopole

Als letz­tes möch­te ich den Ist­zu­stand skiz­zie­ren, weil er zwar offen­sicht­lich scheint, aber aus unse­rer jetzt gewon­nen Per­spek­ti­ve ver­dient, eben­falls mit sei­nen Vor- und Nach­tei­len ein­ge­ord­net zu werden.

Markt¬≠ba¬≠sier¬≠te Mono¬≠po¬≠le wie Face¬≠book oder Ama¬≠zon haben den offen¬≠sicht¬≠li¬≠chen Vor¬≠teil, dass sie ihre tech¬≠ni¬≠sche, wirt¬≠schaft¬≠li¬≠che und sozia¬≠le Mach¬≠bar¬≠keit bereits unter Beweis gestellt haben. Einer der Gr√ľn¬≠de daf√ľr wird sein, dass sie mit vie¬≠len Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten der demo¬≠kra¬≠ti¬≠sche¬≠ren Her¬≠an¬≠ge¬≠hens¬≠wei¬≠sen nicht zu k√§mp¬≠fen haben: Ihre Ent¬≠wick¬≠lungs¬≠zy¬≠klen sind kurz, das Aus¬≠rol¬≠len von Fea¬≠tures ist schnell und unpro¬≠ble¬≠ma¬≠tisch und erfolgt regel¬≠m√§¬≠√üig. Durch die zen¬≠tra¬≠le Daten¬≠spei¬≠che¬≠rung erlau¬≠ben sie eine gute Durch¬≠such¬≠bar¬≠keit, was die poten¬≠ti¬≠el¬≠len Netz¬≠werk¬≠ef¬≠fek¬≠te der Platt¬≠for¬≠men voll aus¬≠sch√∂pft. Die¬≠se Fir¬≠men sind mit hin¬≠rei¬≠chen¬≠dem Kapi¬≠tal aus¬≠ge¬≠stat¬≠tet, was ihnen nicht nur erlaubt, ihre Platt¬≠for¬≠men schnell wei¬≠ter zu ent¬≠wi¬≠ckeln, son¬≠dern auch die enorm res¬≠sour¬≠cen¬≠auf¬≠wen¬≠di¬≠ge Mode¬≠ra¬≠ti¬≠on zu bewerk¬≠stel¬≠li¬≠gen (auch wenn sie da noch viel Luft nach oben haben).

Markt¬≠ver¬≠fech¬≠ter w√ľr¬≠den an die¬≠ser Stel¬≠le noch anf√ľ¬≠gen, dass Demo¬≠kra¬≠tie doch schon des¬≠we¬≠gen umge¬≠setzt sei, weil man eine Platt¬≠form jeder¬≠zeit wech¬≠seln kann. Demo¬≠kra¬≠tie mit den F√ľ√üen sozusagen.

Dass die¬≠ses Nar¬≠ra¬≠tiv ange¬≠sichts der sprich¬≠w√∂rt¬≠li¬≠chen Mono¬≠pol-Ten¬≠den¬≠zen der Platt¬≠for¬≠men wenig glaub¬≠haft ist, w√§re nur das ers¬≠te Pro¬≠blem. Als Konsument*innen haben wir nur eine Pseu¬≠do¬≠wahl zwi¬≠schen den Anbie¬≠tern ‚Äď wir gehen mit gutem Grund dahin, wo die Pro¬≠duk¬≠te sind, die wir kau¬≠fen wol¬≠len, oder die Freun¬≠de sind, mit denen wir kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren wol¬≠len. Das Pro¬≠blem nennt man Lock-In-Effekt und wird von gewinn¬≠ori¬≠en¬≠tier¬≠ten Platt¬≠for¬≠men nat√ľr¬≠lich for¬≠ciert. Am Ende ist man doch einem Regime qua¬≠si aus¬≠ge¬≠lie¬≠fert, womit wir wie¬≠der am Anfang w√§ren.

