Was wäre, wenn es keine Gefängnisse mehr gäbe?

Ent­knas­tung statt Resozialisierung

Men­schen lan­den im Gefäng­nis, weil sie arm sind und blei­ben arm, weil sie im Gefäng­nis waren. Sozi­al­po­li­ti­sche Ange­bo­te an Stel­le von Haft könn­ten die­se Ver­bin­dung durchbrechen.

Innenansicht einer Gefängnisruine
Das Presidio Modelo-Gefängnis in Kuba | Foto: Friman CC BY-SA 3.0

Wer gegen das Ein¬≠sper¬≠ren von Men¬≠schen und den damit ver¬≠bun¬≠de¬≠nen Frei¬≠heits¬≠ent¬≠zug ist, steht meist im Ver¬≠dacht, zu weit zu gehen. W√§re es aber nicht zutref¬≠fen¬≠der, die Errich¬≠tung und nicht die Abschaf¬≠fung von Gef√§ng¬≠nis¬≠sen als die eigent¬≠lich extre¬≠me For¬≠de¬≠rung zu begrei¬≠fen? Meist wird jedoch die Sor¬≠ge ge√§u¬≠√üert, dass mit dem Gef√§ng¬≠nis eines der letz¬≠ten rechts¬≠staat¬≠li¬≠chen Mit¬≠tel auf¬≠ge¬≠ge¬≠ben w√§re, das im ‚Äč‚ÄěFall der F√§l¬≠le‚Äú zur Anwen¬≠dung kommt, um das gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Zusam¬≠men¬≠le¬≠ben abzu¬≠si¬≠chern. In der Linie die¬≠ses Argu¬≠ments beh√§lt das Gef√§ng¬≠nis sei¬≠nen fes¬≠ten und irgend¬≠wie schon gerecht¬≠fer¬≠tig¬≠ten Ort in der Welt, auch wenn den meis¬≠ten klar ist, dass es ein ver¬≠ges¬≠se¬≠ner und kein sch√∂¬≠ner Ort ist, ganz am Ran¬≠de der Gesellschaft. 

Seit der Ein¬≠f√ľh¬≠rung des moder¬≠nen Straf¬≠voll¬≠zugs vor mehr als 200 Jah¬≠ren, der den Bestraf¬≠ten zeit¬≠wei¬≠lig die Frei¬≠heit ent¬≠zieht, aber nicht mehr ihre K√∂r¬≠per mar¬≠tert oder fol¬≠tert, gilt das Gef√§ng¬≠nis als eine huma¬≠ne, auf das gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Gemein¬≠wohl und auf die M√∂g¬≠lich¬≠keit der Ein¬≠sicht in das eige¬≠ne Fehl¬≠ver¬≠hal¬≠ten aus¬≠ge¬≠rich¬≠te¬≠te Bes¬≠se¬≠rungs¬≠an¬≠stalt. Die Wie¬≠der¬≠ein¬≠glie¬≠de¬≠rung in die Gesell¬≠schaft, kurz: ‚Äč‚ÄěReso¬≠zia¬≠li¬≠sie¬≠rung‚Äú, gilt als das obers¬≠te Ziel des Straf¬≠voll¬≠zugs. Wenn nie¬≠mand mehr zur Ver¬≠ant¬≠wor¬≠tung gezo¬≠gen wer¬≠den k√∂nn¬≠te, wenn Geset¬≠zes¬≠br√ľ¬≠che fol¬≠gen¬≠los blie¬≠ben, w√ľr¬≠den gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Kon¬≠flik¬≠te unkon¬≠trol¬≠lier¬≠bar. Daher, so die Fol¬≠ge¬≠rung, m√ľs¬≠se Stra¬≠fe sein und sol¬≠le auch nie¬≠mand sei¬≠ner Stra¬≠fe ent¬≠kom¬≠men. Die¬≠se Rechts¬≠auf¬≠fas¬≠sung pr√§gt das rechts¬≠staat¬≠li¬≠che Selbst¬≠ver¬≠st√§nd¬≠nis moder¬≠ner Gesell¬≠schaf¬≠ten bis heute. 

