Was wäre, wenn Städte gut für das Klima wären?

Ernährung der kurzen Wege

Die globalisierte Lebensmittelproduktion frisst unser Klima auf. Doch ließen sich ganze Metropolen aus dem Umland ernähren? Ein Interview mit dem Agrarforscher Ingo Zasada.

Einzelne Halme auf einem Roggenfeld, im Hintergrund ein Wald
Ein Roggenfeld bei Lotschesee in Brandenburg. | Foto: onnola, CC BY-SA 2.0

Herr Zasada, im vergangenen Jahr erschien eine Studie, an der Sie mitgearbeitet haben, in der das Potenzial von Metropolen untersucht wurde, sich regional mit Lebensmitteln zu versorgen. Mit welchem Interesse haben Sie diese Frage gestellt?

Ingo Zasada: Es steht immer wieder hinsichtlich Ressourceneffizienz und Klimarelevanz die Frage im Raum, inwiefern kurzkettige oder regionale Versorgung besser oder schlechter ist als das aktuelle Modell eines globalen Handels, wo der Apfel aus Neuseeland kommt. Wenn wir nun zu der Erkenntnis kommen, dass regionale Produktion im Großen und Ganzen eine positive Wirkung hat, schließt sich ja die Frage an, inwiefern Metropolregionen überhaupt in der Lage wären, sich selbst zu ernähren. Das war der Startpunkt für die Studie. Das haben wir für Berlin, Mailand, Rotterdam und London durchgerechnet, um zu sehen, wo die Unterschiede zwischen den europäischen Regionen bestehen, abhängig davon, wie viele Menschen dort leben, was die bio-geographischen Bedingungen und wie die Erträge dort sind und was theoretisch überhaupt nutzbar wäre.

Wie haben Sie diese sehr unterschiedlichen Bedingungen und Eigenschaften der Metropolregionen vergleichbar gemacht?

Wir haben vor allem mit der Idee des virtuellen Flächenfußabdrucks gearbeitet, der darauf basiert, dass man die Konsumseite im Zusammenhang mit der Produktion und der Wertschöpfungskette betrachtet. Wir haben jeweils die durchschnittlichen Ernährungsgewohnheiten genommen und in bestimmte Produktgruppen zusammengefasst, also zum Beispiel: Was konsumiert eine Person in Deutschland im Durchschnitt? Und das haben wir multipliziert mit der Bevölkerung in der Region und so wussten wir erst einmal, was man wo überhaupt insgesamt an Lebensmitteln pro Jahr braucht.

Die andere Seite ist die Produktion: Was können wir grundsätzlich produzieren und was sind die Erträge? Brandenburg hat etwa notorisch schlechte Ertragsraten. Die unterscheiden sich allerdings innerhalb des Landes sehr. Im Oderbruch kann man sehr gut produzieren, auf dem Barnim hingegen sind sehr sandige Böden und die Erträge vergleichsweise gering.

Junger Mann mit zurückgekämmten Haaren

Dr. Ingo Zasada ist Stadtplaner und Agrarwissenschaftler und arbeitete am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) zu Stadt-Land-Beziehungen, städtische Agrarsysteme und -politik. Aktuell widmet er sich Themen der Innovationspolitik beim Projektträger am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).


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Jede Region hat ihr eigenes Potenzial

Die Bedarfe und die Erträge sind also sehr spezifisch auf die Regionen gerechnet.

Genau. Zudem haben wir auch auf die Verluste geschaut, zu denen es Zahlen von der FAO, der Agrarernährungsorganisation der UN, gibt. All das ist Teil dieses Modells. Der Bedarf wird also in ein Verhältnis mit den Produktionsmöglichkeiten der Region gebracht und dann wissen wir, wie viel Fläche benötigt würde. Das ist dann der virtuelle Fußabdruck dieser Metropolregion.

Was wir dagegen nicht angeschaut haben ist: Welche Anteile von dem, was in der Region produziert wird, landen tatsächlich in der Stadt? Da ist auch die empirische Basis sehr schlecht, da gibt es nur Schätzwerte, die liegen für Berlin und Brandenburg im Biobereich bei 30 Prozent, insgesamt eher bei zehn Prozent. Das zeigt grundsätzlich eine Richtung.

