Was wäre, wenn Technologie uns die Arbeit abnähme?

Die menschliche Hand

Verständige Maschinen, unlimitierte Freizeit, spielerische Gesellschaft. Ist das vorstellbar? Eine Erzählung aus der post-kapitalistischen und feministischen Zukunft, von der wir heute schon lernen können.

Ihre rechte, ausgestreckte Hand reichte nach dem Griff des antiken Unterschranks im sp√§tkapitalistischen Stil, in dem sich die Snacks f√ľr die Katze befanden. Zuvor war sie durch wiederholtes Kopfnicken des Tieres in Richtung der K√ľche √ľber dessen Interesse informiert worden. Die unmissverst√§ndliche Geste hatte gen√ľgt, um sie in Bewegung zu setzen, als w√§re sie ferngesteuert. Sie war auf dem Sofa von der Liege- in die Sitzposition gewechselt, aufgestanden, hatte dabei ihre Phantastic-Sleep-Sensoren abgenommen und auf der Lehne abgelegt, war sieben Schritte geradeaus und einen nach links gegangen und hatte sich dann vorn√ľbergebeugt.

Christiane Frohmann ist Verlegerin, Autorin und Kulturphilosophin. Sie publiziert zu √Ąsthetik und Gesellschaft im digitalen Wandel.


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Nun fasste ihre linke Hand ins Innere des Schranks und zog die portionsweise verpackten Trockenfleischstangen heraus. Sie richtete sich auf und riss unter Einsatz beider H√§nde ein Segment auf, Auge in Auge mit der Katze, welche in eine Art Erwartungsstarre verfallen war. Sie dr√ľckte die Stange nach oben und hielt sie der Katze hin, etwa zwanzig Zentimeter √ľber deren Kopf: "Sticky!" Die Katze stellte sich auf die Hinterbeine und zog mit den Z√§hnen den Snack heraus.

Das Care-Spiel

Bei diesem t√§glichen Ritual lie√üen sich beide Lebewesen abwechselnd vom jeweils anderen wie eine Drohne einsetzen: Die Person wurde zum Schrank navigiert, den die Katze mit ihren Tierpfoten nicht √∂ffnen konnte, und die Katze wurde dazu bewegt, ein Kunstst√ľck zu machen, das die Person unterhielt. Diese lockere Kooperation, bei der sie sich ohne Zwang und Qual gegenseitig mehr Lebensqualit√§t verschafften, wies auf ein progressiveres Arbeitsverh√§ltnis hin, als es noch im fr√ľhen 21. Jahrhundert die meisten Menschen bei ihrer Lohnarbeit erlebt hatten. Bei ihrem hybriden Snack-Game stellte sich dar√ľber hinaus ein Gef√ľhl der Bindung und Zugeh√∂rigkeit ein ‚Äď was gab es Sch√∂neres, als in einer Welt, in der man sich von Technik alle Arbeit abnehmen lassen konnte und niemand mehr Sklave oder Assistentin anderer sein musste, Arbeit freiwillig als Liebesdienst zu verrichten?

Je nach Laune geriet ihr Care-Spiel aus dem Fluss. Entweder tat die Person so, als nähme sie die zunehmend missmutigen Kopfbewegungen der Katze nicht wahr oder die Katze blieb, wenn ihr der Snack hingehalten wurde, faul auf allen vier Pfoten stehen, einfach, weil sie es konnte, sie war schließlich kein willenloses Zirkustier.

Trotzdem wollten beide, obwohl es das Ritual effizienter gemacht h√§tte und die Technik bereits jahrzehntelang zur Verf√ľgung stand, keinen robotischen Ersatz f√ľr ihr Gegen√ľber. Sie verzichteten ja auch nicht ohne Grund auf die Nutzung der Interspezies-√úbersetzungs-App. Ein einziger Abend vor vielen Jahren, an dem sie bei Cola und Katzenmilch ihre Erinnerungen, Werte und Befindlichkeiten abgeglichen hatten, war genug gewesen, um ihnen begreiflich zu machen, dass sie auch ohne App immer hervorragend miteinander kommuniziert hatten.