Der fal­sche Glau­be an Abschreckung

All jene, die das Gef√§ng¬≠nis abzu¬≠schaf¬≠fen for¬≠dern, ste¬≠hen daher unter einem enor¬≠men Druck, gute Gr√ľn¬≠de f√ľr ihre Kri¬≠tik zu lie¬≠fern. Der poli¬≠ti¬≠sche Streit f√ľr eine Gesell¬≠schaft, in der es kei¬≠ne Gef√§ng¬≠nis¬≠se mehr g√§be, setzt zun√§chst an der Fra¬≠ge der Funk¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t der Stra¬≠f¬≠in¬≠sti¬≠tu¬≠tio¬≠nen an: was leis¬≠ten Gef√§ng¬≠nis¬≠se tat¬≠s√§ch¬≠lich? Der ver¬≠brei¬≠te¬≠te Glau¬≠be an den Erfolg von Stra¬≠fen in ihrer Funk¬≠ti¬≠on als Abschre¬≠ckung poten¬≠zi¬≠el¬≠ler T√§ter stand einer dif¬≠fe¬≠ren¬≠zier¬≠ten Kri¬≠tik des Gef√§ng¬≠nis¬≠ses und sei¬≠ner sozia¬≠len Aus¬≠wir¬≠kung zumeist im Wege. In der Stu¬≠die Sozi¬≠al¬≠struk¬≠tur und Straf¬≠voll¬≠zug von 1933 √ľber den Zusam¬≠men¬≠hang von Kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠t√§ts¬≠ra¬≠te und Straf¬≠ma√ü, zeig¬≠ten die bei¬≠den Sozi¬≠al¬≠wis¬≠sen¬≠schaft¬≠ler Otto Kirch¬≠hei¬≠mer und Georg Rusche, dass die Ver¬≠sch√§r¬≠fung von Stra¬≠fen in kei¬≠nem direk¬≠ten Ver¬≠h√§lt¬≠nis zu einem R√ľck¬≠gang der Kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠t√§t steht. Die¬≠ser Zusam¬≠men¬≠hang wird auch von aktu¬≠el¬≠len Stu¬≠di¬≠en (so etwa in David Gar¬≠lands Kul¬≠tur der Kon¬≠trol¬≠le. Ver¬≠bre¬≠chens¬≠be¬≠k√§mp¬≠fung und sozia¬≠le Ord¬≠nung in der Gegen¬≠wart von 2001) gest√ľtzt. 

In der Tra¬≠di¬≠ti¬≠on der kri¬≠ti¬≠schen Sozi¬≠al¬≠for¬≠schung wur¬≠den √ľber die Kri¬≠tik der Funk¬≠ti¬≠on des Straf¬≠rechts hin¬≠aus die sozia¬≠le Zusam¬≠men¬≠set¬≠zung der Gef√§ng¬≠nis¬≠po¬≠pu¬≠la¬≠ti¬≠on beschrie¬≠ben und die Selek¬≠ti¬≠vi¬≠t√§t des Straf¬≠voll¬≠zugs im Sin¬≠ne eines ‚Äč‚Äěpunis¬≠hing the poor‚Äú (‚ÄěBestra¬≠fung von Armut‚Äú) betont. Dabei steht die Dys¬≠funk¬≠tio¬≠na¬≠li¬≠t√§t des Gef√§ng¬≠nis¬≠ses, das hei√üt sein Schei¬≠tern am Anspruch der Reso¬≠zia¬≠li¬≠sie¬≠rung, in Ver¬≠bin¬≠dung mit den in der Gesell¬≠schaft wirk¬≠sa¬≠men For¬≠men sozia¬≠ler Ungleich¬≠heit. Unse¬≠re Kri¬≠tik betrifft das Gef√§ng¬≠nis inso¬≠fern glei¬≠cher¬≠ma¬≠√üen in sozi¬≠al¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠scher wie straf¬≠rechts¬≠kri¬≠ti¬≠scher Hin¬≠sicht. Sie begreift die Arten und R√§u¬≠me der Ein¬≠sper¬≠rung ‚Äď von Fu√ü¬≠fes¬≠sel und frei¬≠em Voll¬≠zug bis zur Sicher¬≠heits¬≠ver¬≠wah¬≠rung und Iso¬≠la¬≠ti¬≠ons¬≠haft im Hoch¬≠si¬≠cher¬≠heits¬≠ge¬≠f√§ng¬≠nis ‚Äď in ihrer Ver¬≠schie¬≠den¬≠heit und betont Zusam¬≠men¬≠h√§n¬≠ge zwi¬≠schen Delikt¬≠for¬≠men und dem sozia¬≠len Hin¬≠ter¬≠grund der inhaf¬≠tier¬≠ten Per¬≠so¬≠nen. Dabei sind alle mit der Haft ver¬≠bun¬≠de¬≠nen und √ľber sie hin¬≠aus¬≠rei¬≠chen¬≠den insti¬≠tu¬≠tio¬≠nel¬≠len Pro¬≠zes¬≠se als Teil des Straf¬≠pro¬≠zes¬≠ses zu ver¬≠ste¬≠hen. Auch die Zeit nach der Haft geht mit einer umfas¬≠sen¬≠den und tief¬≠grei¬≠fen¬≠den Sub¬≠jek¬≠ti¬≠vie¬≠rung und Stig¬≠ma¬≠ti¬≠sie¬≠rung ein¬≠her, die genau¬≠so wie die Stra¬≠fe selbst Teil des Gef√§ng¬≠nis¬≠ses sind. Erst so ergibt sich ein dif¬≠fe¬≠ren¬≠zier¬≠tes Bild des Ortes namens Gef√§ng¬≠nis, der abge¬≠schafft wer¬≠den soll. 

