Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?

Euer Femi­nis­mus ist nicht mein Feminismus

T‚ÄĎShirts shop¬≠pen und Girl¬≠boss-Sta¬≠tus anstre¬≠ben gen√ľgt nicht. Wer das Ende des Patri¬≠ar¬≠chats will, muss bei den Mar¬≠gi¬≠na¬≠li¬≠sier¬≠ten ansetzen.

Ob bei Net¬≠flix, Dior oder H&M bis hin zu den Busi¬≠ness-Eta¬≠gen die¬≠ser Welt ‚Äď die Brea¬≠king News sind ange¬≠kom¬≠men: Femi¬≠nis¬≠mus ist geil. Vor allem als Ver¬≠mark¬≠tungs¬≠stra¬≠te¬≠gie. Taschen, Klei¬≠dung, Pos¬≠ter, Make-up, Apps, Well¬≠ness¬≠an¬≠ge¬≠bo¬≠te oder Lebens¬≠mit¬≠tel, der Fan¬≠ta¬≠sie sind kei¬≠ne Gren¬≠zen gesetzt, all das ver¬≠kauft sich unter dem ‚Äč‚ÄěGirl Power‚Äú-Slogan. Solan¬≠ge Femi¬≠ni¬≠t√§t auch St√§r¬≠ke oder Erfolg bedeu¬≠ten kann, ist es mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le in Mode, #Like¬≠AGirl zu sein, wie es die Always-Bin¬≠den¬≠wer¬≠bung impli¬≠ziert. Bedenkt man, dass bis vor kur¬≠zem ‚Äč‚ÄěSex sells‚Äú die Regel war, wirkt die¬≠ser Wan¬≠del zun√§chst posi¬≠tiv. Auf dem Weg ver¬≠lo¬≠ren gegan¬≠gen ist dabei aller¬≠dings der poli¬≠ti¬≠sche Gehalt der femi¬≠nis¬≠ti¬≠schen Bewe¬≠gung. Vom Wider¬≠stand gegen Sexis¬≠mus und Kapi¬≠ta¬≠lis¬≠mus ist wenig √ľbrig geblie¬≠ben. Oft nur eine lee¬≠re H√ľlse. 

Wie es von der Bewe¬≠gung zum Kas¬≠sen¬≠schla¬≠ger kam? Man¬≠che erkl√§¬≠ren es mit der Tat¬≠sa¬≠che, dass die The¬≠ma¬≠ti¬≠sie¬≠rung von Geschlecht ver¬≠mehrt in Pop¬≠kul¬≠tur und klas¬≠si¬≠schen Medi¬≠en statt¬≠ge¬≠fun¬≠den hat. Aber muss die logi¬≠sche Kon¬≠se¬≠quenz aus femi¬≠nis¬≠ti¬≠schen Pop¬≠songs und star¬≠ken Frau¬≠en in Seri¬≠en die¬≠se kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ti¬≠sche Ent¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠sie¬≠rung bedeu¬≠ten? F√ľr den Aus¬≠ver¬≠kauf ver¬≠ant¬≠wort¬≠lich sind sicher auch die Unter¬≠neh¬≠men, die Femi¬≠nis¬≠mus in Pro¬≠fit ver¬≠wan¬≠deln wol¬≠len. Doch sie sind nicht die ein¬≠zi¬≠gen, die Femi¬≠nis¬≠mus ledig¬≠lich zu ‚Äč‚ÄěFrau¬≠en¬≠power‚Äú verk√ľrzen. 