Mit der Hand √ľber das Fell der schnurrenden Katze streichend erinnerte sie sich an Paro, den Sattelrobbenbaby-Roboter. Paro spielte eine bedeutende Rolle in den "Lebens-Geschichten" ‚Äď den instantanen, sich in Echtzeit aktualisierenden Chroniken der Menschheit. Er war 2001, im selben Jahr wie ihre Urgro√ümutter, auf die Welt gekommen. Die Ururgro√ümutter arbeitete damals in einer Pflegeeinrichtung, in der Paro eingesetzt wurde. In der Anschaffung kostete "der soziale Roboter" ungef√§hr den gleichen Betrag Geld, den ihre Ururgro√ümutter als examinierte Fachkraft in drei Monaten verdiente. Er war also nach sp√§tkapitalistischen Ma√üst√§ben g√ľnstig, denn in Sozialberufen verdiente man so schlecht, dass man selbst bei durchgehender Besch√§ftigung bis zur Rente in Armut lebte und starb. Insbesondere, wenn man wie ihre Ururgro√ümutter allein f√ľr ein Kind zu sorgen hatte. Heute konnte sich niemand mehr eine Gesellschaft vorstellen, die ausgerechnet Care-T√§tigkeiten so wenig wertsch√§tzte oder Eltern der sicheren √úberforderung aussetzte.

Die freiwillige Sorge f√ľreinander

Erst als Rentnerin fand ihre Ururgro√ümutter die Zeit, ihre komplexen Beobachtungen und Erfahrungen als alleinerziehende Mutter und Altenpflegerin in der fr√ľhen Digitalisierung zu analysieren und niederzuschreiben, um daraus ein neues Konzept namens "Kommunikations-Pflege" abzuleiten. Darin legte sie zuk√ľnftigen Generationen nahe, k√ľnstliche Intelligenz nur f√ľr T√§tigkeiten einzusetzen, die Menschen als qu√§lend oder f√ľr soziale Beziehungen sch√§digend betrachteten. F√ľr die Menschen selbst forderte sie die gesamtgesellschaftliche Konzentration auf ein bislang nicht oder nur sehr eingeschr√§nkt als Arbeit geltendes Gebiet: die freiwillige Sorge f√ľreinander. Es war Paro gewesen, besser gesagt, die Beobachtung von Menschen, die mit Paro Umgang hatten, der ihre Ururgro√ümutter dazu gebracht hatte, bestimmte Ph√§nomene anders zu sehen und anders einzuordnen.

Der Babyrobben-Roboter wurde vor allem bei der Pflege dementer Menschen eingesetzt, die ihn streicheln und mit ihm kuscheln durften, was sie entspannte und beruhigte. Ihre Ururgro√ümutter bemerkte, dass Paro wie ihr Menschenbaby zuhause fast schmerzhaft niedlich war, aber das galt auch f√ľr manche Stofftiere. Was Paro besonders machte, war, dass er empfindlich auf Ber√ľhrungen und Namen reagierte. Er bewegte dann Kopf, Augen und Schwanz und machte T√∂ne. Damals wurden in der tiergest√ľtzten Therapie noch keine vordergr√ľndig niedlichen Tiere eingesetzt, es ging eher um ein diffuses, wohltuendes Verstehen, dass man, weil man mit einem anderen Lebewesen Blicke und Ber√ľhrungen austauschte, selbst lebendig war.

Mit Paro und den Demenzkranken hatte man nun den Sonderfall, dass Personen, die m√∂glicherweise gar nicht mehr wussten, was Menschsein bedeutet ‚Äď im Sp√§tkapitalismus, diese kritische Anmerkung muss gestattet sein, wussten dies auch sehr viele Menschen ohne Demenz nicht zwingend ‚Äď auf ein Robotertier mit Kindchenschema trafen. Durch den Anblick von Paro und die Interaktion mit ihm wurden sie dazu gebracht, sich wie Menschen mit einem sinnvollen Leben zu f√ľhlen. Sie glaubten, so hatte es zumindest den Anschein, Care-Arbeit f√ľr ein sehr schutzbed√ľrftiges Lebewesen zu leisten. Das machte sie gl√ľcklich.

