Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

‚ÄúEs gibt eine Hier¬≠ar¬≠chie der Kulturen‚ÄĚ

Wer den Kanon kennt, gilt als gebil¬≠det. Wel¬≠che Kri¬≠te¬≠ri¬≠en hat er, was sagt er √ľber die Gesell¬≠schaft? Wir spra¬≠chen mit drei Frau¬≠en, die als Ver¬≠mitt¬≠le¬≠rin¬≠nen viel mit ihm in Ber√ľh¬≠rung kommen.

B√ľsten von klassischen Denkern in einem Regal.
Foto: Sarah Shaffer

Ihr alle habt in eurer Arbeit mit kano¬≠ni¬≠schen Tex¬≠ten zu tun. Erin¬≠nert ihr euch noch dar¬≠an, wie ihr das, was man Kanon nennt, ken¬≠nen¬≠ge¬≠lernt habt?

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Dass es so etwas wie einen kon¬≠kre¬≠ten Kanon gibt, wur¬≠de mir erst im Stu¬≠di¬≠um wirk¬≠lich bewusst. Davor habe ich ein¬≠fach alles so genom¬≠men, wie es mir vor¬≠ge¬≠legt wur¬≠de, es war f√ľr mich ein¬≠fach nor¬≠mal. An der Uni d√§m¬≠mer¬≠te mir dann, dass da m√∂g¬≠li¬≠cher¬≠wei¬≠se was fehlt, dass es nicht allein an mir liegt, wenn ich mit vie¬≠lem nichts anfan¬≠gen konn¬≠te oder wenn die Inhal¬≠te wenig mit mei¬≠ner Lebens¬≠rea¬≠li¬≠t√§t zu tun hatten.

Nadire Y. Biskin

Nadire Y. Bis¬≠kin hat Phi¬≠lo¬≠so¬≠phie, Ethik und Spa¬≠nisch an der Hum¬≠boldt Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§t zu Ber¬≠lin stu¬≠diert und hat das Lehr¬≠amts¬≠re¬≠fe¬≠ren¬≠da¬≠ri¬≠at mit dem zwei¬≠ten Staats¬≠ex¬≠amen abge¬≠schlos¬≠sen. Sie schreibt jour¬≠na¬≠lis¬≠ti¬≠sche Tex¬≠te sowie Pro¬≠sa und Lyrik. Sie ist eine der Autorin¬≠nen des k√ľrz¬≠lich im Ver¬≠bre¬≠cher Ver¬≠lag erschie¬≠ne¬≠nen Ban¬≠des ‚Äč‚ÄěFLE¬≠XEN: Fl√ʬ≠neu¬≠sen* schrei¬≠ben St√§d¬≠te‚Äú. [Foto: Kse¬≠nia Lapina]

Nadire Y. Bis¬≠kin: Bei mir fing das auch viel sp√§¬≠ter an. Es gab immer Sachen, die alle emp¬≠foh¬≠len haben und ich dach¬≠te, war¬≠um ber√ľhrt mich das nicht? Ich habe mir so gew√ľnscht, dass die¬≠ser Kanon mich anspricht, weil es bedeu¬≠tet, einer Norm zu ent¬≠spre¬≠chen. Das Pro¬≠ble¬≠ma¬≠ti¬≠sche am Kanon ist, dass er nicht trans¬≠pa¬≠rent ist. Man kennt die Kri¬≠te¬≠ri¬≠en nicht und dar¬≠um ist es schwer, gezielt einen Ein¬≠wand zu haben. Wenn man in pre¬≠k√§¬≠ren Umst√§n¬≠den ist, muss man sich au√üer¬≠dem √ľber die zeit¬≠li¬≠chen Res¬≠sour¬≠cen Gedan¬≠ken machen. Ich war nicht pri¬≠vi¬≠le¬≠giert genug, um mich vom Kanon distan¬≠zie¬≠ren zu k√∂n¬≠nen. Es gibt Leu¬≠te, die das k√∂n¬≠nen, weil davon aus¬≠ge¬≠gan¬≠gen wird, dass sie eben aus dem Kreis derer kom¬≠men, die das alles sowie¬≠so wis¬≠sen. Ich kann immer noch nicht ein¬≠fach sagen, okay, ich mache jetzt etwas kom¬≠plett ande¬≠res. In einem freie¬≠ren Raum g√§be es mehr Ent¬≠fal¬≠tung und eine gr√∂¬≠√üe¬≠re Bandbreite.