Im Jahr 2013 ver¬≠√∂f¬≠fent¬≠lich¬≠te die Face¬≠book-Mana¬≠ge¬≠rin und Mil¬≠li¬≠ar¬≠d√§¬≠rin She¬≠ryl Sand¬≠berg ihr Buch ‚Äč‚ÄěLean In: Women, Work and the Will to Lead‚Äú (auf Deutsch: ‚Äč‚ÄěLean In: Frau¬≠en und der Wil¬≠le zum Erfolg‚Äú). In die¬≠sem Rat¬≠ge¬≠ber pre¬≠digt Sand¬≠berg das neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠le Man¬≠tra, dass Frau¬≠en es in Chef¬≠eta¬≠gen schaf¬≠fen, wenn sie es denn nur genug wol¬≠len und sich aus¬≠rei¬≠chend in ihre Kar¬≠rie¬≠re ‚Äč‚Äěrein¬≠h√§n¬≠gen‚Äú. Damit l√§sst Sand¬≠berg nicht nur au√üer Acht, dass √ľber¬≠haupt nicht jede*r den Wunsch hat, Kar¬≠rie¬≠re zu machen, son¬≠dern sie ver¬≠gisst auch all die struk¬≠tu¬≠rel¬≠len Hin¬≠der¬≠nis¬≠se. Sexis¬≠mus, Ras¬≠sis¬≠mus, Anti¬≠se¬≠mi¬≠tis¬≠mus, Klas¬≠sen¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se, Hete¬≠ro¬≠nor¬≠ma¬≠ti¬≠vi¬≠t√§t, Trans¬≠feind¬≠lich¬≠keit und Behin¬≠der¬≠ten¬≠feind¬≠lich¬≠keit zie¬≠hen sich durch alle Berei¬≠che der Gesell¬≠schaft und machen das Leben Man¬≠cher leich¬≠ter und Ande¬≠rer schwie¬≠ri¬≠ger. Es ist ein Mythos, dass alle Men¬≠schen die glei¬≠chen Chan¬≠cen h√§t¬≠ten, wenn sie sich nur genug anstren¬≠gen w√ľr¬≠den ‚Äď so wie Sand¬≠berg das sug¬≠ge¬≠rier¬≠te. Die¬≠ser toxi¬≠sche Gedan¬≠ke f√ľhrt nicht nur dazu, dass vie¬≠le Men¬≠schen aus¬≠bren¬≠nen, son¬≠dern er igno¬≠riert auch all jene gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Bar¬≠rie¬≠ren, die der Femi¬≠nis¬≠mus eigent¬≠lich durch¬≠bre¬≠chen will. 

Hen¬≠g¬≠a¬≠meh Yag¬≠hoo¬≠bi¬≠fa¬≠rah ist freie_‚Äčr Journalist_‚Äčin, Essayist_‚Äčin, taz-Kolum¬≠nis¬≠t_in und Redakteur_‚Äčin beim Mis¬≠sy Maga¬≠zi¬≠ne. 2019 erschien der zusam¬≠men mit Fat¬≠ma Ayd¬≠e¬≠mir her¬≠aus¬≠ge¬≠ge¬≠be¬≠ne Essay¬≠band ‚Äč‚ÄěEure Hei¬≠mat ist unser Alb¬≠traum‚Äú bei Ull¬≠stein f√ľnf. [Foto: Vale¬≠rie-Siba Rousparast]

Die Pro­ble­me der Lean-In-Philosophie

Dass das von Sand¬≠berg gefor¬≠der¬≠te ‚Äč‚ÄěLea¬≠ning-In‚Äú gar nicht so ein¬≠fach geht, sah sie nach dem Tod ihres Ehe¬≠manns im Jahr 2016 sel¬≠ber ein. Pl√∂tz¬≠lich war sie eine allein¬≠er¬≠zie¬≠hen¬≠de Mut¬≠ter und bekam die Last der Sor¬≠ge¬≠ar¬≠beit anders zu sp√ľ¬≠ren als zuvor. Sie gab zwar nun selbst zu, dass allein¬≠er¬≠zie¬≠hen¬≠de M√ľt¬≠ter ‚Äď ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re jene, die kein Geld daf√ľr haben, Sor¬≠ge¬≠ar¬≠beit out¬≠zu¬≠sour¬≠cen ‚Äď sich nicht ein¬≠fach ‚Äč‚Äěrein¬≠h√§n¬≠gen‚Äú k√∂n¬≠nen, doch ihre Ent¬≠schul¬≠di¬≠gung √§nder¬≠te nichts dar¬≠an, dass sich ihr Dog¬≠ma l√§ngst weit ver¬≠brei¬≠tet hat¬≠te. Vie¬≠le Unter¬≠neh¬≠men haben die¬≠se neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠le Phi¬≠lo¬≠so¬≠phie bis heu¬≠te ver¬≠in¬≠ner¬≠licht. Wie der vor Jahr¬≠zehn¬≠ten noch ver¬≠hass¬≠te Femi¬≠nis¬≠mus sei¬≠nen Weg in den Main¬≠stream gefun¬≠den hat, zeigt das Bei¬≠spiel She¬≠ryl Sand¬≠berg also nur zu gut: Solan¬≠ge er nicht mit Streiks, For¬≠de¬≠run¬≠gen und unbe¬≠que¬≠men Mei¬≠nun¬≠gen, son¬≠dern mit kapi¬≠ta¬≠lis¬≠ti¬≠scher Ver¬≠wert¬≠bar¬≠keit und Leis¬≠tungs¬≠druck zu tun hat, ist Femi¬≠nis¬≠mus will¬≠kom¬≠men. Zumal diver¬≠se Stu¬≠di¬≠en bele¬≠gen, dass Unter¬≠neh¬≠men davon auf unter¬≠schied¬≠li¬≠che Arten pro¬≠fi¬≠tie¬≠ren k√∂n¬≠nen, F√ľh¬≠rungs¬≠po¬≠si¬≠tio¬≠nen weib¬≠lich zu besetzen.