Die bei der Markteinf√ľhrung von Paro zu beobachtende Unbehaglichkeit des Pflegepersonals legte sich bald, weil kein Zweifel dar√ľber bestehen konnte, dass die Lebensqualit√§t der dementen Personen sich verbesserte. Man t√§uschte sie ja auch nicht wirklich, niemand setzte ihnen lebensechte Roboter mit den Gesichtsz√ľgen naher Verwandter gegen√ľber. Die Robbe, die im Gegensatz zu den echten Angeh√∂rigen mit einem unersch√ľtterlichen Gleichmut ausgestattet war, wurde schlicht mit den Worten "Das ist Paro" vorgestellt. Was die einzelnen Personen in Paro sahen, bestimmten deren eigene Gehirne.

Das Schöne am menschlichen Miteinander

Man k√∂nnte meinen, dass ihre Ururgro√ümutter daraufhin zu dem Schluss gekommen w√§re, alle Menschen br√§uchten, um psychisch ausgeglichener und insgesamt leistungsst√§rker zu werden, t√§uschend echte Roboter f√ľr verschiedene N√§he- und Kommunikationskontexte: Kuschelroboter, Spielroboter, Unterrichtsroboter, Gespr√§chsroboter, Therapieroboter, Sexroboter. Das Gegenteil war der Fall, in ihr entstand die feste √úberzeugung, dass die Arbeitsverh√§ltnisse sich kategorial √§ndern mussten, damit Menschen nicht l√§nger wie minderwertige Roboter wirkten. Man musste weg von einer Arbeitswelt, die als so qu√§lend empfunden wurde, dass es schier das Menschsein aus einem raussaugte. Arbeit sollte so verstanden und organisiert werden, dass man sich auf das Sch√∂ne am Mensch- und Lebendigsein konzentrieren konnten, das Miteinander- und F√ľreinanderdasein, das freiwillige T√§tigsein und Schaffen. Arbeit w√ľrde einen auch weiterhin ersch√∂pfen, aber nicht schon beim blo√üen Gedanken an sie.

Zwar wurden auch damals Pfleget√§tigkeiten ausnahmslos als sinnvoll bezeichnet, aber dies schlug sich nicht in den Arbeitsbedingungen nieder, wodurch es Menschen in diesen Berufen schwerfiel, dem Anspruch des menschlichen Pflegens gerecht zu werden. Sie waren professionell ausgebildet und dadurch weniger anf√§llig als die Angeh√∂rigen von Patientinnen, durch die Belastung verbal oder physisch gewaltt√§tig zu werden, aber sie hatten viel zu wenig Zeit f√ľr eine mehr als √ľber das N√∂tigste hinausgehende F√ľrsorge.

Hier setzten die √úberlegungen ihrer Ururgro√ümutter an: Was w√§re, wenn man, sobald die Technologie ausgereift war, Roboter in jenen Bereichen der Pflege einsetzte, die Menschen unangenehm waren. Eine Pflegekraft, die einer anderen Person nicht mehr in potenziell peinlichen Situationen assistieren m√ľsste, k√∂nnte unbelasteter und auf Augenh√∂he mit ihr sprechen. Patientinnen w√ľrden sich autonom mit einem Knopfdruck oder Blinzeln der Augen die ben√∂tigte automatisierte Hilfe holen k√∂nnen, was die Vorstellung von Hilfsbed√ľrftigkeit und damit den Status von Alten, Kranken und Menschen mit Behinderungen radikal ver√§ndern w√ľrde. Als die Kommunikations-Pflege einige Jahre sp√§ter in Modellversuchen umgesetzt wurde, zeigte sich ein wundersch√∂ner Nebeneffekt: Eine helfende Hand wurde zunehmend gern angeboten und gern akzeptiert, nachdem Menschen weder gezwungen waren zu helfen noch Hilfe anzunehmen.

