Was wÀre, wenn Bildung nie aufhörte?

"Es gibt eine Hierarchie der Kulturen"

Wer den Kanon kennt, gilt als gebildet. Welche Kriterien hat er, was sagt er ĂŒber die Gesellschaft? Wir sprachen mit drei Frauen, die als Vermittlerinnen viel mit ihm in BerĂŒhrung kommen.

BĂŒsten von klassischen Denkern in einem Regal.
Foto: Sarah Shaffer

Ihr alle habt in eurer Arbeit mit kanonischen Texten zu tun. Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr das, was man Kanon nennt, kennengelernt habt?

Mahret Ifeoma Kupka: Dass es so etwas wie einen konkreten Kanon gibt, wurde mir erst im Studium wirklich bewusst. Davor habe ich einfach alles so genommen, wie es mir vorgelegt wurde, es war fĂŒr mich einfach normal. An der Uni dĂ€mmerte mir dann, dass da möglicherweise was fehlt, dass es nicht allein an mir liegt, wenn ich mit vielem nichts anfangen konnte oder wenn die Inhalte wenig mit meiner LebensrealitĂ€t zu tun hatten.

Nadire Y. Biskin

Nadire Y. Biskin hat Philosophie, Ethik und Spanisch an der Humboldt UniversitĂ€t zu Berlin studiert und hat das Lehramtsreferendariat mit dem zweiten Staatsexamen abgeschlossen. Sie schreibt journalistische Texte sowie Prosa und Lyrik. Sie ist eine der Autorinnen des kĂŒrzlich im Verbrecher Verlag erschienenen Bandes „FLEXEN: FlĂąneusen* schreiben StĂ€dte“. [Foto: Ksenia Lapina]


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Nadire Y. Biskin: Bei mir fing das auch viel spĂ€ter an. Es gab immer Sachen, die alle empfohlen haben und ich dachte, warum berĂŒhrt mich das nicht? Ich habe mir so gewĂŒnscht, dass dieser Kanon mich anspricht, weil es bedeutet, einer Norm zu entsprechen. Das Problematische am Kanon ist, dass er nicht transparent ist. Man kennt die Kriterien nicht und darum ist es schwer, gezielt einen Einwand zu haben. Wenn man in prekĂ€ren UmstĂ€nden ist, muss man sich außerdem ĂŒber die zeitlichen Ressourcen Gedanken machen. Ich war nicht privilegiert genug, um mich vom Kanon distanzieren zu können. Es gibt Leute, die das können, weil davon ausgegangen wird, dass sie eben aus dem Kreis derer kommen, die das alles sowieso wissen. Ich kann immer noch nicht einfach sagen, okay, ich mache jetzt etwas komplett anderes. In einem freieren Raum gĂ€be es mehr Entfaltung und eine grĂ¶ĂŸere Bandbreite.

Berit Glanz: Ich finde das mit der Zeitökonomie sehr interessant. Man muss tatsĂ€chlich entscheiden, was man in der wenigen Zeit macht, die man hat. Da kommt der Kanon ins Spiel. Welche BĂŒcher will ich lesen? Was ist mir wirklich wichtig? Es war auch bei mir ein langer Weg von dem Schritt, dass mir bewusst wurde, was ein Kanon ist, dahin zu merken, dass ich ihn als ausschließend empfinde. Ich hatte nicht sofort das Selbstbewusstsein zu fordern, dass sich daran etwas Ă€ndert und zum Beispiel andere Texte in SeminarplĂ€ne aufgenommen werden. Ich merke das heute auch in meinen Seminaren. Am Anfang frage ich immer, ob die Leute etwas anderes lesen möchten. Man sollte diese TĂŒr öffnen, ich habe mich ja selbst auch nicht getraut, sie damals von alleine zu öffnen. Aber da kommt selten etwas.

Wie wĂŒrdet ihr Kanon ĂŒberhaupt definieren?

