Was wäre, wenn die Gesundheitsversorgung frei wäre?

"Es gibt einen Mangel an Wissen, wie unsere Körper funktionieren"

Wie vielschichtig die Diskriminierungen im Gesundheitswesen sind, sehen oft nur die Betroffenen. Ein Gespräch über Gender, Körperbilder und eine verbesserte Wissenskultur.

Eine Sammlung anatomischer Modelle, im Vordergrund ein ungeborenes Kind im Uterus.
"Es gibt die Vor­stel­lung, dass nur Frau­en schwan­ger wer­den wol­len."

Ihr alle drei blickt aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Erfahrungen auf das Gesundheitssystem. Was sind eurem Eindruck nach die gravierendsten Leerstellen?

Gesa C. Teichert: Eine große Leerstelle ist, das mangelnde Bild davon, dass Menschen mehr sind als Männer und Frauen, die jeweils das andere Geschlecht begehren. Das bedeutet nicht, dass ich jedes Mal auf Diskriminierung treffe, aber beim ersten Kontakt mit Ärzt*innen oder Therapeut*innen ist die Annahme immer, dass ich eine heterosexuelle cis Frau bin. Was ich auch sehr stark erlebe, ist die fehlende Vorstellung, dass Räder-unterm-Hintern-Haben nicht gleichbedeutend ist mit krank sein. Was man bei mir als erstes sieht, ist der Rollstuhl. Alles konzentriert sich darauf. Es ist ein Stürzen auf das Offensichtliche, dem sofort ein Krankheitswert beigemessen wird. Ich würde aber sagen, der sichtbare Teil meiner Behinderung, meine Mobilitätsbehinderung, schränkt mich nach so vielen Jahren, in denen ich gut eingerichtet bin, am wenigsten in meiner Lebensqualität ein. Auch von medizinisch-therapeutischer Seite wird ganz schnell Offensichtliches zum Thema gemacht und alles andere muss man erst einmal sehr mühsam zur Sprache bringen.

Dr. Gesa C. Teichert ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, lesbische Rollstuhlfahrerin, Christin und intersektionale Feministin. Nach wissenschaftlichen Schwerpunkten in der Sachkulturforschung konzentrierte sich ihr forschendes Interesse schnell auf Fragen der Konstruktion von Normativität, bes. im Hinblick auf Geschlechter und Körper. Aktuell ist sie als wissenschaftliche Referentin für den Bereich Gesellschaft, Teilhabe und Antidiskriminierung bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld tätig. Mit ihrer Lebenspartnerin erwartet sie gerade ihr erstes Kind und engagiert sich daher aktuell besonders für die Gleichstellung von Regenbogenfamilien. [Foto: Cornelia Kolbe]


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Das heißt, es mangelt nicht zwingend an Willen, sondern an Wissen?

Gesa C. Teichert: Klar erlebe ich auch im Gesundheitssystem krasse Diskriminierung, aber bewusste Herabwürdigung oder Ablehnung geschieht selten. Oft ist es einfach so, dass es keine Schablonen und Bilder gibt, in die ich eingepasst werden kann. Dann ist es immer mein Job, die Dinge aufzuklären und dabei denke ich, eigentlich bin doch ich hier die Patientin. Also je abweichender oder mit je mehr Vielfaltsdimensionen Menschen leben, die mit dem Gesundheitssystem in Berührung kommen, umso mehr müssen sie Expert*innen sein, wenn sie nicht fehlbehandelt werden wollen, umso mehr müssen sie dafür kämpfen, erst einmal überhaupt sichtbar zu werden, weil sie nicht erwartet werden mit allem, was sie sind.