Es gibt aber noch einen wenig beach¬≠te¬≠ten Nach¬≠teil kom¬≠mer¬≠zi¬≠el¬≠ler Platt¬≠for¬≠men: Um ein Gesch√§fts¬≠mo¬≠dell zu haben, m√ľs¬≠sen sie den Zugang zu bestimm¬≠ten Din¬≠gen auf der Platt¬≠form k√ľnst¬≠lich ein¬≠schr√§n¬≠ken. Sei¬≠en es unse¬≠re Daten, unse¬≠re Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit, der Zugang zu bestimm¬≠ten Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠ons¬≠tools oder gar unse¬≠ren Freun¬≠den, etc. ‚Äď Irgend¬≠wo braucht es eine Schran¬≠ke, damit irgend¬≠wer Geld bezah¬≠len muss, um sie zu √ľber¬≠win¬≠den. Das hei√üt im End¬≠ef¬≠fekt, dass alle kom¬≠mer¬≠zi¬≠el¬≠le Platt¬≠for¬≠men gezwun¬≠gen sind, ihre Diens¬≠te k√ľnst¬≠lich schlech¬≠ter zu machen, als sie sein m√ľssten. 

Die Lösung heißt Stapel

An die¬≠ser Stel¬≠le l√§sst sich bereits das Fazit zie¬≠hen, dass es zwar vie¬≠le Ans√§t¬≠ze zur Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rung von Platt¬≠for¬≠men gibt, sie aber alle ihre Pro¬≠ble¬≠me und Fall¬≠stri¬≠cke haben, von denen sich nicht weni¬≠ge als fatal erwei¬≠sen wer¬≠den. Ich m√∂ch¬≠te des¬≠we¬≠gen kei¬≠nen der vor¬≠ge¬≠stell¬≠ten Ans√§t¬≠ze emp¬≠feh¬≠len‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČson¬≠dern einen Mix dar¬≠aus. Genau¬≠er: einen Stapel.

Pro¬≠to¬≠kol¬≠le kom¬≠men ger¬≠ne in Form von Sta¬≠peln daher. Das ist eine meta¬≠pho¬≠ri¬≠sche Betrach¬≠tung davon, wie Pro¬≠to¬≠kol¬≠le mit¬≠ein¬≠an¬≠der zusam¬≠men¬≠ar¬≠bei¬≠ten. Ein ber√ľhm¬≠tes Bei¬≠spiel ist das Inter¬≠net selbst, der Pro¬≠to¬≠koll¬≠sta¬≠pel TCP/IP, bei dem Pro¬≠to¬≠kol¬≠le auf der Vor¬≠ar¬≠beit von ande¬≠ren Pro¬≠to¬≠kol¬≠len auf¬≠set¬≠zen, auf deren Grund¬≠la¬≠ge dann wei¬≠te¬≠re Pro¬≠to¬≠kol¬≠le arbei¬≠ten, etc. Die Ebe¬≠nen arbei¬≠ten jeweils von¬≠ein¬≠an¬≠der unab¬≠h√§n¬≠gig, so dass sich auf die¬≠se Wei¬≠se eine auf¬≠ein¬≠an¬≠der auf¬≠bau¬≠en¬≠de Kom¬≠ple¬≠xi¬≠t√§t mana¬≠gen l√§sst, die eine ver¬≠gleichs¬≠wei¬≠se gro¬≠√üe Fle¬≠xi¬≠bi¬≠li¬≠t√§t und Hete¬≠ro¬≠ge¬≠ni¬≠t√§t der Ans√§t¬≠ze erlaubt. Das hei√üt, man kann zum Bei¬≠spiel ein¬≠zel¬≠ne Pro¬≠to¬≠kol¬≠le auf ihrer jewei¬≠li¬≠gen Ebe¬≠ne durch ande¬≠re erset¬≠zen, ohne dass der Gesamt¬≠sta¬≠pel auf¬≠h√∂rt zu funktionieren.

Wenn wir die Sta¬≠pel¬≠me¬≠ta¬≠pher zur Grund¬≠la¬≠ge unse¬≠rer Demo¬≠kra¬≠tie¬≠√ľber¬≠le¬≠gung machen, stel¬≠len wir fest, dass wir uns gar nicht f√ľr nur eines der vor¬≠ge¬≠stell¬≠ten Model¬≠le ent¬≠schei¬≠den m√ľs¬≠sen. Wir k√∂n¬≠nen auch ver¬≠su¬≠chen, einen Sta¬≠pel zu desi¬≠gnen, der in sei¬≠nen jewei¬≠li¬≠gen Schich¬≠ten die ein¬≠zel¬≠nen Ans√§t¬≠ze mit¬≠ein¬≠an¬≠der ver¬≠bin¬≠det und so ‚Äč‚Äěthe best of all worlds‚Äú mit¬≠ein¬≠an¬≠der verkn√ľpft. 