Mahret Ifeoma Krupka

Dr. Mahret Ifeoma Kupka schreibt, spricht, lehrt und macht Ausstellungen zu den Themen Mode, Körper und Performatives. Sie studierte Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, sowie Kunstwissenschaft/Medientheorie, Philosophie und Ausstellungsdesign an der Hochschule fĂŒr Gestaltung in Karlsruhe. Seit 2013 ist sie Kuratorin am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main.


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Mahret Ifeoma Kupka: Da fĂ€llt mir sofort die Liste ein, die in meinem Germanistikinstitut hing, die 100 BĂŒcher, die alle Germanist*innen kennen mĂŒssen. Ein paar der BĂŒcher hatte ich bereits in der Schule gelesen, trotzdem hat mich das unter Druck gesetzt. Ich dachte, ich muss jetzt dieses ganze Zeug lesen, von dem interessiert mich aber vieles gar nicht. Das sind Dinge, die sich kulturell durchgesetzt haben und andere Dinge werden dann aus irgendwelchen GrĂŒnden vergessen. Eine Art Topliste der jeweiligen Disziplin, die nicht immer ganz bewusst und reflektiert ĂŒbernommen wird, weil sie schon immer da war. Es wird ja selten etwas gestrichen oder ersetzt. Es gibt nirgends ein Komitee, das den Kanon verbindlich zusammenstellt, aber es wird immer Werke geben, die auf jeder Liste zu finden sind.

Berit Glanz: Kanonisierung ist ein Prozess, in dem eine Kultur aushandelt, was ihr wichtig ist. Welche Texte und Quellen sagen uns etwas und welche sagen uns nichts mehr? FrĂŒher war der Kanon fester definiert, heute muss man stĂ€rker suchen.

Nadire Y. Biskin: Aber gleichzeitig weiß man das schon. Kanon ist immer das, wo das GegenĂŒber entrĂŒstet reagiert, wenn man etwas nicht gelesen hat.

Mahret Ifeoma Kupka: Oh ja, das kenne ich. Da hört man dann „du hast doch Germanistik studiert, wie kannst du das nicht kennen?“

"Kanon ist auch eine Form der Hierarchisierung"

Bisher klingt es so, als sei Kanon etwas Freudloses, etwas, das mit Zwang und dem GefĂŒhl von Ausschluss verbunden ist.

Berit Glanz

Berit Glanz ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin. Als Skandinavistin arbeitet sie am Institut fĂŒr Fennistik und Skandinavistik der UniversitĂ€t Greifswald und forscht dort zu ModernisierungserzĂ€hlungen der skandinavischen Romantik und zum Medienwandel. Im Sommer 2019 erschien ihr DebĂŒtroman „PixeltĂ€nzer“ bei Schöffling & Co.


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Berit Glanz: Die erste Erfahrung ist, dass man etwas abarbeiten muss und das empfindet man erst einmal als anstrengend. Wenn ich auf das blicke, was ich als kanonisches Wissen werten wĂŒrde, dann weiß ich vor allem da viel, wo ich mich entweder selbst fĂŒr etwas begeistern konnte oder jemanden getroffen habe, der sich sehr begeistert hat. Ich habe teilweise LĂŒcken in meinem Wissen und das sind fast immer die Themen, fĂŒr die sich niemand in meinem Umfeld interessiert hat und fĂŒr die ich mich auch nicht begeistern konnte. Wenn jemand einem gegenĂŒbersitzt, der daran Spaß hat, kann Kanon auch Spaß machen. Das ist also auch eine Frage der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden.

Mahret Ifeoma Kupka: Die Idee eines Kanons ist toll, wenn ich mir vorstelle, ich kriege eine Liste und lese dann hundert BĂŒcher, die alle etwas mit mir zu tun haben und mir die Welt erklĂ€ren. Schwierig wird es, wenn es nicht so ist und ich mich als Lesende permanent fragen muss, ob ich ĂŒberhaupt Teil dieser Kultur bin, wenn ich nirgendwo gemeint bin oder abgebildet werde. Wenn man Kanon betrachtet als Zusammenstellung von Texten und Werken, die beispielhaft fĂŒr eine Kultur sind, die man draufhaben sollte, dann verĂ€ndert sich bestenfalls auch der Kanon, wenn sich die Kultur verĂ€ndert.