Ihre Ururgro√ümutter hatte sich au√üerdem vehement gegen eine philosophische Erhebung der k√ľnstlichen Intelligenz zum besseren Menschen gewandt und daf√ľr pl√§diert, stattdessen die menschliche Hand ins Zentrum allen Denkens zu stellen. Damit machte sie sich auch ein wenig √ľber die Metapher der "unsichtbaren Hand" lustig, die damals seit √ľber 250 Jahren durch Wirtschaftstheorien geisterte, als w√ľrde es sich bei ihr um einen festen Begriff handeln, obwohl sie urspr√ľnglich gar nicht von Adam Smith, sondern aus einem religi√∂sen Kontext stammte und auch bei Smith verschiedene Bedeutungen annahm. In ihrer wenig bis nichtssagenden Allgegenw√§rtigkeit, fand ihre Ururgro√ümutter, √§hnelte die "unsichtbare Hand" zeitgen√∂ssischen buzzwordswie "Digitalisierung" und "K√ľnstliche Intelligenz", die ebenfalls einen diffusen Raum zwischen √Ėkonomie, Gesellschaftspolitik, Religion und Magie er√∂ffneten. Ihre Ururgro√ümutter beschrieb dies treffend als "Begriffsfiktion".

Globale Revolution

Das damalige Prestigedenken verhinderte, dass Verlage die Schriften zu ihren Lebzeiten ver√∂ffentlichten. Von sozialen Medien wurde man aber durch einen fehlenden akademischen Hintergrund nicht ausgeschlossen, das Blog und die Tweets ihrer Ururgro√ümutter wurden von Millionen Menschen gelesen. Mehr und mehr Pflegeeinrichtungen mit privaten Tr√§gern griffen die √úberlegungen zur Kommunikations-Pflege auf, taten sich mit Entwicklerinnen und Ingenieurinnen zusammen, besorgten das n√∂tige Geld √ľber Crowdfundings und gewannen Aging-Aktivistinnen und Menschen mit Behinderungen als Botschafterinnen f√ľr die Bewegung.

Die im Pflegebereich begonnene Revolution wurde von ihrer Ururgro√ümutter im st√§ndigen Austausch mit vielen anderen Menschen ‚Äď die Kommunikation fand in Chatgruppen statt ‚Äď unter dem Namen "Lebens-Wende" auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausgedehnt. Eine globale Bewegung entstand, denn nach und nach erkannten Menschen aller Kulturen den kategorialen Fehler, die menschliche Tendenz, dominieren zu wollen, auf Maschinen zu projizieren und damit erst den Grund zur Sorge vor deren √úbernahme geliefert zu haben. Wenn eine Maschine a priori nur eine von menschlicher Hand geschaffene k√ľnstliche Assistenz war, die man nutzen konnte oder auch nicht, warum sollte die Maschine den Aufstand planen oder den Menschen ersetzen wollen? Ohne die menschliche Hand gab es keine Maschinen, daran hatte die Menschheit sich nur erinnern m√ľssen.

Maschinen machten jetzt per definitionem die unwichtige Arbeit, das hei√üt die Arbeit, die Menschen nicht machen wollten oder konnten. Die Maschinen selbst wurden als unwesentlich definiert ‚Äď eine Denkfigur, die man dem Patriarchat in der Lesart Hannah Arendts entlehnte. Menschen als unwesentlich zu setzen, war diskriminierend gewesen, Maschinen als unwesentlich zu setzen, war vern√ľnftig.

