Was wäre, wenn ganz Europa zuhörte?

„Wir sind da und das ist ein Akt des Widerstands“

Kolonialismus gehört zur Geschichte dieses Kontinents, Rassismus ist immer noch Alltag. Drei Schwarze Frauen sprechen über ihre Erfahrungen und das Potenzial kommender Generationen.

Eine bunte Fahne, durch die ein weißer Riss führt.

„Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee.“ Dies ist einer der Sätze, die Anfang des Jahres zu einer Kontroverse führten, weil sie, anders als vom österreichischen Schriftsteller Robert Menasse wiederholt behauptet, nie vom Begründer der Europäischen Kommission Walter Hallstein geäußert wurden. Ein aufmerksamkeitsstarker Skandal, in dessen Folge man viel über Wortlaut und Wahrheit, über Zukunftsentwürfe und Geschichtsfälschung diskutierte. Weniger Beachtung fand die Frage, weshalb es überhaupt notwendig ist, dass ein namhafter Mann Jahrgang 1956 einem anderen namhaften Mann Jahrgang 1901 Worte in den Mund legt, um die Idee eines zukünftigen Europas zu entwerfen. Selbstverständlich ist eine Rückbesinnung wichtig und es ist auch gerade in einer Zeit, in der weltweit der nationale Gedanke wieder im Vordergrund steht, ehrenwert, für ein nachnationales Europa einzustehen. Doch sollte heute die Suche nach neuen Formen und neuen Stimmen genauso wichtig sein, wie die Inhalte und Botschaften selbst.

Asal Dardan

Asal Dardan ist Kulturwissenschaftlerin und Teil des Netzwerks Tabletalk Europe. Als Autorin beschäftigt sie sich unter anderem mit Pluralismus, Migration und der deutschen Erinnerungskultur. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Essayband. [Foto: Sarah Berger]

In einer Bewegung wie #unteilbar zeigt sich etwa, dass es ohne Ideologien, Parteien oder Führungspersönlichkeiten möglich ist, sowohl für spezifische Anliegen wie auch für die verbindende Botschaft von europäischer Solidarität, die Differenz nicht ausklammert, einzustehen. Vielleicht ist für die Zukunft Europas also weniger wichtig, was Hallstein sagte oder nicht sagte, als das, was jene Menschen, denen Europa hier und heute gerecht werden muss, zu sagen haben. Die drei Frauen, mit denen ich das folgende Gespräch führte, setzen sich gezwungenermaßen ständig mit Europa als Idee und Realität auseinander. Ihre Lebenswege repräsentieren ein transnationales, feministisches und post-koloniales Europa, das viele Menschen herausfordert, weil es ihnen zu oft als abstraktes Schreckgespenst präsentiert wird. Wie sehen also diese Frauen sich und was wünschen sie sich? Es wird Zeit, dass Europa zuhört.

Asal Dardan: Ihr alle drei lebt seit einigen Jahren in Europa. Wie nehmt ihr euch im europäischen Kontext wahr?

Anna Dushime wurde in Ruanda geboren, besuchte in Großbritannien und im Ruhrgebiet die Schule und studierte anschließend in den Niederlanden Marketing. In Berlin war sie eine der ersten Mitarbeiterinnen des Bill Gates finanzierten Startups ResearchGate bevor sie zum neugegründeten Team von BuzzFeed Deutschland wechselte. Inzwischen arbeitet sie bei Stoyo als Vice President Creative & People. [Foto: Pako Quijada]