Sie haben in der Studie festgestellt, dass Berlin das Potenzial hätte, sich aus der Region selbst zu versorgen. In anderen Städten, etwa in London, sieht das schwieriger aus. Wäre demnach das Ergebnis der Studie, dass wir grundsätzlich die Möglichkeit sehen, große Städte regional zu versorgen, oder dass wir es in Berlin machen könnten, in London aber eben nicht?

Eher das zweite. Man muss es wirklich sehr differenziert betrachten. Und man muss auch dazusagen, dass Berlin-Brandenburg ein Stück weit eine Sonderrolle hat. Es ist ein Flächenland, eher dünn besiedelt, relativ wenige konkurrierende Regionen in der Nähe. Rotterdam ist da ein Gegenbeispiel: Südholland, unglaublich dicht besiedelt, mit Amsterdam, Den Haag, Paris und Brüssel weitere große Städte in der Nähe, theoretisch würde man da mit diesen Regionen um die Anbauflächen konkurrieren. In London hingegen gibt es einfach eine sehr große Bevölkerung. Was man auch nicht vergessen darf, und da war das Beispiel Mailand interessant: Es gibt unterschiedliche geographische Situationen, ich kann einfach im Hochgebirge nicht intensiv anbauen. Das kann man dann für verschiedene Städte durchspielen. Es gibt eben sehr unterschiedliche Potenziale, um die Versorgung überhaupt theoretisch regional zu gewährleisten.

"Es muss eben auch anders gekocht werden"

Grundsätzlich ist das Potenzial also im Falle von Berlin vorhanden. Aber wir sehen ja auch, dass der Bedarf nach Biolebensmitteln wächst. Würde sich diese Verschiebung ebenfalls aus der Region bewältigen lassen?

Nach unseren Berechnungen funktioniert das für eine Region wie Berlin-Brandenburg unter bestimmten Bedingungen. Grundsätzlich brauchen wir für Biolandbau mehr Fläche. Das ist einfach so. Aber der Clou – und da sehe ich auch die Stärke, die Landwirtschaft und den Konsum in einem System zusammenzudenken – liegt darin, die Ansatzpunkte zu identifizieren. Ich kann hier zwar zwischen konventionellem Anbau und Bio unterscheiden, aber entscheidender ist: Werft weniger Lebensmittel weg! Und die Unterscheidung in Produktgruppen zeigt auch sehr deutlich, dass mehr als die Hälfte der Fläche, die wir verbrauchen, für tierische Produktion verwendet wird.

Interessant ist dabei die unterschiedliche Ernährung in den verschiedenen Regionen, die wir untersucht haben. Man denkt ja, man ist in Westeuropa, das ist hier alles das Gleiche. Dem ist tatsächlich nicht so. In Großbritannien wird zum Beispiel deutlich weniger Schweinefleisch gegessen als in Deutschland. Da zeigt sich, inwiefern ein Gericht auch ohne Fleisch ein Gericht sein kann. Und es gibt Regionen, da würde die Leute das nicht mit ja beantworten. Aber wenn wir da hinkämen, dann hätten wir schon einiges gewonnen – ohne dass alle Vegetarier oder Veganer würden, was natürlich ein idealer Fall wäre.

Wichtig ist also die Frage: Wie kommen wir davon runter? Ob man das als Verzicht bezeichnet, sei mal dahingestellt. Aber das stellt eben einen relativ großen Hebel dar. Zudem werfen wir in Deutschland die Hälfte unserer Lebensmittel weg. Wenn wir das einsparen, haben wir einen positiven Klimaeffekt von 50 Prozent. Das wäre schon einmal ein ordentlicher Beitrag, den das Ernährungssystem leisten könnte. Und ein regionales Ernährungssystem wird eher in der Lage sein, Verluste zu reduzieren.

Wie kommen diese Verluste zustande? Müsste es nicht jetzt schon Interesse der Produzentinnen und der Bauern sein, diese gering zu halten?