Berit Glanz: Die Idee, es an Menschen zu binden, finde ich schön. Also, dass man nicht passiv etwas abarbeitet, sondern dass man ĂŒber das GesprĂ€ch herausfindet, warum man etwas liest. Ich lese jetzt Dinge, da erkenne ich Welten und ZusammenhĂ€nge, die ich gern vorher gekannt hĂ€tte. Aus diesem Grund ist Kanon fĂŒr mich im Moment mit einer leisen Trauer verbunden, dass ich manches nicht gesehen und gelesen habe, dass ich Weltsichten nicht kennengelernt habe. Aber es gibt auch feste Texte, das sind Bildungsziele, und die muss man eben lernen. Das stelle ich mir aber in der Vermittlung als Lehrerin besonders schwer vor.

Nadire Y. Biskin: Mittlerweile ist man davon abgekommen, zu sagen, wen man gelesen haben sollte und sagt nun, dass es bestimmte Inhalte gibt, die man vermitteln muss. Im Fremdsprachenunterricht richtet man sich beispielsweise hĂ€ufig nach den SchulbĂŒchern, weil die sehr gut aufgebaut sind und man auch nicht endlos Zeit hat, alles anders zu machen. Aber dann wird in solchen BĂŒchern zum Beispiel das Familienbild Patchwork vermittelt und ich denke, nun gut, das ist fĂŒr euch alternativ und divers, fĂŒr mich ist das weiße Mittelschicht. Aber was soll ich daran Ă€ndern, wenn es noch so viele andere Sachen gibt, die man berĂŒcksichtigen muss?

Funktioniert Kanon also vor allem, wenn er Möglichkeiten der Identifikation bietet?

Nadire Y. Biskin: Ich habe Antigone geliebt, ich glaube, das hat etwas mit Identifikation zu tun. Die war da mit ihrer Familie und hat dann rebelliert. Im Gegensatz zu Emilia Galotti, die durchgehend ehrenhaft und tugendhaft war. Deshalb gibt es diesen Kanon der Anderen, an dem sie festhalten, weil sie sich mit ihm identifizieren. Kanon ist auch eine Form der Hierarchisierung. Wenn er nicht begrĂŒndet ist oder an willkĂŒrlichen Merkmalen hĂ€ngt, ist es unfair. Es ist wichtig zu schauen, wer, wie und worĂŒber. Die Strukturen dahinter sind nicht explizit aber wichtig.

Asal Dardan

Asal Dardan ist Kulturwissenschaftlerin und Teil des Netzwerks Tabletalk Europe. Als Autorin beschÀftigt sie sich unter anderem mit Pluralismus, Migration und der deutschen Erinnerungskultur. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Essayband. [Foto: Sarah Berger]

"Es ist eben nicht immer Emilia Galotti, sondern manchmal auch die Netflix-Serie"

Mir scheint, dass neben der GrĂŒndung neuer StudiengĂ€nge und Fachrichtungen vor allem das Internet Wege bietet, Wissen neu zu strukturieren und neue Perspektiven einzubringen. Es gibt diverse Hashtags wie #DieKanon, #Dichterdran, #tddlkanon und #frauenlesen, die das versuchen. Ihr habt an einigen davon mitgewirkt, was sind eure Erfahrungen damit?