Berit Glanz: Ich fin¬≠de das mit der Zeit¬≠√∂ko¬≠no¬≠mie sehr inter¬≠es¬≠sant. Man muss tat¬≠s√§ch¬≠lich ent¬≠schei¬≠den, was man in der weni¬≠gen Zeit macht, die man hat. Da kommt der Kanon ins Spiel. Wel¬≠che B√ľcher will ich lesen? Was ist mir wirk¬≠lich wich¬≠tig? Es war auch bei mir ein lan¬≠ger Weg von dem Schritt, dass mir bewusst wur¬≠de, was ein Kanon ist, dahin zu mer¬≠ken, dass ich ihn als aus¬≠schlie¬≠√üend emp¬≠fin¬≠de. Ich hat¬≠te nicht sofort das Selbst¬≠be¬≠wusst¬≠sein zu for¬≠dern, dass sich dar¬≠an etwas √§ndert und zum Bei¬≠spiel ande¬≠re Tex¬≠te in Semi¬≠nar¬≠pl√§¬≠ne auf¬≠ge¬≠nom¬≠men wer¬≠den. Ich mer¬≠ke das heu¬≠te auch in mei¬≠nen Semi¬≠na¬≠ren. Am Anfang fra¬≠ge ich immer, ob die Leu¬≠te etwas ande¬≠res lesen m√∂ch¬≠ten. Man soll¬≠te die¬≠se T√ľr √∂ff¬≠nen, ich habe mich ja selbst auch nicht getraut, sie damals von allei¬≠ne zu √∂ff¬≠nen. Aber da kommt sel¬≠ten etwas.

Wie w√ľr¬≠det ihr Kanon √ľber¬≠haupt definieren?

Mahret Ifeoma Krupka

Dr. Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka schreibt, spricht, lehrt und macht Aus¬≠stel¬≠lun¬≠gen zu den The¬≠men Mode, K√∂r¬≠per und Per¬≠for¬≠ma¬≠ti¬≠ves. Sie stu¬≠dier¬≠te Volks¬≠wirt¬≠schafts¬≠leh¬≠re in Hei¬≠del¬≠berg, sowie Kunstwissenschaft/‚ÄčMedientheorie, Phi¬≠lo¬≠so¬≠phie und Aus¬≠stel¬≠lungs¬≠de¬≠sign an der Hoch¬≠schu¬≠le f√ľr Gestal¬≠tung in Karls¬≠ru¬≠he. Seit 2013 ist sie Kura¬≠to¬≠rin am Muse¬≠um Ange¬≠wand¬≠te Kunst in Frank¬≠furt am Main. 

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Da f√§llt mir sofort die Lis¬≠te ein, die in mei¬≠nem Ger¬≠ma¬≠nis¬≠tik¬≠in¬≠sti¬≠tut hing, die 100 B√ľcher, die alle Germanist*innen ken¬≠nen m√ľs¬≠sen. Ein paar der B√ľcher hat¬≠te ich bereits in der Schu¬≠le gele¬≠sen, trotz¬≠dem hat mich das unter Druck gesetzt. Ich dach¬≠te, ich muss jetzt die¬≠ses gan¬≠ze Zeug lesen, von dem inter¬≠es¬≠siert mich aber vie¬≠les gar nicht. Das sind Din¬≠ge, die sich kul¬≠tu¬≠rell durch¬≠ge¬≠setzt haben und ande¬≠re Din¬≠ge wer¬≠den dann aus irgend¬≠wel¬≠chen Gr√ľn¬≠den ver¬≠ges¬≠sen. Eine Art Top¬≠lis¬≠te der jewei¬≠li¬≠gen Dis¬≠zi¬≠plin, die nicht immer ganz bewusst und reflek¬≠tiert √ľber¬≠nom¬≠men wird, weil sie schon immer da war. Es wird ja sel¬≠ten etwas gestri¬≠chen oder ersetzt. Es gibt nir¬≠gends ein Komi¬≠tee, das den Kanon ver¬≠bind¬≠lich zusam¬≠men¬≠stellt, aber es wird immer Wer¬≠ke geben, die auf jeder Lis¬≠te zu fin¬≠den sind.

Berit Glanz: Kano¬≠ni¬≠sie¬≠rung ist ein Pro¬≠zess, in dem eine Kul¬≠tur aus¬≠han¬≠delt, was ihr wich¬≠tig ist. Wel¬≠che Tex¬≠te und Quel¬≠len sagen uns etwas und wel¬≠che sagen uns nichts mehr? Fr√ľ¬≠her war der Kanon fes¬≠ter defi¬≠niert, heu¬≠te muss man st√§r¬≠ker suchen.

Nadire Y. Bis¬≠kin: Aber gleich¬≠zei¬≠tig wei√ü man das schon. Kanon ist immer das, wo das Gegen¬≠√ľber ent¬≠r√ľs¬≠tet reagiert, wenn man etwas nicht gele¬≠sen hat.

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Oh ja, das ken¬≠ne ich. Da h√∂rt man dann ‚Äč‚Äědu hast doch Ger¬≠ma¬≠nis¬≠tik stu¬≠diert, wie kannst du das nicht kennen?‚Äú

‚ÄúKanon ist auch eine Form der Hierarchisierung‚ÄĚ

Bis¬≠her klingt es so, als sei Kanon etwas Freud¬≠lo¬≠ses, etwas, das mit Zwang und dem Gef√ľhl von Aus¬≠schluss ver¬≠bun¬≠den ist.