Das Vorbild bei der Konzeption k√ľnstlicher Intelligenz war die abgetrennte Hand aus der Addams Family, Thing T. Thing, in der deutschen Fassung "das eiskalte H√§ndchen". Thing war kein Ding, kein Haustier, kein Mensch, aber ein Freund. Mit seinen eingeschr√§nkten M√∂glichkeiten erledigte Thing einfache T√§tigkeiten und holte etwa die Post rein. Thing machte plausibel, dass sich die Vorstellungen von Belebtem und Unbelebtem zwar sehr ver√§ndert hatten, aber die Maschinen trotzdem keine Supermenschen waren. Es ging zuk√ľnftig nicht mehr prim√§r darum, die Ber√ľhrung einer menschlichen Hand m√∂glichst perfekt zu simulieren. Vielmehr sollte eine Gesellschaft, eine Welt, kreiert werden, in der Menschen andere Lebewesen ber√ľhrten und in der Menschen und andere Lebewesen von Menschen und Robotern ber√ľhrt wurden, auf eine Art und Weise, in Situationen und zu Zeitpunkten, die angenehm und nicht qu√§lend waren. Menschen hatten das unverbr√ľchliche Recht, in jedem Augenblick neu zu entscheiden, wobei sie Hilfe haben wollten und wobei nicht. Wer unsicher war, eine bestimmte maschinelle Hilfe einzufordern, konnte sie in einer Tagtraumsimulation ausprobieren. Der Name der App war von Shirley Jackson inspiriert und lautete Phantastic Sleep. Die Anwendung erleichterte die Einsch√§tzung, ob man sich mit dem realen K√∂rper und Sein an die fragliche Situation heranwagen wollte.

Menschen mit robotischen Gliedmaßen wurden nicht mehr Cyborgs genannt und so unnötig dem Menschsein entfremdet. Sie waren Menschen und ein Mensch war ein Mensch war ein Mensch. Auch das 2012 als Kunst dargestellte Experiment, aus einer toten Katze einen Hubschrauber zu machen, erschien jetzt unethisch. Katzen waren Lebewesen und ein Lebewesen war ein Lebewesen war ein Lebewesen.

Zwangloser Sozialismus ohne Wettbewerb

Seit als gesichert galt, dass Maschinen den Menschen ein materiell sorgloses Leben erm√∂glichen w√ľrden, ohne sie im Schlaf zu ermorden, verloren die Menschen das Interesse am √∂konomischen Wettbewerb. Sich miteinander zu messen, war nur noch im spielerischen, sportlichen oder kreativen Rahmen plausibel, man tat es, wenn man Lust dazu hatte und andere Lust hatten, mitzumachen. Das lie√ü den Kapitalismus fast beil√§ufig kollabieren, ohne dass daf√ľr Manifeste geschrieben oder neue Menschen geformt werden mussten. Indem sich alle, so wie sie waren, auf das Menschsein und Menschlichsein konzentrieren konnten, emergierte ein zwangloser Sozialismus. Mehr zu haben als andere wurde zu einer unsinnigen Vorstellung, was sollte das noch bringen? Unter den nach alter Vorstellung Reichen, vor allem dem sogenannten 1 %, gab es trotzdem sehr unterschiedliche Reaktionen. Einige verstanden die philosophische Unausweichlichkeit der Lebens-Wende sofort und spendeten, solange Geld noch genutzt wurde, alles Kapital, um die Entwicklung der k√ľnstlichen Assistenzen zu beschleunigen. Andere hielten an ihrer Ignoranz fest, lie√üen sich Raumschiffe bauen, verlie√üen beleidigt die Erde und kolonialisierten den Mars.

Als wenige Jahre sp√§ter Maschinen wirklich sehr effizient √ľbernahmen, was Menschen nicht tun wollten oder konnten, machten Menschen die Erfahrung, dass sich eine weitere unheimliche Angst als unbegr√ľndet erwiesen hatte. Die unlimitierte Freizeit, das hei√üt nicht von Lohnarbeit, sondern Mu√üe bestimmte freie Zeit, verwandelte sie nicht in √ľberfressene, √ľberpflegte und √ľberdr√ľssige Blobs, die sich zu Tode langweilten, weil ihnen die Werkt√§tigkeit als Sinn des Lebens abging. Selbst katholisch sozialisierte Menschen ‚Äď auch dieser kritische Hinweis sei bitte noch erlaubt ‚Äď hatten ja vormals l√§ngst kulturell gelernt, die protestantische Werkmoral als das Kreuz des Kapitalismus anzunehmen und zu tragen.