Das Modell: gesta­pel­te Demokratie

Ein wie¬≠der¬≠keh¬≠ren¬≠des Pro¬≠blem bei den unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠an¬≠s√§t¬≠zen ist der Wider¬≠spruch zwi¬≠schen Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rung und Agi¬≠li¬≠t√§t. Je ‚Äč‚Äědemo¬≠kra¬≠ti¬≠scher‚Äú ein Ansatz ist, des¬≠to z√§her ist sei¬≠ne Wei¬≠ter¬≠ent¬≠wick¬≠lung. Das gilt f√ľr die ver¬≠ge¬≠sell¬≠schaf¬≠te¬≠ten Mono¬≠po¬≠le, noch mehr f√ľr die ver¬≠teil¬≠ten Pro¬≠to¬≠kol¬≠le und gemin¬≠dert auch f√ľr die dezen¬≠tra¬≠len Instanzen. 

Nun haben Pro¬≠to¬≠koll¬≠sta¬≠pel die Eigen¬≠schaft, dass die unters¬≠te Ebe¬≠ne die kon¬≠ser¬≠va¬≠tivs¬≠te ist. Die¬≠se Ebe¬≠ne zu √§ndern ist auf¬≠w√§n¬≠di¬≠ger als die dar¬≠√ľber lie¬≠gen¬≠den Ebe¬≠nen, da alle nach¬≠kom¬≠men¬≠den immer von der unters¬≠ten Ebe¬≠ne abh√§n¬≠gig blei¬≠ben. Das hei√üt: Je tie¬≠fer man in den Pro¬≠to¬≠koll¬≠sta¬≠pel ein¬≠greift, des¬≠to behut¬≠sa¬≠mer und gedul¬≠di¬≠ger muss man sein. 

Dar¬≠aus ergibt sich logi¬≠scher¬≠wei¬≠se fol¬≠gen¬≠des Design: Unser Modell soll¬≠te je nach Fle¬≠xi¬≠bi¬≠li¬≠t√§ts- und Demo¬≠kra¬≠tie¬≠an¬≠for¬≠de¬≠run¬≠gen von oben nach unten anstei¬≠gend kon¬≠ser¬≠va¬≠tiv und gleich¬≠zei¬≠tig demo¬≠kra¬≠ti¬≠scher defi¬≠niert sein. Oben kom¬≠men die weni¬≠ger demo¬≠kra¬≠ti¬≠schen, daf√ľr umso agi¬≠le¬≠ren Ebe¬≠nen zum Tra¬≠gen, doch je tie¬≠fer wir gehen, des¬≠to mehr Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠kon¬≠zep¬≠te wer¬≠den imple¬≠men¬≠tiert und im Lay¬≠er festgeschrieben.

Ich wer¬≠de hier nun in einem wag¬≠hal¬≠si¬≠gen Man√∂¬≠ver ein Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠kon¬≠zept f√ľr Platt¬≠for¬≠men ent¬≠wer¬≠fen, von dem ich glau¬≠be, dass es so oder so √§hn¬≠lich funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren k√∂nn¬≠te. Daf√ľr den¬≠ke ich mir der Ein¬≠fach¬≠heit hal¬≠ber das Modell eines Soci¬≠al Net¬≠works aus, das demo¬≠kra¬≠tisch, aber doch funk¬≠tio¬≠nal orga¬≠ni¬≠siert sein kann. Es hat vier Schich¬≠ten und ich nen¬≠ne es im Fol¬≠gen¬≠den nur ‚Äč‚ÄěDas Modell‚Äú.