End¬≠lich ist die ers¬≠te Asso¬≠zia¬≠ti¬≠on mit Femi¬≠nis¬≠mus kei¬≠ne behaar¬≠te, dicke, m√§n¬≠ner¬≠has¬≠sen¬≠de Les¬≠be mehr ‚Äď von die¬≠sem Kli¬≠schee gren¬≠zen sich Lean-in-Feminist*innen immer flei¬≠√üig ab ‚Äď, son¬≠dern eine makel¬≠lo¬≠se Frau, die Kin¬≠der, Kar¬≠rie¬≠re, eine gl√ľck¬≠li¬≠che Bezie¬≠hung und bes¬≠ten¬≠falls noch Fit¬≠ness locker jon¬≠gliert. Die St√§r¬≠ke hin¬≠ter Girl Power bedeu¬≠tet jetzt Durch¬≠set¬≠zungs¬≠f√§¬≠hig¬≠keit, Ehr¬≠geiz, Flei√ü und finan¬≠zi¬≠el¬≠ler Erfolg ‚Äď ein neo¬≠li¬≠be¬≠ra¬≠ler Cock¬≠tail, der nicht nur Frau¬≠en an ihre Gren¬≠zen brin¬≠gen kann. Was die¬≠ser Cock¬≠tail ent¬≠h√§lt, ist letzt¬≠end¬≠lich neben Lohn¬≠ar¬≠beit auch Sor¬≠ge¬≠ar¬≠beit, K√∂r¬≠per¬≠ar¬≠beit, Bezie¬≠hungs¬≠ar¬≠beit und gege¬≠be¬≠nen¬≠falls auch Sexarbeit. 

Wenn eine Frau also neben ihrer Voll¬≠zeit¬≠stel¬≠le f√ľr ihre Fami¬≠lie kocht und putzt, im Fit¬≠ness¬≠stu¬≠dio trai¬≠niert und f√ľr ein ‚Äč‚Äěgepfleg¬≠tes √Ąu√üe¬≠res‚Äú sorgt, ihrem Freund ein offe¬≠nes Ohr schenkt und dann f√ľr ein auf¬≠re¬≠gen¬≠des Sex¬≠le¬≠ben zust√§n¬≠dig sein soll, besteht ihr All¬≠tag fast nur aus Arbeit. Dies ist das nor¬≠ma¬≠ti¬≠ve Ide¬≠al. Nur: Wer soll das aus¬≠hal¬≠ten? Oder anders gefragt: Wer kann sich das leis¬≠ten? Wohl¬≠ha¬≠ben¬≠de Frau¬≠en k√∂n¬≠nen die¬≠se Auf¬≠ga¬≠ben out¬≠sour¬≠cen, durch Haus¬≠halts¬≠hil¬≠fen, Rei¬≠ni¬≠gungs¬≠kr√§f¬≠te, Kin¬≠der¬≠be¬≠treu¬≠ung. Die meis¬≠ten Arbeiter*innen aus die¬≠sen Sek¬≠to¬≠ren √ľben ihre Beru¬≠fe unter pre¬≠k√§¬≠ri¬≠sier¬≠ten Umst√§n¬≠den aus ‚Äď und blei¬≠ben √ľbli¬≠cher¬≠wei¬≠se unsicht¬≠bar. Gleich¬≠zei¬≠tig gelingt es mit ihrer Hil¬≠fe, den Mythos der erfolg¬≠rei¬≠chen und gl√ľck¬≠li¬≠chen Frau auf¬≠recht zu erhalten.

