Was w√§re, wenn St√§dte gut f√ľr das Klima w√§ren?

Die Zukunft der toten Shopping Mall

Der Stadtplaner Victor Gruen entwickelte die ersten modernen Einkaufszentren der USA. Seine Vision glitt ihm aus den H√§nden, doch seinen Ideen sind f√ľr die Krise n√ľtzlich.

Foto: MichaelGaida (pixabay.com)

Es ist eine der seltsamen Ironien des Schicksals, dass Victor Gruen (geboren Viktor David Gr√ľnbaum, Wien 1903 ‚Äď 1980) als Erfinder der Shopping Mall bekannt wurde, obwohl er sich zeitlebens mit aller Vehemenz f√ľr eine vitale Urbanit√§t und √∂kologische Ausrichtung der Stadt einsetzte.

Der kurz nach dem Anschluss in die USA emigrierte j√ľdische Architekt und Kabarettist entwarf dort in den 1950er Jahren nach dem Vorbild dicht integrierter, europ√§ischer Stadtzentren die Shopping Mall. F√ľr die aus den Downtowns fliehende wei√üe Mittelschicht ("white flight") sollte die Mischung aus Kommerz und zivilgesellschaftlicher Einrichtungen in den zerfransten Agglomerationen ein soziales und kulturelles Zentrum bieten. In den 1960er Jahren versuchte Gruen dann die vernachl√§ssigten Stadtzentren in den USA und sp√§ter auch in Europa mittels Konsum zu beleben, √ľbertrug die Mall-Matrix auf die Innenst√§dte und f√ľhrte weitl√§ufige Fu√üg√§ngerzonen ein. In jedem dieser Schritte wurde Gruen vom unersch√ľtterlichen Glauben an die integrative Macht des Marktplatzes als Ort der sozialen Integration geleitet.

Anette Baldauf ist Professorin f√ľr Epistemologie und Methodologie an der Akademie der Bildenden K√ľnste in Wien. Bis 2005 arbeitete sie an der New School for Social Research in New York. Ihr Buch "Victor Gruen. Shopping Town. Memoiren eines Stadtplaners" erschien im B√∂hlau Verlag. [Foto: Maria Ziegelb√∂ck]


Zur Autor*innenseite

Gruens grundlegende vision√§re Kraft lag in einem Denken, das von einer Mischung aus Gigantomanie und Kreativit√§t geleitet wurde, die stets die Zukunft vorwegzunehmen versuchte. Ein beeindruckendes Beispiel f√ľr diesen Weitblick war Gruens Antwort auf eine 1943 von der Zeitschrift Architectural Forum formulierte Einladung, sich an dem Entwurf einer Modellstadt f√ľr das Jahr "194x" zu beteiligten, also f√ľr jenes unbekannte Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende gehen sollte.

Umweltplanung statt Weltuntergang

"194x" sollten von anerkannten Modernisten wie Mies van der Rohe und Charles Eames entworfen werden; Victor Gruen und Elsie Krummeck waren eingeladen, einen Prototyp f√ľr ein regionales Einkaufszentrum zu entwerfen. Die beiden reagierten mit einem Entwurf, der die von den Herausgeber*innen vorgegebene Gr√∂√üe und Funktion des Zentrums weit √ľbertraf. Ihr Vorschlag schlug zwei r√§umliche Interventionen vor: das Auto und die Einkaufenden sollten getrennt, Konsum- und zivilgesellschaftliche R√§ume unter einem umfassenden Dach zusammengef√ľhrt werden. "194x" markiert den Auftakt in der Geschichte der Shopping Mall ‚Äď wenngleich die Herausgeber*innen den Entwurf mit Verweis auf die √ľberzogene Gr√∂√üe ablehnten.

Angesichts der √∂kologischen Krise, wie sie heute sichtbar wird ‚Äď welche Visionen h√§tte Victor Gruen f√ľr das Jahr 201x, jenes unbekannte Jahr, in dem Stadtverwaltungen sich verantwortlich zeigen und mit Taten auf die Klimakrise reagieren?