Obers­te Schicht: Client-Markt

Im Sta¬≠pel¬≠mo¬≠dell des Inter¬≠nets ist die obers¬≠te Schicht der so genann¬≠te ‚Äč‚ÄěApp¬≠li¬≠ca¬≠ti¬≠on-Lay¬≠er‚Äú, also im Grun¬≠de das, womit die Nutzer*innen tag¬≠t√§g¬≠lich ope¬≠rie¬≠ren: Web¬≠sites, Mail-Cli¬≠ents, Apps. Auch in unse¬≠rem Modell wol¬≠len wir hier ein¬≠stei¬≠gen, n√§m¬≠lich bei den ‚Äč‚ÄěCli¬≠ents‚Äú. Cli¬≠ents sind Soft¬≠ware, die man sich auf dem Tele¬≠fon oder Com¬≠pu¬≠ter instal¬≠lie¬≠ren kann und √ľber die man mit Ser¬≠vices kom¬≠mu¬≠ni¬≠ziert. Etwa ein Twit¬≠ter-Cli¬≠ent oder ein Email-Cli¬≠ent‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČin unse¬≠rem Fall also ein ‚Äč‚ÄěModell-Cli¬≠ent‚Äú.

In unse¬≠rem Modell bil¬≠den die Cli¬≠ents einen ganz nor¬≠ma¬≠len Markt, in den jede*r ein¬≠stei¬≠gen kann. Man¬≠che kos¬≠ten Geld oder haben ein ande¬≠res Gesch√§fts¬≠mo¬≠dell, ande¬≠re sind Open Source. So lan¬≠ge sie f√§hig sind, mit den dar¬≠un¬≠ter¬≠lie¬≠gen¬≠den Ebe¬≠nen zu kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren, d√ľr¬≠fen sie mit¬≠spie¬≠len. Das hat den Vor¬≠teil, dass sich auf die¬≠ser Ebe¬≠ne enorm schnell Neue¬≠run¬≠gen erge¬≠ben und durch¬≠set¬≠zen k√∂n¬≠nen. Klar, der Markt wird hier sicher √ľber Zeit sei¬≠ne Lieb¬≠lin¬≠ge her¬≠aus¬≠men¬≠deln, aber mit etwas Markt¬≠kon¬≠zen¬≠tra¬≠ti¬≠on k√∂n¬≠nen wir auf die¬≠ser Ebe¬≠ne gut leben, so lan¬≠ge die dar¬≠un¬≠ter lie¬≠gen¬≠de Ebe¬≠ne der f√∂de¬≠rier¬≠ten Instan¬≠zen durch ihre Hete¬≠ro¬≠ge¬≠ni¬≠t√§t bei gleich¬≠zei¬≠ti¬≠ger Inter¬≠ope¬≠ra¬≠bi¬≠li¬≠t√§t einen Lock-In unter¬≠bin¬≠den. Was das bedeu¬≠tet wird im n√§chs¬≠ten Absatz gezeigt.

Zwei­te Schicht: föde­rier­te Instanzen

Hubs sind Ser¬≠ver-Instan¬≠zen, die gem√§√ü des dezen¬≠tra¬≠len Ansat¬≠zes ihre jewei¬≠li¬≠gen User-Basen ver¬≠wal¬≠ten. Dass sie ‚Äč‚Äěinter¬≠ope¬≠ra¬≠bel‚Äú sind, bedeu¬≠tet, dass man auf sie mit jedem belie¬≠bi¬≠gen Cli¬≠ent zugrei¬≠fen wer¬≠den kann und dass die Instan¬≠zen selbst unter¬≠ein¬≠an¬≠der Kom¬≠mu¬≠ni¬≠ka¬≠ti¬≠on erm√∂g¬≠li¬≠chen. F√ľr User*innen bedeu¬≠tet das, dass sie weder an einen bestimm¬≠ten Cli¬≠ent, noch an eine bestimm¬≠te Instanz gebun¬≠den sind.

Ein¬≠zel¬≠ne Instan¬≠zen k√∂n¬≠nen sich sowohl von den Fea¬≠tures, als auch von der demo¬≠kra¬≠ti¬≠schen Struk¬≠tur ihres Regimes unter¬≠schei¬≠den. User*innen k√∂n¬≠nen sich so aus¬≠su¬≠chen, wel¬≠che Mode¬≠ra¬≠ti¬≠ons- und Mit¬≠be¬≠stim¬≠mungs¬≠re¬≠gime f√ľr sie am bes¬≠ten pas¬≠sen. Den Instan¬≠zen liegt ein gemein¬≠sa¬≠mes Basis¬≠code zugrun¬≠de, der sie wie ein gemein¬≠sa¬≠mer Nen¬≠ner verbindet.