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Anna Dushime: Ich war zehn Jahre alt, als wir nach Deutschland kamen. Wir waren die einzige Schwarze Familie in einer Kleinstadt in der Nähe Duisburgs. Mein Stiefvater ist ein weißer Deutscher und meine Mutter ist erfolgreich und stark, das hat mit Sicherheit unsere Situation erleichtert. Ich finde es wichtig, diese Privilegien zu erwähnen, auch wenn das alles nicht bedeutet, dass wir nicht diskriminiert oder als „anders“ wahrgenommen wurden. Ich erinnere mich etwa an einen Abend, an dem ein paar Teenager vor unserem Haus Sprechchöre mit dem N-Wort riefen. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass uns Schlimmeres widerfahren wäre, wenn wir als Flüchtlinge hergekommen wären. Meine Schwestern und ich waren sehr gut in der Schule und lernten sehr schnell Deutsch, weil meine Mutter uns immer sagte, dass wir doppelt so gut sein müssten, um als Gleichberechtigte zu gelten. Nach einer Weile wird man akzeptiert, man baut sogar Freundschaften auf. Aber man ist und bleibt ein Alien. Vielleicht erfährt man keinen offenen Rassismus oder direkte Gewalt, aber man ist ständig diesen Mikroaggressionen ausgeliefert, den Witzen, den Kostümen. Man entwickelt eine gewisse Zähigkeit und legt sich ein dickes Fell zu. Man gewöhnt sich daran, Menschen auf Dinge hinzuweisen, sich Konflikten zu stellen und unbezahlte Bildungsarbeit zu leisten. Das alles wird Teil des alltäglichen Lebens, als sei das der Preis, den ich dafür zahlen muss, in Deutschland zu leben. Mir kommt es vor, als investiere ich auf diese Weise in den europäischen Traum. Ich hoffe, dass es den folgenden Generationen dadurch besser ergeht, zum Beispiel meinen jüngeren Cousinen und Cousins oder meinen eigenen Kindern, wenn ich mich dafür entscheiden sollte, welche zu haben.


Rahel Weldeab Sebhatu ist in Saudi-Arabien geboren, wuchs in Kalifornien auf und zog als Teenagerin nach Eritrea. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Schweden. Sie ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet unter anderem als freie Forschungsleiterin für Afresist. [Foto: Afresist]


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„Ich traue mich nicht, optimistisch zu sein“

Rahel Weldeab Sebhatu: Ich hatte nicht vor, in Europa zu leben und ich sehe auch meine Zukunft nicht hier. Aber ich verstehe mich als globale Bürgerin und darum gehöre ich natürlich auch nach Europa. Ich habe etwas zu bieten. Ich bin legal hierher gekommen und mein Sohn ist hier geboren, trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft, der Staat, die Medien, wie auch immer, die herrschende Klasse, mich als eine Art Eindringling wahrnehmen. Als wollten sie mich nicht hier haben. Wenn ich also Schwedisch lerne, dann für meinen Sohn, und wenn ich zu Demonstrationen gegen Polizeigewalt oder den Sklavenhandel in Libyen gehe, dann tue ich das für ihn.

In welchen Situationen fühlst du dich ungewollt und ausgegrenzt?

Rahel: Zum Beispiel, finde ich keinen Job, der zumindest teilweise meinen Qualifikationen entspricht. Es scheinen mir nur Pflegejobs offen zu stehen. Ich möchte an der Uni arbeiten und versuche schon seit längerem, eine Stelle als Doktorandin in der Politikwissenschaft, Soziologie oder den Gender Studies zu kriegen. Ich habe zwar ein paar Bewerbungen im Umlauf, aber ich traue mich nicht, optimistisch zu sein. Es ist, als könne ich nicht überleben. Ich überlebe zwar, aber im Bezug auf Arbeit und Armut ist es extrem hart. Als Studierende ohne Kind kann man sich vielleicht durchschlagen, aber als alleinstehende Mutter eines Fünfjährigen muss ich wirklich kämpfen.

Lesley-Ann Brown wurde in Brooklyn geboren und verbrachte einige Jahre ihrer Kindheit in Trinidad und Tobago. Seit zwanzig Jahren lebt die Autorin und Lyrikerin in Kopenhagen, wo sie außerdem Jugendliche und Erwachsene unterrichtet. Zuletzt veröffentlichte sie ihre Erinnerungen "Decolonial Daughter: Letters from A Black Woman to her European Son" bei Repeater Books. [Foto: Margarita Corporan]


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Lesley-Ann Brown: Ich glaube, das ist so gewollt. Ich jedenfalls habe nicht das Gefühl, dass ich mir meinen Platz in dieser Gesellschaft aussuchen kann, er wird mir zugewiesen, nämlich als Schwarze Frau. Europa lebt von der Vorherrschaft der Weißen, vom Kapitalismus und dem Patriarchat. Mir wird also klar gemacht, wo mein Platz zu sein hat. Man soll bloß nicht auf die Idee kommen, man sei etwas Besseres. Es ist schwer, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie möchten mir nicht dasselbe zahlen wie einer weißen Person, unabhängig von meinen Qualifikationen und Erfahrungen. So funktioniert das. Nichts davon ist offensichtlich, nichts davon wird offen ausgesprochen. Sie müssen es nicht aussprechen, weil das System so eingerichtet ist, dass es dich immer und überall daran erinnert. Wenn ich ehrlich bin, würde ich nicht noch einmal ein Schwarzes Kind in Europa großziehen.