Vielmehr konnten Menschen sich den ganzen Tag √ľber sinnvoll mit Sachen besch√§ftigen, die im Kapitalismus nicht als Arbeit gegolten hatten: miteinander reden, diskutieren, streiten, tr√§umen, Geschichten ausdenken, erz√§hlen, erinnern, lachen, tanzen, singen, spielen ‚Ķ Nach dem Ende des Kapitalismus konnten sich die Menschen endlich wieder ertragen.

Die Maschinen leisteten gute Arbeit, die Menschen aber hatten die gute Arbeit, weil sie nichts leisten mussten, sondern schaffen konnten.

Was fr√ľher Lohnarbeit von Menschen gewesen war, war jetzt Maschinenarbeit oder Neigungst√§tigkeit von Menschen. Und was fr√ľher nur als Lippenbekenntnis bedeutend genannt wurde, die menschliche Kommunikation und t√§tige Sorge f√ľreinander, machte jetzt ein Menschenleben und das Menschsein aus. Nicht nur junge Menschen lernten, sondern alle Menschen lernten nun permanent, lernten voneinander. Die Lebens-Geschichten bezeugten und erm√∂glichten dies. Leben war kein ganzheitliches Konzept, sondern ein bewegliches und offenes.

Futuresplaining

Der Gedanke an ihre Ururgro√ümutter erf√ľllte sie mit Stolz, nicht so sehr, weil sie mit ihr verwandt war, sondern weil sie Teil einer Bewegung gewesen war, die jetzt Menschen so frei leben lie√ü, dass Verwandtschaft weder diskursiv abgewertet noch zur pers√∂nlichen Distinktion benutzt wurde. Sie schaute auf die Katze, die unter ihrer streichelnden Hand eingeschlafen war. Gleich w√ľrde ein Mitmensch zu Besuch kommen, um das Lernspiel fortzusetzen. Sie sa√üen dabei gem√ľtlich auf dem Sofa und lernten nicht nur individuell und voneinander, sondern konnten ihre beim Spielen aufkommenden √úberlegungen und Kommentare offen zug√§nglich machen und so die Lebens-Geschichten f√ľr alle erweitern. "Futuresplaining", wie das sehr popul√§re Spiel hie√ü, ging so: eine mitspielende Person w√§hlte eine fiktive oder reale Figur der Kulturgeschichte aus und stellte sich als diese vor. In der Art und Weise, wie sie die Figur pr√§sentierte, lag eine Tendenz, diese einzuordnen. Die andere mitspielende Person wurde nun aufgefordert, auf die Figur zu reagieren, wie sie es in einem realen Gespr√§ch tun w√ľrde. Sie hatten f√ľr heute vereinbart, immer abwechselnd zu re-enacten und zu erkl√§ren. Sie w√ľrde anfangen:

"Bonjour, ich bin Jean Floressas Des Esseintes, ich bin die Hauptfigur aus dem Roman Gegen den Strich von Joris-Karl Huysmans, ver√∂ffentlicht im Jahre 1884. Ich bin √Ąsthetizist und Menschenfeind, leide an existenzieller Langeweile und √úberdruss-Ekel. Gerade habe ich mir einen dekadenten Garten anlegen lassen, in dem nur besonders abscheuliche Pflanzen stehen d√ľrfen, aber mir ist schon wieder langweilig, ich f√ľhle mich sehr ersch√∂pft und krank."

"Du meine G√ľte, Jean, was ist dein Problem? Du bist so handlungsarm wie dein Roman. Wenn dein Leben so √∂de ist, warum legst du den Garten nicht selbst an, statt den G√§rtnern beim Arbeiten zuzusehen? Dann w√ľrdest du abends ersch√∂pft und beseelt auf der Chaiselongue einschlafen, das kann ich dir ganz ohne medizinische Ausbildung verraten. Aber du bist ganz offensichtlich au√üerstande, Schaffen nicht als Konsumieren von Stilen zu denken, wie so ein cool boy des sp√§ten 20. Jahrhunderts. Dein Leiden ‚Äď lupenreine male tears!"

