Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

Fürs Leben ler­nen, ein Leben lang

Men­schen sam­meln stän­dig Wis­sen, das Wenigs­te davon beschränkt sich auf Schu­le und Aus­bil­dung. Was fin­den sie wich­tig? Was hät­ten sie ger­ne frü­her gelernt? Wir haben nachgefragt.

Bild: Evgeni Tcherkasski

In sei­nem fünf­zehn­mi­nu­ti­gen Doku­men­tar­film Gada­jące gło­wy (Tal­king Heads) aus dem Jahr 1980 stellt der pol­ni­sche Regis­seur Krzy­sztof Kieś­low­ski Men­schen im Alter von eins bis ein­hun­dert zwei Fra­gen: Wer bist du? Was ist dir wich­tig, was möch­test du im Leben?

Ein sechs­jäh­ri­ges Mäd­chen ant­wor­tet: Ich bin eine häss­li­che Brü­net­te und wür­de gern nicht zur Schu­le gehen und ein schö­nes Kind haben”, ein nach­denk­li­cher Zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­ger erklärt: Ich bin Stu­dent, also bleibt mir noch ein biss­chen Zeit, bevor ich mich fest­le­gen muss und eine Ent­schei­dung tref­fe, die für den Rest mei­nes Lebens gilt”, und ein Vier­und­sieb­zig­jäh­ri­ger sagt: Nicht alle unse­re Wün­sche sind in Erfül­lung gegan­gen. Ich wün­sche mir, dass sie sich für mei­ne Söh­ne und Enkel erfül­len.” Die Ant­wort der Hun­dert­jäh­ri­gen lau­tet schlicht: Was ich möch­te? Ich möch­te län­ger leben.”

Die im Film fest­ge­hal­ten Aus­sa­gen sind viel­fäl­tig und krei­sen doch immer wie­der um das­sel­be The­ma: Wie lebe ich als Einzelne*r in der Gesell­schaft, wel­chen Platz habe ich in ihr und wie kann ich mit mei­ner Umwelt in Bezie­hung tre­ten? Für ein paar Sekun­den sieht man indi­vi­du­el­le Gesich­ter, sieht wie Men­schen einen kur­zen Ein­blick in ihr Inners­tes geben und erhält doch ein Bild der Zeit, in der die­se Men­schen leben. Man erhält ein Gesellschaftsporträt.

Was hät­test du schon immer ger­ne gelernt?

Asal Dardan

Asal Dar­dan ist Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Teil des Netz­werks Table­talk Euro­pe. Als Autorin beschäf­tigt sie sich unter ande­rem mit Plu­ra­lis­mus, Migra­ti­on und der deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur. Der­zeit arbei­tet sie an ihrem ers­ten Essay­band. [Foto: Sarah Berger]

Wir haben Kieś­low­skis Idee für unser aktu­el­les The­ma adap­tiert und unter­schied­li­chen Men­schen Fra­gen zum lebens­lan­gen Ler­nen gestellt. Denn gera­de im Ler­nen befra­gen wir uns und unse­re Welt, ent­wer­fen Bil­der von Ver­gan­ge­nem und Gegen­wär­ti­gem und kön­nen uns dar­über ver­stän­di­gen, wer wir als Men­schen und Gesell­schaft sind und sein möchten.

Von Kin­dern und Jugend­li­chen woll­ten wir des­halb wis­sen, was sie ler­nen, das sie cool und wich­tig für ihr Leben fin­den. Ihre Ant­wor­ten zei­gen, dass die Schu­le nicht die zen­tra­le Rol­le spielt, die man viel­leicht erwar­tet hät­te. Man könn­te dies als Inspi­ra­ti­on neh­men und fra­gen, ob unse­re Jüngs­ten tat­säch­lich jeden Tag meh­re­re Stun­den bloß in einem Schul­ge­bäu­de im Fron­tal­un­ter­richt sit­zen soll­ten oder ob sie durch eine Öff­nung der Struk­tu­ren nicht bes­ser auf das Leben in der Gesell­schaft vor­be­rei­tet wür­den. Was wäre, wenn es nicht nur um die Vor­be­rei­tung auf einen Beruf und den Markt gin­ge, son­dern dar­um, mün­di­ge und auto­no­me Bürger*innen auf ihrem Weg zu unterstützen?

