Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

Der Weg in eine radikalisierte Wissensökonomie

Der brasilianische Politologe Roberto Unger plädiert in seinem Buch "The Knowledge Economy" für ein neues Verständnis und System der Bildung. Hier ist ein Auszug, erstmals auf Deutsch.

Ein wirklich inklusiver Avantgardismus in der Produktion durch die neuen Technologien ist ein radikalisierter Avantgardismus. In dem Maße, in dem sich die neue Art der Produktion über eine Vielzahl verschiedenartiger Situationen ausbreitet, in alle Wirtschaftsbereiche und in jede Nische in den einzelnen Bereichen, wird die experimentierende, wissensintensive Praxis der Produktion sichtbar und entfaltet ihre fundamentalen Eigenschaften. Ihre Verbindung von Kooperation mit Vorstellungskraft – und mit ständiger Neuerung – erfordert von den Beteiligten höhere Fähigkeiten als in der Massenproduktion gefordert waren. Die Wissensökonomie benötigt deshalb auch eine besondere Art der Erziehung und Ausbildung, sowohl in der Jugend als auch für das ganze Leben.

Roberto Mangabereia Unger ist ein brasilianischer Politikwissenschaftler, Buchautor und Professor an der Harvard Law School. Er war von 2007 bis 2009 Minister für Strategische Angelegenheiten unter dem damaligen Präsidenten Lula da Silva.


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Diese neue Art der Bildung überschreitet die Grenze zwischen allgemeiner und technischer Ausbildung, und indem sie beide in die von mir beschriebene Richtung reformiert, stellt sie sie in ein Kontinuum. Die nun folgende Darstellung der Eigenschaften ist daher sowohl für die Berufsausbildung, als auch für die allgemeine Ausbildung bestimmt.

Diese neue Art der Ausbildung muss das Modell des technischen Unterrichts, das die Welt von Deutschland erlernt hat, zurückweisen; dieses Modell betonte die berufs- und gerätespezifischen Kenntnisse, die für die Bedienung der unflexiblen Werkzeuge und Maschinen des Zeitalters der Massenproduktion nötig waren; es war auf das Zurechtfinden in Wirtschaftsformen mit geschichtlich bestimmten, starr voneinander getrennten Branchen und Berufen ausgelegt. Sie muss anstelle dieses Modells ein anderes setzen, in dem die flexiblen Fähigkeiten höherer Ordnung an erster Stelle stehen.

Permanente Innovation statt episodischer

​Die digital gesteuerte Maschine – zum Beispiel der programmierbare Roboter oder 3D-Printer – hat keinen eng definierten Nutzen, der auf eine bestimmte Produktionsschiene und einen besonderen Beruf oder Teil der Arbeiter*innenschaft zugeschnitten ist. Die Unterscheidung zwischen Erfindung und Umprogrammierung, und zwischen Umprogrammierung und Nutzen, ist hier jeweils relativ. Arbeiter*innen, die die Maschine bedienen, müssen in Ansätzen auch die Fähigkeiten und die Einstellung ihres Erfinders oder ihrer Erfinderin haben. Um von der künstlichen Intelligenz vollen Gebrauch machen zu können, wird noch mehr Kompetenz in dieser Richtung erforderlich sein; es verlangt Arbeiter*innen, die wissen, wie Maschinen ihnen Routinearbeiten abnehmen können, damit sie sich den Arbeiten widmen können, die nicht Routine sind.

Die technische Arbeitsteilung, auch in der noch eingeschränkten Wissensökonomie, mindert den Kontrast zwischen Planung und Ausführung und zwischen allen spezialisierten Arbeitsaufgaben. In ihren weiterentwickelten Formen erfordert und ermöglicht die Wissensökonomie von den Beteiligten jedoch ein höheres Maß an gegenseitigem Vertrauen und Diskretion. Sie braucht Akteur*innen, die ausreichened ausgebildet sind, um solche Diskretion walten zu lassen und das in sie gesetzte Vertrauen zu verdienen. Sie müssen dazu in der Lage sein, am innovationsgetriebenen Arbeitsvorgang teilzunehmen, einer Art der Innovation, die nicht episodisch ist und auf Anweisung von außen beruht, sondern die beständig und permanent ist und die dem Produktionsprozess selbst innewohnt.

