Was w√§re, wenn St√§dte gut f√ľr das Klima w√§ren?

Das konstante Provisorium

Städte sind Orte des ständigen Wandels. Die sozial-ökologische Transformation muss daher fluide und wiederverwertbare Lösungen aufgreifen. Beispiele gibt es genug.

Eine riesige Stadt aus großen und kleineren Zelten, die von einem Fluß im Vordergrund bis zum Horizont reicht.
Zum hinduistischen Pilgerfest Kumbh Mela kamen in Allahabad im Fr√ľhjahr 2019 rund 150 Millionen Menschen zusammen. F√ľr sie wurde eine gigantische tempor√§re Stadt geschaffen. | Foto: Ninara, CC-BY 2.0

Die Klimakrise droht nicht, sie ist l√§ngst da: Das antarktische Eisschild schmilzt, in Sibirien und Alaska brennen die W√§lder und Hitzesommer, D√ľrren und Starkregen sind das neue Normal. Kein Wunder, dass uns Greta Thunberg in den Panikmodus versetzt, denn ihre Generation wird in einer solchen Welt nicht leben k√∂nnen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden t√§glich weltweit weitere 2,5 Millionen Menschen in die St√§dte ziehen, wo 80 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und 70 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen entstehen. F√ľr diese Menschen werden wir gewaltige st√§dtische Infrastrukturen bauen, und tun wir das wie bisher aus Zement, Stahl und Aluminium, w√ľrde allein daf√ľr ein Drittel des gesamten zur Verf√ľgung stehenden CO2-Budgets bis 2050 verbraucht.

Die Umgestaltung der St√§dte wird damit zum Hebel der Transformation ins post-fossile Zeitalter, in dem wir Wachstum und Wohlstand vom Natur- und Ressourcenverbrauch entkoppeln und CO2-Emissionen bis 2050 auf "Netto Null" reduzieren. Mit welchen Strategien wir diese Ziele erreichen, dar√ľber wird gestritten, mit gro√üem Eifer und bisher recht kleinteilig, vor allem aber unter der Annahme, als w√ľssten wir, was zuk√ľnftig machbar und zu tun sei.

In den Metropolen Asiens und Afrikas werden wir urbane Infrastruktur f√ľr Mobilit√§t, Wohnen und Arbeiten neu bauen m√ľssen, in den St√§dten der Industriel√§nder diese eher zur√ľckbauen. In beiden F√§llen muss das Tempor√§re und Ver√§nderbare zum Konstruktionselement lebenswerter Zuk√ľnfte einer hypermobilen Gesellschaft werden. Denn die Menschheit w√§chst hier und schrumpft dort, wandelt sich und wandert und erfindet neue Formen von Wohnen und Mobilit√§t: kurzum, alles wird anders und ver√§ndert sich kontinuierlich.

Alexander Carius

Alexander Carius ist Vorstand und Mitbegr√ľnder der Initiative Offene Gesellschaft und Gr√ľnder und Gesch√§ftsf√ľhrer der Denkfabrik adelphi.


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Der holprige Start ins post-fossile Zeitalter