Warum nicht?

Lesley-Ann: Mutterschaft, so wie sie im Westen gelebt wird, ist eine sehr einsame Angelegenheit. Eine Mutter in einem fremden Land zu sein ist da noch härter. Ich war es, die in ein anderes Land und in eine andere Kultur gezogen ist, also hatte ich niemanden. Der Vater meines Sohnes war sehr fair, er hätte die Oberhand haben können, aber er hat sich dagegen entschieden, auch wenn er damit davongekommen wäre. Es gibt also einen Mangel an Unterstützung und man ist sehr isoliert.

„Migranten sollen Dankbarkeit zeigen“

Rahel, du ziehst auch dein Kind in einem fremden Land auf. Wie sind deine Erfahrungen damit?

Rahel: Ein Kind in Schweden großzuziehen fühlt sich sehr einsam an. Es hat schon etwas mit Familienstrukturen zu tun, aber auch mit Rassismus. Schweden hat einen Wohlfahrtsstaat und die Kinderbetreuung ist bezahlbar, also ist es oberflächlich gesehen ein guter Ort, um Kinder großzuziehen. Aber als Alleinstehende habe ich das Gefühl, ständig zur schlechten Mutter gemacht zu werden. Egal was ich tue. Sie stellen sich auf die Seite des Kindsvaters, sie tun so, als sei ich diejenige, die immer Probleme macht... das hätte ich alles nicht erwartet. Ich weiß, dass Skandinavien immer alle Statistiken anführt, bei der Gleichstellung, den geringsten Sterberaten bei Geburten, all diesen Dingen.

Anna, du hast deine Schuljahre erwähnt und wie du dich selbst übertreffen musstest, um als gleichberechtigt wahrgenommen zu werden. Könntest du mir mehr über die Erfahrungen deiner Familie in diesen ersten Jahren erzählen?

Anna: Ich hatte Lehrer*innen, die mich unterstützten, aber meine Schwestern hatten nicht immer so viel Glück. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass ich als Heranwachsende große Angst vor Autorität hatte und nie Dinge infrage stellte. So gefallen Migranten der Dominanzgesellschaft, sie sollen alles hinnehmen, nichts infrage stellen, eine niemals enden wollende Dankbarkeit zeigen. Solange ich das also gemacht habe, konnte ich mich auf die Unterstützung von Lehrer*innen und anderen Autoritätspersonen verlassen. Es gab natürlich Ausnahmen, aber so haben wir es hauptsächlich erlebt. Kinder können grausam sein und manche haben wirklich sehr rassistisches Verhalten an den Tag gelegt, was die Lehrer*innen weder einordneten noch bestraften. Uns begleitete also eine Art Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, dass niemand auf unserer Seite ist.

Europa wird oft als moralische Kraft, als globale Verteidigerin des Fortschritts und der Menschenrechte gefeiert. Die EU gilt als erfolgreiches Friedensprojekt, das aus der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs hervorging. Wie bewertet ihr dieses Bild von Europa?

Lesley-Ann: Ich finde es ziemlich ironisch, dass Europa als Wiege der Demokratie und der Menschenrechte gesehen wird, wenn hier doch alles seinen Anfang nahm, das ganze System der Macht, der Unterwerfung und Unterdrückung. Europa hat eine ziemlich miese Bilanz wenn es um Menschenrechte geht. [lacht] Sie haben sogar über Jahrhunderte hinweg ihre eigenen Leute terrorisiert. Ich behaupte nicht, dass es vor dem Kolonialismus keine Massenmorde gab. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, wie viele Menschen versklavt und ermordet wurden und wie die heutige globale Instabilität mit diesem Vermächtnis zusammenhängt.

