Was wäre, wenn Städte gut für das Klima wären?

Ernäh­rung der kur­zen Wege

Mais aus Süd­ame­ri­ka, Erd­bee­ren aus Chi­na – glo­ba­li­sier­te Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on frisst Kli­ma auf. Doch lie­ßen sich gan­ze Metro­po­len aus dem Umland ernäh­ren? Ein Inter­view mit dem Agrar­for­scher Ingo Zasada.

Einzelne Halme auf einem Roggenfeld, im Hintergrund ein Wald
Ein Roggenfeld bei Lotschesee in Brandenburg. | Foto: onnola, CC BY-SA 2.0

Herr Zasa­da, im ver­gan­ge­nen Jahr erschien eine Stu­die, an der Sie mit­ge­ar­bei­tet haben, in der das Poten­zi­al von Metro­po­len unter­sucht wur­de, sich regio­nal mit Lebens­mit­teln zu ver­sor­gen. Mit wel­chem Inter­es­se haben Sie die­se Fra­ge gestellt?

Ingo Zasa­da: Es steht immer wie­der hin­sicht­lich Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz und Kli­mare­le­vanz die Fra­ge im Raum, inwie­fern kurz­ket­ti­ge oder regio­na­le Ver­sor­gung bes­ser oder schlech­ter ist als das aktu­el­le Modell eines glo­ba­len Han­dels, wo der Apfel aus Neu­see­land kommt. Wenn wir nun zu der Erkennt­nis kom­men, dass regio­na­le Pro­duk­ti­on im Gro­ßen und Gan­zen eine posi­ti­ve Wir­kung hat, schließt sich ja die Fra­ge an, inwie­fern Metro­pol­re­gio­nen über­haupt in der Lage wären, sich selbst zu ernäh­ren. Das war der Start­punkt für die Stu­die. Das haben wir für Ber­lin, Mai­land, Rot­ter­dam und Lon­don durch­ge­rech­net, um zu sehen, wo die Unter­schie­de zwi­schen den euro­päi­schen Regio­nen bestehen, abhän­gig davon, wie vie­le Men­schen dort leben, was die bio-geo­gra­phi­schen Bedin­gun­gen und wie die Erträ­ge dort sind und was theo­re­tisch über­haupt nutz­bar wäre. 

Wie haben Sie die­se sehr unter­schied­li­chen Bedin­gun­gen und Eigen­schaf­ten der Metro­pol­re­gio­nen ver­gleich­bar gemacht?

Wir haben vor allem mit der Idee des vir­tu­el­len Flä­chen­fuß­ab­drucks gear­bei­tet, der dar­auf basiert, dass man die Kon­sum­sei­te im Zusam­men­hang mit der Pro­duk­ti­on und der Wert­schöp­fungs­ket­te betrach­tet. Wir haben jeweils die durch­schnitt­li­chen Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten genom­men und in bestimm­te Pro­dukt­grup­pen zusam­men­ge­fasst, also zum Bei­spiel: Was kon­su­miert eine Per­son in Deutsch­land im Durch­schnitt? Und das haben wir mul­ti­pli­ziert mit der Bevöl­ke­rung in der Regi­on und so wuss­ten wir erst ein­mal, was man wo über­haupt ins­ge­samt an Lebens­mit­teln pro Jahr braucht. 

Die ande­re Sei­te ist die Pro­duk­ti­on: Was kön­nen wir grund­sätz­lich pro­du­zie­ren und was sind die Erträ­ge? Bran­den­burg hat etwa noto­risch schlech­te Ertrags­ra­ten. Die unter­schei­den sich aller­dings inner­halb des Lan­des sehr. Im Oder­bruch kann man sehr gut pro­du­zie­ren, auf dem Bar­nim hin­ge­gen sind sehr san­di­ge Böden und die Erträ­ge ver­gleichs­wei­se gering. 

Junger Mann mit zurückgekämmten Haaren

Dr. Ingo Zasa­da ist Stadt­pla­ner und Agrar­wis­sen­schaft­ler und arbei­te­te am Leib­niz-Zen­trum für Agrar­land­schafts­for­schung (ZALF) zu Stadt-Land-Bezie­hun­gen, städ­ti­sche Agrar­sys­te­me und ‑poli­tik. Aktu­ell wid­met er sich The­men der Inno­va­ti­ons­po­li­tik beim Pro­jekt­trä­ger am Deut­schen Zen­trum für Luft- und Raum­fahrt (DLR).