Berit Glanz

Berit Glanz ist Autorin und Lite¬≠ra¬≠tur¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠le¬≠rin. Als Skan¬≠di¬≠na¬≠vis¬≠tin arbei¬≠tet sie am Insti¬≠tut f√ľr Fen¬≠nis¬≠tik und Skan¬≠di¬≠na¬≠vis¬≠tik der Uni¬≠ver¬≠si¬≠t√§t Greifs¬≠wald und forscht dort zu Moder¬≠ni¬≠sie¬≠rungs¬≠er¬≠z√§h¬≠lun¬≠gen der skan¬≠di¬≠na¬≠vi¬≠schen Roman¬≠tik und zum Medi¬≠en¬≠wan¬≠del. Im Som¬≠mer 2019 erschien ihr Deb√ľt¬≠ro¬≠man ‚Äč‚ÄěPixel¬≠t√§n¬≠zer‚Äú bei Sch√∂ff¬≠ling & Co.

Berit Glanz: Die ers¬≠te Erfah¬≠rung ist, dass man etwas abar¬≠bei¬≠ten muss und das emp¬≠fin¬≠det man erst ein¬≠mal als anstren¬≠gend. Wenn ich auf das bli¬≠cke, was ich als kano¬≠ni¬≠sches Wis¬≠sen wer¬≠ten w√ľr¬≠de, dann wei√ü ich vor allem da viel, wo ich mich ent¬≠we¬≠der selbst f√ľr etwas begeis¬≠tern konn¬≠te oder jeman¬≠den getrof¬≠fen habe, der sich sehr begeis¬≠tert hat. Ich habe teil¬≠wei¬≠se L√ľcken in mei¬≠nem Wis¬≠sen und das sind fast immer die The¬≠men, f√ľr die sich nie¬≠mand in mei¬≠nem Umfeld inter¬≠es¬≠siert hat und f√ľr die ich mich auch nicht begeis¬≠tern konn¬≠te. Wenn jemand einem gegen¬≠√ľber¬≠sitzt, der dar¬≠an Spa√ü hat, kann Kanon auch Spa√ü machen. Das ist also auch eine Fra¬≠ge der Bezie¬≠hung zwi¬≠schen Leh¬≠ren¬≠den und Lernenden.

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Die Idee eines Kanons ist toll, wenn ich mir vor¬≠stel¬≠le, ich krie¬≠ge eine Lis¬≠te und lese dann hun¬≠dert B√ľcher, die alle etwas mit mir zu tun haben und mir die Welt erkl√§¬≠ren. Schwie¬≠rig wird es, wenn es nicht so ist und ich mich als Lesen¬≠de per¬≠ma¬≠nent fra¬≠gen muss, ob ich √ľber¬≠haupt Teil die¬≠ser Kul¬≠tur bin, wenn ich nir¬≠gend¬≠wo gemeint bin oder abge¬≠bil¬≠det wer¬≠de. Wenn man Kanon betrach¬≠tet als Zusam¬≠men¬≠stel¬≠lung von Tex¬≠ten und Wer¬≠ken, die bei¬≠spiel¬≠haft f√ľr eine Kul¬≠tur sind, die man drauf¬≠ha¬≠ben soll¬≠te, dann ver¬≠√§n¬≠dert sich bes¬≠ten¬≠falls auch der Kanon, wenn sich die Kul¬≠tur ver√§ndert.

Berit Glanz: Die Idee, es an Men¬≠schen zu bin¬≠den, fin¬≠de ich sch√∂n. Also, dass man nicht pas¬≠siv etwas abar¬≠bei¬≠tet, son¬≠dern dass man √ľber das Gespr√§ch her¬≠aus¬≠fin¬≠det, war¬≠um man etwas liest. Ich lese jetzt Din¬≠ge, da erken¬≠ne ich Wel¬≠ten und Zusam¬≠men¬≠h√§n¬≠ge, die ich gern vor¬≠her gekannt h√§t¬≠te. Aus die¬≠sem Grund ist Kanon f√ľr mich im Moment mit einer lei¬≠sen Trau¬≠er ver¬≠bun¬≠den, dass ich man¬≠ches nicht gese¬≠hen und gele¬≠sen habe, dass ich Welt¬≠sich¬≠ten nicht ken¬≠nen¬≠ge¬≠lernt habe. Aber es gibt auch fes¬≠te Tex¬≠te, das sind Bil¬≠dungs¬≠zie¬≠le, und die muss man eben ler¬≠nen. Das stel¬≠le ich mir aber in der Ver¬≠mitt¬≠lung als Leh¬≠re¬≠rin beson¬≠ders schwer vor.