Die bewusst maschinell klingend programmierte Stimme der k√ľnstlichen Spiel-Assistenz ert√∂nte: "Vielen Dank f√ľr deine Erkl√§rung aus der Zukunft, sie ist jetzt in den digitalisierten Lebens-Geschichten abrufbar. Es kann weitergehen."

"Salut, ich bin Alain de Botton und habe 2009 ein hochgelobtes Buch √ľber Arbeit in der globalisierten Welt geschrieben. Ich bin daf√ľr um die ganze Welt gereist und tief in sonst unsichtbare Sph√§ren der Arbeit eingetaucht.‚Äú

"Echt jetzt, Alain, so ein Buch wie deines konnte man nur im späten Kapitalismus schreiben, als man in professionellen Kontexten absurderweise manche Personen immer noch als Frauen etikettierte und sie dann genau deswegen weniger relevant fand. Wie wäre es sonst zu erklären, dass dir in deinem sonst wirklich elaborierten Buch zu Care-Arbeit nur Career Counselling einfällt …“

"Vielen Dank f√ľr deine Erkl√§rung aus der Zukunft, sie ist jetzt in den digitalisierten Lebens-Geschichten abrufbar. Es kann weitergehen."

"Hi, ich bin Audre Lorde und habe Sister Outsider geschrieben. Du kennst das Buch, es wird oft zitiert. Ich lege Wert darauf, dass man mich als Schwarze lesbische Mutter und Dichterin sieht und möchte wissen, ob die Menschen endlich verstanden haben, warum das so ist."

"Du hast uns die Zukunft erkl√§rt, Audre Lorde, wirklich erkl√§rt, so dass immer mehr Menschen es f√ľhlen konnten. Ohne The Master's Tools Will Never Dismantle the Master's House h√§tten wir nicht die Vorstellungskraft und den Drive entwickelt, das alte System kaputtzudenken. Es g√§be keine Kommunikations-Pflege, keine k√ľnstliche Assistenz, keine Lebens-Wende, keine Lebens-Geschichten. Es g√§be immer noch Kapitalismus, Patriarchat, Diskriminierung und entfremdete Arbeit. Oder es g√§be keine Menschheit mehr."

"Vielen Dank f√ľr deine Erkl√§rung aus der Zukunft, sie ist jetzt in den digitalisierten Lebens-Geschichten abrufbar. Es kann weitergehen."

‚ÄěHello, ich bin Graf Dracula, verk√∂rpert von Bela Lugosi im nach mir benannten Film von 1931. An einer Stelle sage ich sehr hintersinnig: ‚ÄėTo die, to be really dead, that must be glorious! [‚Ķ] There are far worse things awaiting man than death‚Äė. Wie ich lebst du ewig, aber nicht fiktional, sondern wirklich, wie findest du das?"

"Herr Dracula, Sie deuten da wohl an, dass ewiges Leben auf Erden schlimmer als der Tod sei. Bei n√§herem Hinsehen, so erscheint es mir, ist es aber nicht das Leben selbst, was Sie und andere melancholische Vampire langweilt. Was Ihnen fehlt sind gleichgesinnte Andere. Ihr Problem ist, dass Sie ein konsumeristisches Menschenbild haben. Sie gewinnen Menschen nur durch T√§uschung oder Gewalt f√ľr sich, wobei diese Ihnen unter den Z√§hnen wegsterben. Die philosophische Frage, ob Leben per se an Qualit√§t verliert, wenn man es nicht vom Tod her denkt, sondern auch mit ewigem Refill haben kann, lassen Sie unbeantwortet."

‚ÄěVielen Dank f√ľr deine Erkl√§rung aus der Zukunft, sie ist jetzt in den digitalisierten Lebens-Geschichten abrufbar. Es kann weitergehen."