Die Ausbildung der Protagonist*innen einer solchen inklusiven Form der Wissensökonomie muss vier grundlegende Merkmale aufweisen. Diese Merkmale treffen sowohl auf die allgemeine und technische Ausbildung und das lebenslange Lernen zu, als auch auf die Erziehung der Jugend. Sie sind für die Entwicklung der Wissensökonomie wichtig, wenn nicht sogar entscheidend. Ihr Wert, wie der Wert der wissensintensiven Produktionspraxis selbst, geht über ihre ökonomischen Vorteile hinaus und berührt jeden Aspekt des Lebens und des Bewusstseins in einer demokratischen Gesellschaft.

Vier Merkmale: analytisch, tief, horizontal, dialektisch

Das erste Merkmal ist, dass die Erziehungsmethode den analytischen und synthetisierenden Fähigkeiten Vorrang geben muss, und ganz allgemein die Einbildungskraft – den Geist als Anti-Maschine – gegenüber der Beherrschung von Informationen vorziehen sollte.

Niemand kann sich diese Fähigkeiten in einem inhaltsleeren Vakuum aneignen. Der Inhalt ist jedoch hauptsächlich deswegen von Bedeutung, weil er das Gebiet abgrenzt, auf dem die Erweiterung der Fähigkeiten stattfindet.

Das zweite Merkmal ist, dass die Ausbildung in Bezug auf den Inhalt die Vertiefung in Teilbereichen der enzyklopädischen Breite vorzieht. Das In-die-Tiefe-Gehen bei bestimmten Themen oder Projekten ist für die Entwicklung der benötigten Fähigkeiten und die Anwendung von Information in der Zukunft wichtiger als das Auswendiglernen von Inhalten der Enzyklopädie.

Das dritte Merkmal der neuen Art von Ausbildung besteht darin, dass sie ihre eigene Umgebung erzeugt und in ihr die Kooperation des Lehrens und Lernens bestärkt; und zwar jenseits der autoritären Erziehung und des Individualismus, die den traditionellen Unterricht geprägt haben. Gruppen von Schüler*innen und Lehrer*innen, innerhalb und zwischen verschiedenen Schulen, sollten das Hauptinstrument des Lehrens und Lernens sein. Es sollte eine Vielfalt von Experimenten zu solcher Zusammenarbeit geben, einschließlich des Unterrichtens von Schüler*innen durch andere Schüler*innen. Die Verbindung von Vorstellungskraft und Kooperation ist für jede zukünftige radikalisierte Form der Wissensökonomie zentral. Damit es Wurzeln fassen kann, muss es durch die Art und Weise, in der wir lehren und lernen, vorbereitet werden.

​Das vierte Merkmal dieser Art des Lehrens und Lernens ist, dass sie dialektisch sein sollte. Jeder Gegenstand und jede Methode sollte aus mindestens zwei miteinander in Kontrast stehenden Perspektiven dargestellt werden. Haben wir einmal das Ziel des enzyklopädischen Inhaltes hinter uns gelassen und bevorzugen Tiefe anstelle von breiter Abdeckung, sowie die Entwicklung analytischer und synthetischer Fähigkeiten anstelle des Auswendiglernens und Rezitierens von Fakten, ist für eine solche dialektische Herangehensweise auf jeder Unterrichtsstufe genug Zeit vorhanden.