Viel hängt von der Standardisierung ab. Kartoffeln oder Möhren, die natürliche Verwachsungen haben, werden aussortiert, sind sofort zweite oder dritte Klasse und dann nicht mehr verkaufbar. Da ist das Wertschöpfungspotenzial plötzlich so gering für den Landwirt, dass die Sachen teilweise einfach auf dem Acker bleiben und untergepflügt werden. Dagegen gibt es Initiativen wie die Culinary Misfits, die explizit Sachen an die Konsument*innen bringen, die sonst verloren gingen, oder die Tafeln, oder Surplus, die auch im Einzelhandel versuchen, den Verlust von Lebensmitteln zu reduzieren.

Ein großer Teil der Ernährung findet ja auch über Gemeinschaftsverpflegung statt, in Kantinen, Mensen, etc. Weil Kosten reduziert werden müssen, wird dort gar nicht wirklich gekocht. Dinge werden nur zusammengetan, sehr standardisierte Gerichte, die dann auch nicht sehr hochwertig sind und verloren gehen weil sie halt nicht aufgegessen werden, mitunter weil sie einfach nicht schmecken. Es muss eben auch anders gekocht werden.

Was würde die Regionalisierung der Landwirtschaft denn für die Preise bedeuten? Verbindet sich mit der Versorgungsfrage auch eine soziale Frage, vor allem wenn wir von einer biologischen Landwirtschaft reden?

Ja, im Moment ist das tatsächlich so, vor allem beim Ökolandbau. Ich kann gut verstehen, dass Leute mit niedrigeren Einkommen auf den Preis achten und eher nicht Bioprodukte kaufen. Wenn wir es aber volkswirtschaftlich betrachten, bezahlen wir den Preis für Bio sowieso. Deutschland wird womöglich pro Tag bis zu 850.000 Euro Strafzahlung an die EU zahlen müssen, weil die Nitratrichtlinie nicht eingehalten wird. Das ist auf die hochintensive Landwirtschaft zurückzuführen. Und dafür zahlen wir ja auch alle. Wir könnten dieses Geld natürlich auch nutzen, um eine bio-regionale Versorgung zu unterstützen.

Ein weiterer Punkt, was die soziale Komponente angeht, ist die Gemeinschaftsverpflegung und die öffentliche Beschaffung. Die Kommunen haben es selbst ein Stück weit in der Hand. In Berlin etwa könnte man das kostenfreie Schulessen auf bio-regional umstellen. Das müssen wir dann gesellschaftlich bezahlen, aber das muss dann nicht von der einzelnen Person getragen werden. Auch so kann ich Anreize schaffen, regionale Produktion auszuweiten und das auf eine Weise, die eher sozial gerecht ist.

Denn was ja eine regionale Versorgung auch verhältnismäßig teuer macht, ist das aktuelle globalisierte Ernährungssystem, das mit großen Skalen arbeitet und global vernetzt ist, und daraufhin optimiert und rationalisiert ist. Daneben ein anderes System in der Nische aufzubauen, ist eben teuer. In Berlin und Brandenburg fehlen derzeit bestimmte Infrastrukturen, von Kartoffelschälmaschinen bis Molkereien, die groß genug sind, um große Mengen an regionalen Produkten zu verarbeiten und damit auch günstiger zu produzieren. Die Frage ist also, ob wir dieses System stärker optimieren können.

Also ist regionale und biologische Ernährung nicht zwangsläufig teurer.

Es müsste nicht zwangsläufig teurer sein. Das müsste man tatsächlich mal sehen. Im Moment ist es im Vergleich teuer, weil es eine Nische neben einem etablierten System ist. Entscheidend wäre, dass sich hier die nötigen Strukturen bilden.

"Heute wissen viele Leute nicht mehr, wo Lebensmittel herkommen"

Um noch einmal unsere Frage nach der nachhaltigen Stadt einzufangen. Erklären Sie uns doch mal, warum regionale Versorgung eigentlich klimafreundlich ist. Kann man beziffern, welchen Einfluss Ernährung für das Klima hat?