Unse¬≠re Kri¬≠tik des Gef√§ng¬≠nis¬≠ses zielt also, auch wenn sie klein¬≠tei¬≠lig und schritt¬≠wei¬≠se vor¬≠geht, stets aufs Gan¬≠ze. Sie for¬≠dert den R√ľck¬≠bau von Gef√§ng¬≠nis¬≠sen, der in Anleh¬≠nung an die US-ame¬≠ri¬≠ka¬≠ni¬≠sche Gef√§ng¬≠nis¬≠kri¬≠tik, die decar¬≠ce¬≠ra¬≠ti¬≠on oder, zu deutsch, die Ent¬≠knas¬≠tung der Gesell¬≠schaft ins¬≠ge¬≠samt meint. Sie zielt nicht nur auf die Gewalt der Gef√§ng¬≠nis¬≠se, die Unver¬≠h√§lt¬≠nis¬≠m√§¬≠√üig¬≠keit die¬≠ser Straf¬≠pra¬≠xis, son¬≠dern stets auch auf den mit ihr ver¬≠bun¬≠de¬≠nen gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Scha¬≠den und die Suche nach alter¬≠na¬≠ti¬≠ven Mit¬≠teln zur Bew√§l¬≠ti¬≠gung von gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Kon¬≠flik¬≠ten. Sie setzt sowohl bei der nega¬≠ti¬≠ven sozia¬≠len Aus¬≠wir¬≠kung der Straf¬≠pra¬≠xis als auch der ver¬≠fehl¬≠ten Ein¬≠l√∂¬≠sung ihres Anspruchs ein.

K N A S [ ]‚ÄČ‚ÄĒ‚ÄČInitia¬≠ti¬≠ve f√ľr den R√ľck¬≠bau von Gef√§ng¬≠nis¬≠sen setzt sich an der Schnitt¬≠stel¬≠le von Theo¬≠rie, Kunst und poli¬≠ti¬≠schem Akti¬≠vis¬≠mus mit der Ana¬≠ly¬≠se und Kri¬≠tik des Gef√§ng¬≠nis¬≠sys¬≠tems in der gegen¬≠w√§r¬≠ti¬≠gen Gesell¬≠schaft aus¬≠ein¬≠an¬≠der. Sie pl√§¬≠diert f√ľr einen ande¬≠ren Umgang mit kri¬≠mi¬≠nel¬≠ler Devi¬≠anz.
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Kein Spie­gel der Gesellschaft