Radikaler Zweifel ist kein Vorrecht der Genies

Die orthodoxe Universitätskultur behandelt in jeder Disziplin die Einheit von Methode und Gegenstand als naturgegeben, was dazu führt, dass die Jugend die vorherschenden Ideen mit den Dingen selbst verwechseln. So ist die Wirtschaftswissenschaft nicht das Studium der Wirtschaft, sondern vielmehr das Studium einer Methode, die durch die marginalistische Schule gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. Eine jede Untersuchung der Wirtschaft mithilfe einer anderen Methode wird nicht als Wirtschaftswissenschaft anerkannt, und die Anwendung der Methode auf Gegenstände, die mit Produktion und Austausch nicht direkt zu tun haben, wird im Gegenteil behandelt, als sei sie Wirtschaftswissenschaft. Ähnlich wird die historische Methode, die dem zeitlichen Wandel mehr Bedeutung einräumt als den immer-gleichbleibenden Regelmäßigkeiten, für die Naturgeschichte und die Wissenschaften vom Leben für als angemessen betrachtet, aus dem Bereich der Grundlagenforschung der Physik aber verbannt, trotz der Entdeckung des geschichtlichen Charakters unseres Universums.

Die nationalen Lehrpläne infantilisieren solche Orthodoxien noch weiter, durch die unpassende Naturalisierung der Verbindung zwischen Methoden und Gegenständen. Sie werfen die Orthodoxien der Universität auf die Erziehung der Jugend zurück. Das Ergebnis ist die Entmächtigung der Schüler*innen, die auf eine höhere Bildungslaufbahn geschickt werden, vorbereitet auf ein Leben geistiger Unterwürfigkeit.

Die dialektische Herangehensweise zur Bildung strebt danach, die Jugendlichen gegen diese Gefahr zu immunisieren; anstelle der Oberflächlichkeit der Universitätskultur schlägt sie Tiefe und Offenheit vor. Sie wirft durcheinander, was das System der Fachrichtungen und Methoden üblicherweise getrennt halten will. Sie möchte zur Gestaltung einer anderer Art von Verstand beitragen, eines solchen, der sich weigert, den radikalen Zweifel und das gedankliche Experiment für das Vorrecht des Genies zu halten, und der sie stattdessen zum gemeinsamen Besitz Aller macht.

Ordnung navigieren, Ordnung widerstehen

Die radikalisierte Wissensökonomie verlangt nach kontinuierlicher statt episodischer Innovation, was soziale Arrangements genauso wie Produkte und Technologien betrifft. Demokratie erfordert, dass die Politik die Struktur der Gesellschaft bestimmt, und dass sie strukturellen Wandel hervorrufen kann, ohne dass eine Krise – in Form eines Zusammenbruches oder eines Krieges – als maßgebende Bedingung für diesen Wandel benötigt wird. Die dialektische Herangehensweise an Bildung formt den Geist, auf dem sowohl die demokratische Politik als auch die wissensintensive Produktion beruhen.

Hinter diesem Plan steht eine weitergefasste Auffassung von Ausbildung. Die Schule muss alle Schüler*innen mit den Instrumenten ausstatten, mit denen sie sich in der gegeben Ordnung von Gesellschaft und Kultur bewegen können, und mit denen sie gleichzeitig dieser Ordnung widerstehen, über sie hinausgehen und sie verändern können. Die Schule muss in einem und einer jeden einen vorerst schweigsamen Propheten sehen. Sie kann sich nicht erlauben, sich zum Instrument der Familie oder des States machen zu lassen. Die Familie sagt zur Schülerin: “Werde wie ich.“ Der Staat sagt zur Schülerin: "Diene mir." Die Schule muss es möglich machen, diese Botschaften zurückzuweisen. Sie muss die Stimme der Zukunft sein. Aber wie kann diese Stimme sprechen, und wer kann beanspruchen, für sie zu sprechen? Bildung muss so eingerichtet werden, dass keine der greifbaren Mächte der gegenwärtigen Gesellschaft die Schule auf ihre Dienstleistungen reduzieren kann.

Als substanzlose und gegen den Strich gehende Abstraktionen mögen einem diese Verlautbarungen wie ein außerweltlicher Glaube an Bildung vorkommen. Sie bringen aber wichtige Impulse für unsere Auffassung von Bildung, die für die Wissensökonomie in ihrer radikalen und allgemein verbreiteten Form von zentraler Bedeutung sind; dies gilt auch für das politische Regime, das auf die Wissensökonomie am besten zugeschnitten ist, und das ich High-Energy-Demokratie nennen will.