Stereotype und mangelndes Interesse

Max Appenroth: Das sind ganz ähnliche Erfahrungen, die ich als trans Person mache. Da sage ich ganz klar, da gibt es einen Mangel an Wissen, wie unsere Körper sind und wie sie funktionieren. Es wird immer angenommen, dass es klappt, aber eine Garantie gibt es nicht. Wenn ich als trans männliche Person zur gynäkologischen Untersuchung gehe, dann kommen die Tests alarmierend zurück, weil die Zellveränderungen anschlagen, aber niemand weiß, warum und wie. Das Gewebe wird durch die hormonelle Behandlung verändert, aber es gibt keine medizinische Technik, um uns und unsere Körper zu untersuchen. Gesa sagte eben, es gäbe keine Schablone, die auf sie angewendet werden kann. Bei mir ist das genau andersherum, es gibt eine ganz klare Schablone und es wird versucht, sie auf Biegen und Brechen über uns zu stülpen. Es wird angenommen, dass wir alle diese oder jene Veränderung machen müssen und dass wir das auch wollen, weil wir alle in dieses binäre Bild passen möchten. Aber das stimmt nicht, es ist ein riesengroßes Problem, dass trans Personen oftmals Behandlungen aufgezwungen werden. Das fängt bereits mit der zwangstherapeutischen Behandlung an, die man machen muss, um überhaupt die Hormone zu erhalten und Operationen von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Wir müssen immer erst abklopfen lassen, ob wir die richtige Entscheidung für uns getroffen haben, nach dem Motto: seid ihr denn wirklich ganz sicher und sauber im Köpfchen? Das sind alles Dinge, durch die trans Personen geschleust werden. Gepaart mit diesem stereotypen Gedanken, dass trans Körper so nah wie möglich an binäre Vorstellungen herankommen müssen, kommt die fehlende Technik, das fehlende Wissen, auch das fehlende Interesse, diese Forschung zu machen. Es wird nämlich gesagt, wir seien eine zu kleine Gruppe. Ob das nun stimmt oder nicht, ich habe trotzdem ein Recht auf eine adäquate medizinische Versorgung.

Max Appenroth ist Doktorand am Institut für Public Health der Charité Berlin und einer der Herausgeber*innen des Sammelbandes "Trans & Care – Trans Personen zwischen Selbstsorge, Fürsorge und Versorgung". Seit Oktober 2019 koordiniert er die Arbeitsgruppe zu Trans Men & HIV bei der Organisation GATE und bietet Workshops und Seminare zu den Themen Gender, Geschlecht und Sexualität an. Mehr Infos: max-appenroth.com [Foto: Alex Giegold]


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Nicole Schöndorfer: Das ist ein riesengroßes strukturelles Problem, dass Wissen im sogenannten Mainstream nicht vorhanden ist. Man muss ja irgendwo hingehen können, wenn man ein Bedürfnis oder Beschwerden hat und wenn diese als speziell angesehen werden, dann muss man sich das alles selbst zurechtlegen. Aber man muss Dinge erst kennen, bevor man sie benennen kann, weil die Informationen nicht überall verfügbar und Teil der Sozialisation sind. Das ist viel Arbeit.

Gesa C. Teichert: Das ist bei Erstkontakten ins Medizinsystem immer ein unglaublich stressiger Faktor. Es gibt Ärzt*innen und Therapeut*innen, die zwar auf mich als Inputgebende zurückgreifen, und es zu schätzen wissen. Manchmal werde ich aber auch als Hypochonderin behandelt, weil ich bereits mit bestimmten Fachbegriffen umgehe, die ich über die Jahre eben gelernt habe. Ich weiß vorher nicht, ob ich auf eine Person treffe, die total genervt und ablehnend reagiert oder ob ich auf eine Person treffe, die mich ernst nimmt. Das macht mich zunehmend müde. Es hat immer wieder Jahre gegeben, in denen ich mich um bestimmte Symptome oder Prophylaxen nicht gekümmert habe, weil ich keine Energie hatte, in diese Lotterie einzusteigen.

Nicole Schöndorfer hat Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Journalismus studiert und lebt und arbeitet als freie Journalistin, Medienmacherin und feministische Aktivistin in Wien. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen und antikapitalistischen Diskursen. Zum Beispiel in ihrem Podcast “Darf sie das?”


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Über diese Form der Pathologisierung sollten wir mehr sprechen, also wenn Menschen, die den Normen nicht entsprechen, psychische Probleme unterstellt werden. Ich möchte vorher Max fragen, wie es bei der Expertise im Falle von trans Personen aussieht. Wie gut ist das medizinische System auf die Belange von trans Personen vorbereitet und wie viel müssen trans Personen noch selbst wissen und leisten?