Nadire Y. Bis¬≠kin: Mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le ist man davon abge¬≠kom¬≠men, zu sagen, wen man gele¬≠sen haben soll¬≠te und sagt nun, dass es bestimm¬≠te Inhal¬≠te gibt, die man ver¬≠mit¬≠teln muss. Im Fremd¬≠spra¬≠chen¬≠un¬≠ter¬≠richt rich¬≠tet man sich bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se h√§u¬≠fig nach den Schul¬≠b√ľ¬≠chern, weil die sehr gut auf¬≠ge¬≠baut sind und man auch nicht end¬≠los Zeit hat, alles anders zu machen. Aber dann wird in sol¬≠chen B√ľchern zum Bei¬≠spiel das Fami¬≠li¬≠en¬≠bild Patch¬≠work ver¬≠mit¬≠telt und ich den¬≠ke, nun gut, das ist f√ľr euch alter¬≠na¬≠tiv und divers, f√ľr mich ist das wei¬≠√üe Mit¬≠tel¬≠schicht. Aber was soll ich dar¬≠an √§ndern, wenn es noch so vie¬≠le ande¬≠re Sachen gibt, die man ber√ľck¬≠sich¬≠ti¬≠gen muss?

Funk­tio­niert Kanon also vor allem, wenn er Mög­lich­kei­ten der Iden­ti­fi­ka­ti­on bietet?

Nadire Y. Bis¬≠kin: Ich habe Anti¬≠go¬≠ne geliebt, ich glau¬≠be, das hat etwas mit Iden¬≠ti¬≠fi¬≠ka¬≠ti¬≠on zu tun. Die war da mit ihrer Fami¬≠lie und hat dann rebel¬≠liert. Im Gegen¬≠satz zu Emi¬≠lia Galot¬≠ti, die durch¬≠ge¬≠hend ehren¬≠haft und tugend¬≠haft war. Des¬≠halb gibt es die¬≠sen Kanon der Ande¬≠ren, an dem sie fest¬≠hal¬≠ten, weil sie sich mit ihm iden¬≠ti¬≠fi¬≠zie¬≠ren. Kanon ist auch eine Form der Hier¬≠ar¬≠chi¬≠sie¬≠rung. Wenn er nicht begr√ľn¬≠det ist oder an will¬≠k√ľr¬≠li¬≠chen Merk¬≠ma¬≠len h√§ngt, ist es unfair. Es ist wich¬≠tig zu schau¬≠en, wer, wie und wor¬≠√ľber. Die Struk¬≠tu¬≠ren dahin¬≠ter sind nicht expli¬≠zit aber wichtig.

Asal Dardan

Asal Dar­dan ist Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin und Teil des Netz­werks Table­talk Euro­pe. Als Autorin beschäf­tigt sie sich unter ande­rem mit Plu­ra­lis­mus, Migra­ti­on und der deut­schen Erin­ne­rungs­kul­tur. Der­zeit arbei­tet sie an ihrem ers­ten Essay­band. [Foto: Sarah Berger]

‚ÄúEs ist eben nicht immer Emi¬≠lia Galot¬≠ti, son¬≠dern manch¬≠mal auch die Net¬≠flix-Serie‚ÄĚ

Mir scheint, dass neben der Gr√ľn¬≠dung neu¬≠er Stu¬≠di¬≠en¬≠g√§n¬≠ge und Fach¬≠rich¬≠tun¬≠gen vor allem das Inter¬≠net Wege bie¬≠tet, Wis¬≠sen neu zu struk¬≠tu¬≠rie¬≠ren und neue Per¬≠spek¬≠ti¬≠ven ein¬≠zu¬≠brin¬≠gen. Es gibt diver¬≠se Hash¬≠tags wie #Die¬≠Ka¬≠non, #Dich¬≠ter¬≠dran, #tddl¬≠ka¬≠non und #frau¬≠en¬≠le¬≠sen, die das ver¬≠su¬≠chen. Ihr habt an eini¬≠gen davon mit¬≠ge¬≠wirkt, was sind eure Erfah¬≠run¬≠gen damit?