Ich fange mit dem zweiten Punkt an. Das Umweltbundesamt hat mal ausgerechnet, dass in Deutschland die Landwirtschaft für etwa zehn bis zwanzig Prozent der kompletten Klimagasemissionen verantwortlich ist. Ich meine, da ist noch nicht einmal die komplette Verarbeitungskette mitgerechnet. Global geht man davon aus, dass dieser Wert eher bei 30-40 Prozent liegt. Wir reden also über einen relevanten Anteil an den Klimagasemission, ganz explizit auch von Methan und von Lachgas. Lachgas entsteht aus der Düngung, und da hängt es ganz eng auch mit der Alternative von Bio- und von konventionellem Landbau zusammen. Methan kommt vor allem aus der Tierhaltung. Und viele CO2-Emissionen entstehen bei der landwirtschaftlichen Arbeit, beim Transport, aber auch bei Düngemitteln. Das ist also schon einmal ein wichtiges Thema.

Jetzt ist natürlich die Frage, die wir uns ja bei der Studie auch gestellt haben: Was ist eigentlich die Klimarelevanz einer regionalen Versorgung? Was natürlich auf der Hand liegt ist, dass die Transportwege kürzer würden. Wobei man jetzt dagegenhalten könnte: Das ist das kleinere System neben dem etablierten System. Statt der weiten Wege gibt es hier viele kleine Wege, die wenig effizient sind. Das wird sicherlich einen ganzen Teil der gewonnenen Einsparung wieder zunichtemachen. Hier müssen wir in der Zukunft schauen, dass man dieses regionale System effizienter gestaltet. Dabei geht es auch um Innovationen. Wie kann man schlau regionalisieren? Wie kann man die vielen Wege zwischen den kleinen Akteuren, von Kleinlandwirtinnen und Kleinverarbeitern bis hin zu den Konsumentinnen optimieren. Denn die sind nicht optimiert.

Es reicht also nicht, zu sagen, man lässt die Erdbeeren jetzt nicht mehr aus China einfliegen, man muss auch vor Ort umstellen um Emissionen einzusparen.

Genau. Es gibt ja diese kontroverse Studie, in der der Apfel aus Neuseeland mit dem Apfel aus der Region verglichen wird. Der regionale Apfel muss den Winter über gekühlt werden, damit er im Frühjahr verzehrt werden kann, was extrem viel Energie kostet und Emissionen verursacht. Der Apfel aus Neuseeland kommt auf einem sehr großen Schiff mit sehr vielen Äpfeln und weiteren Waren, was also sehr effizient organisiert ist. Sicher ist also, dass das regionale System besser organisiert werden muss. Dann haben wir auf jeden Fall die Chance, einen Beitrag zur Einsparung von CO2 und anderen Klimagasen zu leisten.

Dann gibt ja es auch noch die Landwirtschaft in der Stadt, die auch einen Beitrag leisten könnte. Aber haben wir dafür überhaupt genug Platz?

Klar ist, dass man stark zwischen einer urbanen und einer peri-urbanen Landwirtschaft unterscheiden muss. Das sind zunächst einmal ganz andere Strukturen. In der Stadt reden wir ja eigentlich über urbanen Gartenbau, vom Schrebergarten bis zur Balkonpflanze. Und ich würde immer einschränkend sagen: Die Quantität, die wir in der Stadt produzieren können, ist begrenzt und wird begrenzt bleiben. In einer Stadt wie Berlin – wir reden hier ja nicht von urbaner Landwirtschaft in Entwicklungsländern, wo das noch einmal eine andere Geschichte ist, wo Landwirtschaft und Stadt viel stärker verbunden sind –, haben wir eine ganz massive Flächenkonkurrenz. Und das ist noch nicht einmal nur bebaute Fläche versus urbane Landwirtschaft, sondern da geht auch um Parks und andere grüne Freiflächen.

Wo daher vielleicht der größere Wert von urbaner Landwirtschaft liegt: Damit bekomme ich die städtische Gesellschaft wieder viel näher an so eine regionale Ernährungsproduktion herangeführt. Die Leute verstehen, was das bedeutet, etwas herzustellen, es kann Bewusstsein dafür steigern, weniger Dinge wegzuwerfen. Und das spielt auch eine Rolle bei der Anpassung an einen Klimawandel. Man spricht dann von der Resilienz von Städten, etwa in Katastrophensituationen. Heute wissen viele Leute nicht mehr, wo Lebensmittel herkommen und sind gar nicht mehr in der Lage, sie zu produzieren. Als Berlin 1946 von der russischen Armee blockiert wurde, hat man den Tiergarten abgeholzt und dort Lebensmittel produziert. Es gibt viele Kollegen, die sagen würden, das wäre heute gar nicht mehr möglich, wenn es zu einer ähnlichen Krisensituation kommen sollte, wenn etwa der globale Handel ins Stocken geriete.