Jede Regi­on hat ihr eige­nes Potenzial

Die Bedar­fe und die Erträ­ge sind also sehr spe­zi­fisch auf die Regio­nen gerechnet.

Genau. Zudem haben wir auch auf die Ver­lus­te geschaut, zu denen es Zah­len von der FAO, der Agrar­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on der UN, gibt. All das ist Teil die­ses Modells. Der Bedarf wird also in ein Ver­hält­nis mit den Pro­duk­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Regi­on gebracht und dann wis­sen wir, wie viel Flä­che benö­tigt wür­de. Das ist dann der vir­tu­el­le Fuß­ab­druck die­ser Metropolregion.

Was wir dage­gen nicht ange­schaut haben ist: Wel­che Antei­le von dem, was in der Regi­on pro­du­ziert wird, lan­den tat­säch­lich in der Stadt? Da ist auch die empi­ri­sche Basis sehr schlecht, da gibt es nur Schätz­wer­te, die lie­gen für Ber­lin und Bran­den­burg im Bio­be­reich bei 30 Pro­zent, ins­ge­samt eher bei zehn Pro­zent. Das zeigt grund­sätz­lich eine Richtung.

Sie haben in der Stu­die fest­ge­stellt, dass Ber­lin das Poten­zi­al hät­te, sich aus der Regi­on selbst zu ver­sor­gen. In ande­ren Städ­ten, etwa in Lon­don, sieht das schwie­ri­ger aus. Wäre dem­nach das Ergeb­nis der Stu­die, dass wir grund­sätz­lich die Mög­lich­keit sehen, gro­ße Städ­te regio­nal zu ver­sor­gen, oder dass wir es in Ber­lin machen könn­ten, in Lon­don aber eben nicht?

Eher das zwei­te. Man muss es wirk­lich sehr dif­fe­ren­ziert betrach­ten. Und man muss auch dazu­sa­gen, dass Ber­lin-Bran­den­burg ein Stück weit eine Son­der­rol­le hat. Es ist ein Flä­chen­land, eher dünn besie­delt, rela­tiv weni­ge kon­kur­rie­ren­de Regio­nen in der Nähe. Rot­ter­dam ist da ein Gegen­bei­spiel: Süd­hol­land, unglaub­lich dicht besie­delt, mit Ams­ter­dam, Den Haag, Paris und Brüs­sel wei­te­re gro­ße Städ­te in der Nähe, theo­re­tisch wür­de man da mit die­sen Regio­nen um die Anbau­flä­chen kon­kur­rie­ren. In Lon­don hin­ge­gen gibt es ein­fach eine sehr gro­ße Bevöl­ke­rung. Was man auch nicht ver­ges­sen darf, und da war das Bei­spiel Mai­land inter­es­sant: Es gibt unter­schied­li­che geo­gra­phi­sche Situa­tio­nen, ich kann ein­fach im Hoch­ge­bir­ge nicht inten­siv anbau­en. Das kann man dann für ver­schie­de­ne Städ­te durch­spie­len. Es gibt eben sehr unter­schied­li­che Poten­zia­le, um die Ver­sor­gung über­haupt theo­re­tisch regio­nal zu gewährleisten.

Es muss eben auch anders gekocht werden”

Grund­sätz­lich ist das Poten­zi­al also im Fal­le von Ber­lin vor­han­den. Aber wir sehen ja auch, dass der Bedarf nach Bio­le­bens­mit­teln wächst. Wür­de sich die­se Ver­schie­bung eben­falls aus der Regi­on bewäl­ti­gen lassen? 