Max Appenroth: Das große Problem ist, dass es bei trans Personen an Wissenschaft und Evidenz mangelt. Es gibt keine deutschlandweite Studie, die die Lebensformen und Krankheitsbilder von trans Personen erfasst, geschweige denn medizinisch aufgegriffen hätte. Der Umgang mit trans Personen ist in Europa nicht Teil der medizinischen Ausbildung. Ich gehe mittlerweile zu gynäkologischen Untersuchungen mit der Annahme, dass ich nicht richtig behandelt werde. Es ist, wie Gesa gesagt hat: Irgendwann geht man einfach gar nicht mehr hin. Ich habe mich mit dem Thema trans und Altern beschäftigt und bin dahin gekommen, dass es kaum ältere trans Menschen gibt, weil wir einfach nicht alt werden. Wir erhalten nicht die präventive medizinische Versorgung, die wir brauchen, selbst in einem Land, das als medizinische Vorreiterin gepriesen wird. Das ist etwas, das mich nicht nur wütend macht, das macht mir Angst.

Unterschiedliche Sozialisation

Gesa C. Teichert: Darf ich da nachfragen, gibt es einen Unterschied zwischen trans Frauen, trans Männern und trans Enbys [für Non-Binary: Person, die sich weder dem männlichen, noch dem weiblichen Geschlecht zuordnet. - Anm. Redaktion]? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass trans Männer noch eher runterfallen.

Max Appenroth: Ich mache mir schon lange Gedanken darüber, woran das liegen kann. Als Mädchen sozialisiert worden zu sein hieß auch für mich, still zu sein und meine Bedürfnisse nicht auszusprechen. Platz einzunehmen und mich gegen Autoritäten auszusprechen, das verursacht bei mir noch immer großes Unbehagen, weil ich es nicht gelernt habe.

Nicole, du beschäftigst dich auch mit der Frage der unterschiedlichen Sozialisation von Menschen, je nachdem, ob sie als männlich oder weiblich gesehen werden. Könnte es sein, dass Gesas Nachfrage auch darauf zielt, wie der gesellschaftliche Blick auf den Körper mit Uterus, der für die Reproduktion zur Verfügung stehen soll, aussieht? Das betrifft ja trans Männer wie auch cis Frauen, oder?

Nicole Schöndorfer: Die Transition bedeutet für trans Männer nicht zwingend, dass sie die reproduktiven Organe nicht behalten. Aber grundsätzlich wissen wir aus diversen Debatten, etwa zu Schwangerschaftsabbrüchen, dass der zur Reproduktion fähige Körper mit Uterus einer Kontrolle von Staat und Gesellschaft untersteht. Der Ursprung liegt in sehr verhärteten, misogynen gesellschaftlichen Verhältnissen. Es wird generell noch nicht sehr lange zu Körpern mit Uterus geforscht, es ist wirklich schlimm. Frauen beziehungsweise Personen mit Uterus waren sehr lange von medizinischen Versuchen ausgeschlossen, weil der Genderaspekt für die Forschung nicht interessant war. Die Gendermedizin kam tatsächlich erst in den 1980ern mit ein paar Pionierinnen aus den USA, die sich zum Beispiel den geschlechtsspezifischen Aspekt von Herzinfarkten angeschaut haben. Erst 2001, da war ich bereits elf Jahre alt, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Leitlinien herausgegeben, wie man das Gesundheitswesen den Gendern gemäß ordnet. Zum Beispiel sind Abtreibungen an den meisten Universitäten nicht Teil der medizinischen Ausbildung, obwohl sie manchmal ja auch aus medizinischer Notwendigkeit durchgeführt werden müssen. Sie müssen aber natürlich auch abseits dieser medizinischen Notwendigkeit gelehrt werden. Schwangerschaftsabbrüche müssen fixer Bestandteil eines progressiven Curriculums sein, wofür sich zum Beispiel die seit ein paar Jahren auch im deutschsprachigen Raum aktive Organisation Medical Students For Choice einsetzt. Genauso wie sie Teil der staatlichen Gesundheitsversorgung sein müssen und aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden müssen. Das alles würde natürlich auch massiv zur Entstigmatisierung und zur Entmoralisierung beitragen.