Beobachten, was man nicht wissen kann

Ihr Besuch streichelte gedankenverloren die langsam erwachende Katze und legte eine Spielpause ein. "Ist unser tolles neues ewiges Leben vielleicht zwar nicht langweilig, weil wir Gesellschaft haben, aber trotzdem irgendwie schrecklich?"

"Keine Ahnung, wir sind ja die Eternals, die Ersten, die es haben k√∂nnen, und wir werden es schon herausfinden, gemeinsam, so wie alles. Wir werden es beobachten, uns beobachten und dar√ľber reden, wir werden uns dabei unterst√ľtzen, hinterfragen, streiten, vers√∂hnen, best√§rken. Und wenn ein Mensch nicht mehr leben will, wird auch das Ende wirklich freiwillig sein, zwanglos, so wie jetzt unser Leben. Man kann in unserer Gesellschaft Sex und Liebe kombinieren oder nicht, ein Kind in der Geb√§rmutter austragen oder nicht, Kinder bekommen oder nicht, in Familien leben oder nicht, Maschinenarbeit √ľbernehmen oder nicht. Das sind alles keine Beliebigkeiten. Die freie Wahl zu haben, solange dies nicht auf Kosten anderer Menschen oder Tiere geht, bedeutet wirkliche menschliche Autonomie. Und wir wissen ja jetzt, dass wir, um gute Leben zu haben, im Gespr√§ch und in Bewegung bleiben m√ľssen."

"Ja, da hast du wohl recht. Es ist ein Ausloten beim Kommunizieren. Ich kann zum Beispiel wegen der √∂kologischen Sch√§den nicht st√§ndig reisen, aber habe die allen empfohlene Grand Tour auf der Schwelle zum Erwachsenenalter gemacht, um m√∂glichst vielen Menschen, mit denen ich virtuell verbunden bin, einmal die Hand zu reichen. Dadurch, dass wir alle fast st√§ndig miteinander kommunizieren, uns austauschen, gegenseitig auf uns einwirken, sind wir im Vergleich zu den Menschen von vor hundert Jahren wieder Generalistinnen. Es kommt uns merkw√ľrdig vor, dass man damals zugunsten von Konsum darauf verzichtete, m√∂glichst viel √ľber die Welt zu wissen und zu verstehen. Ich selbst kann auch nicht jede Maschine im Detail verstehen, aber ich kann sie mir von den Menschen, die sie geschaffen haben oder anleiten, m√∂glichst gut erkl√§ren lassen. Ich k√∂nnte nicht jede handwerkliche Arbeit verrichten, aber habe Freude daran, gewisse Sachen selbst bauen und die Konstruktion vieler anderer nachvollziehen zu k√∂nnen. Dass man nicht alles wissen kann, ist kein Grund, sich nicht m√∂glichst viel erz√§hlen zu lassen."

Die Katze sprang vom Sofa und begann, Kopfbewegungen in Richtung K√ľche zu machen.

"Menschen geht es gut, seit man Geschichte als Geschichten versteht, wodurch alle Individuen ihren Selbst-Wert und ihre Bedeutung in der Gemeinschaft f√ľhlen. Die Lebens-Geschichten verbinden √ľber alle Sph√§ren und Formate hinweg Menschen so eng und sch√∂pferisch, dass unsere Leben fast literarisch anmuten. Wir leben den Traum des Aristoteles von sch√∂pferischer Mu√üe ohne Lohnarbeit, aber wir sind uns nicht zu fein, auch anderes als Philosophie und Musik Schaffen zu nennen, was vermutlich Marx freuen w√ľrde. Wir √ľben freiwillig T√§tigkeiten aus und erz√§hlen davon, wir sind die 27-b√§ndige Encyclop√©die, die darin portr√§tierten Menschen und zugleich Diderot und d‚ÄôAlembert. Weil wir Mu√üe haben und sch√∂pfen d√ľrfen, ohne zu m√ľssen, weil wir einander gegenseitig Muse sind, will auch niemand mehr Gott spielen. Wir sind Menschen. Vielleicht ist 'ewig' ein zu statischer Begriff, vielleicht ist es fortw√§hrendes Leben."

Sie stand auf.