Der Weg ins post-fossile Zeitalter verl√§uft alles andere als linear. Denn was wir an Emissionen durch klimapolitische Ma√ünahmen einsparen wird wachstumsbedingt aufgefressen. Elektrisch betriebene Autos verdr√§ngen noch keine Verbrennungsmotoren, sondern dienen eher als Zweitwagen derer, die sich diese teuren Vehikel leisten k√∂nnen. Vernetzte Mobilit√§t ist irgendwie √Ėkotopia, liefert aber auch die Daten f√ľr immer mehr √úberwachung. Biokraftstoffe in Europa verknappen Agrarfl√§chen im globalen S√ľden, der High-Line Park in Manhattan verst√§rkt die Hypergentrifizierung in New York und mit der Idee einer Luftmatratze f√ľr Freunde treibt Airbnb Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Kiezen und die Mieten in die H√∂he. Angesichts dieser Widerspr√ľche und beschr√§nkter politischer Steuerungsf√§higkeit erscheinen die Ambitionen des transformativen Wandels einigerma√üen grotesk. Probleml√∂sungen verrennen sich in der Unendlichkeit der Probleme und werden zum pathologischen Zustand auf der Suche nach dem Weg in eine sozial-√∂kologische Zukunft. Die Entwicklung einer post-fossilen urbanen Gesellschaft wird daher zum einen unter den Bedingungen von Unsicherheit verst√§rkt in den Modus des Tempor√§ren wechseln m√ľssen, der mit Kurskorrekturen und Widerspr√ľchen umzugehen lernt und √∂kologische und soziale Notwendigkeiten st√§rker reflektiert; zum anderen aber im Flexiblen und Wandelbaren die M√∂glichkeiten von Synergien und Ressourceneffizienz finden. Sieben Beispiele sollen dies aufzeigen.

1. Reconquistageschlossener Räume

Kopenhagen wurde zum Mekka einer fahrradgerechten Stadt, Paris startet die R√ľckeroberung geschlossener R√§ume f√ľr Fu√üg√§ngerinnen und Flaneure und macht Stadtautobahnen an der Seine zu urbanen Strandpromenaden und Amsterdam hat gerade damit begonnen, 10.000 Parkpl√§tze in G√§rten und Gr√ľnfl√§chen zu verwandeln um √∂ffentlichem Leben wieder Raum zu geben.

Vor zehn Jahren hat die New Yorker Stadtdezernentin Janette Sadik-Khan mit einer Guerilla-Taktik begonnen, den Times Square in eine Fu√üg√§ngerzone zu verwandeln. Ein paar Eimer Farbe und Klappst√ľhle reichten zur Markierung einer verkehrsberuhigten Zone, um tempor√§r den Autoverkehr aus dem touristischen Hotspot zu verbannen. Die anfangs skeptischen Gewerbetreibenden waren √ľberrascht vom steigenden Umsatz, denn die Menschen blieben zum Verweilen in Caf√©s, Restaurants und Gesch√§ften. Was damals ein Versuch war, jederzeit mit wenig Aufwand und Kosten umkehrbar, erwies sich als gesellschaftlich akzeptabel. Mit der gleichen Methode wurden Schnellstra√üen in Fahrradwege verwandelt, die heute einen 100 km langen Ring um Manhattan bilden.

Seit 40 Jahren findet auf Bogot√°s gr√∂√üter Verkehrsader jeden Sonntag die Ciclovia statt. Was als lokales Radrennen begann, entwickelte sich zum sonnt√§glichen Volksfest auf R√§dern, zu einem √∂ffentlichen Raum des Flanierens, der Feste, Kunst und Musik. Bogot√° ist heute das role model Lateinamerikas, mit Hunderten Kilometern Radwegen, ausgebauten Gehwegen, verkehrsberuhigten Stra√üen, √∂ffentlichen Parks und Gr√ľnanlagen.

2. Multiple Nutzung urbaner Infrastruktur

B√ľrogeb√§ude in Innenst√§dten werden nur ein Drittel der Tages- und Nachtzeit genutzt, Au√üerhalb der Arbeitszeiten stehen diese teuren Innenstadtfl√§chen leer. W√ľrden wir diese B√ľrofl√§chen vielseitig nutzen, lie√üen sich zwei Drittel der Geb√§ude einsparen.Warum gestalten wir nicht Verwaltungsgeb√§ude und Niederlassungen von Banken, Versicherungen, Krankenkassen und Konzernen so, dass ein Gro√üteil dieser Fl√§chen von B√ľrgerinnen und B√ľrgern genutzt werden k√∂nnen? Abends von finanzschwachen analogen sozialen Initiativen oder nachts und an Wochenenden von Start-Ups, K√ľnstlern oder Studenten? Mit solchen multiplen Nutzungsmodellen sinkt der Bedarf an teuren B√ľrofl√§chen in Innenstadtlagen, werden immense Ressourcen gespart und Gesch√§ftsviertel belebt.