Glä­ser­ne Decken und ihre geschrubb­ten Leitern

Die¬≠se Art von Kar¬≠rie¬≠re-Femi¬≠nis¬≠mus domi¬≠niert die Debat¬≠ten und plat¬≠ziert in ihnen exklu¬≠si¬≠ve The¬≠men, die f√ľr vie¬≠le Frau¬≠en gar kei¬≠ne gro¬≠√üe Prio¬≠ri¬≠t√§t haben, wie zum Bei¬≠spiel gl√§¬≠ser¬≠ne Decken auf dem Weg zum Fir¬≠men¬≠vor¬≠stand, aber auch der Gen¬≠der Pay Gap und die Ver¬≠ein¬≠ba¬≠rung von Kind und Kar¬≠rie¬≠re. Klar, man¬≠geln¬≠de Kin¬≠der¬≠be¬≠treu¬≠ung betrifft die meis¬≠ten Men¬≠schen, doch vie¬≠le von ihnen haben kei¬≠ne Wahl, sie m√ľs¬≠sen nun mal arbei¬≠ten, um sich und ihre Fami¬≠li¬≠en ver¬≠sor¬≠gen zu k√∂n¬≠nen. Bei pre¬≠k√§¬≠ren Anstel¬≠lungs¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠sen spielt der Lohn¬≠un¬≠ter¬≠schied zwi¬≠schen M√§n¬≠nern und Frau¬≠en meis¬≠tens kei¬≠ne Rol¬≠le ‚Äď erst recht nicht, wenn dort ohne¬≠hin fast nur Frau¬≠en arbeiten. 

Gl√§¬≠ser¬≠ne Decken tau¬≠chen au√üer¬≠dem meis¬≠tens nur dann auf, wenn die Lei¬≠tern zu ihnen geschrubbt und gesi¬≠chert wer¬≠den. Das Pro¬≠ble¬≠ma¬≠ti¬≠sche: Die¬≠se The¬≠men wer¬≠den so ver¬≠han¬≠delt, als betr√§¬≠fen sie die Mehr¬≠heit und nicht die bes¬≠ser betuch¬≠ten Aus¬≠nah¬≠men. The¬≠men wie das bedin¬≠gungs¬≠lo¬≠se Grund¬≠ein¬≠kom¬≠men, Femi¬≠zi¬≠de, sexua¬≠li¬≠sier¬≠te Gewalt, der Pfle¬≠ge¬≠not¬≠stand, Kita¬≠pl√§t¬≠ze, siche¬≠re und lega¬≠le Abtrei¬≠bun¬≠gen: All das sind Bei¬≠spie¬≠le f√ľr femi¬≠nis¬≠ti¬≠sche The¬≠men, die eine viel gr√∂¬≠√üe¬≠re Grup¬≠pe an Men¬≠schen betref¬≠fen als die Pri¬≠vi¬≠le¬≠gier¬≠te¬≠ren, aber im √∂ffent¬≠li¬≠chen Dis¬≠kurs zu wenig Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit erhalten. 