Nach unse­ren Berech­nun­gen funk­tio­niert das für eine Regi­on wie Ber­lin-Bran­den­burg unter bestimm­ten Bedin­gun­gen. Grund­sätz­lich brau­chen wir für Bio­land­bau mehr Flä­che. Das ist ein­fach so. Aber der Clou – und da sehe ich auch die Stär­ke, die Land­wirt­schaft und den Kon­sum in einem Sys­tem zusam­men­zu­den­ken – liegt dar­in, die Ansatz­punk­te zu iden­ti­fi­zie­ren. Ich kann hier zwar zwi­schen kon­ven­tio­nel­lem Anbau und Bio unter­schei­den, aber ent­schei­den­der ist: Werft weni­ger Lebens­mit­tel weg! Und die Unter­schei­dung in Pro­dukt­grup­pen zeigt auch sehr deut­lich, dass mehr als die Hälf­te der Flä­che, die wir ver­brau­chen, für tie­ri­sche Pro­duk­ti­on ver­wen­det wird. 

Inter­es­sant ist dabei die unter­schied­li­che Ernäh­rung in den ver­schie­de­nen Regio­nen, die wir unter­sucht haben. Man denkt ja, man ist in West­eu­ro­pa, das ist hier alles das Glei­che. Dem ist tat­säch­lich nicht so. In Groß­bri­tan­ni­en wird zum Bei­spiel deut­lich weni­ger Schwei­ne­fleisch geges­sen als in Deutsch­land. Da zeigt sich, inwie­fern ein Gericht auch ohne Fleisch ein Gericht sein kann. Und es gibt Regio­nen, da wür­de die Leu­te das nicht mit ja beant­wor­ten. Aber wenn wir da hin­kä­men, dann hät­ten wir schon eini­ges gewon­nen – ohne dass alle Vege­ta­ri­er oder Vega­ner wür­den, was natür­lich ein idea­ler Fall wäre. 

Wich­tig ist also die Fra­ge: Wie kom­men wir davon run­ter? Ob man das als Ver­zicht bezeich­net, sei mal dahin­ge­stellt. Aber das stellt eben einen rela­tiv gro­ßen Hebel dar. Zudem wer­fen wir in Deutsch­land die Hälf­te unse­rer Lebens­mit­tel weg. Wenn wir das ein­spa­ren, haben wir einen posi­ti­ven Kli­ma­ef­fekt von 50 Pro­zent. Das wäre schon ein­mal ein ordent­li­cher Bei­trag, den das Ernäh­rungs­sys­tem leis­ten könn­te. Und ein regio­na­les Ernäh­rungs­sys­tem wird eher in der Lage sein, Ver­lus­te zu reduzieren. 

Wie kom­men die­se Ver­lus­te zustan­de? Müss­te es nicht jetzt schon Inter­es­se der Pro­du­zen­tin­nen und der Bau­ern sein, die­se gering zu halten?

Viel hängt von der Stan­dar­di­sie­rung ab. Kar­tof­feln oder Möh­ren, die natür­li­che Ver­wach­sun­gen haben, wer­den aus­sor­tiert, sind sofort zwei­te oder drit­te Klas­se und dann nicht mehr ver­kauf­bar. Da ist das Wert­schöp­fungs­po­ten­zi­al plötz­lich so gering für den Land­wirt, dass die Sachen teil­wei­se ein­fach auf dem Acker blei­ben und unter­ge­pflügt wer­den. Dage­gen gibt es Initia­ti­ven wie die Culi­na­ry Mis­fits, die expli­zit Sachen an die Konsument*innen brin­gen, die sonst ver­lo­ren gin­gen, oder die Tafeln, oder Sur­plus, die auch im Ein­zel­han­del ver­su­chen, den Ver­lust von Lebens­mit­teln zu reduzieren.

Ein gro­ßer Teil der Ernäh­rung fin­det ja auch über Gemein­schafts­ver­pfle­gung statt, in Kan­ti­nen, Mensen, etc. Weil Kos­ten redu­ziert wer­den müs­sen, wird dort gar nicht wirk­lich gekocht. Din­ge wer­den nur zusam­men­ge­tan, sehr stan­dar­di­sier­te Gerich­te, die dann auch nicht sehr hoch­wer­tig sind und ver­lo­ren gehen weil sie halt nicht auf­ge­ges­sen wer­den, mit­un­ter weil sie ein­fach nicht schme­cken. Es muss eben auch anders gekocht werden.