Gruens Werk bietet zahlreiche Ansatzpunkte f√ľr dieses spekulative Gedankenspiel: Mitte der 1960er Jahre begann Gruen sich verst√§rkt f√ľr √Ėkologie zu interessieren; 1968 gr√ľndete er in Los Angeles das Center for Environmental Planning und 1973 in Wien das Zentrum f√ľr Umweltplanung. Beide Institute zielten darauf ab, Expert*innendiskurse f√ľr eine kritische √Ėffentlichkeit aufzubereiten und eine Schnittstelle zwischen den Disziplinen herzustellen. Er schrieb das Buch "Ist Fortschritt ein Verbrechen? Umweltplanung statt Weltuntergang"(1975) und verfasste die "Charta von Wien" (1973), die er als Gegenentwurf zu Le Corbusiers "Charta von Athen" verstand und die Prinzipien einer menschengerechten Stadt mit h√∂chster Kompaktheit und gr√∂√ütm√∂glicher Verflechtung pries.

Kommerz als Motor bringt... Kommerz

W√§hrend sich die Shopping Mall in den USA als fixer Bestandteil des American Way of Life durchsetzte, distanzierte sich Gruen immer sch√§rfer davon. Er bezeichnete die von den zivilgesellschaftlichen Einrichtungen entledigten Geb√§ude als "Verkaufsmaschinen", "stritt die Vaterschaft ein f√ľr alle Mal ab" und weigerte sich, "Alimente f√ľr diese Bastardprojekte zu bezahlen". Gruen erkannte, dass in einer von Konzernen regierten Welt die Gier der Entwickler und Spekulanten keinen Platz f√ľr Bibliotheken, Clubr√§ume, Zoos, etc. vorsah. Kommerz als Motor brachte keine vielschichtige Urbanit√§t hervor, so wie er das vorgesehen hatte, sondern lediglich mehr Kommerz.

In den 1950er Jahren richteten sich Gruens Interventionen gegen Autokonzerne, welche die Stadtentwicklung in den USA dominierte. Er stellte das "automobilreiche Nachkriegsamerika" in Frage, das in seiner Fixierung auf das Auto menschliche Interaktion radikal einschränkte. Waren es in den 1950er Jahren die Automobilkonzerne Ford, General Motors und Chrysler, die in den USA politisch den Ton angaben, sind es heute Tech-Giganten wie Facebook, Google, Apple und Amazon, welche die allgemeine Orientierung der Städte maßgeblich prägen.

St√§dte, die in den vergangenen Jahren mit Steuererleichterungen um die Ansiedlung der Tech-Konzerne konkurrierten, legitimierten ihre Anbiederung gegen√ľber den B√ľrger*innen mit postindustriellen Arbeitsverh√§ltnissen, die mit √∂kologischen Lebensbedingungen (Stichwort: quality of life) gleichgesetzt wurden. Ihre strategische Kurzsichtigkeit verschleiert den Blick auf die materielle Basis der immateriellen Produktion, welche nach wie vor im globalen Raubzug gesichert wird, wenn n√∂tig milit√§risch. In der Vision von Gruen, der zeitlebens in globalen Ma√üst√§ben dachte, wissen St√§dte um die globale Einbettung lokaler Faktoren und agieren entsprechend verantwortungsvoll.

Tech-Konzernen als treibende Kraft der Stadtentwicklung w√ľrde Gruen auch aus einem anderen Grund skeptisch gegen√ľber stehen. Gruen sah in der Stadt eine B√ľhne, durchaus im Sinne von Hannah Arendt als Ort der Erscheinung. F√ľr ihn lag das Angebot der Stadt in der m√∂glichen Flucht aus den Routinen des Alltags, der spielerischen Inszenierung von Identit√§ten und dem Zugang zu einem attraktiven Anderswo. F√ľr Gruen setzte diese Konstellation die k√∂rperliche Pr√§senz verschiedener Akteur*innen voraus, seine Vision einer √∂kologischen Stadt basierte auf Differenz, Vielfalt und Dichte. Ist es m√∂glich an diesen Grundwerten des Urbanen festzuhalten, sie aber von der Macht internationaler Spekulanten, globaler Konzerne und, allgemeiner gesprochen, dem heiligen Paradigma des Wirtschaftswachstums zu entkoppeln?