Mahret Ifeoma Kupka: Bei #DieKanon haben wir erst einmal ganz klassisch gesammelt, welche Autorinnen uns spontan als essentiell einfallen. Dann haben wir begonnen zu diskutieren, haben versucht, Kategorien zu schaffen und sind schnell auf die ersten Schwierigkeiten gestoßen. Welche neuen AusschlĂŒsse werden durch eine Fokussierung auf Frauen geschaffen? Wo liegen unsere blinden Flecken? Es sollte ja nicht darum gehen, einen Kanon unter gedrehten Vorzeichen zu reproduzieren. Wir standen auch unter Zeitdruck. #DieKanon war als unmittelbare Reaktion auf den sehr homogenen Bildungskanon in Die Zeit entstanden und wir hatten die Möglichkeit groß etwas bei Spiegel Online zu veröffentlichen. Wir haben #DieKanon trotz der Unklarheiten publiziert, weil uns in einem ersten Schritt wichtig war, dass der Zeit-Kanon nicht einfach unkommentiert durchrutscht. Als standfester Gegenkanon funktionierte #DieKanon nicht, aber eine Diskussionsgrundlage war geschaffen. FĂŒr mich war es ein interessantes Experiment, allein um herauszufinden, wie man einen Kanon definieren und begrĂŒnden kann, wenn er nicht gesetzt ist sondern ausgewĂ€hlt werden soll.

Berit Glanz: Beim Bachmannpreis und #tddlkanon war es sehr lustig, dass viele mitgemacht und gesammelt haben. Wenn die Jury Referenzen nennt, ist das eine Praxis der Kanonisierung. Spannend war, wie viel Film und Fernsehen in einem Wettbewerb zu einem Literaturpreis herangezogen wurde. Das Leitmedium verschiebt sich, dieser Medienwandel ist interessant zu beobachten. Ich finde das gar nicht schlimm. Es sagt aber etwas ĂŒber unsere Referenzen aus. Es ist eben nicht immer Emilia Galotti, sondern manchmal auch die Netflix-Serie.

Hat das tatsÀchlich etwas mit Bildung zu tun, so eine Serie zu kennen?

Berit Glanz: Ja, ich glaube, dass es gerade im akademischen Kontext Referenzen sind, bei denen man Bescheid wissen muss. Das ist das Fiese, es wird immer komplexer und differenziert sich immer weiter aus. Man verliert da schnell den Überblick.

Ihr habt alle Einblick in mehr als einen Kulturraum. Inwiefern hat das beeinflusst, wie ihr auf das Konzept Kanon schaut?

Berit Glanz: In Island gibt es wichtige kanonische Texte, an denen man nicht vorbeikommt. Aber dort gilt man auch als gebildet und kann beispielsweise an AbendgesprÀchen teilnehmen ohne sich zu blamieren, wenn man gewisse Texte nicht gelesen hat. In Deutschland kommt man eben oft ins Schwimmen und muss verbergen, dass man etwas nicht kennt.

Nadire Y. Biskin: Ich lese spanischsprachige und mittlerweile auch tĂŒrkische Literatur, aber ich kann gar nicht sagen, wie der Kanon in diesen Kulturen gehandhabt wird. Es ist aber so, dass ich vor allem den Kanon lese. Ein tĂŒrkischer Hintergrund ist ja nicht cool, nicht hip. Bis auf schöne Haare und schönes Essen gibt es kaum etwas aus der tĂŒrkischen Kultur, das in Deutschland geschĂ€tzt wird. Vielleicht wollte ich darum auch lange Zeit nicht so viel damit zu tun haben. Deshalb ist es ein weiterer Schritt hin zur Akzeptanz, dass ich nun auch tĂŒrkischsprachige Literatur lese. DarĂŒber hinaus ist es seltsam, dass im deutschen Kanon wenig bis gar nichts stattfindet, das die vielen tĂŒrkisch- oder polnischstĂ€mmigen Menschen, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben, reprĂ€sentiert.