Normative Power Europe

Rahel: Wenn man so tut, als sei man moralisch überlegen, wenn man mit so einem Gefühl der Überlegenheit an den Tisch tritt, dann tritt man gleichzeitig auch mit Macht an den Tisch. In diesem Zusammenhang sprechen politische Wissenschaftler*innen wie Ian Manners, der an der Universität von Kopenhagen lehrt, vom Begriff des Normative Power Europe. Das bedeutet, dass Europa zwar keine Militärmacht wie die USA ist, aber über soft power verfügt, weil es die Normen und Maßstäbe setzt. Zum Beispiel tut die EU so, als vertrete sie gewisse Normen, etwa Demokratie und Menschenrechte und so weiter. Diese nutzt sie dann, um Länder im Globalen Süden zu „disziplinieren“, etwa im Rahmen von Handelsbeziehungen oder der Entwicklungszusammenarbeit. Seit die Europäer auf dem „Dunklen Kontinent“ landeten, um die Menschen dort zu versklaven, nutzen sie diesen Diskurs rund um Rasse, Klasse und Gender, um ihre Überlegenheit zu behaupten und damit ihre Macht zu festigen.

Anna: Ich stimme Rahel und Lesley-Ann zu. Das Selbstbild der EU ist ganz klar von einer vermeintlichen Überlegenheit geprägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde viel erreicht, um Stabilität nach Europa zu bringen, das ist nicht zu leugnen. Aber solange Europa sich weigert, sein Vermächtnis der Unterdrückung, die Folgen des Kolonialismus und des Post-Kolonialismus angemessen aufzuarbeiten, wird es kaum möglich sein, Europa als moralisches Vorbild und Motor des Fortschritts zu sehen.

Was ist mit jenen, die sagen, dass das in der Vergangenheit liege und Europa sich seitdem weiterentwickelt habe? Was würdet ihr so jemandem erwidern?

Lesley-Ann: Ich würde sagen, schau mal, was an den Grenzen Europas vor sich geht. Nichts ist vorbei. Sie haben so viel Blut an den Händen, aber sie reden nicht darüber, weil manche Menschen einfach nicht zählen. Schwarze Menschen und People of Colour sind den Europäer*innen doch letzten Endes egal. Ich würde sogar behaupten, dass selbst die Europäer*innen den Machthabern egal sind. Aber sie kriegen es nicht mit, weil sie felsenfest von ihrer weißen Vorherrschaft überzeugt sind. Ich spreche über die Scheinheiligkeit, weil ich ein Schwarzer Mensch bin. Für mich geht es vor allem darum, diesen Schleier des Weißseins zu durchbrechen.

„Wir haben noch einen weiten weg vor uns“

Anna: Das ist doch der ultimative Beweis, dass man sich nicht mit seinen vergangenen Verbrechen auseinandersetzen und dafür Verantwortung übernehmen möchte. Es ist herablassend und gefährlich. Europa und weiße Menschen profitieren bis heute von den Verbrechen, die gegen Schwarze Menschen und People of Colour begangen wurden. Es ist also grausam und einfach falsch, zu behaupten, dass die Dinge vorbei sind und heute nicht mehr zählen.

Habt ihr nicht den Eindruck, dass in den letzten Jahren sowohl Feminismus wie auch Antirassismus stärker in den Mainstream gerückt sind?

Anna: Ich glaube schon, dass wir Fortschritte gemacht haben, aber es ist gefährlich so zu tun, als sei die Arbeit getan. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns!

Lesley-Ann: Was auch immer sich als Produkt verkaufen lässt, wird kommodifiziert und an uns zurückverkauft werden. Ob es nun die Natur oder ein Anstecker mit Feminismus darauf ist, das ist egal.

Heißt das, dass du einer positiven Veränderung in Europa kritisch gegenüberstehst?

Lesley-Ann: Europa ist beim Thema Gleichberechtigung ganz bestimmt nicht in der Lage, die Welt in eine radikale Revolution zu führen. Europa ist ein Projekt des Nationalismus und der weißen Vorherrschaft und wird auch nie etwas anderes sein. Man kann das an der europäischen Politik erkennen, daran wie sie Flüchtende behandeln und auch daran, wie sie sich über Trump lustig machen, ohne zu erkennen, dass sie sich überhaupt nicht von den USA oder anderen weißen Siedlungsmächten unterscheiden.