Auch in der poli¬≠ti¬≠schen Aus¬≠ge¬≠stal¬≠tung ihres Regimes haben die Instan¬≠zen weit¬≠ge¬≠hen¬≠de Frei¬≠hei¬≠ten, solan¬≠ge sie gewis¬≠se Min¬≠dest¬≠stan¬≠dards erf√ľl¬≠len, die von der dar¬≠un¬≠ter lie¬≠gen¬≠den Ebe¬≠ne‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČdem zen¬≠tra¬≠len Meta-Gover¬≠nan¬≠ce‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČdefi¬≠niert werden.

Drit­te Schicht: Zen­tra­les Meta-Governance

Das ‚Äč‚ÄěMet¬≠ago¬≠ver¬≠nan¬≠ce‚Äú ist die ver¬≠all¬≠ge¬≠mei¬≠ner¬≠te, poli¬≠ti¬≠sche Ebe¬≠ne des Modells und besteht aus vier Organen: 

  1. Der Ent¬≠wick¬≠ler-Rat besteht aus Vertreter*innen der Entwickler*innen der Code¬≠ba¬≠sis, sowie der unter¬≠schied¬≠li¬≠chen Dis¬≠tri¬≠bu¬≠tio¬≠nen und den Betreiber*innen der Instan¬≠zen. Er beschlie√üt alle paar Wochen wich¬≠ti¬≠ge Wei¬≠chen¬≠stel¬≠lun¬≠gen f√ľr die Codebasis. 
  2. Die­ser wird dabei vom User-Rat kon­trol­liert, einem Organ an dem User*innen jeweils pro­por­tio­nal zur Grö­ße der Instan­zen ange­hö­ren. Die Mit­glie­der des User-Rats wer­den ein­mal im Jahr per Los bestimmt und kön­nen mit ein­fa­cher Mehr­heit ein Veto gegen jede Ent­schei­dung des Ent­wick­ler-Rats einlegen.
  3. User-Rat und Ent¬≠wick¬≠ler-Rat bil¬≠den gemein¬≠sam den Modell-Rat und beschlie¬≠√üen √Ąnde¬≠run¬≠gen am soge¬≠nann¬≠ten Meta-Gover¬≠nan¬≠ce-Frame¬≠work. Das ist ein Doku¬≠ment, das Min¬≠dest¬≠stan¬≠dards f√ľr die Regimes der Instan¬≠zen fest¬≠legt. Eine Art Grund¬≠ge¬≠setz, in dem Mit¬≠be¬≠stim¬≠mungs¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten, Gewal¬≠ten¬≠tei¬≠lung, Eck¬≠punk¬≠te eines Jus¬≠tiz¬≠sys¬≠tems und Min¬≠der¬≠hei¬≠ten¬≠schutz fest¬≠ge¬≠schrie¬≠ben sind. Eine wei¬≠te¬≠re Regel ist, dass alle Instan¬≠zen des Modells mit¬≠ein¬≠an¬≠der kom¬≠mu¬≠ni¬≠zie¬≠ren k√∂n¬≠nen m√ľs¬≠sen. Eine √Ąnde¬≠rung des Frame¬≠works erfor¬≠dert eine Zwei¬≠drit¬≠tel¬≠mehr¬≠heit des Modell-Rats.
  4. Das Schieds¬≠ge¬≠richt ist das drit¬≠te Organ der Meta-Gover¬≠nan¬≠ce. Es besteht aus juris¬≠tisch gebil¬≠de¬≠ten Vertreter*innen von User-Rat und/‚Äčoder Ent¬≠wick¬≠ler-Rat, die von und aus bei¬≠den Orga¬≠nen f√ľr jeweils f√ľnf Jah¬≠re gew√§hlt wer¬≠den. Das Schieds¬≠ge¬≠richt ent¬≠schei¬≠det Meta¬≠kon¬≠flik¬≠te sowohl auf User- als auch auf Instanz-Basis. Zudem ver¬≠wal¬≠tet es die soge¬≠nann¬≠te ‚Äč‚ÄěMeta¬≠da¬≠ten¬≠bank‚Äú.