Wer darf sich fortpflanzen?

Max Appenroth: Es gibt die Vorstellung, dass nur Frauen schwanger werden wollen, aber viele trans Personen und nicht-binäre Personen würden das für sich in Anspruch nehmen, wenn es a) die Informationen im Gesundheitssystem gäbe, wie mit schwangeren, nicht-weiblichen Personen umgegangen wird und b) auch die rechtliche Komponente geklärt wäre. Allein strukturell wird determiniert, wer sich fortpflanzen darf und wer nicht. Mein Personenstand ist geändert auf männlich und mein Vorname ist geändert auf Max. Wenn ich ein Kind auf die Welt bringen würde, stünde ich in der Geburtsurkunde dieses Kindes dennoch mit meinem alten Vornamen als Mutter drin. Ich würde diesen Schritt grundsätzlich gerne gehen, möchte aber meinen Status als männlich nicht verlieren. Ich werde aber nicht als Vater eingetragen. Man muss sich auch vor Augen halten, dass trans Personen mit dem Wunsch einer Personenstandsänderung erst seit 2012 in Deutschland nicht mehr zwangssterilisiert werden. Es gibt einige europäische Länder, die das noch immer als Voraussetzung angeben für Menschen, die ihren Personenstand ändern möchten, wobei der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2017 dazu aufgerufen hat, diese Regelungen ersatzlos zu streichen, weil es gegen die Würde des Menschen geht.

Gesa C. Teichert: Eine Parallele, die vielleicht ein Hoffnungsschimmer sein könnte beim Thema Kinderwunsch, ist die Entwicklung bei lesbischen Frauen. Ich hab 1996 mein Coming-Out gehabt und damals war eine sehr anrührende Reaktion meines Vaters: ja, dann werden wir gut damit klarkommen, dass es keine Bilderbuchfamilie unserer Tochter geben wird. Ich bin das einzige Kind und zu dem Zeitpunkt meines Coming-Outs war es für uns alle noch völlig klar, dass damit verbunden ist, dass ich nie leibliche Kinder haben werde, dass meine Eltern nie Großeltern werden. Aber es gab die zweite Frauenbewegung, die Selbstuntersuchungen brachte, die Lesben-Frühlingstreffen und die Information über Selbstinsemination bis hin zur gegenwärtigen Situation, in der wir Unterstützung im medizinischen System bekommen können. Heute kann man Kinderwunschzentren finden, wo man auch als lesbisches Paar ganz entspannt und ohne Diskussion hingehen kann. Ich habe die Hoffnung, dass das irgendwann für alle geschlechtlichen Identitäten und Selbstkonzepte möglich sein wird. Was ein Problem bleibt, ist dass die Gesetzgeberin da unglaublich hinterher klappert. Das ist gerade ein Kampf, weil unser Kind, das ich gerade erwarte, offiziell eine alleinstehende Mutter haben wird. In der Geburtsurkunde unseres Kindes wird meine Frau nicht drinstehen, weil es sie als weitere Mutter nicht geben darf. Sollte nach der Geburt etwas passieren, ist dieses Kind offiziell Vollwaise. Das ist etwas, wo die Communities und viele Individuen die ganze Arbeit leisten. Wir sind immer wieder dafür verantwortlich, dass diese emanzipatorischen und selbstbestimmungsrechtlichen Schritte gegangen werden. Einerseits ist es schön, darauf zu blicken, dass es historisch gesehen immer wieder gelingt, aber andererseits ist es in der Situation bitter, kräftezehrend und kränkend, wenn die eigene Person durch die fehlende Unterstützung und den fehlenden Zugang in dieser Form in Frage gestellt wird.