Was wür­de die Regio­na­li­sie­rung der Land­wirt­schaft denn für die Prei­se bedeu­ten? Ver­bin­det sich mit der Ver­sor­gungs­fra­ge auch eine sozia­le Fra­ge, vor allem wenn wir von einer bio­lo­gi­schen Land­wirt­schaft reden?

Ja, im Moment ist das tat­säch­lich so, vor allem beim Öko­land­bau. Ich kann gut ver­ste­hen, dass Leu­te mit nied­ri­ge­ren Ein­kom­men auf den Preis ach­ten und eher nicht Bio­pro­duk­te kau­fen. Wenn wir es aber volks­wirt­schaft­lich betrach­ten, bezah­len wir den Preis für Bio sowie­so. Deutsch­land wird womög­lich pro Tag bis zu 850.000 Euro Straf­zah­lung an die EU zah­len müs­sen, weil die Nitratricht­li­nie nicht ein­ge­hal­ten wird. Das ist auf die hoch­in­ten­si­ve Land­wirt­schaft zurück­zu­füh­ren. Und dafür zah­len wir ja auch alle. Wir könn­ten die­ses Geld natür­lich auch nut­zen, um eine bio-regio­na­le Ver­sor­gung zu unterstützen. 

Ein wei­te­rer Punkt, was die sozia­le Kom­po­nen­te angeht, ist die Gemein­schafts­ver­pfle­gung und die öffent­li­che Beschaf­fung. Die Kom­mu­nen haben es selbst ein Stück weit in der Hand. In Ber­lin etwa könn­te man das kos­ten­freie Schu­les­sen auf bio-regio­nal umstel­len. Das müs­sen wir dann gesell­schaft­lich bezah­len, aber das muss dann nicht von der ein­zel­nen Per­son getra­gen wer­den. Auch so kann ich Anrei­ze schaf­fen, regio­na­le Pro­duk­ti­on aus­zu­wei­ten und das auf eine Wei­se, die eher sozi­al gerecht ist. 

Denn was ja eine regio­na­le Ver­sor­gung auch ver­hält­nis­mä­ßig teu­er macht, ist das aktu­el­le glo­ba­li­sier­te Ernäh­rungs­sys­tem, das mit gro­ßen Ska­len arbei­tet und glo­bal ver­netzt ist, und dar­auf­hin opti­miert und ratio­na­li­siert ist. Dane­ben ein ande­res Sys­tem in der Nische auf­zu­bau­en, ist eben teu­er. In Ber­lin und Bran­den­burg feh­len der­zeit bestimm­te Infra­struk­tu­ren, von Kar­tof­fel­schäl­ma­schi­nen bis Mol­ke­rei­en, die groß genug sind, um gro­ße Men­gen an regio­na­len Pro­duk­ten zu ver­ar­bei­ten und damit auch güns­ti­ger zu pro­du­zie­ren. Die Fra­ge ist also, ob wir die­ses Sys­tem stär­ker opti­mie­ren können. 

Also ist regio­na­le und bio­lo­gi­sche Ernäh­rung nicht zwangs­läu­fig teurer. 

Es müss­te nicht zwangs­läu­fig teu­rer sein. Das müss­te man tat­säch­lich mal sehen. Im Moment ist es im Ver­gleich teu­er, weil es eine Nische neben einem eta­blier­ten Sys­tem ist. Ent­schei­dend wäre, dass sich hier die nöti­gen Struk­tu­ren bilden. 

Heu­te wis­sen vie­le Leu­te nicht mehr, wo Lebens­mit­tel herkommen”

Um noch ein­mal unse­re Fra­ge nach der nach­hal­ti­gen Stadt ein­zu­fan­gen. Erklä­ren Sie uns doch mal, war­um regio­na­le Ver­sor­gung eigent­lich kli­ma­freund­lich ist. Kann man bezif­fern, wel­chen Ein­fluss Ernäh­rung für das Kli­ma hat?