Nir¬≠gend¬≠wo wird dies so deut¬≠lich wie beim Zusam¬≠men¬≠hang von Sozi¬≠al¬≠struk¬≠tur und Stra¬≠fe, genau¬≠er: von Gef√§ng¬≠nis und Armut. Denn aus den Gef√§ng¬≠nis¬≠sen kom¬≠men zum aller¬≠gr√∂√ü¬≠ten Teil kei¬≠ne reso¬≠zia¬≠li¬≠sier¬≠ten, gel√§u¬≠ter¬≠ten und nun geset¬≠zes¬≠kon¬≠for¬≠me Men¬≠schen her¬≠vor, son¬≠dern sozi¬≠al noch wei¬≠ter depra¬≠vier¬≠te und an den gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Rand gedr√§ng¬≠te Sub¬≠jek¬≠te, die noch lan¬≠ge √ľber die Haft hin¬≠aus mit den psy¬≠chi¬≠schen, sozia¬≠len und gesund¬≠heit¬≠li¬≠chen Fol¬≠gen der Ein¬≠sper¬≠rung zu k√§mp¬≠fen haben. Mit Blick auf den sozia¬≠len Hin¬≠ter¬≠grund der Inhaf¬≠tier¬≠ten wird klar, dass in einer Gesell¬≠schaft ohne Gef√§ng¬≠nis¬≠se die Ver¬≠kn√ľp¬≠fung von Armut, sozia¬≠ler Ungleich¬≠heit und Frei¬≠heits¬≠ent¬≠zug gebro¬≠chen w√§re, der die gegen¬≠w√§r¬≠ti¬≠ge gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Straf¬≠pra¬≠xis zu gro¬≠√üen Tei¬≠len bestimmt. 

Armut ist zwar kein Ver¬≠bre¬≠chen und das Straf¬≠recht ver¬≠b√ľrgt die ‚Äč‚ÄěGleich¬≠heit vor dem Gesetz‚Äú ‚Äď es soll die Straf¬≠tat bewer¬≠ten, nicht den Stand der Per¬≠son. Ein Blick in deut¬≠sche Jus¬≠tiz¬≠voll¬≠zugs¬≠an¬≠stal¬≠ten zeigt gleich¬≠wohl schnell, dass Men¬≠schen aus ein¬≠kom¬≠mens¬≠ar¬≠men Schich¬≠ten einen Gro√ü¬≠teil der Gefan¬≠ge¬≠nen aus¬≠ma¬≠chen. Die Gef√§ng¬≠nis¬≠po¬≠pu¬≠la¬≠ti¬≠on ist kein ‚Äč‚ÄěSpie¬≠gel der Gesell¬≠schaft‚Äú, sie rekru¬≠tiert sich viel¬≠mehr aus Men¬≠schen mit nied¬≠ri¬≠gen Bil¬≠dungs¬≠ab¬≠schl√ľs¬≠sen und nied¬≠ri¬≠gem Ein¬≠kom¬≠men, Arbeits¬≠lo¬≠sen und Migrant*innen. Bei den Delik¬≠ten, die die¬≠se Men¬≠schen im Gef√§ng¬≠nis absit¬≠zen, geht es in den meis¬≠ten F√§l¬≠len nicht um Mord und Tot¬≠schlag, auch wenn Gewalt¬≠ver¬≠bre¬≠chen den straf¬≠recht¬≠li¬≠chen Dis¬≠kurs und die Vor¬≠stel¬≠lun¬≠gen vom Gef√§ng¬≠nis in der √Ėffent¬≠lich¬≠keit domi¬≠nie¬≠ren. Die gr√∂√ü¬≠te Grup¬≠pe der Gefan¬≠ge¬≠nen, die der¬≠zeit in deut¬≠schen JVAs ein¬≠ge¬≠sperrt sind, um eine regu¬≠l√§¬≠re Frei¬≠heits¬≠stra¬≠fe zu ver¬≠b√ľ¬≠√üen, sitzt kur¬≠ze Haft¬≠zei¬≠ten von bis zu neun Mona¬≠ten ab. Frei¬≠heits¬≠stra¬≠fen mit einer Dau¬≠er von neun Mona¬≠ten bis zu zwei Jah¬≠ren machen die zweit¬≠gr√∂√ü¬≠te Grup¬≠pe aus. 