Max Appenroth: Bei trans Personen gibt es noch eine etwas andere Ebene wegen der Psychopathologisierung. Homosexualität wurde auch als psychische Krankheit angesehen und das betraf zum größten Teil Männer, weil die Sexualität von Frauen keine Rolle spielte. Das wurde 1992 aus dem ICD-Katalog der WHO [Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme] gestrichen, trans wurde erst 2019 von der Liste der psychischen Störungen gestrichen und ist jetzt in der Kategorie “Sexual Health Conditions” vertreten. Bis der ICD hier tatsächlich angewendet wird, vier oder fünf Jahre oder so, solange gelte ich noch als psychisch kranker Mensch in Deutschland. Die Frage ist also, wer darf sich tatsächlich reproduzieren? Bei lesbischen Frauen wird gesagt, nun ja, das sind Frauen, die haben eben Muttergefühle. Aber bei Personen, die sich nicht als weiblich identifizieren beziehungsweise bei zwei Männern, die ein Kind bekommen wollen, ist es immer noch ein Unding. Es wird gefragt, ob sie gute Eltern sein können. Da sind die Hürden noch größer.

Das Problem der Pathologisierung hast du, Nicole, bereits häufiger in deinem Podcast thematisiert. Wie genau sieht das aus und was für Diskriminierungsformen zieht das nach sich?

Nicole Schöndorfer: Dadurch, dass Frauen lange Zeit aus sämtlicher medizinischer Forschung ausgeschlossen waren, wusste man einerseits natürlich nichts über sie und andererseits ging man davon aus, dass ihre Körper ohnehin so sind wie von cis Männern, die durchaus untersucht worden sind. Die dadurch entstandenen Wissenslücken wurden mit Pathologisierungen aufgefüllt. Früher war beispielsweise Hysterie ein Krankheitsbild, das heute nicht mehr existiert, aber das dafür diente, Frauen wegzusperren, wenn sie ihrer klassischen Rolle nicht entsprechen wollten. Aber das wird auch heute noch auf Frauen angewandt, wenn sie sich ihrer vorgegebenen Rolle nicht fügen.

"Adäquate medizinische Versorgung ist Luxus"

Wie bewegt man sich durch das Gesundheitssystem, wenn man erklärt kriegt, dass man entgegen seiner eigenen Einschätzung keinen medizinischen Bedarf sondern psychische Probleme hat?

Gesa C. Teichert: Bei der Forschungsstudie Queergesund* haben uns sehr viele lesbische Frauen erzählt, dass sie häufig Jahrzehnte nicht mehr zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung gegangen sind, weil die Debatte darum, ob und wie man sie vaginal untersuchen kann, etwa beim Ultraschall, für sie so demütigend und so kränkend war, dass sie sich dem nicht mehr aussetzen wollten. “Ich hab keinen Bock mehr darauf, mir von meiner Gyn sagen zu lassen, dass es zu einer normalen Frau dazugehört, penetriert zu werden.” Es wird davon ausgegangen, dass Frauen eines gewissen Alters häufig genug penetrierenden Sex hatten und die Untersuchungen ihnen nicht mehr weh tun. Es fehlt oftmals das Verständnis. Wir haben überproportional viele lesbische Frauen, die das als zentralen Grund genannt haben. Das ist fatal, weil Krebsdiagnosen im Bereich der Eierstöcke und des Gebärmutterhalses relativ spät gestellt werden, wenn der gesamte Vorsorgebereich fehlt. Das heißt, dass wir im Zweifel über lethale Folgen sprechen.

Max, wie schließt das an deine Forschung zu trans Personen an?

Max Appenroth: Bei trans Personen ist es ein grundsätzliches Problem, dass sie nicht nur deutlich seltener zu präventiven Maßnahmen gehen, sondern die medizinische Versorgung häufiger bis zu einem Notfall hinauszögern. Das heißt also, dass etwas, mit dem man problemlos hausärztlich versorgt werden könnte, nicht geklärt wird, aufgrund der Sorge, man werde nicht richtig behandelt oder erlebe Diskriminierung.

Wird Gesundheit so zum Luxus?

Nicole Schöndorfer: Ich finde es ist ohnehin ein Luxus, weil zum Beispiel bestimmte gynäkologische Untersuchungen sehr teuer sind und nicht von der Kasse übernommen werden. Und auch Luxus im Sinne von, ja, ich kann da hingehen mit meinen Beschwerden und kriege eine Diagnose und Behandlung und werde nicht diskriminiert.