Ich fan­ge mit dem zwei­ten Punkt an. Das Umwelt­bun­des­amt hat mal aus­ge­rech­net, dass in Deutsch­land die Land­wirt­schaft für etwa zehn bis zwan­zig Pro­zent der kom­plet­ten Kli­ma­gas­emis­sio­nen ver­ant­wort­lich ist. Ich mei­ne, da ist noch nicht ein­mal die kom­plet­te Ver­ar­bei­tungs­ket­te mit­ge­rech­net. Glo­bal geht man davon aus, dass die­ser Wert eher bei 30 – 40 Pro­zent liegt. Wir reden also über einen rele­van­ten Anteil an den Kli­ma­gas­emis­si­on, ganz expli­zit auch von Methan und von Lach­gas. Lach­gas ent­steht aus der Dün­gung, und da hängt es ganz eng auch mit der Alter­na­ti­ve von Bio- und von kon­ven­tio­nel­lem Land­bau zusam­men. Methan kommt vor allem aus der Tier­hal­tung. Und vie­le CO2-Emis­sio­nen ent­ste­hen bei der land­wirt­schaft­li­chen Arbeit, beim Trans­port, aber auch bei Dün­ge­mit­teln. Das ist also schon ein­mal ein wich­ti­ges Thema. 

Jetzt ist natür­lich die Fra­ge, die wir uns ja bei der Stu­die auch gestellt haben: Was ist eigent­lich die Kli­mare­le­vanz einer regio­na­len Ver­sor­gung? Was natür­lich auf der Hand liegt ist, dass die Trans­port­we­ge kür­zer wür­den. Wobei man jetzt dage­gen­hal­ten könn­te: Das ist das klei­ne­re Sys­tem neben dem eta­blier­ten Sys­tem. Statt der wei­ten Wege gibt es hier vie­le klei­ne Wege, die wenig effi­zi­ent sind. Das wird sicher­lich einen gan­zen Teil der gewon­ne­nen Ein­spa­rung wie­der zunich­tema­chen. Hier müs­sen wir in der Zukunft schau­en, dass man die­ses regio­na­le Sys­tem effi­zi­en­ter gestal­tet. Dabei geht es auch um Inno­va­tio­nen. Wie kann man schlau regio­na­li­sie­ren? Wie kann man die vie­len Wege zwi­schen den klei­nen Akteu­ren, von Klein­land­wir­tin­nen und Klein­ver­ar­bei­tern bis hin zu den Kon­su­men­tin­nen opti­mie­ren. Denn die sind nicht optimiert. 

Es reicht also nicht, zu sagen, man lässt die Erd­bee­ren jetzt nicht mehr aus Chi­na ein­flie­gen, man muss auch vor Ort umstel­len um Emis­sio­nen einzusparen.

Genau. Es gibt ja die­se kon­tro­ver­se Stu­die, in der der Apfel aus Neu­see­land mit dem Apfel aus der Regi­on ver­gli­chen wird. Der regio­na­le Apfel muss den Win­ter über gekühlt wer­den, damit er im Früh­jahr ver­zehrt wer­den kann, was extrem viel Ener­gie kos­tet und Emis­sio­nen ver­ur­sacht. Der Apfel aus Neu­see­land kommt auf einem sehr gro­ßen Schiff mit sehr vie­len Äpfeln und wei­te­ren Waren, was also sehr effi­zi­ent orga­ni­siert ist. Sicher ist also, dass das regio­na­le Sys­tem bes­ser orga­ni­siert wer­den muss. Dann haben wir auf jeden Fall die Chan­ce, einen Bei­trag zur Ein­spa­rung von CO2 und ande­ren Kli­ma­ga­sen zu leisten. 

Dann gibt ja es auch noch die Land­wirt­schaft in der Stadt, die auch einen Bei­trag leis­ten könn­te. Aber haben wir dafür über­haupt genug Platz? 

Klar ist, dass man stark zwi­schen einer urba­nen und einer peri-urba­nen Land­wirt­schaft unter­schei­den muss. Das sind zunächst ein­mal ganz ande­re Struk­tu­ren. In der Stadt reden wir ja eigent­lich über urba­nen Gar­ten­bau, vom Schre­ber­gar­ten bis zur Bal­kon­pflan­ze. Und ich wür­de immer ein­schrän­kend sagen: Die Quan­ti­tät, die wir in der Stadt pro­du­zie­ren kön­nen, ist begrenzt und wird begrenzt blei­ben. In einer Stadt wie Ber­lin – wir reden hier ja nicht von urba­ner Land­wirt­schaft in Ent­wick­lungs­län­dern, wo das noch ein­mal eine ande­re Geschich­te ist, wo Land­wirt­schaft und Stadt viel stär­ker ver­bun­den sind –, haben wir eine ganz mas­si­ve Flä­chen­kon­kur­renz. Und das ist noch nicht ein­mal nur bebau­te Flä­che ver­sus urba­ne Land­wirt­schaft, son­dern da geht auch um Parks und ande­re grü­ne Freiflächen.