Die Meta¬≠da¬≠ten¬≠bank ist in ers¬≠ter Linie eine Lis¬≠te der Instan¬≠zen, die sich den Min¬≠dest¬≠stan¬≠dards der Meta-Gover¬≠nan¬≠ce unter¬≠ord¬≠nen. Eine Auf¬≠ga¬≠be der Meta¬≠da¬≠ten¬≠bank ist es, die Streams mit Daten der Instan¬≠zen und Nutzer*innen auf¬≠zu¬≠neh¬≠men und damit √∂ffent¬≠lich auf¬≠find¬≠bar zu machen, sofern sie das wol¬≠len. Cli¬≠ents (ers¬≠te Schicht) unter¬≠schei¬≠den sich vor allem auch dar¬≠in, wie gut sie die Daten der Meta¬≠da¬≠ten¬≠bank aus¬≠wer¬≠ten, um sie ihren Nutzer*innen zum Bei¬≠spiel als per¬≠so¬≠na¬≠li¬≠sier¬≠ten News-Stream oder als Inhal¬≠te-Suche ver¬≠f√ľg¬≠bar zu machen.

Unters­te Schicht: Protokoll

Die unters­te Ebe­ne soll­te das eigent­li­che Pro­to­koll sein, denn es ist schwer zu ver­än­dern und gleich­zei­tig schwer zu kon­trol­lie­ren. Es gehört allen, wie die Spra­che und wie die Spra­che ver­än­dert es sich nur in Zeit­lu­pe. Das Pro­to­koll ist ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stan­dard, der einer­seits gene­risch genug ist, alle denk­ba­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fäl­le abzu­bil­den, aber auch kon­kret genug ist, dass es die Last vie­ler Ent­schei­dun­gen von den Schul­tern der Ini­stan­zen und ihren Entwickler*innen nimmt.

Das Pro¬≠to¬≠koll kann nur durch eine Zwei¬≠drit¬≠tel¬≠mehr¬≠heit des Ent¬≠wick¬≠ler-Rates ge√§n¬≠dert wer¬≠den, der User-Rat kann das mit ein¬≠fa¬≠cher Mehr¬≠heit aber ver¬≠hin¬≠dern. Ein Fea¬≠ture kann nur dann in das Pro¬≠to¬≠koll auf¬≠ge¬≠nom¬≠men wer¬≠den, wenn es bereits erfolg¬≠reich in min¬≠des¬≠tens zwei Instan¬≠zen imple¬≠men¬≠tiert wur¬≠de und dort auch zwi¬≠schen die¬≠sen getes¬≠tet wor¬≠den ist. 

TBD‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČTo be discussed

Obwohl hier der Platz daf√ľr fehlt, muss mit¬≠ge¬≠dacht wer¬≠den, dass die Finan¬≠zie¬≠rungs¬≠struk¬≠tur essen¬≠ti¬≠ell ist. Alle Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠struk¬≠tur ist hin¬≠f√§l¬≠lig, sobald das Modell finan¬≠zi¬≠ell vom Wohl und Wehe weni¬≠ger Akteu¬≠re abh√§ngt. 

Das ist nat√ľr¬≠lich nur eine frei¬≠h√§n¬≠di¬≠ge Skiz¬≠ze mit vie¬≠len L√ľcken und mit Sicher¬≠heit vie¬≠len klei¬≠nen Teu¬≠fel¬≠chen im unaus¬≠ge¬≠f√ľhr¬≠ten Detail. Sie adres¬≠siert aber zumin¬≠dest die offen¬≠sicht¬≠lichs¬≠ten Pro¬≠ble¬≠me der vier oben genann¬≠ten Demo¬≠kra¬≠ti¬≠sie¬≠rungs¬≠an¬≠s√§t¬≠ze. Auch wenn man nicht allen Ide¬≠en, Kon¬≠zep¬≠ten und von mir ent¬≠wor¬≠fe¬≠nen Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen zustimmt und alles ganz anders bau¬≠en w√ľr¬≠de, hof¬≠fe ich, zumin¬≠dest gezeigt zu haben, dass ein sta¬≠pel¬≠ar¬≠ti¬≠ger Auf¬≠bau f√ľr Platt¬≠for¬≠men ein n√ľtz¬≠li¬≠ches Kon¬≠zept ist. Mei¬≠ne Hoff¬≠nung ist, dass dies als eine Blau¬≠pau¬≠se oder Anre¬≠gung f√ľr wei¬≠te¬≠re Dis¬≠kus¬≠sio¬≠nen und Model¬≠le die¬≠nen kann.