Die man¬≠geln¬≠de Hin¬≠ter¬≠fra¬≠gung des Kapi¬≠ta¬≠lis¬≠mus f√ľhrt mal wie¬≠der in eine Sack¬≠gas¬≠se: Nur, weil Frau¬≠en die Werk¬≠zeu¬≠ge nut¬≠zen, mit denen M√§n¬≠ner schon seit Jahr¬≠zehn¬≠ten ihre √úber¬≠le¬≠gen¬≠heit demons¬≠trie¬≠ren, wird es nicht zur Gleich¬≠be¬≠rech¬≠ti¬≠gung kom¬≠men. Im Gegen¬≠teil: Hier¬≠ar¬≠chi¬≠en blei¬≠ben bestehen, Unter¬≠dr√ľ¬≠ckung setzt sich fort, nur eben nicht auf dem R√ľcken aller Frau¬≠en, son¬≠dern dem der mar¬≠gi¬≠na¬≠li¬≠sier¬≠te¬≠ren. Beson¬≠ders Arbeiter*innen und Migrant*innen geh√∂¬≠ren zu den Verlierer*innen die¬≠ser Logik. ‚Äč‚ÄěLea¬≠ning-in‚Äú und Girl¬≠bos¬≠sing geht Hand in Hand mit der Aus¬≠beu¬≠tung ande¬≠rer: So funk¬≠tio¬≠niert Kar¬≠rie¬≠re. ‚Äč‚ÄěDie Werk¬≠zeu¬≠ge des Meis¬≠ters wer¬≠den nie¬≠mals das Haus des Meis¬≠ters nie¬≠der¬≠rei¬≠√üen‚Äú, schrieb die Schwar¬≠ze Femi¬≠nis¬≠tin, Les¬≠be und Autorin Aud¬≠re Lorde. 

Femi¬≠nis¬≠mus wird nicht nur von Unter¬≠neh¬≠men per¬≠formt, son¬≠dern auch von den meis¬≠ten staat¬≠li¬≠chen Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen. Ein gutes Bei¬≠spiel ist die Poli¬≠zei, die einer¬≠seits LGBT-Kam¬≠pa¬≠gnen f√§hrt, ande¬≠rer¬≠seits aber auch an quee¬≠ren, trans und inter Per¬≠so¬≠nen Gewalt aus¬≠√ľbt ‚Äď ent¬≠we¬≠der durch die Repro¬≠duk¬≠ti¬≠on der ent¬≠spre¬≠chen¬≠den Feind¬≠lich¬≠keit oder bei der n√§chs¬≠ten Demo.

Femi­nis­mus muss alle befrei­en, nicht nur manche

Auch die ver¬≠ein¬≠zel¬≠te Kar¬≠rie¬≠re¬≠f√∂r¬≠de¬≠rung von Frau¬≠en mit Migra¬≠ti¬≠ons¬≠hin¬≠ter¬≠grund reicht nicht. Der Mythos, dass Men¬≠schen mit mehr Dis¬≠kri¬≠mi¬≠nie¬≠rungs¬≠er¬≠fah¬≠run¬≠gen auto¬≠ma¬≠tisch bes¬≠se¬≠re Poli¬≠tics haben, l√∂st sich schon fast selbst auf, wenn man Mel¬≠dun¬≠gen √ľber trans Per¬≠so¬≠nen, Les¬≠ben, migran¬≠ti¬≠sche Deut¬≠sche und J√ľdinnen*Juden in der AfD liest. Iden¬≠ti¬≠t√§ts¬≠po¬≠li¬≠tik kann sehr wich¬≠tig sein, doch man darf sich von ihr nicht zu sol¬≠chen Schl√ľs¬≠sen fehl¬≠lei¬≠ten las¬≠sen: Eine Diver¬≠si¬≠fi¬≠zie¬≠rung des Sys¬≠tems wird an den Grund¬≠bau¬≠stei¬≠nen wenig √§ndern. 

Wenn Femi¬≠nis¬≠mus bedeu¬≠tet, dass die Struk¬≠tu¬≠ren auf¬≠recht erhal¬≠ten blei¬≠ben, aber punk¬≠tu¬≠ell mit Frau¬≠en an der Spit¬≠ze besetzt wer¬≠den, ist das nicht mein Femi¬≠nis¬≠mus. Wenn Femi¬≠nis¬≠mus nur eine bestimm¬≠te Grup¬≠pe von Frau¬≠en im Sinn hat, dann ist das nicht mein Femi¬≠nis¬≠mus. Wenn Femi¬≠nis¬≠mus bedeu¬≠tet, dass es bei der Frau¬≠en¬≠/¬≠M√§n¬≠ner-Bina¬≠ri¬≠t√§t bleibt, dann ist das nicht mein Femi¬≠nis¬≠mus. Wenn Femi¬≠nis¬≠mus nur man¬≠che und nicht alle befreit, dann ist es nicht mein Feminismus. 