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Bei #Die¬≠Ka¬≠non haben wir erst ein¬≠mal ganz klas¬≠sisch gesam¬≠melt, wel¬≠che Autorin¬≠nen uns spon¬≠tan als essen¬≠ti¬≠ell ein¬≠fal¬≠len. Dann haben wir begon¬≠nen zu dis¬≠ku¬≠tie¬≠ren, haben ver¬≠sucht, Kate¬≠go¬≠ri¬≠en zu schaf¬≠fen und sind schnell auf die ers¬≠ten Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten gesto¬≠√üen. Wel¬≠che neu¬≠en Aus¬≠schl√ľs¬≠se wer¬≠den durch eine Fokus¬≠sie¬≠rung auf Frau¬≠en geschaf¬≠fen? Wo lie¬≠gen unse¬≠re blin¬≠den Fle¬≠cken? Es soll¬≠te ja nicht dar¬≠um gehen, einen Kanon unter gedreh¬≠ten Vor¬≠zei¬≠chen zu repro¬≠du¬≠zie¬≠ren. Wir stan¬≠den auch unter Zeit¬≠druck. #Die¬≠Ka¬≠non war als unmit¬≠tel¬≠ba¬≠re Reak¬≠ti¬≠on auf den sehr homo¬≠ge¬≠nen Bil¬≠dungs¬≠ka¬≠non in Die Zeit ent¬≠stan¬≠den und wir hat¬≠ten die M√∂g¬≠lich¬≠keit gro√ü etwas bei Spie¬≠gel Online zu ver¬≠√∂f¬≠fent¬≠li¬≠chen. Wir haben #Die¬≠Ka¬≠non trotz der Unklar¬≠hei¬≠ten publi¬≠ziert, weil uns in einem ers¬≠ten Schritt wich¬≠tig war, dass der Zeit-Kanon nicht ein¬≠fach unkom¬≠men¬≠tiert durch¬≠rutscht. Als stand¬≠fes¬≠ter Gegen¬≠ka¬≠non funk¬≠tio¬≠nier¬≠te #Die¬≠Ka¬≠non nicht, aber eine Dis¬≠kus¬≠si¬≠ons¬≠grund¬≠la¬≠ge war geschaf¬≠fen. F√ľr mich war es ein inter¬≠es¬≠san¬≠tes Expe¬≠ri¬≠ment, allein um her¬≠aus¬≠zu¬≠fin¬≠den, wie man einen Kanon defi¬≠nie¬≠ren und begr√ľn¬≠den kann, wenn er nicht gesetzt ist son¬≠dern aus¬≠ge¬≠w√§hlt wer¬≠den soll.

Berit Glanz: Beim Bach¬≠mann¬≠preis und #tddl¬≠ka¬≠non war es sehr lus¬≠tig, dass vie¬≠le mit¬≠ge¬≠macht und gesam¬≠melt haben. Wenn die Jury Refe¬≠ren¬≠zen nennt, ist das eine Pra¬≠xis der Kano¬≠ni¬≠sie¬≠rung. Span¬≠nend war, wie viel Film und Fern¬≠se¬≠hen in einem Wett¬≠be¬≠werb zu einem Lite¬≠ra¬≠tur¬≠preis her¬≠an¬≠ge¬≠zo¬≠gen wur¬≠de. Das Leit¬≠me¬≠di¬≠um ver¬≠schiebt sich, die¬≠ser Medi¬≠en¬≠wan¬≠del ist inter¬≠es¬≠sant zu beob¬≠ach¬≠ten. Ich fin¬≠de das gar nicht schlimm. Es sagt aber etwas √ľber unse¬≠re Refe¬≠ren¬≠zen aus. Es ist eben nicht immer Emi¬≠lia Galot¬≠ti, son¬≠dern manch¬≠mal auch die Net¬≠flix-Serie.

Hat das tat­säch­lich etwas mit Bil­dung zu tun, so eine Serie zu kennen?

Berit Glanz: Ja, ich glau­be, dass es gera­de im aka­de­mi­schen Kon­text Refe­ren­zen sind, bei denen man Bescheid wis­sen muss. Das ist das Fie­se, es wird immer kom­ple­xer und dif­fe­ren­ziert sich immer wei­ter aus. Man ver­liert da schnell den Überblick.

Ihr habt alle Ein­blick in mehr als einen Kul­tur­raum. Inwie­fern hat das beein­flusst, wie ihr auf das Kon­zept Kanon schaut?

Berit Glanz: In Island gibt es wich¬≠ti¬≠ge kano¬≠ni¬≠sche Tex¬≠te, an denen man nicht vor¬≠bei¬≠kommt. Aber dort gilt man auch als gebil¬≠det und kann bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se an Abend¬≠ge¬≠spr√§¬≠chen teil¬≠neh¬≠men ohne sich zu bla¬≠mie¬≠ren, wenn man gewis¬≠se Tex¬≠te nicht gele¬≠sen hat. In Deutsch¬≠land kommt man eben oft ins Schwim¬≠men und muss ver¬≠ber¬≠gen, dass man etwas nicht kennt.