Gesa C. Teichert: Ich würde sagen, eine adäquate medizinische Versorgung ist Luxus. Man muss nur schauen, wie viele Hüften und Knie operiert werden, wenn eigentlich eine Runde Physiotherapie angebrachter wäre. Es ist nicht zwangsläufig Luxus, medizinische Versorgung zu kriegen. Aber passend zu einem, adäquat, mit dem, was ich wirklich brauche, das wird umso schwieriger, desto mehr ich vom androzentrischen, binären Bild des Patienten abweiche. Dann wird es zum Luxus.

"Mehr Diversität bei den Fachpersonen"

Max Appenroth: Bei Mediziner*innen handelt es sich ja um eine bestimmte Schicht, die nicht der Pluralität unserer Gesellschaft entspricht. Dort müssen Veränderungen geschaffen werden, damit andere Menschen Zugang zu diesen Professionen erhalten oder Unterstützung erhalten, um dort Fuß fassen zu können.

Was wären das für Veränderungen? Was habt ihr für Visionen für ein besseres System, vor allem mit Blick auf die Lehre und die medizinische Profession?

Gesa C. Teichert: Der Appell, dass wir mehr Diversität bei den Fachpersonen im medizinischen System kriegen, ist nicht primär, damit ich als Einzelperson die perfekte Ansprechperson habe, sondern dass das System als Ganzes beeinflusst wird. Wenn Teile der Bildungsarbeit nicht immer nur bei uns als Patient*innen lägen, sondern auch innerhalb der Profession, durch Curricula, durch sichtbare Vorbilder. Damit sie es für sich selbst vollziehen und sehen, dass es ein professioneller Anspruch an sie selbst als Therapeut*in und Ärzt*in sein sollte, den Horizont zu weiten und nicht Patient*innen kommen müssen, um einen mit der Nase reinzustupsen.

Max Appenroth: Vielfalt heißt nicht nur, dass die Mehrheitsgesellschaft, etwas für uns tut. Vielfalt bedeutet Vielfalt für alle, Räume zu öffnen oder zu erweitern für alle. Es ist ein Zugewinn für die gesamte Gesellschaft. Das wird immer fehlverstanden, dass unsere Forderungen und Wünsche etwas sind, das andere für uns tun müssen. Nein, das ist etwas, das wir alle für uns alle tun. Dieses Narrativ muss auch über die medizinische Versorgung hinaus verändert werden, Pluralität hat einen Zugewinn für alle und nicht nur für die sogenannten Minderheiten.

Gesa C. Teichert: Was es in den Therapieberufen schon stärker gibt und was ich mir in der Ausbildung von Mediziner*innen wünsche, ist ein ganzheitlicherer Blick auf den Menschen, eine Zentrierung von Patient*innen. Also dass eine Anamnese sich nicht darin erschöpft, zu gucken, was für OPs und Medikamente die Person bereits gehabt hat. Es kommt jeder Person zugute, wenn das normative Körperbild verändert wird und gefragt wird, was braucht der Mensch eigentlich, der hier vor mir sitzt.

Was muss politisch geschehen, damit auch jenseits der Lehre und der medizinischen Profession die Situation verbessert wird?

Gesa C. Teichert: Wo die Politik ganz gut und mit relativ überschaubaren finanziellen und strukturellen Mitteln tätig werden könnte ist die Wissenschaftsförderung. Wenn ich schaue, wie die Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für den ganzen technisch-naturwissenschaftlichen Bereich explodieren und alle Förderprogramme aus den Gesellschaftswissenschaften und den nicht-technischen Lebenswissenschaften runtergefahren werden und momentan nur Riesenstudien mit wahnwitzigen Evidenzen durchkommen, da müssen wir sagen, nein, wir müssen auch die kleineren Phänomene angucken und qualitative und partizipative Forschung fördern, um das Wissen zu vermehren. Da braucht es tatsächlich nur einen politischen Willen. Auf der anderen Seite gibt es die große Forderung, die Privatisierung und Ökonomisierung des Gesundheitswesens mindestens zu hinterfragen. Das ist dramatisch, wenn ich schaue, wie meine Hilfsmittelversorgung in den letzten Jahren und auch weiterhin sich verschlechtert hat. Früher war völlig klar, nach fünf Jahren wird der Rollstuhl überprüft und man guckt, passt er noch zu dem Körper. Wenn er nicht passt, gibt es einen neuen. Das gibt es nicht mehr. Wie viele Menschen mit Behinderungen, die ich kenne, sind nicht mehr adäquat versorgt! Ich weiß, ich bin noch sehr privilegiert, weil ich erwerbstätig bin. Viele Hilfen habe ich nur, weil mein Leben als ökonomisch wertvoll angesehen wird. Ich hätte kein umgebautes Auto, wenn ich nicht erwerbstätig wäre. Die Krankenkasse zahlt nicht dafür, das zahlt das Arbeitsamt. Sobald ich nicht mehr erwerbstätig wäre, hätte ich ein Problem und meine Mobilität wäre massiv eingeschränkt. Es geht ganz und gar um ökonomische Interessen. Mich zu versorgen bringt etwas, weil ich hochqualifiziert bin und ein gutes Einkommen habe. Das sähe vollkommen anders aus, wenn ich ALG II hätte, dann hätte die Versorgung meines Körpers keinen ökonomischen Nutzen. Das macht mich so wütend. Da schaue ich sorgenvoll in die Zukunft.