Ein Airbnb für regionale Agrarprodukte

In der Studie ist gezeigt worden, dass Städte ganz unterschiedliche Potenziale haben. Lassen sich trotzdem einige ganz allgemeine Rückschlüsse ziehen, wie eine klimafreundliche Stadt aussehen sollte, damit sie das Potenzial für eine regionale Ernährung hätte?

Da gibt es natürlich Möglichkeiten, die aber zum Teil auch schon ausgenutzt werden. Zum Beispiel. gesetzliche Richtlinien für Schrebergärten, dass dort zu einem bestimmten Anteil Lebensmittel produziert werden müssen. Das kann man natürlich auch in andere Siedlungsstrukturen hineintragen. Wichtiger wäre aber, dass man die Stadt-Land-Verbindungen stärkt, hier wirtschaftliche Anreize schafft, damit sich Versorgungsinfrastrukturen bilden. Stadtplanerisch muss man dann dafür sorgen, dass solche Dinge in der Stadt Platz haben. Es gibt ja gar keine großen Schlachthöfe oder große Verarbeitungskapazitäten in der Stadt und muss man schauen, wie man das z.B. über eine Bundesemissionsschutzverordnung ermöglicht und wie das mit der Akzeptanz der Leute d'accord geht.

Was grundsätzlich noch in der Landnutzungspolitik wichtig ist, ist der Fakt, dass Siedlungswachstum fast zu hundert Prozent auf Agrarflächen geht. Wälder und andere ökologisch wichtige Feuchtgebiete sind gesetzlich geschützt. Stadterweiterungen gehen damit quasi immer auf Kosten von Agrarflächen, die wir aber bräuchten, um uns regional zu ernähren. Und zumeist entstehen Städte vor allem in Regionen, die sehr fruchtbar sind und gerade diese Flächen werden dann versiegelt. Auch da sollte man überlegen, ob man das nicht in stadtplanerische Überlegungen einbezieht. Man könnte auch mehr an Gewächshäuser denken. Allein wegen ihrer Fähigkeiten Quantität zu produzieren, könnte man schauen, inwiefern man das ausbauen kann.

Gäbe es weitere Innovationen in der Produktion, die uns auf dem Weg zu einer Regionalisierung helfen könnten?

Auf allen Ebenen brauchen wir mehr Innovationen. Ich bin kein großer Freund von den Vorstellungen, die einige Kollegen haben, dass wieder mehr Leute in der Landwirtschaft arbeiten sollen und damit auch kleinere Strukturen wieder hergestellt werden. Ich halte das für komplett illusorisch. Das würde alles nur viel teurer machen.

Dazu kommt: Konventionell und Biolandbau strikt zu trennen, geht nicht weit genug. Wir müssen eher schauen, wo Innovationen möglich sind. Auch im konventionellen Landbau. Es gibt Ansätze von nachhaltiger Intensivierung, ein Maßnahmenbereich, der im Moment von der Europäischen Kommission sehr stark unterstützt wird. Inwiefern können wir im Rahmen des konventionellen Anbaus Erträge steigern und die Umweltkosten verringern? Man muss da nicht in Schwarz und Weiß trennen, sondern es gibt auch Ideen einer ökologisierten konventionellen Produktion. Dagegen komplett auf heutige Ökolandbaumethoden umzustellen, macht es eher schwieriger, eine regionale Versorgung zu gewährleisten.

Was wir brauchen, sind regionale Systeme, die auch effizient sind, die auch moderne Technologie nutzen. Wir können beispielsweise an die Plattformökonomie denken: Warum gibt es nicht ein Airbnb für regionale Produktion? Wo sich Produzenten, Verarbeiter und Konsumenten stärker vernetzen könnte. Wir brauchen eine wirtschaftlich tragfähige Regionalisierung, nur so komme ich in die Richtung.