Nadire Y. Bis¬≠kin: Ich lese spa¬≠nisch¬≠spra¬≠chi¬≠ge und mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le auch t√ľr¬≠ki¬≠sche Lite¬≠ra¬≠tur, aber ich kann gar nicht sagen, wie der Kanon in die¬≠sen Kul¬≠tu¬≠ren gehand¬≠habt wird. Es ist aber so, dass ich vor allem den Kanon lese. Ein t√ľr¬≠ki¬≠scher Hin¬≠ter¬≠grund ist ja nicht cool, nicht hip. Bis auf sch√∂¬≠ne Haa¬≠re und sch√∂¬≠nes Essen gibt es kaum etwas aus der t√ľr¬≠ki¬≠schen Kul¬≠tur, das in Deutsch¬≠land gesch√§tzt wird. Viel¬≠leicht woll¬≠te ich dar¬≠um auch lan¬≠ge Zeit nicht so viel damit zu tun haben. Des¬≠halb ist es ein wei¬≠te¬≠rer Schritt hin zur Akzep¬≠tanz, dass ich nun auch t√ľr¬≠kisch¬≠spra¬≠chi¬≠ge Lite¬≠ra¬≠tur lese. Dar¬≠√ľber hin¬≠aus ist es selt¬≠sam, dass im deut¬≠schen Kanon wenig bis gar nichts statt¬≠fin¬≠det, das die vie¬≠len t√ľr¬≠kisch- oder pol¬≠nisch¬≠st√§m¬≠mi¬≠gen Men¬≠schen, die bereits seit Jahr¬≠zehn¬≠ten in Deutsch¬≠land leben, repr√§sentiert.

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Da sieht man, wie natio¬≠nal so ein Kanon ist. Es stimmt, dass man¬≠ches kul¬≠tu¬≠rell abge¬≠wer¬≠tet wird. Mei¬≠ne Mut¬≠ter ist in Nige¬≠ria auf¬≠ge¬≠wach¬≠sen und hat, wie es im kolo¬≠ni¬≠al gepr√§g¬≠ten Nige¬≠ria √ľblich war, eine klas¬≠si¬≠sche Com¬≠mon¬≠wealth-Schul¬≠aus¬≠bil¬≠dung genos¬≠sen, die ihr eine unter¬≠schied¬≠li¬≠che Wer¬≠tig¬≠keit von Wis¬≠sen ver¬≠mit¬≠tel¬≠te. Des¬≠we¬≠gen dr√ľck¬≠te sie mei¬≠nem Bru¬≠der und mir vor allem den bri¬≠ti¬≠schen Kanon auf, das war n√ľtz¬≠li¬≠cher und das hat¬≠te sie selbst so gelernt. Inzwi¬≠schen wird immer bekann¬≠ter, dass das Land eine inter¬≠es¬≠san¬≠te Lite¬≠ra¬≠tur¬≠sze¬≠ne hat und auch schon immer hat¬≠te. Man kann¬≠te viel¬≠leicht Wole Soy¬≠in¬≠ka oder Chi¬≠nua Ache¬≠be, aber damit h√∂r¬≠te es auch schon auf.

Berit Glanz: Es gibt eben eine Hier­ar­chie der Kul­tu­ren. Wir haben in der Schu­le nichts gele­sen, das nicht aus Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en oder Deutsch­land kam. Das könn­te man doch ohne Pro­ble­me ändern!

‚ÄúHybri¬≠de Wesens¬≠merk¬≠ma¬≠le kom¬≠men nicht so gut an‚ÄĚ

Kann man Kanon vom natio¬≠na¬≠len Rah¬≠men l√∂sen? Geht das √ľber¬≠haupt, ande¬≠re Iden¬≠ti¬≠fi¬≠ka¬≠ti¬≠ons¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten zu bie¬≠ten als die natio¬≠na¬≠le Kultur?

Nadire Y. Bis¬≠kin: Ich den¬≠ke, dass zumin¬≠dest Iden¬≠ti¬≠fi¬≠ka¬≠ti¬≠on im Sin¬≠ne von Him¬≠mels¬≠rich¬≠tun¬≠gen not¬≠wen¬≠dig ist. Das muss nicht unbe¬≠dingt natio¬≠nal sein, es gibt ja √ľber¬≠setz¬≠te B√ľcher, die auch Pflicht sind. Tat¬≠s√§ch¬≠lich ist es ja so, dass in ande¬≠ren L√§n¬≠dern der euro¬≠p√§i¬≠sche Kanon bekann¬≠ter ist als anders¬≠her¬≠um. Es gibt uni¬≠ver¬≠sal einen Kanon, der aus einer gewis¬≠sen Rich¬≠tung kommt. Ein Bei¬≠spiel daf√ľr ist Elif Ňěafak. Sie lebt in Lon¬≠don, ist pri¬≠vi¬≠le¬≠giert, wur¬≠de unter ande¬≠rem in Euro¬≠pa sozia¬≠li¬≠siert, der Bezug zu Euro¬≠pa und der west¬≠li¬≠chen Welt ist sehr domi¬≠nant. Es gibt nat√ľr¬≠lich ande¬≠re Tex¬≠te, eine ande¬≠re Lite¬≠ra¬≠tur, aber die kommt eben viel schwe¬≠rer hier an.

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Wir m√ľs¬≠sen mehr Lite¬≠ra¬≠tur the¬≠ma¬≠ti¬≠sie¬≠ren, die unab¬≠h√§n¬≠gig ent¬≠steht und nicht nur durch die Ade¬≠lung der deut¬≠schen √úber¬≠set¬≠zung Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit erh√§lt.