Shopping Malls als Experimentierfeld

Eine derartige Vision einer Stadt, die gut f√ľrs Klima ist, geht weit √ľber die Aufforderung zur Bepflanzung von B√§umen, die Einf√ľhrung von Elektroautos und Carsharing oder auch einer Reduktion des individuellen Konsums hinaus. Sie bedarf einer √ľberzeugten politischen Verantwortung und setzt gleichzeitig einen breiten Konsens voraus. Sie bedarf vermittelnde Instanzen, √§hnlich jenen Instituten, die Gruen in Los Angeles und Wien gr√ľndete um √∂kologische Anliegen zur Diskussion zu bringen. Als Austragungsort f√ľr diese Debatten bietet sich eine vormalig m√§chtige Kulturinstitution an, die aktuell ihre Aufgabe als Traummaschine verloren hat: die Shopping Mall.

Gruen selbst sah Shopping Malls stets als Experimentierfeld f√ľr die Stadt; sie illustrieren auf anschauliche Weise die Funktionsweise eines urbanen Gef√ľges, dessen Logistik, Infrastruktur, Vernetzung, Koordination und Kommunikation. Und √§hnlich wie die vor mehr als ein Hundert Jahren von Walter Benjamin beschriebenen Arkaden markieren sie auch die Grenzen konventioneller Konsumkultur: Finanzkrisen, Online-Shopping, vor allem die aggressive Preispolitik von Amazon, trieben kleine, alternative Anbieter ebenso wie gro√üe Ketten, Kaufh√§user und auch Shopping Malls in den Bankrott.

Inkubatoren der ökologischen Stadt

2020 soll in den USA jede vierte Mall tot sein. Tote Malls bieten daher eine ideale Experimentierfl√§che f√ľr die neue, klima-freundliche Stadt. W√§hrend sich Developer und Stadtverwaltungen seit Jahren um das Retrofitting der Big-Box-Geb√§ude bem√ľhen, in dem sie den Retro-Futurismus der Malls f√ľr Seniorenheime, Kirchen, Collage oder Tech-Campuses nutzbar machen (z.B. der Google Campus "Building RLS1" im Maryfield Mall in Mountain View, California) oder nach ihrer Planierung f√ľr Life-Style Developments zur Verf√ľgung stellen, k√∂nnten zivile Initiativen die in Vor- wie Innenst√§dten rottenden toten Malls als Inkubatoren einer √∂kologischen Stadt instrumentalisieren: Hier k√∂nnten lebehafte Diskussionen stattfinden, zu jenen Werten, die die neue √∂kologische Stadt ausmachen. Hier k√∂nnten Ausbildungsst√§tten angesiedelt werden, die verlernte und nun unerl√§ssliche F√§higkeiten wie jene der Vergemeinschaftung, der Reparatur oder des Upcyclings wieder entdecken und abseits von Konzernen den Austausch von Angeboten, G√ľtern und F√§higkeiten, direkt vor Ort unter √∂kologischen Aspekten organisieren.

Wem diese Idee g√§nzlich unrealistisch erscheint erinnere sich daran, dass es globale Marken sind, die urbane Werte kannibalisiert haben, und nicht umgekehrt. In den 1990er Jahren suchten Nikes Coolhunter innerst√§dtische Sportpl√§tze auf um die Vitalit√§t afro-amerikanischer Jugendlicher zu kooptieren und Coolness als Ware zu fassen. Amazon pr√§sentiert sich heute noch gerne als urban sophisticated, nicht zuletzt deshalb setzt der Kernwert des Giganten auf das kulturelle Kapital von B√ľchern. Weshalb also sollen St√§dte nicht Konzerne als Kannibalen des urbanen Lebens zur√ľckweisen und die gelebte Urbanit√§t auf Sportpl√§tzen, in Bibliotheken, Coops, Tauschzentralen, Werkst√§tten, Theatern, Schulen, etc. als Wert, und nicht Ware, im kreativen Austauschs f√∂rdern. Zum Beispiel in toten Shopping Malls.