Die Kom¬≠bi¬≠na¬≠ti¬≠on eines sol¬≠chen ein¬≠di¬≠men¬≠sio¬≠na¬≠len Den¬≠kens mit Femi¬≠nis¬≠mus bezeich¬≠nen vie¬≠le als White Femi¬≠nism. Fest steht: Nicht jede femi¬≠nis¬≠ti¬≠sche Per¬≠son, die wei√ü ist, prak¬≠ti¬≠ziert auto¬≠ma¬≠tisch White Femi¬≠nism, aber fast alle White Femi¬≠nists sind wei√ü. White Femi¬≠nism zeich¬≠net sich dadurch aus, dass er nur von einer geschlech¬≠ter¬≠ba¬≠sier¬≠ten Unter¬≠dr√ľ¬≠ckung aus¬≠geht und kei¬≠ne inter¬≠sek¬≠tio¬≠na¬≠le Ana¬≠ly¬≠se hat, also Mehr¬≠fach¬≠dis¬≠kri¬≠mi¬≠nie¬≠rung nicht mit¬≠denkt. Wer kei¬≠ne wei¬≠√üe, christ¬≠lich sozia¬≠li¬≠sier¬≠te, hete¬≠ro¬≠se¬≠xu¬≠el¬≠le, mit¬≠tel¬≠st√§n¬≠di¬≠ge cis Frau ohne Behin¬≠de¬≠rung ist, wei√ü, dass Sexis¬≠mus nicht die ein¬≠zi¬≠ge Bar¬≠rie¬≠re ist, die sie vom sch√∂¬≠nen, sor¬≠ge¬≠frei¬≠en Leben trennt. Kapi¬≠ta¬≠lis¬≠mus ver¬≠st√§rkt die¬≠se Macht¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se um ein wei¬≠te¬≠res, da die Pri¬≠vi¬≠le¬≠gi¬≠en sich in mate¬≠ri¬≠el¬≠le Ver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠se umset¬≠zen und Reich¬≠tum ungleich ver¬≠tei¬≠len. Je mehr Kapi¬≠tal ein Mensch besitzt, des¬≠to leich¬≠ter ist es f√ľr ihn, wei¬≠te¬≠res zu erzie¬≠len. Ein Lean-in-Femi¬≠nis¬≠mus repro¬≠du¬≠ziert die¬≠se Ungerechtigkeit. 

Wenn Erfol¬≠ge nicht nur mit Ver¬≠wert¬≠bar¬≠keit und wirt¬≠schaft¬≠li¬≠chem Pro¬≠fit zu tun haben, son¬≠dern etwa durch Geset¬≠zes¬≠√§n¬≠de¬≠run¬≠gen mehr k√∂r¬≠per¬≠li¬≠che Selbst¬≠be¬≠stim¬≠mung und Arbeiter*innenrechte schaf¬≠fen, k√∂n¬≠nen wir sie tat¬≠s√§ch¬≠lich als femi¬≠nis¬≠tisch fei¬≠ern. Solan¬≠ge es jedoch eine so gro¬≠√üe Sche¬≠re zwi¬≠schen dem Image und der Rea¬≠li¬≠t√§t einer Gesell¬≠schaft gibt, muss erst mal hier eine Trans¬≠for¬≠ma¬≠ti¬≠on stattfinden. 

Also am bes¬≠ten nicht nur T‚ÄĎShirts kau¬≠fen und Girl¬≠boss-Sta¬≠tus anstre¬≠ben, son¬≠dern auch zu femi¬≠nis¬≠ti¬≠schen Streiks gehen. Am bes¬≠ten nicht nur ver¬≠ein¬≠zel¬≠te Regie¬≠rungs¬≠chefin¬≠nen und Unter¬≠neh¬≠me¬≠rin¬≠nen glo¬≠ri¬≠fi¬≠zie¬≠ren, son¬≠dern f√ľr siche¬≠re, zug√§ng¬≠li¬≠che und lega¬≠le Schwan¬≠ger¬≠schafts¬≠ab¬≠br√ľ¬≠che, f√ľr die Rech¬≠te von Sexarbeiter*innen und einen selbst¬≠be¬≠stimm¬≠ten Geschlechts¬≠ein¬≠trag k√§mpfen.