Wo daher viel­leicht der grö­ße­re Wert von urba­ner Land­wirt­schaft liegt: Damit bekom­me ich die städ­ti­sche Gesell­schaft wie­der viel näher an so eine regio­na­le Ernäh­rungs­pro­duk­ti­on her­an­ge­führt. Die Leu­te ver­ste­hen, was das bedeu­tet, etwas her­zu­stel­len, es kann Bewusst­sein dafür stei­gern, weni­ger Din­ge weg­zu­wer­fen. Und das spielt auch eine Rol­le bei der Anpas­sung an einen Kli­ma­wan­del. Man spricht dann von der Resi­li­enz von Städ­ten, etwa in Kata­stro­phen­si­tua­tio­nen. Heu­te wis­sen vie­le Leu­te nicht mehr, wo Lebens­mit­tel her­kom­men und sind gar nicht mehr in der Lage, sie zu pro­du­zie­ren. Als Ber­lin 1946 von der rus­si­schen Armee blo­ckiert wur­de, hat man den Tier­gar­ten abge­holzt und dort Lebens­mit­tel pro­du­ziert. Es gibt vie­le Kol­le­gen, die sagen wür­den, das wäre heu­te gar nicht mehr mög­lich, wenn es zu einer ähn­li­chen Kri­sen­si­tua­ti­on kom­men soll­te, wenn etwa der glo­ba­le Han­del ins Sto­cken geriete.

Ein Airb­nb für regio­na­le Agrarprodukte

In der Stu­die ist gezeigt wor­den, dass Städ­te ganz unter­schied­li­che Poten­zia­le haben. Las­sen sich trotz­dem eini­ge ganz all­ge­mei­ne Rück­schlüs­se zie­hen, wie eine kli­ma­freund­li­che Stadt aus­se­hen soll­te, damit sie das Poten­zi­al für eine regio­na­le Ernäh­rung hätte? 

Da gibt es natür­lich Mög­lich­kei­ten, die aber zum Teil auch schon aus­ge­nutzt wer­den. Zum Bei­spiel. gesetz­li­che Richt­li­ni­en für Schre­ber­gär­ten, dass dort zu einem bestimm­ten Anteil Lebens­mit­tel pro­du­ziert wer­den müs­sen. Das kann man natür­lich auch in ande­re Sied­lungs­struk­tu­ren hin­ein­tra­gen. Wich­ti­ger wäre aber, dass man die Stadt-Land-Ver­bin­dun­gen stärkt, hier wirt­schaft­li­che Anrei­ze schafft, damit sich Ver­sor­gungs­in­fra­struk­tu­ren bil­den. Stadt­pla­ne­risch muss man dann dafür sor­gen, dass sol­che Din­ge in der Stadt Platz haben. Es gibt ja gar kei­ne gro­ßen Schlacht­hö­fe oder gro­ße Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten in der Stadt und muss man schau­en, wie man das z.B. über eine Bun­des­emis­si­ons­schutz­ver­ord­nung ermög­licht und wie das mit der Akzep­tanz der Leu­te d’ac­cord geht. 

Was grund­sätz­lich noch in der Land­nut­zungs­po­li­tik wich­tig ist, ist der Fakt, dass Sied­lungs­wachs­tum fast zu hun­dert Pro­zent auf Agrar­flä­chen geht. Wäl­der und ande­re öko­lo­gisch wich­ti­ge Feucht­ge­bie­te sind gesetz­lich geschützt. Stadt­er­wei­te­run­gen gehen damit qua­si immer auf Kos­ten von Agrar­flä­chen, die wir aber bräuch­ten, um uns regio­nal zu ernäh­ren. Und zumeist ent­ste­hen Städ­te vor allem in Regio­nen, die sehr frucht­bar sind und gera­de die­se Flä­chen wer­den dann ver­sie­gelt. Auch da soll­te man über­le­gen, ob man das nicht in stadt­pla­ne­ri­sche Über­le­gun­gen ein­be­zieht. Man könn­te auch mehr an Gewächs­häu­ser den­ken. Allein wegen ihrer Fähig­kei­ten Quan­ti­tät zu pro­du­zie­ren, könn­te man schau­en, inwie­fern man das aus­bau­en kann. 

