Was wäre, wenn Bildung nie aufhörte?

Die revolutionäre Schönheit des Umlernens

Deutschland braucht ein progressives System der Graduierten-Schulen. Und zwar eines, das dem kapitalistischen Geist der amerikanischen Vorbilder eine Alternative entgegensetzt.

Eine der Grundfragen der menschlichen Existenz ist die danach, wie man sein Leben ändern kann. Es ist eine alte Sehnsucht, ein Traum – es ist aber mehr als das, es ist eine persönliche wie politische Notwendigkeit: Das Leben, wenn es nur verwaltet wird, erlahmt, es verliert an Kraft und Schönheit, die Energie geht verloren und letztlich auch das Selbstvertrauen; die Einsicht in die eigenen Möglichkeiten, in die Handlungsfähigkeit, in die Autonomie, um es mit einem großen Wort zu sagen, ist wesentlich für jede Einzelne und jeden Einzelnen in einer demokratischen Gesellschaft.

Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Eigentlich sollte es besonders heute, in einer Welt, die von einer digitalen Revolution durchgeschüttelt wird, eine Fülle von Ideen und Initiativen geben, wie man diese neuen Fragen, diese neuen Einsichten, diese neuen Arbeitsweisen der neuen Technologien nutzen kann, um die Einzelnen zu emanzipieren, sie zu befördern, sie in den Stand zu versetzen, das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen – nicht im Sinn der neoliberalen Doktrin, denn so klingt das manchmal, sondern im Sinn der Zivilgesellschaft und eines Humanismus, der den Menschen, bei aller Verantwortung für die Mitwelt, die Umwelt und die Nachwelt, in den Mittelpunkt stellt.

Georg Diez ist Journalist und Buchautor. Er schrieb die Kolumne „Der Kritiker“ auf Spiegel Online, war Nieman Fellow in Harvard und ist Mitgründer der Graduierten-Schule School of Disobedience, die Seminare im Grünen Salon der Berliner Volksbühne anbietet. Zuletzt erschien von Diez "Das andere Land. Wie unsere Demokratie beschädigt wurde und was wir tun können, um sie zu reparieren".

Der Mensch also, wie er ist und wie er sein könnte, eine Frage von antikem Pathos, neu definiert für die digitale Welt – das wesentliche Element hier, entscheidend für die Veränderung, für ein aktives, waches Leben ist dabei das Lernen, die stete Herausforderung durch Wissen, durch Neues, durch Anderes, das Leben in der Differenz also, in den Widersprüchen auch zum Eigenen, das Lernen als politische Tätigkeit, als zivilgesellschaftliche Praxis: So war es ja auch verstanden worden in den Zeiten der ersten industriellen Revolution, als Fabriken und Arbeiter den Kapitalismus prägten und Bildung und gesellschaftlicher Aufstieg eng verbunden waren; die institutionelle Form für lebenslanges Lernen war hier die Volkshochschule.

Neues Wissen, neue Möglichkeiten

Es ging damals im späten 19. Jahrhundert darum, vor allem Arbeiter und Handwerker in die Lage zu versetzen, ein reicheres, besseres Leben zu führen, immer basierend auf der Annahme, dass Stetigkeit, Kontinuität in Leben und Beruf erstrebenswert und vor allem möglich wären – es war das Versprechen von Linearität innerhalb einer sich verändernden Welt, es war die Aussicht auf Wohlstand, materielle Sicherheit, die gespiegelt sein sollte durch innere Entwicklung. Arbeitern und Angestellten, Kinder der Industrialisierung, sollte die Bildung eröffnet werden, die sie in ihren Biographien voranbringen würde, so die Annahme. Es war Teil des sozialdemokratischen Deals, keine harten Umverteilungsfragen zu stellen und statt systemischen den individuellen Wandel voranzutreiben.

Die zweite industrielle Revolution, "the second machine age", wie es die beiden MIT-Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson genannt haben, hat vieles davon verändert und sogar auf den Kopf gestellt. Wissen, also Information, ist heute zumindest theoretisch frei verfügbar, Information ist ubiquitär durch das Internet, jeder kann oder könnte alles lesen, hören, verstehen. Umgekehrt sind die Versprechen von Aufstieg, Kontinuität, Verlässlichkeit und Wohlstand in vielem hinfällig oder jedenfalls brüchig geworden, die Arbeits- und Lebenswege sind verschlungen, fragmentarisch, kürzer getaktet, Wohlstand ist im Schwinden, Sicherheit eine Chimäre; was fehlt für diese Zeit der Erschütterungen und Umbrüche, ist die geeignete Form des Lernens für dieses Leben.

Und da kommt die Graduate School ins Spiel, eine Institution, die in den USA sehr verbreitet und selbstverständlich ist – und in Deutschland so sehr und auch überraschend fehlt, denn das Lernen, die Bildung ist ja etwas, das eigentlich einen sehr hohen Stellenwert hat. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass Bildung in Deutschland traditionell nicht direkt mit Arbeit und Leben in Verbindung steht – genau das ist jedoch das Prinzip, das Wesen und die Schönheit, der Nutzen der amerikanischen Graduate School, die dafür da ist, Menschen mit Berufserfahrung von mehreren Jahren darin zu unterstützen, mit neuem Wissen einen anderen Weg im Beruf und damit im Leben zu finden oder mit mehr Wissen die bisherige Karriere anders zu definieren.