Berit Glanz: In Skan¬≠di¬≠na¬≠vi¬≠en hat bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se Arbei¬≠ter¬≠li¬≠te¬≠ra¬≠tur eine viel gr√∂¬≠√üe¬≠re Tra¬≠di¬≠ti¬≠on als in Deutsch¬≠land, aber die¬≠se Wer¬≠ke wer¬≠den kaum √ľber¬≠setzt. Das kommt also auch nicht nach Deutschland.

Ist Bil­dung ohne Kanon möglich?

Berit Glanz: Mir hat es bei mei¬≠nem Ein¬≠stieg in die schwe¬≠di¬≠sche Lite¬≠ra¬≠tur gehol¬≠fen, dass es einen gibt. Die Ver¬≠ab¬≠schie¬≠dung von einem Kanon ver¬≠un¬≠si¬≠chert auch. Wir sind alle durch ein Sys¬≠tem geschleust und geformt wor¬≠den und wir haben die¬≠se Lis¬≠ten abge¬≠ar¬≠bei¬≠tet und dazu ver¬≠hal¬≠ten wir uns. Es gibt kei¬≠nen Null¬≠punkt. Aber wenn man offen dar¬≠√ľber spricht, war¬≠um man wel¬≠che B√ľcher liest, dann kann eine √Ėff¬≠nung ent¬≠ste¬≠hen. Das Gespr√§ch ist das Ent¬≠schei¬≠den¬≠de. Ich glau¬≠be nicht, dass die Lis¬≠ten das Ent¬≠schei¬≠den¬≠de sind, son¬≠dern der Austausch.

Nadire Y. Bis¬≠kin: Aber man kann das schon anstre¬≠ben. Ich ver¬≠ste¬≠he, dass man eine Ori¬≠en¬≠tie¬≠rung haben m√∂ch¬≠te, aber St√ľck f√ľr St√ľck soll¬≠te es eine √Ėff¬≠nung geben. Ich habe das Gef√ľhl, dass gera¬≠de in Deutsch¬≠land der rote Faden und die Schub¬≠la¬≠den und Eti¬≠ket¬≠ten sehr ein¬≠deu¬≠tig funk¬≠tio¬≠nie¬≠ren m√ľs¬≠sen. Hybri¬≠de Wesens¬≠merk¬≠ma¬≠le kom¬≠men nicht so gut an.

Berit Glanz: Das, was als lite¬≠ra¬≠ri¬≠sche Norm gilt, ist eben da, und dadurch wer¬≠den und wur¬≠den ganz vie¬≠le Arten zu schrei¬≠ben und diver¬≠se Stim¬≠men aus¬≠ge¬≠schlos¬≠sen. Aber dass so viel dar¬≠√ľber dis¬≠ku¬≠tiert wird, ist auch ein Zei¬≠chen daf√ľr, dass sich etwas √§ndert. Pl√∂tz¬≠lich erscheint die Lese¬≠lis¬≠te, die wir alle noch hin¬≠ge¬≠nom¬≠men haben, als ver¬≠han¬≠del¬≠bar. Ich mer¬≠ke, dass ich im Umgang mit Stu¬≠die¬≠ren¬≠den mehr Wert dar¬≠auf lege, dass sie auch auf ande¬≠re Kul¬≠tu¬≠ren bli¬≠cken und selbst schau¬≠en, was sie fin¬≠den. Ein offe¬≠ner Blick wird wich¬≠ti¬≠ger und ich glau¬≠be, das wur¬≠de vor zehn oder f√ľnf¬≠zehn Jah¬≠ren noch anders kommuniziert.

‚ÄúVie¬≠le ver¬≠schie¬≠de¬≠ne Blick¬≠win¬≠kel auf die Realit√§t‚ÄĚ

Seht ihr die­sen posi­ti­ven Trend auch, Nadire und Mahret?

Nadire Y. Bis¬≠kin: Wenn es gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Ver¬≠√§n¬≠de¬≠run¬≠gen gibt und neue F√§cher ein¬≠ge¬≠f√ľhrt wer¬≠den oder neue Lite¬≠ra¬≠tur¬≠for¬≠men ent¬≠ste¬≠hen, da gibt es einen Wider¬≠stand, der klingt irgend¬≠wie nicht ver¬≠n√ľnf¬≠tig. Es macht doch viel mehr Sinn, die Lite¬≠ra¬≠tur an die gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Umst√§n¬≠de anzu¬≠pas¬≠sen. Ich mei¬≠ne, was f√ľr ein Ziel ver¬≠fol¬≠gen Kanon und Bil¬≠dung? M√∂ch¬≠te man mit der Zeit mit¬≠hal¬≠ten oder an Din¬≠gen fest¬≠hal¬≠ten, nur weil sie einem bes¬≠ser gefal¬≠len haben? Das bringt nat√ľr¬≠lich die¬≠se Unsi¬≠cher¬≠heit mit sich, dann wird gesagt: jetzt darf man gar nichts mehr sagen, gar nichts mehr lesen. 