‚ÄěArmuts¬≠de¬≠lik¬≠te‚Äú wie Dieb¬≠stahl oder Ver¬≠st√∂¬≠√üe gegen das Bet√§u¬≠bungs¬≠mit¬≠tel¬≠ge¬≠setz sind die Straf¬≠ta¬≠ten, um die es dabei h√§u¬≠fig geht. In den letz¬≠ten Jah¬≠ren wer¬≠den neben den regu¬≠l√§¬≠ren Haft¬≠stra¬≠fen zudem immer mehr soge¬≠nann¬≠te Ersatz¬≠frei¬≠heits¬≠stra¬≠fen im Gef√§ng¬≠nis abge¬≠gol¬≠ten. Die Haft kommt hier als ‚Äč‚ÄěErsatz‚Äú f√ľr Geld¬≠stra¬≠fen zum Ein¬≠satz, die nicht bezahlt wer¬≠den k√∂n¬≠nen. Auch die¬≠se mitt¬≠ler¬≠wei¬≠le g√§n¬≠gi¬≠ge Straf¬≠pra¬≠xis betrifft vor allem Men¬≠schen mit nied¬≠ri¬≠gem Ein¬≠kom¬≠men, nied¬≠ri¬≠ger Ren¬≠te und Arbeits¬≠lo¬≠se. Die Ver¬≠ge¬≠hen, die mit einer Ersatz¬≠haft geahn¬≠det wer¬≠den, sind in den meis¬≠ten F√§l¬≠len das Nut¬≠zen des √ĖPNV ohne Fahr¬≠schein oder klei¬≠ne¬≠re Eigen¬≠tums¬≠de¬≠lik¬≠te wie Laden¬≠dieb¬≠stahl. Laut Sta¬≠tis¬≠ti¬≠schem Bun¬≠des¬≠amt sind √ľber 70 Pro¬≠zent der der¬≠zeit Inhaf¬≠tier¬≠ten bereits vor¬≠be¬≠straft (davon die gr√∂√ü¬≠te Grup¬≠pe bereits f√ľnf bis zehn¬≠mal). Ein gro¬≠√üer Teil der Gefan¬≠ge¬≠nen, die der¬≠zeit in Haft sind, sitzt nicht zum ers¬≠ten Mal ein und wird auch in der Zukunft erneut ein¬≠ge¬≠sperrt werden. 

Anders gesagt: Das Gef√§ng¬≠nis ist ein Armen¬≠haus. Es kon¬≠zen¬≠triert sozia¬≠le Milieus und pr√§gt die gesell¬≠schaft¬≠li¬≠che Erfah¬≠rung von Armut. Auf¬≠grund sei¬≠ner viel¬≠f√§l¬≠ti¬≠gen deso¬≠zia¬≠li¬≠sie¬≠ren¬≠den Wir¬≠kun¬≠gen ist es dar¬≠√ľber hin¬≠aus aber auch ein m√§ch¬≠ti¬≠ger Kata¬≠ly¬≠sa¬≠tor f√ľr die (Re-)Produktion sozia¬≠ler Ungleich¬≠heit. Es macht die Gefan¬≠ge¬≠nen zur Ziel¬≠schei¬≠be eines dop¬≠pel¬≠ten gesell¬≠schaft¬≠li¬≠chen Struk¬≠tur¬≠ef¬≠fek¬≠tes: der Ver¬≠wei¬≠ge¬≠rung umfas¬≠sen¬≠der sozia¬≠ler Teil¬≠ha¬≠be¬≠m√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten und dem expan¬≠si¬≠ven Auf¬≠bl√§¬≠hen der Stra¬≠f¬≠ein¬≠rich¬≠tun¬≠gen. Mit die¬≠sem Zusam¬≠men¬≠hang erkennt man das Gef√§ng¬≠nis als einen Ort sozia¬≠ler Segre¬≠ga¬≠ti¬≠on und Dif¬≠fe¬≠ren¬≠zie¬≠rung, der nicht L√∂sung, Ant¬≠wort oder Reak¬≠ti¬≠on auf Kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠t√§t, son¬≠dern viel¬≠mehr den viel¬≠leicht zen¬≠tra¬≠len Mecha¬≠nis¬≠mus ihrer Repro¬≠duk¬≠ti¬≠on darstellt. 