Gäbe es wei­te­re Inno­va­tio­nen in der Pro­duk­ti­on, die uns auf dem Weg zu einer Regio­na­li­sie­rung hel­fen könnten?

Auf allen Ebe­nen brau­chen wir mehr Inno­va­tio­nen. Ich bin kein gro­ßer Freund von den Vor­stel­lun­gen, die eini­ge Kol­le­gen haben, dass wie­der mehr Leu­te in der Land­wirt­schaft arbei­ten sol­len und damit auch klei­ne­re Struk­tu­ren wie­der her­ge­stellt wer­den. Ich hal­te das für kom­plett illu­so­risch. Das wür­de alles nur viel teu­rer machen. 

Dazu kommt: Kon­ven­tio­nell und Bio­land­bau strikt zu tren­nen, geht nicht weit genug. Wir müs­sen eher schau­en, wo Inno­va­tio­nen mög­lich sind. Auch im kon­ven­tio­nel­len Land­bau. Es gibt Ansät­ze von nach­hal­ti­ger Inten­si­vie­rung, ein Maß­nah­men­be­reich, der im Moment von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on sehr stark unter­stützt wird. Inwie­fern kön­nen wir im Rah­men des kon­ven­tio­nel­len Anbaus Erträ­ge stei­gern und die Umwelt­kos­ten ver­rin­gern? Man muss da nicht in Schwarz und Weiß tren­nen, son­dern es gibt auch Ide­en einer öko­lo­gi­sier­ten kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­ti­on. Dage­gen kom­plett auf heu­ti­ge Öko­land­bau­me­tho­den umzu­stel­len, macht es eher schwie­ri­ger, eine regio­na­le Ver­sor­gung zu gewährleisten. 

Was wir brau­chen, sind regio­na­le Sys­te­me, die auch effi­zi­ent sind, die auch moder­ne Tech­no­lo­gie nut­zen. Wir kön­nen bei­spiels­wei­se an die Platt­form­öko­no­mie den­ken: War­um gibt es nicht ein Airb­nb für regio­na­le Pro­duk­ti­on? Wo sich Pro­du­zen­ten, Ver­ar­bei­ter und Kon­su­men­ten stär­ker ver­net­zen könn­te. Wir brau­chen eine wirt­schaft­lich trag­fä­hi­ge Regio­na­li­sie­rung, nur so kom­me ich in die Richtung. 

Wie wür­de das Airb­nb für Produzent*innen und Konsument*innen aussehen? 

Wir hat­ten das The­ma mal im Rah­men einer Regio­wo­che. Da haben etwa 500 Schu­len dran teil­ge­nom­men, die regio­nal ver­sorgt wur­den. Und die haben fest­ge­stellt, dass es ein­fach sehr weni­ge Pro­du­zen­ten gibt, die mal eben die Quan­ti­tä­ten her­stel­len kön­nen. Du hast Land­wir­te, die haben zehn Ton­nen Kar­tof­feln. Aber was gebraucht wird sind viel­leicht 100 Ton­nen. Das kann ein ein­zel­ner Land­wirt nie­mals leis­ten. Die Fra­ge ist aber, ob wir es nicht schaf­fen wür­den, wenn wir Pro­duk­ti­ons- und Ver­ar­bei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten zusam­men­brin­gen könn­ten. Wenn sich meh­re­re Land­wir­te, mei­net­we­gen eben digi­tal über eine Platt­form ver­net­zen, kann der eine viel­leicht zehn Ton­ne, der ande­re 20 ein­brin­gen. Das wäre nied­rig­schwel­lig, und dafür bräuch­te man kein Management.

Was gäbe auf poli­ti­scher Ebe­ne für Ansatz­punk­te, damit wir in eine regio­na­le Stadt­ver­sor­gung kommen? 

