Was wäre, wenn Feminismus nicht mehr nötig wäre?

Das Ende der Herrschaften

Keine ungleichen Löhne, keine verbotenen Beziehungen, keine einengenden Identitäten – sie kann gedacht werden, die post-patriarchale Gesellschaft. Doch wie wird sie möglich?

Menschen tanzen einer Demonstration auf der Straße
Queere Demonstrant*innen vor dem Haus von Ivanka Trump in Washington, D.C. | Foto: Ted Eytan CC BY-SA 2.0

Wie sähe eine Welt aus, in der es keinen Feminismus mehr bräuchte? Gut. Oder, gemessen an der Gegenwart: die Welt sähe anders aus, besser. Wenn Feminismus eine Politik ist, die auf geschlechtliche Emanzipation zielt, dann wäre diese Politik genau in dem Moment überflüssig, in dem es keine geschlechtliche Ausbeutung und Unterdrückung, keine geschlechtliche Einschließung und Zurichtung mehr gibt. In allen Bereichen des Lebens, die hiervon berührt werden – und das sind einige – lebten die Menschen gleicher, freier und entspannter. Das Patriarchat wäre abgeschafft, die Zwangsheterosexualität aufgelöst und die Hegemonie der Zweigeschlechtlichkeit Vergangenheit. Aber was heißt das?

Erstens wäre die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern überwunden. Das geht prinzipiell in zwei Richtungen – als Angleichung nach unten wie als Angleichung nach oben. Wählen wir, ausgehend von den aktuell häufigsten Geschlechtern, jeweils die bessere Richtung: Gäbe es noch Löhne, würden Menschen, die als Frauen arbeiten, den gleichen Lohn erhalten wie Menschen, die als Männer arbeiten. Gäbe es noch unbezahlte Arbeit, so wäre sie gleich verteilt. Gäbe es noch Armeen, wären Menschen, die zu Männern ausgebildet wurden, darin so selten anzutreffen wie Menschen, die als Frauen ausgebildet wurden. Gäbe es noch sexualisierte Gewalt, so träfe sie alle Geschlechter gleich selten. Frauen unternömmen so wenige Selbstmordversuche wie sogenannte Männer, und Männer verübten so wenige Selbstmorde wie sogenannte Frauen.

Kategorien lösten sich auf

Die Geschlechter würden in der politischen Arena ähnlich häufig gewählt, in den vier Wänden ähnlich selten gequält und verteilten sich gleichmäßig auf die Chefetagen wie auf die Gefängnisse – gesetzt, es gäbe das eine noch wie das andere. Menschen, die als Männer lebten, hätten die gleiche Lebenserwartung wie Menschen, die als Frauen lebten und letztere dürften die gleichen Erwartungen ans Leben stellen wie erstere: sie genössen dieselbe Anerkennung und verfügten über dieselbe Macht. Weil alle Menschen gleich viel Sorge trügen dürften alle mit der gleichen Sorglosigkeit und Selbstsicherheit durch die Welt spazieren.

Zweitens würden alle Beschränkungen entfallen, mit denen die Beziehungen zwischen Geschlechtern reguliert werden. Das betrifft vor allem die sexuellen Beziehungen. Gäbe es noch Partnerschaften, so spielte das Geschlecht der Partnerinnen ebenso wenig eine Rolle wie die Frage, ob sie katholisch oder evangelisch sind (auch dafür wurden Menschen mal totgeschlagen). Die Ehe wäre abgeschafft, doch gäbe es noch Familien, so wäre die Anzahl der Erwachsenen darin so variabel wie deren Geschlechter. Weder das eine noch das andere hätte irgendeinen Einfluss auf die Möglichkeit, Kinder zu adoptieren und durchs Leben zu begleiten. Die Anziehung mancher Menschen zueinander, führte nicht zur prinzipiellen Ablehnung anderer. Niemand würde deswegen im Bus gehänselt und niemand müsste im Schrank leben. Gäbe es noch Identitäten, so hätte die Frage, mit wem jemand ins Bett geht, für sie keinerlei Relevanz.

Bini Adamczak arbeitet als freie Autorin und Künstlerin in Berlin mit den Schwerpunktthemen Queerfeminismus und Revolutionstheorie. Ihr Buch “Communism for Kids” sorgte in den USA für Aufsehen. Zuletzt erschien “Beziehungsweise Revolution” im Suhrkamp Verlag. [Foto: Chris Grodotzki]


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Die Freiheit sozialer Unordnung

Drittens wären geschlechtliche Identitätszuweisungen ersatzlos gestrichen. Weder vor noch nach der Geburt würden geschlechtliche Zuordnungen aufgrund zufälliger körperlicher Merkmale erfolgen. Entsprechend gäbe es auch keine Zwangsoperationen, wo diese Zuordnungen nicht gelängen. Die Körper würden weniger zugerichtet, vielleicht auch gar nicht mehr normiert. Alle Spielzeuge stünden allen Kindern zur Verfügung und die Farben wären aus dem Gefängnis der sozialen Ordnung entlassen.

Die Menschen könnten brüllen wie kreischen, donnern wie flüstern, wüten wie weinen. Gäbe es noch eine gesellschaftliche Arbeitsteilung, könnten sie sich freier in ihr bewegen. Ihr Interesse dürfte zu Buchstaben ebenso wandern wie zu Zahlen, zu Oberflächen wie Innenräumen, zu Dingen wie Tieren. Kleidungstücke wären so wenig vergeschlechtlicht wie Körperteile, Obstsorten oder Sportarten, Pflegeprodukte oder Fortbewegungsmittel, sexuelle Vorlieben oder musikalische Stile, Frisuren, Getränke oder Filmgenres.