Mahret Ifeoma Kupka: Da sieht man, wie national so ein Kanon ist. Es stimmt, dass manches kulturell abgewertet wird. Meine Mutter ist in Nigeria aufgewachsen und hat, wie es im kolonial geprĂ€gten Nigeria ĂŒblich war, eine klassische Commonwealth-Schulausbildung genossen, die ihr eine unterschiedliche Wertigkeit von Wissen vermittelte. Deswegen drĂŒckte sie meinem Bruder und mir vor allem den britischen Kanon auf, das war nĂŒtzlicher und das hatte sie selbst so gelernt. Inzwischen wird immer bekannter, dass das Land eine interessante Literaturszene hat und auch schon immer hatte. Man kannte vielleicht Wole Soyinka oder Chinua Achebe, aber damit hörte es auch schon auf.

Berit Glanz: Es gibt eben eine Hierarchie der Kulturen. Wir haben in der Schule nichts gelesen, das nicht aus Frankreich, Großbritannien oder Deutschland kam. Das könnte man doch ohne Probleme Ă€ndern!

"Hybride Wesensmerkmale kommen nicht so gut an"

Kann man Kanon vom nationalen Rahmen lösen? Geht das ĂŒberhaupt, andere Identifikationsmöglichkeiten zu bieten als die nationale Kultur?

Nadire Y. Biskin: Ich denke, dass zumindest Identifikation im Sinne von Himmelsrichtungen notwendig ist. Das muss nicht unbedingt national sein, es gibt ja ĂŒbersetzte BĂŒcher, die auch Pflicht sind. TatsĂ€chlich ist es ja so, dass in anderen LĂ€ndern der europĂ€ische Kanon bekannter ist als andersherum. Es gibt universal einen Kanon, der aus einer gewissen Richtung kommt. Ein Beispiel dafĂŒr ist Elif ƞafak. Sie lebt in London, ist privilegiert, wurde unter anderem in Europa sozialisiert, der Bezug zu Europa und der westlichen Welt ist sehr dominant. Es gibt natĂŒrlich andere Texte, eine andere Literatur, aber die kommt eben viel schwerer hier an.

Mahret Ifeoma Kupka: Wir mĂŒssen mehr Literatur thematisieren, die unabhĂ€ngig entsteht und nicht nur durch die Adelung der deutschen Übersetzung Aufmerksamkeit erhĂ€lt.

Berit Glanz: In Skandinavien hat beispielsweise Arbeiterliteratur eine viel grĂ¶ĂŸere Tradition als in Deutschland, aber diese Werke werden kaum ĂŒbersetzt. Das kommt also auch nicht nach Deutschland.

Ist Bildung ohne Kanon möglich?

Berit Glanz: Mir hat es bei meinem Einstieg in die schwedische Literatur geholfen, dass es einen gibt. Die Verabschiedung von einem Kanon verunsichert auch. Wir sind alle durch ein System geschleust und geformt worden und wir haben diese Listen abgearbeitet und dazu verhalten wir uns. Es gibt keinen Nullpunkt. Aber wenn man offen darĂŒber spricht, warum man welche BĂŒcher liest, dann kann eine Öffnung entstehen. Das GesprĂ€ch ist das Entscheidende. Ich glaube nicht, dass die Listen das Entscheidende sind, sondern der Austausch.

Nadire Y. Biskin: Aber man kann das schon anstreben. Ich verstehe, dass man eine Orientierung haben möchte, aber StĂŒck fĂŒr StĂŒck sollte es eine Öffnung geben. Ich habe das GefĂŒhl, dass gerade in Deutschland der rote Faden und die Schubladen und Etiketten sehr eindeutig funktionieren mĂŒssen. Hybride Wesensmerkmale kommen nicht so gut an.

Berit Glanz: Das, was als literarische Norm gilt, ist eben da, und dadurch werden und wurden ganz viele Arten zu schreiben und diverse Stimmen ausgeschlossen. Aber dass so viel darĂŒber diskutiert wird, ist auch ein Zeichen dafĂŒr, dass sich etwas Ă€ndert. Plötzlich erscheint die Leseliste, die wir alle noch hingenommen haben, als verhandelbar. Ich merke, dass ich im Umgang mit Studierenden mehr Wert darauf lege, dass sie auch auf andere Kulturen blicken und selbst schauen, was sie finden. Ein offener Blick wird wichtiger und ich glaube, das wurde vor zehn oder fĂŒnfzehn Jahren noch anders kommuniziert.