Vom amerikanischen System lernen

Was nun nicht heißt, dass die meisten Menschen in Graduate Schools ihr Leben radikal ändern. Was auch nicht heißt, dass dieses System ideal wäre – gerade wird in den USA sehr intensiv genau über die Probleme diskutiert, die das meritokratische System, also vor allem die Elite-Institutionen wie Harvard, Yale, Princeton mit ihren Graduate Schools mit sich bringen. Wichtig ist, und Ausgangspunkt für die Überlegungen, wie man das System und das Denken der Graduate Schools nach Deutschland bringen könnte: Hier sind Institutionen, die dafür gemacht sind, erwachsenen Menschen die Werkzeuge des Wissens in die Hand zu geben, um ihr Leben im engeren und weiteren Sinn, innerlich wie äußerlich anders und möglichst autonom zu gestalten.

Von den Problemen und Schwächen des amerikanischen Systems, das eine Mischung eben aus einer bestimmten Form von Kapitalismus und einer Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg und Ausgleich durch Bildung ist, kann man dabei lernen – denn diese Form von meritokratischem Kapitalismus, so scheint es, kommt an sein Limit, ökologisch, sozial, politisch; und damit stellt sich auch die Frage nach Aufstieg anders, genauso wie die nach dem gesellschaftlichen Ausgleich, denn wenn nicht mehr zu verteilen ist, wenn es der kommenden Generation nicht besser geht als der vorherigen, stehen einige Grundannahmen des wachstumsgetriebenen Wirtschaftssystems zur Disposition.

Weniger Akademie, mehr Experimentierraum

Konkreter gesagt: Die Bedeutung von Bildung verändert sich und wächst gleichzeitig, denn Teilhabe bleibt ein elementarer Wert in der Demokratie, anderes Wissen wird relevant, der Zweifel an etablierten Wahrheiten ist oft begründet, neue Technologien stellen neue Fragen, eine grundlegende Diskussion über unser Menschenbild ist notwendig, wer wir sind und wie wir leben wollen, die große Erzählung des Westens scheint in vielem an ihre Grenzen zu stoßen, womit sich bestimmte Fragen von Freiheit, Vernunft, Demokratie anders stellen, der Klimawandel überschattet alles, Hierarchien des Wissens fallen. Es fehlt der Ort, nicht um diese Fragen zu beantworten, sondern um die Menschen in die Lage zu versetzen, diese Fragen zu beantworten.

Es gibt also einmal eine inhaltliche, fachliche Dimension, die ein System von deutschen Graduierten-Schulen aufnehmen müsste: Neue Fächer, neue Zuschnitte, ökologische Anthropologie oder Programmieren für Aktivist*innen oder praktische Fächer wie Fermentieren, das Handwerkszeug einer Welt also des Wissens, aber auch der Krise – das Lernen kann hier mehr Kompass sein als Karte, es geht darum, die Mittel und Methoden zu vermitteln, die sich vom klar universitären Studium unterscheiden, weniger Akademie also als Experimentierraum gesellschaftlicher Möglichkeiten und individueller Optionen, eine Mischung aus Projektarbeit, Peer-to-Peer-Learning und Plattform für daraus folgende Kollaboration.

Diese Art von Schulen wären, anders als die Volkshochschulen und doch nicht unähnlich, Werkstätten gesellschaftlichen Fortschritts – allerdings in einer Zeit allgemeiner Fortschrittsskepsis. Sie wären ein Ort des protopolitischen Arbeitens, wobei der Raum demokratischer Aktion erweitert würde, über den Betrieb, die etablierte Politik oder die Parteien hinaus. Sie wären eine Chance, einen konstruktiven emanzipatorischen Diskurs zu führen, wie er in den Medien, der Akademie und der Politik nicht stattfindet. In einer Gesellschaft, in der die Arbeit immer sich radikal ändert und viele Arbeitnehmer in den kommenden Jahren ersetzt werden durch Maschinen, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, ist diese Schule des Neulernens von elementarer Wichtigkeit.

Der Pianist, der Politiker werden will

Zugleich, und das ist der andere wesentliche Aspekt, eröffnet sie eben eine andere Lebenspraxis, sie ermöglicht Unterstützung in Veränderungen der Biographie, die nicht nur von außer erzwungen, sondern von innen gewollt sein können – die gelernte Wirtschaftswissenschaftlerin, die die Grundlagen der aktuellen Menschenrechtsdiskussion verstehen will, weil sie in diese Richtung arbeiten will; der Programmierer, der sich für die Geschichte des Kalten Kriegs interessiert und dazu an einem Projekt mit einer Filmemacherin sitzt; die Ärztin, die Big Data anwenden will, der Pianist, der Politiker werden will, der Chemiker, der die Aristotelische Ethik verstehen will. Oder eben die ökologische Anthropologie.

Der Plan wäre also, in den großen Städten und auch in verschiedenen kleinen und auf dem Land solche Institutionen zu eröffnen, die dem kapitalistischen Geist der amerikanischen Vorbilder eine zivilgesellschaftliche Alternative entgegensetzen. Es wäre eine Initiative, die in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Reformvorhaben gesehen werden sollte, etwa dem bedingungslosen Grundeinkommen, dem kostenlosen Internet oder dem kostenlosen Nahverkehr. Im Ergebnis ist das ein umfassendes humanistische Emanzipations-Konzept für die technologische Demokratie des 21. Jahrhunderts.