Editorial

Was wäre, wenn ganz Euro­pa zuhörte?

Damit sich ein Kon­ti­nent neu erfin­den kann, müs­sen sich nicht nur poli­ti­sche Struk­tu­ren, son­dern auch die Erzäh­lun­gen ändern. Das beginnt mit einem offe­nen Ohr für alle Stimmen.

Mit einem Faden verbundene Städte auf einer Karte von Europa.
Foto: Andras Barta

Geht es um Euro­pa, schei­nen zwei Hal­tun­gen beson­ders ein­fach und beson­ders beliebt: Auf der einen Sei­te Kul­tur­pes­si­mis­mus, auf der ande­ren Zweck­op­ti­mis­mus. Die Wahr­heit muss kei­nes­falls dazwi­schen zu fin­den sein, wie ein schlech­ter Kom­pro­miss. Viel­mehr soll­te sie offen­siv dar­über hin­aus gesucht wer­den. Für poli­ti­sche Pro­jek­te gilt aller­dings sel­ten, dass sie nur auf­zu­fin­den wären. Viel­mehr müs­sen sie auch erfun­den wer­den, trans­por­tiert durch neue Erzäh­lun­gen, die Mitstreiter*innen gewinnen.

Ein zen­tra­les Dilem­ma der anste­hen­den Euro­pa-Wah­len ist, dass die Wich­tig­keit die­ser Wah­len ver­ord­net, aber zu sel­ten mit Leben gefüllt wird. Die Euro­päi­sche Uni­on ist ein Fort­schritt, wis­sen oder ahnen die meis­ten, spü­ren es aber kaum. Wert und Wer­te der EU begrün­den sich viel­mehr in der bru­ta­len His­to­rie die­ses Kon­ti­nents als in sei­ner Gegen­wart. Was spricht eigent­lich heu­te noch mal für die­sen Ver­bund, außer dass wir wis­sen, dass es frü­her schlim­mer war? Was haben die Mit­glieds­län­der gemein, außer dass sie sich frü­her bekriegt haben?

Das ver­gan­ge­ne Jahr­zehnt hat vor allem die inne­ren Pro­ble­me und Wider­sprü­che der Uni­on offen­bart. An den Außen­gren­zen, ins­be­son­de­re im Mit­tel­meer, ster­ben Jahr für Jahr Tau­sen­de Geflüch­te­te. In vie­len Staa­ten sit­zen rechts­ex­tre­me Par­tei­en in den Par­la­men­ten oder sogar in den Regie­run­gen. Von gemein­sa­men Visio­nen im Kampf gegen den Kli­ma­wan­del oder sozia­le Unge­rech­tig­keit hört man kaum. Vie­le Europäer*innen emp­fin­den die Insti­tu­tio­nen als zu bür­ger­fern und bürokratisch.

Wie gelingt prak­ti­sche Gemeinschaft?

Brüs­sel und Straß­burg fun­gie­ren dabei als Chif­fren für die­se Ungreif­bar­keit euro­päi­scher Poli­tik. Zwi­schen den EU-Par­la­men­ta­rie­rin­nen und den Bür­gern scheint eine Lücke zu klaf­fen, die die Men­schen irri­tiert, ver­är­gert oder, viel­leicht noch schlim­mer, von vie­len eher schul­ter­zu­ckend zur Kennt­nis genom­men wird. Dage­gen blie­ben alle insti­tu­tio­nel­len Refor­men macht­los, wie Jür­gen Haber­mas schon 2001 kon­sta­tier­te: Das Demo­kra­tie­de­fi­zit kann frei­lich nur beho­ben wer­den, wenn zugleich eine euro­päi­sche Öffent­lich­keit ent­steht, in die der demo­kra­ti­sche Pro­zess ein­ge­bet­tet ist.“ Es bedarf eines geteil­ten Reso­nanz­rau­mes, indem sowohl die poli­ti­sche Gemein­schaft gegen­wär­tig wird, als auch eine neue, grenz­über­schrei­ten­de Wahr­neh­mung einer euro­päi­schen Gesell­schaft eta­bliert wer­den kann. 

Wie also kann Euro­pa offe­ner, gerech­ter, weni­ger hier­ar­chisch, dafür soli­da­ri­scher wer­den? Müss­ten wir dafür nicht offen sein für die Erzäh­lun­gen, die wir von vie­len ver­schie­de­nen Orten bekom­men, statt sie je schon mit einer eige­nen zu verdecken?

Unse­re Fra­ge – was wäre, wenn ganz Euro­pa zuhör­te? – soll daher meh­re­re dis­kur­si­ve Ebe­nen bedie­nen: Was wäre, wenn Euro­pa denen zuhört, die unter Euro­pa lei­den? Was wäre, wenn Euro­pa kon­struk­tiv nach neu­en Ide­en und neu­en Nar­ra­ti­ven sucht? Wie wäre es, wenn die Euro­päi­sche Uni­on für sämt­li­che Bürger*innen nicht nur eine Gemein­schaft auf dem Papier wäre, son­dern als sol­che auch gefühlt, all­täg­lich, prak­tisch wür­de? Was wäre, wenn Euro­pa eine gemein­sa­me Öffent­lich­keit hät­te, in der alle Stim­men vor­kom­men? Und ange­nom­men, ganz Euro­pa hör­te zu: Was wür­den wir über­haupt erzählen? 

Offen für neue Erzählungen

Unse­re Bei­trä­ge nähern sich auf unter­schied­li­che Wei­se und aus sehr ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven her­aus dem The­ma Euro­pa. And­re Wil­kens, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Grün­der der Initia­ti­ve Offe­ne Gesell­schaft, erklärt, wie eine neue euro­päi­sche Öffent­lich­keit auf­ge­baut und umge­setzt wer­den könn­te, und zwar digi­tal und ana­log. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Autorin Asal Dar­dan hat ein aus­führ­li­ches Gespräch mit drei Schwar­zen Frau­en geführt, die mit ihren Lebens­ge­schich­ten ein trans­na­tio­na­les, femi­nis­ti­sches und post-kolo­nia­les Euro­pa reprä­sen­tie­ren, das es zwar jetzt schon gibt, aber nicht län­ger die Aus­nah­me sein soll­te. Der Jour­na­list und Autor Georg Diez hat meh­re­re The­sen zu Euro­pa for­mu­liert und die Demo­kra­tie- und Euro­pa­for­sche­rin Ulri­ke Gué­rot gebe­ten, auf die­se zu ant­wor­ten. Der deutsch-grie­chi­sche Jour­na­list Pana­jo­tis Gav­ri­lis ist vier Jah­re nach Refe­ren­dum und Revo­lu­ti­ons­stim­mung nach Grie­chen­land gereist und beschreibt in sei­nem repor­tier­ten Essay, dass sich das Land nach neu­en Nar­ra­ti­ven sehnt und bereits dabei ist, sie zu pro­du­zie­ren. Die bri­ti­sche Wis­sen­schaft­le­rin Beth Thomp­son zeigt auf meh­re­ren Ebe­nen die inter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen in der For­schung, die so essen­zi­ell wie durch den dro­hen­den Bre­x­it gefähr­det sind. Wei­te­re Tex­te zum The­ma Euro­pa wer­den folgen.

Damit die Euro­päi­sche Uni­on von allen als leben­di­ge Gemein­schaft erfah­ren wird, muss sie sich neu erfin­den. Des­halb möch­ten wir einen Bei­trag dazu leis­ten, dass die­ser Kon­ti­nent jen­seits sei­ner Gren­zen denkt, meta­pho­risch wie auch ganz real. Begin­nend mit einem offe­nen Ohr.