Wie würde das Airbnb für Produzent*innen und Konsument*innen aussehen?

Wir hatten das Thema mal im Rahmen einer Regiowoche. Da haben etwa 500 Schulen dran teilgenommen, die regional versorgt wurden. Und die haben festgestellt, dass es einfach sehr wenige Produzenten gibt, die mal eben die Quantitäten herstellen können. Du hast Landwirte, die haben zehn Tonnen Kartoffeln. Aber was gebraucht wird sind vielleicht 100 Tonnen. Das kann ein einzelner Landwirt niemals leisten. Die Frage ist aber, ob wir es nicht schaffen würden, wenn wir Produktions- und Verarbeitungskapazitäten zusammenbringen könnten. Wenn sich mehrere Landwirte, meinetwegen eben digital über eine Plattform vernetzen, kann der eine vielleicht zehn Tonne, der andere 20 einbringen. Das wäre niedrigschwellig, und dafür bräuchte man kein Management.

Was gäbe auf politischer Ebene für Ansatzpunkte, damit wir in eine regionale Stadtversorgung kommen?

Das eine ist die öffentliche Beschaffung, eines der wichtigsten kommunalen Instrumente. In Berlin gab es lange Zeit Lippenbekenntnisse, zum Beispiel die Unimensen auf mindestens 30 Prozent bio-regional umzustellen ist im Agenda21-Prozess schon einmal so formuliert worden. Nun gibt es die Idee, das in der Schulernährung stärker auszubauen. Ein Beispiel ist das House of Food in Kopenhagen. Kopenhagen ist überhaupt nicht nur wegen der Fahrradinfrastruktur, sondern auch, weil die es geschafft haben, bei der Gemeinschaftsverpflegung auf bio-regional umzustellen. Und das könnte Berlin eben auch. Das ist ein wichtiges politisches Instrument.

Ansonsten bewegen wir uns schnell in den Kompetenzen der Agrarpolitik und dann sind wir auf der EU, beziehungsweise Bundesländerebene, wo bio-regionale Landwirtschaft explizit gefördert werden kann. Und da gibt es auch im Rahmen der ländlichen Entwicklung Maßnahmen, die regionale Anbaustrukturen wie producer groups und regionale Wertschöpfungsketten unterstützen. Das kann und muss ausgebaut werden.

Welthandel gegen Regionalisierung

Wie progressiv sind denn die EU und auch Deutschland, was die regionale Versorgung betrifft. Stehen die da eher auf der Bremse?

Ich glaube, man muss das differenziert sehen. Die EU ist der politische Hebel schlechthin, was Landwirtschaft und Ernährung angeht, weil da werden die Subventionen ausgezahlt und auch die Regulationen geschaffen. Die Wasserrahmenrichtlinie, die Nitratrichtlinie, auch Definitionen, was Biolandbau ist - grundsätzlich ist das der Hebel. Die EU-Kommission wäre hier gerne deutlich progressiver, wird aber sehr stark durch einzelne Mitgliedsstaaten, insbesondere Deutschland, gebremst. Das muss man so sagen. Da sind viele andere Mitgliedsstaaten - skandinavische Länder, osteuropäische Länder, aber auch in Südeuropa, Italien -, deutlich weiter.

Es gibt aber auch noch andere internationale Hindernisse. Man könnte natürlich Transportketten steuern, vielleicht auch über die CO2-Steuer. Aber da gibt es auch noch die Welthandelsorganisation (WTO), die sagt, Regionalisierung darf nicht bevorzugt werden, weil das diskriminiert zu unrecht andere Regionen und das ist natürlich nicht von der Hand zu weisen.

Das klimafeindliche System wird so durch internationale Regeln geschützt?

Ja, es wird auf die Weise geschützt. Man kann sich anschauen, wie zum Beispiel in Mexiko bei der Einführung der Zuckersteuer interveniert wurde. Da wurde sich stark eingemischt, weil Mexiko sehr viel Zucker importiert und die Steuer sich automatisch wie ein Zoll auf diese Importe auswirkt. Und das ist natürlich für die WTO relevant. Das ist ein sehr komplexes System, aber das sind natürlich zugleich die Hebel, um das Problem anzugehen.