3. Renaturierung der Innenstädte

Die Renaturierung versiegelter Fl√§chen an den Ufern von Seine, Themse, Rhein oder dem Z√ľrich See schafft urbane Naturr√§ume zur K√ľhlung der Gew√§sser, Verbesserung des Stadtklimas sowie Erholung und Begegnung. Die Stadtgesellschaft bekommt das zur√ľck, um das herum St√§dte gebaut wurden: Natur. Was heute Teil naturbezogener Stadtplanung moderner Metropolen ist, wurde seit den 1970er Jahren in London und New York erprobt. Kleinr√§umig, ehrenamtlich und subversiv wurden quer √ľber die Stadt Gr√§ser ges√§t und Str√§ucher gepflanzt und damit √∂ffentliche Fl√§chen in Besitz genommen und Natur in der Stadt wieder erfahrbar gemacht. Urban Farming im Kleingartenformat auf D√§chern, in Parks und an Fassaden sind Teil einer weltweiten Guerilla-Bewegung, politische Statements und Sozialprojekte zur R√ľckeroberung des √∂ffentlichen Raumes, in denen das stattfinden kann, was st√§dtisches Leben ausmacht: Gemeinwesen.

4. Bewaldung der Städte

Der italienische Architekt Stefano Boeri baute im Arbeiterwohnviertel Porta Nuova im Norden Mailands den bosco verticale, einen in zwei Hochh√§user integrierten Wald. Die Bepflanzung der T√ľrme schafft Lebens- und Nahrungsr√§ume f√ľr Insekten und V√∂gel, k√ľhlt Wohnungen, sch√ľtzt vor L√§rm und Staub und ist Teil eines st√§dtischen Biotopsystems. Vor allem aber sensibilisiert diese Architektur ihre Bewohner und Passanten f√ľr den Bezug zwischen Natur und Stadt. In Paris werden Fassaden und Hausd√§cher begr√ľnt und Stadtw√§lder geschaffen. W√§lder inmitten von europ√§ischen Metropolen wie der Monsanto in Lissabon, der Grunewald in Berlin oder der Wiener Prater mit seinen Auenlandschaften sind nat√ľrliche Klimaanlagen und Ruhe-, Erholungs- und Erfahrungsr√§ume lebenswerter St√§dte.

5. Temporäres Bauen

Der italienische Futurist Antonio Sant'Elia hat Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Manifest zur futuristischen Architektur die Idee tempor√§rer Bauten formuliert, die dem Ewigkeitsanspruch traditioneller Architektur entgegentritt. Dieser Anspruch des ephemeren Bauens, also aufzugeben, was wir heute wissen oder glaubten zu wissen was morgen g√ľltig ist, ist eine Grundbedingung des Transformationsmodus. Denn in der Gr√ľnderzeit des post-fossilen Zeitalters werden wir mit √∂kologischen Baumaterialien und baukonstruktiven L√∂sungen experimentieren und uns durch tempor√§re und wandelbare Infrastruktur sich ver√§ndernden gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen anpassen. Tempor√§res Bauen, so der Architekt Thomas Schiefers, ist der "Gradmesser f√ľr die Tragf√§higkeit vision√§rer Ideen", wodurch sich Pl√§tze zu "Orten kalkuliert provozierter Ausnahmezust√§nde [‚Ķ], Simulation einer m√∂glichen neuen Wirklichkeit [‚Ķ], des risikolosen Abenteuers sowie m√∂glicher Grenzerfahrungen und Partizipation verwandeln."