Je stärker wir unsere kooperativen Praktiken auf das Modell der Aktivitäten unserer Vorstellungskraft ausrichten, und je permanenter die Innovation wird und nicht bloß episodisch bleibt, desto mehr erfordert die Wissensökonomie, dass die in ihr Beteiligten die geistige Kapazität haben, die Teilung aufzuheben, die darin besteht, einerseits bloß auszuführen und andererseits den Rahmen und die Voraussetzungen und Annahmen zu verändern, innerhalb denen dieses Ausführen statfindet. Eine High-Energy-Demokratie geht in diese Richtung, indem sie die Gundlage für eine Form des politischen Lebens legt, in dem struktureller Wandel nicht mehr Zusammenbruch oder Krieg als Impetus benötigt. In einem solchen Regime steht die gesamte Ordnung des sozialen Lebens der Kritik und dem Experiment offen, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Diese Umgestaltung der Bildung wird sich nicht entwickeln, solange es nur in den Köpfen einer kleinen Gruppe von Visionär*innenen, Politiker*innenn, und Funktionär*innen lebt.

Gefragt ist ein inklusiver Avantgardismus

​In jedem Land, das groß und ungleich ist, und das eine föderale Struktur besitzt, müssen sich Reformen – und Reformer*innen – auf Institutionen stützen können, die nationale Richtlinien für Investitionen und Standards mit lokaler Kontrolle über die Schulen verbinden. Das Schlüsselprinzip, auf das zu achten ist, lautet, dass die Qualität der Bildung, die einer jungen Person zuteil wird, nicht davon abhängen darf, wo oder von wem die Person geboren wurde. Drei Instrumente sind hierzu nötig: ein nationales System der Beurteilung von Schulen und der Erfassung, welche Methoden am besten funktionieren; ein Mechanismus zur Umverteilung von Ressourcen und Personal von reicheren in ärmere Gegenden (was verhindert, dass die Schule finanziell ausschließlich vom lokalen Umfeld abhängt); und ein geregeltes Verfahren des korrektiven Eingreifens für den Fall, dass dies nötig sein sollte.

Wenn ein örtliches Schulsystem auf Dauer unter das Mindestmaß von Effektivität fällt, müssen zentrale und örtliche Regierung gemeinsam handeln, und die versagende Schulen außenstehenden, von den Ortsumständen unabhängigen Verwaltern und Spezialist*innen übergeben, damit diese die Schulen wieder funktionsfähig machen, und sie anschließend an die örtliche Kontrolle zurückgeben können. Wo es ein solches Verfahren nicht gibt, wird das Prinzip, dass Bildungschancen nicht von den Zufällen der Geburt abhängen sollen, grob missachtet.

​Ich habe dargelegt, dass die Vertiefung der Wissensökonomie und ihre Verbreitung über die ganze Wirtschaft zwei Aspekte des selben Phänomens sind: Wenn es scheint, dass sich die Wissensökonomie ohne gleichzeitige Radikalisierung ausbreitet, wie dies unter dem Zeichen dessen geschieht, was ich Pseudo-Avantgardismus nenne, dann ist dies nur deshalb der Fall, weil das, was sich da verbreitet, nicht die neue fortgeschrittene Produktionspraxis selbst ist. Nur ihre Produkte – Geräte und Dienstleistungen – werden in diesem Fall verkauft. Die Fähigkeiten und Haltungen, die im Verlauf dieser oberflächlichen Ausweitung erworben werden, sind gerade die, die für den begrenzten Gebrauch der gekauften Produkte notwendig sind.

Die radikalisierte und weitverbreitete Wissensökonomie hingegen wäre sowohl Ursache als auch Konsequenz eines Wandels unseres geistigen Lebens und unserer ökonomischen Tätigkeiten. Unter einem inklusiven Avantgardismus muss der Geist-als-Maschine Platz für einen Geist-als-Vorstellungskraft machen. Ein Wandel unserer ökonomischen Institutionen und Produktionspraktiken ist nicht ausreichend, um diese Veränderung sicherzustellen. Der Übergang braucht auch ein neues Grundverständnis und neue Methoden der Bildung und Erziehung.

Übersetzung: Ignacio Choi