"Ein gutes Leben für alle"

Nicole Schöndorfer: Es wird politisch immer stärker forciert, dass das Gesundheitssystem kapitalisiert und privatisiert wird. Ganz banal gesagt, muss geschaut werden, dass der Zugang für alle gleich ist. Es darf keine Klassenfrage sein, wer welchen Zugang hat. Es muss eine Umverteilung stattfinden, damit nicht nur bestimmte Menschen sich bestimmte Leistungen und Behandlungen leisten können. Das fängt ja bereits bei der Verhütung an. Es gibt keinen Grund, weshalb die Kasse das nicht übernehmen kann. Migrant*innen haben da noch mehr Hürden zu bewältigen. Der österreichische Verhütungsreport von 2019 hat gezeigt, dass der Hauptgrund für die befragten Migrant*innen, weshalb sie nicht verhüten, ist, dass sie sich die Verhütung nicht leisten können. Das sind vermeintliche Kleinigkeiten, die man schnell ändern könnte, aber dafür muss es das Bewusstsein geben, dass Gesundheit nicht etwas ist, dass man sich leisten können muss. Es braucht auch eine grundlegende Änderung der Vorstellung, wie ein gutes Leben für alle aussieht.

Max Appenroth: Es ist ein zweigleisiges Ding: das Wissen vermehren und finanziell etwas verändern. Ich bin viel in den USA unterwegs, wo ich oft höre, wie gut wir es mit unserer Krankenversicherung haben. Darauf antworte ich, dass meine Krankenkasse theoretisch für Sachen zahlen würde, aber ich komme noch nicht einmal dahin, weil der Zugang erschwert ist, weil Leute nicht wissen, wie sie mich behandeln sollen. Ich hatte das Glück, dass ich die finanziellen Mittel hatte für eine Operation, um mir die Brust entfernen zu lassen. Ich habe das gezielt in den USA gemacht, gerade weil ich diesen ganzen Zirkus mit der Krankenkasse umgehen wollte und diese Demütigung, die ich sowieso schon mit meiner Vornamens- und Personenstandsänderung erlebt hatte. Das Ganze dann noch einmal mit der Krankenkasse durch zu machen, nicht zu wissen, wann und ob sie es bewilligen, und mindestens eineinhalb bis zwei Jahre, bis der Antrag durch ist, in dem Körper zu stecken, der für mich nicht funktioniert. Das macht mich tatsächlich krank. Das System, das einem erzählt, man sei krank, macht einen auch irgendwann krank. Wenn die Krankenversicherung problemlos die Anträge von trans Personen bearbeiten würde, ohne diese normierenden und stereotypisierenden Hürden, hätten sie definitiv weniger Kosten mit psychologischen Folgebehandlungen aufgrund von Depressionen oder womöglich Suizidalität usw. Es wird oftmals nicht langfristig gedacht, die Menschen so zu stützen und zu stärken, wie sie es brauchen, damit sie auf lange Sicht gesund bleiben. Ich kann meckern wie ein Rohrspatz, aber ich bin auf die Unterstützung von cis Personen angewiesen. Wenn das System offener ist, gewinnen alle.