Gesell­schaft entknasten

Die¬≠sen Zusam¬≠men¬≠hang auf¬≠zu¬≠bre¬≠chen w√ľr¬≠de aber nicht nur erfor¬≠dern, das Gef√§ng¬≠nis als Ort der Ein¬≠sper¬≠rung abzu¬≠schaf¬≠fen. Viel¬≠mehr muss die Ent¬≠kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠sie¬≠rung der Armut mit der Ein¬≠rich¬≠tung neu¬≠er Insti¬≠tu¬≠tio¬≠nen der sozia¬≠len, poli¬≠ti¬≠schen und kul¬≠tu¬≠rel¬≠len Teil¬≠ha¬≠be ein¬≠her¬≠ge¬≠hen. Die Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve der Ent¬≠knas¬≠tung impli¬≠ziert hier bei¬≠spiels¬≠wei¬≠se nicht nur die Ent¬≠kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠sie¬≠rung des Fah¬≠rens ohne Fahr¬≠schein, son¬≠dern auch die Bereit¬≠stel¬≠lung eines Sozi¬≠al¬≠ti¬≠ckets und somit die Erm√∂g¬≠li¬≠chung grund¬≠le¬≠gen¬≠der Mobi¬≠li¬≠t√§t wie auch die Teil¬≠ha¬≠be an st√§d¬≠ti¬≠scher Infra¬≠struk¬≠tur, den erschwing¬≠li¬≠chen Zugang zu √∂ffent¬≠li¬≠chen Ein¬≠rich¬≠tun¬≠gen oder die Gew√§h¬≠rung von gef√∂r¬≠der¬≠tem Wohn¬≠raum f√ľr sozi¬≠al Marginalisierte. 

F√ľr die Eta¬≠blie¬≠rung sol¬≠cher For¬≠men der sozia¬≠len Par¬≠ti¬≠zi¬≠pa¬≠ti¬≠on w√ľr¬≠den gigan¬≠ti¬≠sche mate¬≠ri¬≠el¬≠le Res¬≠sour¬≠cen frei¬≠wer¬≠den, wenn das Gef√§ng¬≠nis als Stra¬≠f¬≠in¬≠sti¬≠tu¬≠ti¬≠on zur√ľck¬≠ge¬≠dr√§ngt w√ľr¬≠de. Im Durch¬≠schnitt fal¬≠len f√ľr ein Tag Gef√§ng¬≠nis, ohne die Pro¬≠zess¬≠kos¬≠ten ein¬≠ge¬≠rech¬≠net, etwa 100 Euro pro H√§ft¬≠ling an. Ste¬≠hen damit schon die unmit¬≠tel¬≠ba¬≠ren Kos¬≠ten der Haft in kei¬≠nem Ver¬≠h√§lt¬≠nis zu den meis¬≠ten Straf¬≠ta¬≠ten, so wird es ange¬≠sichts der sozia¬≠len Fol¬≠ge¬≠kos¬≠ten des Straf¬≠voll¬≠zugs erst recht unm√∂g¬≠lich die¬≠se Pra¬≠xis zu recht¬≠fer¬≠ti¬≠gen. Der R√ľck¬≠bau der Gef√§ng¬≠nis¬≠se wirft daher viel wei¬≠ter¬≠rei¬≠chen¬≠de sozi¬≠al¬≠po¬≠li¬≠ti¬≠sche Fra¬≠gen auf. In einer Gesell¬≠schaft ohne Gef√§ng¬≠nis¬≠se w√§ren urba¬≠ne Infra¬≠struk¬≠tu¬≠ren ein √∂ffent¬≠li¬≠ches Gut, w√§ren Rau¬≠scher¬≠fah¬≠run¬≠gen und der Han¬≠del mit Dro¬≠gen ent¬≠kri¬≠mi¬≠na¬≠li¬≠siert und w√§re die sozia¬≠le Grund¬≠ver¬≠sor¬≠gung gesi¬≠chert, so dass es f√ľr die meis¬≠ten kei¬≠nen Anlass f√ľr gering¬≠f√ľ¬≠gi¬≠gen Laden¬≠dieb¬≠stahl g√§be ‚Äď aber das w√§re nur der Anfang. Eine Gesell¬≠schaft ohne Gef√§ng¬≠nis¬≠se w√§re dadurch nicht schon frei von Kon¬≠flik¬≠ten, Gewalt oder Unge¬≠rech¬≠tig¬≠keit ‚Äď aber auch auf sie w√§re das Gef√§ng¬≠nis nicht mehr die letz¬≠te Antwort.