6. Fluide Governancef√ľr tempor√§ren Urbanismus

Den Umgang mit Ausnahmezust√§nden und dem Unfertigen und Imperfekten untersuchte der indische Architekt und Harvard-Professor Rahul Mehrotra in seinem 2013 erschienenen Buch ‚ÄěMapping the Ephemeral Mega City‚Äú am Beispiel von Kumbh Mela, dem gr√∂√üten hinduistischen Pilgerfest im nordindischen Staat Uttar Pradesh. Alle zw√∂lf Jahre kommen in Allahabad an den Ufern der heiligen Fl√ľsse Ganges, Yamuna und Saraswati Millionen Gl√§ubige und Besucher zusammen, in diesem Fr√ľhjahr 150 Millionen Menschen. F√ľr das gut sechsw√∂chige Hindu-Fest wird auf 35 Quadratkilometern eine Zeltstadt, drei Mal so gro√ü wie Manhattan, eine komplette urbane Infrastruktur, mit mehr als 120.000 Toiletten und 20.000 M√ľlltonnen und eine flexible Governance f√ľr eine tempor√§re Stadt errichtet. Eine Stadt gebaut f√ľr kurze Zeit, behelfsm√§√üig, auf- und abgebaut aus verwendeten und wiederverwertbaren Materialien. Kumbh Mela ist das Extrem des tempor√§ren Urbanismus.

7. Die kinetische Stadt

In der westindischen Metropole Mumbai beobachtete Mehrotra das Zusammenspiel statischer, permanenter urbaner Infrastruktur aus Beton, Staat, Holz und Glas mit der kinetischen, also der bewegten Stadt, den tempor√§ren Strukturen des informellen Sektors. Die kinetische Stadt erg√§nzt als Annex die gebaute Stadt durch tempor√§re Behausungen in Arkadeng√§ngen alter Geb√§ude und St√§nde f√ľr Stra√üenh√§ndler, Prozessionen und Hochzeiten auf √∂ffentlichen Pl√§tzen. Errichtet werden sie aus Planen, Stoffen, Weggeworfenem und einfachen St√§nderwerken. Diese unfertigen und reversiblen urbanen Strukturen, geboren aus Mangel, Tradition und Kreativit√§t, lassen sich auf die zunehmend mobile Gesellschaft projizieren, als tempor√§re Unterk√ľnfte f√ľr Gefl√ľchtete und Migrant*innen, die in die St√§dte ziehen und weiterziehen und f√ľr sich wandelnde Funktionen und Nutzungsmodelle der St√§dte.

Die DNA des Informellen und Imperfekten

Warum bauen und organisieren wir f√ľr eine post-fossile Zukunft die St√§dte nicht fluider? Stadtm√∂bel als Orte des Verweilens und Agoren zur kollaborativen Planung und Organisation urbanen Lebens m√ľssen nicht an festen Orten gebaut werden. Sie k√∂nnen durch den Stadtraum wandern, je nachdem, wo sie gerade gebraucht werden. Bestandsgeb√§ude k√∂nnen durch modulare Anbauten an Fassaden und auf D√§chern erg√§nzt und im Bedarfsfall ab- und umgebaut werden.

Was die Entwicklungen dieser Metropolen gemein haben, ist die Erprobung des Ernstfalls unter den Bedingungen von Unsicherheit. Sie sind kein globaler Schlachtplan, der nach gesellschaftlicher und politischer Legitimit√§t sucht, sondern lokal und b√ľrgerschaftlich initiierte und global skalierte Innovationen. Diese Projekte des Gelingens betonen das √úberraschende, Unfertige, Reduktionstische und Tempor√§re und entstehen nicht innerhalb, sondern au√üerhalb baurechtlicher und gesellschaftlicher Normen und Regeln. In diesem Sinne erweitern sie Optionen f√ľr eine sozial-√∂kologische Transformation jenseits von Emissionsbudgets, abstrakten planetaren Grenzen und statischen Zukunftspolitiken.