Mit Blick hier­auf haben wir Erwach­se­ne gefragt, was sie gern frü­her im Leben gelernt hät­ten. Es ist eine offe­ne Fra­ge, die sich auf Schu­le und Aus­bil­dung bezie­hen kann, aber nicht zwin­gend muss. Bei den Über­le­gun­gen, die wir hier tei­len dür­fen, dreht sich viel um prak­ti­sche Fer­tig­kei­ten, um eine Wei­tung des Blicks auch jen­seits von purem Wis­sen und aka­de­mi­scher Qua­li­fi­ka­ti­on und um die Rei­fung als Mensch: Lie­bes­brie­fe schrei­ben, den All­tag bewäl­ti­gen, ande­re Men­schen bes­ser wahr­neh­men, den Sta­tus quo kri­ti­scher betrach­ten, aber eben auch, sich anders ver­or­ten. Wo Raum für Bil­dung ist, zeigt sich die Frei­heit, sich und sei­ne Umwelt zu erle­ben und neu den­ken zu können.

Und war­um ler­nen Senior*innen heu­te etwas, wenn sie sich nicht mehr auf ein Berufs­le­ben vor­be­rei­ten müs­sen, wenn sie sich doch eigent­lich schon bewährt haben? Auch hier geht es viel um Gemein­schaft­lich­keit, um einen Blick über den eige­nen Tel­ler­rand und das Gefühl, eine Ant­wort auf die Fra­ge zu haben: Wer bist du und was ist dir wich­tig im Leben?

Gyl­fi, 3, Greifswald

Nichts… das schwe­re Lied … ABCF.… Und Klettergerüst.

Pau­la, 12, Potsdam

Ich ler­ne über neue Kla­mot­ten­sti­le, die ich cool fin­de, weil man sonst Sachen trägt, die voll alt sind. Das mag ich nicht. Ich sehe das irgend­wo, also auf Tik­Tok oder ich sehe jeman­den, der auf der Stra­ße so rum­läuft. Dann fin­de ich das schön. Manch­mal sehe ich Apps oder Tricks und Tech­ni­ken beim Malen, die ich sofort aus­pro­bie­re. Das sehe ich auch auf Tik­Tok oder bei Freund*innen.

Lui­sa Neu­bau­er, 23, Stu­den­tin und Klima-Aktivistin

Ich wünsch­te, in der Schu­le hät­te mir jemand bei­gebracht, dass Erwach­sen­sein ein Mythos ist, und dass es nicht den Moment gibt, wo man erwach­sen ist. Und wenn man sich davon ver­ab­schie­det hat, dass es die­sen Moment gibt, weil man ein Leben lang halt ein biss­chen älter wird, dann sind vie­le Sachen ein­fa­cher, weil man dann auf­hört, abzu­war­ten, und anfängt im Heu­te zu leben.

Ami­na­ta Tou­ré, 26, Grü­nen-Poli­ti­ke­rin, Vize-Land­tags­prä­si­den­tin in Schles­wig-Hol­stein, Kiel/​Neumünster

Was ich im Nach­hin­ein scha­de fin­de, ist, dass ich so wenig über die Ein­wan­de­rungs­ge­schich­te in Deutsch­land erfah­ren habe und wie viel­fäl­tig Deutsch­land eigent­lich ist. Was ich in der Schu­le gelernt habe, dem­nach könn­test du den­ken, Deutsch­land ist weiß, Punkt. Und ich glau­be, dass das das Selbst­ver­ständ­nis von allen in der Klas­se ver­än­dert hät­te. Wenn immer Schwar­ze Men­schen The­ma waren in der Schu­le, waren es Skla­ven oder Bau­ern, die Hir­se anbau­en, also sehr eindimensional.