"Viele verschiedene Blickwinkel auf die RealitÀt"

Seht ihr diesen positiven Trend auch, Nadire und Mahret?

Nadire Y. Biskin: Wenn es gesellschaftliche VerĂ€nderungen gibt und neue FĂ€cher eingefĂŒhrt werden oder neue Literaturformen entstehen, da gibt es einen Widerstand, der klingt irgendwie nicht vernĂŒnftig. Es macht doch viel mehr Sinn, die Literatur an die gesellschaftlichen UmstĂ€nde anzupassen. Ich meine, was fĂŒr ein Ziel verfolgen Kanon und Bildung? Möchte man mit der Zeit mithalten oder an Dingen festhalten, nur weil sie einem besser gefallen haben? Das bringt natĂŒrlich diese Unsicherheit mit sich, dann wird gesagt: jetzt darf man gar nichts mehr sagen, gar nichts mehr lesen.

Mahret Ifeoma Kupka: Ja, wenn zum Beispiel der Kinderbuchkanon ĂŒberarbeitet wird und diskutiert wird, ob noch bestimmte Wörter darin stehen dĂŒrfen oder nicht. Zugleich wundere ich mich schon sehr, wer sich alles dazu Ă€ußert. Ich frage mich dann, worum es eigentlich geht: darum Kindern und Jugendlichen Werte eines respektvollen und vielfĂ€ltigen Miteinanders zu vermitteln oder um die Angst vor dem Verlust der eigenen als unschuldig getrĂ€umten Kindheit? Und diese persönlichen Befindlichkeiten sollten nun wirklich nicht Teil einer Diskussion um einen gesellschaftlich bedeutsamen Kanon sein!

Wenn ihr an einen Kanon der Zukunft denkt, was mĂŒsste er erfĂŒllen? Was wĂ€re seine ideale Funktion?

Mahret Ifeoma Kupka: Er soll Orientierung geben und helfen, Prozesse und ZusammenhĂ€nge zu verstehen, KontinuitĂ€ten begreiflich machen und Empathie lehren. Er darf auch gerne Spaß machen.

Berit Glanz: Kanon sollte ermöglichen, viele verschiedene Blickwinkel auf die RealitĂ€t zu bekommen. An Texten aus dem Barock muss man sich zum Beispiel erst einmal abarbeiten, die sind eben fremd. Diese Differenz, dass man mit anderen Perspektiven und ErzĂ€hlweisen arbeitet, die einem fremd sind und mit denen man sich vielleicht sogar unwohl fĂŒhlt, da muss auch in der Gegenwartsliteratur viel mehr passieren. Da benötigen wir mehr DiversitĂ€t.

Nadire Y. Biskin: Ja, es mĂŒsste vielfĂ€ltiger werden, aber ich bin da pessimistisch. Es gibt Literaturagenturen, Verlage, Redaktionen und BuchlĂ€den, die immer wieder entscheiden, was ein Kanon ist. Meine Kritik am Kanon ist auch eine Herrschaftskritik, weil ich denke, dass die Wahl oft unbegrĂŒndet ist. Da geht es um Prestige, also weiß ich nicht, ob es gelingen kann, den Kanon zu erweitern, um allen gerecht zu werden oder ob man ihn einfach abschaffen muss. In ganz anderen Bereichen stellt man sich auch diese Fragen, beispielsweise, versucht man alle Geschlechter einzubeziehen oder man versucht, grundsĂ€tzlich das Konzept Geschlecht zu dekonstruieren? Entweder wird das Konzept des Kanons hinterfragt und sowas wie ein Kanon aufgelöst oder man erweitert den Kanon. FĂŒr beides muss es mehr Stimmen geben, die vielfĂ€ltige Ansichten zum Thema Literatur vertreten.