Zumindest letzteres würde bedeuten, dass eine der größten Frage des Feminismus – kein Geschlecht oder viele? – beantwortet wäre.

Wo bleiben Nationen und Konzerne?

Die Unterdrückung von einem Geschlecht durch das andere wie deren sexuelle Zwangskombination wären aufgehoben nicht durch die unendliche Vervielfältigung von Geschlechtern, sondern durch ihre Abschaffung. Denn die weitere Pluralisierung von Geschlechtern hätte dem Feminismus zwar eine andere und angenehmere Arbeit verschafft, ihn aber nicht arbeitslos gemacht. Verschiedene Geschlechter hätten sich immer wieder in ökonomische Funktionen gefügt, zu sozialen Clustern verbunden und in politischen Koalitionen organisiert. Das Angebot an Identitäten hätte sich vergrößert, aber die Aufforderung zur Identitätsbildung nicht wesentlich reduziert.

Überflüssig wurde der Feminismus erst als Geschlecht aufhörte, eine soziale Ordnungskategorie zu sein und damit vielleicht sämtlichen Sinn einbüßte. Wörter wie Frau oder Mann wurden im Alltag so bedeutungsvoll wie Gallizier oder Phönizier.

Das klingt schonmal ganz gut. Was können wir sonst noch wissen über diese Welt? Prinzipiell, auch wenn wir es vielleicht nicht wollen, können wir sie uns als eine vorstellen, in der Menschen nicht mehr nach Geschlecht kategorisiert würden, wohl aber nach Klasse oder Herkunft, nach Alter oder Gesundheit. Sicher, die anderen Herrschaftsverhältnisse änderten sich mit: Die Bourgeoisie könnte sich nicht länger durch subtilere Männlichkeit und edlere Weiblichkeit profilieren und Kriege ließen sich nicht mehr zum Schutze von Frau Nation führen. Muslimischen Menschen könnte nicht länger vorgeworfen werden, dass sie die geschlechtliche Ordnung übertrieben, jüdischen Menschen nicht, dass sie sie in ihr Gegenteil verkehrten. Dennoch können wir uns eine Welt vorstellen, in der es keine Geschlechter mehr gibt, aber trotzdem noch Staaten – oder gar Konzerne. Aber wie realistisch ist diese Vorstellung?

Transformation der Beziehungen

Das hängt mit der Frage zusammen, wie eine Welt, in der es Feminismus nicht mehr bräuchte, überhaupt zu erreichen ist. Hierfür ist weder nötig, die humane Biologie umzugestalten oder die Reproduktion der Gattung ganz von den menschlichen Körpern zu lösen, noch lässt sich diese Welt durch bessere Argumente, durch Überzeugung, durch Aufklärung schaffen. Das Geschlecht versteckt sich weder in den Genen noch in den Köpfen, es existiert, ganz unversteckt in den sozialen Beziehungen.

Was es also braucht ist, die Bedingungen zu ändern, aus denen das gesellschaftliche Bedürfnis nach Geschlecht immer wieder hervorgeht. Der einfache Trick, eine gegebene Arbeitsteilung zu naturalisieren, indem verschiedene Menschengruppen für verschiedenen Tätigkeitsfelder hergestellt werden, wäre aufzugeben. Aber nicht vor allem durch praktische Bewegungsfreiheit der Individuen zwischen den Feldern, sondern durch kollektive Transformation dieser Arbeitsteilung. Nicht darum, mehr Menschen das Durchstoßen der Glasdecke zu ermöglichen geht es, sondern darum, die Glasdecke ganz einzuschlagen. Nicht darum, Geschlechter besser zu repräsentieren, sondern darum, sie anders bzw. nicht mehr zu produzieren.

Gegen die neoliberale Utopie

Wenn die Herstellung von Geschlecht eine alltägliche Arbeit ist, dann zielt der feministische* Streik, der den Feminismus überflüssig machen will, auf die Unterbrechung dieser Arbeit – zum Zwecke ihrer gänzlichen Neugestaltung. Das wäre eine Transformation der sozialen Beziehungen von Öffentlichkeit und Privatheit, Anonymität und Intimität, Beruf und Familie, Produktion und Reproduktion. Sie würde nicht zuletzt verlangen, die Spaltung in unbezahlte reproduktive und bezahlte produktive Tätigkeiten zu überwinden.

Hierfür gibt es zwei mögliche Richtungen. Entweder werden alle Tätigkeiten – auch das Kuscheln und Abwaschen, das Säugen und Trösten – bezahlt: das wäre die Utopie des neoliberalen Kapitalismus. Oder alle Tätigkeiten – auch das Plannieren und Ernten, das Verwalten und Transportieren – werden ohne Geld (und ohne Staat) organisiert: das ist das Ziel eines libertären Kommunismus. Letzteres klingt sympathischer und ist bei Lichte betrachtet auch realistischer. Eine Welt, die keine geschlechtliche Unterdrückung, Einschließung und Zurichtung mehr kennt, darf auch auf andere Formen der Herrschaft verzichten, die das Leben heute noch so unnötig erschweren.