Mah¬≠ret Ifeo¬≠ma Kup¬≠ka: Ja, wenn zum Bei¬≠spiel der Kin¬≠der¬≠buch¬≠ka¬≠non √ľber¬≠ar¬≠bei¬≠tet wird und dis¬≠ku¬≠tiert wird, ob noch bestimm¬≠te W√∂r¬≠ter dar¬≠in ste¬≠hen d√ľr¬≠fen oder nicht. Zugleich wun¬≠de¬≠re ich mich schon sehr, wer sich alles dazu √§u√üert. Ich fra¬≠ge mich dann, wor¬≠um es eigent¬≠lich geht: dar¬≠um Kin¬≠dern und Jugend¬≠li¬≠chen Wer¬≠te eines respekt¬≠vol¬≠len und viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠gen Mit¬≠ein¬≠an¬≠ders zu ver¬≠mit¬≠teln oder um die Angst vor dem Ver¬≠lust der eige¬≠nen als unschul¬≠dig getr√§um¬≠ten Kind¬≠heit? Und die¬≠se per¬≠s√∂n¬≠li¬≠chen Befind¬≠lich¬≠kei¬≠ten soll¬≠ten nun wirk¬≠lich nicht Teil einer Dis¬≠kus¬≠si¬≠on um einen gesell¬≠schaft¬≠lich bedeut¬≠sa¬≠men Kanon sein!

Wenn ihr an einen Kanon der Zukunft denkt, was m√ľss¬≠te er erf√ľl¬≠len? Was w√§re sei¬≠ne idea¬≠le Funktion?

Mah­ret Ifeo­ma Kup­ka: Er soll Ori­en­tie­rung geben und hel­fen, Pro­zes­se und Zusam­men­hän­ge zu ver­ste­hen, Kon­ti­nui­tä­ten begreif­lich machen und Empa­thie leh­ren. Er darf auch ger­ne Spaß machen.

Berit Glanz: Kanon soll¬≠te erm√∂g¬≠li¬≠chen, vie¬≠le ver¬≠schie¬≠de¬≠ne Blick¬≠win¬≠kel auf die Rea¬≠li¬≠t√§t zu bekom¬≠men. An Tex¬≠ten aus dem Barock muss man sich zum Bei¬≠spiel erst ein¬≠mal abar¬≠bei¬≠ten, die sind eben fremd. Die¬≠se Dif¬≠fe¬≠renz, dass man mit ande¬≠ren Per¬≠spek¬≠ti¬≠ven und Erz√§hl¬≠wei¬≠sen arbei¬≠tet, die einem fremd sind und mit denen man sich viel¬≠leicht sogar unwohl f√ľhlt, da muss auch in der Gegen¬≠warts¬≠li¬≠te¬≠ra¬≠tur viel mehr pas¬≠sie¬≠ren. Da ben√∂¬≠ti¬≠gen wir mehr Diversit√§t.

Nadire Y. Bis¬≠kin: Ja, es m√ľss¬≠te viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠ger wer¬≠den, aber ich bin da pes¬≠si¬≠mis¬≠tisch. Es gibt Lite¬≠ra¬≠tur¬≠agen¬≠tu¬≠ren, Ver¬≠la¬≠ge, Redak¬≠tio¬≠nen und Buch¬≠l√§¬≠den, die immer wie¬≠der ent¬≠schei¬≠den, was ein Kanon ist. Mei¬≠ne Kri¬≠tik am Kanon ist auch eine Herr¬≠schafts¬≠kri¬≠tik, weil ich den¬≠ke, dass die Wahl oft unbe¬≠gr√ľn¬≠det ist. Da geht es um Pres¬≠ti¬≠ge, also wei√ü ich nicht, ob es gelin¬≠gen kann, den Kanon zu erwei¬≠tern, um allen gerecht zu wer¬≠den oder ob man ihn ein¬≠fach abschaf¬≠fen muss. In ganz ande¬≠ren Berei¬≠chen stellt man sich auch die¬≠se Fra¬≠gen, bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se, ver¬≠sucht man alle Geschlech¬≠ter ein¬≠zu¬≠be¬≠zie¬≠hen oder man ver¬≠sucht, grund¬≠s√§tz¬≠lich das Kon¬≠zept Geschlecht zu dekon¬≠stru¬≠ie¬≠ren? Ent¬≠we¬≠der wird das Kon¬≠zept des Kanons hin¬≠ter¬≠fragt und sowas wie ein Kanon auf¬≠ge¬≠l√∂st oder man erwei¬≠tert den Kanon. F√ľr bei¬≠des muss es mehr Stim¬≠men geben, die viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠ge Ansich¬≠ten zum The¬≠ma Lite¬≠ra¬≠tur vertreten.