Das eine ist die öffent­li­che Beschaf­fung, eines der wich­tigs­ten kom­mu­na­len Instru­men­te. In Ber­lin gab es lan­ge Zeit Lip­pen­be­kennt­nis­se, zum Bei­spiel die Uni­mensen auf min­des­tens 30 Pro­zent bio-regio­nal umzu­stel­len ist im Agen­da21-Pro­zess schon ein­mal so for­mu­liert wor­den. Nun gibt es die Idee, das in der Schul­er­näh­rung stär­ker aus­zu­bau­en. Ein Bei­spiel ist das House of Food in Kopen­ha­gen. Kopen­ha­gen ist über­haupt nicht nur wegen der Fahr­rad­in­fra­struk­tur, son­dern auch, weil die es geschafft haben, bei der Gemein­schafts­ver­pfle­gung auf bio-regio­nal umzu­stel­len. Und das könn­te Ber­lin eben auch. Das ist ein wich­ti­ges poli­ti­sches Instrument. 

Ansons­ten bewe­gen wir uns schnell in den Kom­pe­ten­zen der Agrar­po­li­tik und dann sind wir auf der EU, bezie­hungs­wei­se Bun­des­län­der­ebe­ne, wo bio-regio­na­le Land­wirt­schaft expli­zit geför­dert wer­den kann. Und da gibt es auch im Rah­men der länd­li­chen Ent­wick­lung Maß­nah­men, die regio­na­le Anbau­struk­tu­ren wie pro­du­cer groups und regio­na­le Wert­schöp­fungs­ket­ten unter­stüt­zen. Das kann und muss aus­ge­baut werden. 

Welt­han­del gegen Regionalisierung

Wie pro­gres­siv sind denn die EU und auch Deutsch­land, was die regio­na­le Ver­sor­gung betrifft. Ste­hen die da eher auf der Bremse? 

Ich glau­be, man muss das dif­fe­ren­ziert sehen. Die EU ist der poli­ti­sche Hebel schlecht­hin, was Land­wirt­schaft und Ernäh­rung angeht, weil da wer­den die Sub­ven­tio­nen aus­ge­zahlt und auch die Regu­la­tio­nen geschaf­fen. Die Was­ser­rah­men­richt­li­nie, die Nitratricht­li­nie, auch Defi­ni­tio­nen, was Bio­land­bau ist — grund­sätz­lich ist das der Hebel. Die EU-Kom­mis­si­on wäre hier ger­ne deut­lich pro­gres­si­ver, wird aber sehr stark durch ein­zel­ne Mit­glieds­staa­ten, ins­be­son­de­re Deutsch­land, gebremst. Das muss man so sagen. Da sind vie­le ande­re Mit­glieds­staa­ten — skan­di­na­vi­sche Län­der, ost­eu­ro­päi­sche Län­der, aber auch in Süd­eu­ro­pa, Ita­li­en -, deut­lich weiter. 

Es gibt aber auch noch ande­re inter­na­tio­na­le Hin­der­nis­se. Man könn­te natür­lich Trans­port­ket­ten steu­ern, viel­leicht auch über die CO2-Steu­er. Aber da gibt es auch noch die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO), die sagt, Regio­na­li­sie­rung darf nicht bevor­zugt wer­den, weil das dis­kri­mi­niert zu unrecht ande­re Regio­nen und das ist natür­lich nicht von der Hand zu weisen. 

Das kli­ma­feind­li­che Sys­tem wird so durch inter­na­tio­na­le Regeln geschützt? 

Ja, es wird auf die Wei­se geschützt. Man kann sich anschau­en, wie zum Bei­spiel in Mexi­ko bei der Ein­füh­rung der Zucker­steu­er inter­ve­niert wur­de. Da wur­de sich stark ein­ge­mischt, weil Mexi­ko sehr viel Zucker impor­tiert und die Steu­er sich auto­ma­tisch wie ein Zoll auf die­se Impor­te aus­wirkt. Und das ist natür­lich für die WTO rele­vant. Das ist ein sehr kom­ple­xes Sys­tem, aber das sind natür­lich zugleich die Hebel, um das Pro­blem anzugehen.