„Keine Spezies, die so selbstzerstörerisch ist“

Das klingt, als hättest du nicht allzu viel Hoffnung für Europa.

Lesley-Ann: Nein, habe ich nicht. Ich halte mich nicht für eine Pessimistin und ich blicke hoffnungsvoll auf meine Zukunft und die Zukunft der Erde und ihren Schwarzen Menschen und People of Colour. Wir sind mit der Erde verbunden. Wir waren schon immer hier, ganz gleich, wie sehr sie versucht haben uns auszulöschen. Was ich meine ist, dass meine Erlösung und die Rettung der Welt nicht von Europa abhängen. Es gibt einen trinidadischen Witz, dass die Europäer denken, sie hätten alles erfunden. Etwa Karl Marx als Ursprung des Sozialismus, das macht mich echt irre. Klar, er hat es in beeindruckende Worte gehüllt, aber indigene Menschen hätten wohl kaum ohne gemeinschaftliche Strukturen überlebt, oder? Genauso sieht es mit den weißen Suffragetten aus, viele indigene Völker waren schon lange davor weiblich dominiert. Sie erwähnen das nicht, weil sie so tun wollen, als hätten sie alles erfunden. Aber die Moderne ist ein kurzer, unbedeutender Moment in der Geschichte der Menschheit.

Rahel: Wenn wir über die Moderne reden, wie modern ist es, die Erde auszurauben und zu plündern? Es gibt keine Spezies, die so selbstzerstörerisch ist.

Anna: Ich sehe das genauso, wir sind wirklich sehr selbstzerstörerisch. Ich habe schon Hoffnung für Europa, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt Teil dieses Szenarios bin. Nein, ernsthaft, ich bin manchmal sehr niedergeschlagen, denn ganz gleich wie sehr Antirassismus und Feminismus auch in den Mainstream gerückt sind, die Akzeptanz für rassistische Parteien, rassistisches Verhalten und rassistische Vorreiter wächst ebenfalls. Das macht mir Sorgen.

Wie können wir aus diesem System der Selbstzerstörung aussteigen?

Lesley-Ann: Das können wir schon, aber Europa müsste die Fassade weißer Identität dekonstruieren und ich glaube nicht, dass die Menschen dazu bereit sind. Zu viele glauben an das kapitalistische System und lassen zu, dass es ihnen schadet. Wir sollten zu uns selbst und zueinander zurückfinden. Wir müssen den internalisierten Rassismus und den Mythos des weißen Retters überwinden, wir alle. Wir wurden alle so sozialisiert. Es ist schon lustig, dass wir hier über die Möglichkeiten einer progressiven Veränderung in und durch Europa sprechen. Das ist nämlich, was das Weißsein macht. Es ist eine Form des Narzissmus, immer über sich selbst reden zu wollen, immer um sich selbst kreisend zu denken, jegliche Veränderung hänge von einem selbst ab.

„Jungen Menschen einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen“

Anna: Meine einzige Hoffnung ist die jüngere Generation. Ich sehe eine Menge junger Leute, die komplett andere Ansichten als ihre Eltern vertreten. Sie führen ganz andere Gespräche, das macht mir ein wenig Hoffnung.

Nehmen wir an, es gäbe eine progressive Bewegung in Europa. Wie müsste sie aussehen, damit ihr sie unterstützt oder euch dieser Bewegung anschließt?

Anna: Also professionell gesehen, als jemand, der in der Werbung arbeitet, wäre für mich die Frage der Repräsentation bei allem, das man in die Welt setzt, sehr wichtig. Meiner Ansicht nach hat das so einen großen Einfluss auf uns, auch auf Kinder und darauf, wie wir einander sehen.

Lesley-Ann: Ich könnte mir so etwas wie das Combahee River Collective vorstellen. Wir brauchen keine Führer, das ist archaisch. Es geht um Gemeinschaft und darum, Ideen zu teilen. Wir müssen in diesem Bereich wirklich aufpassen, weil es zu oft um Narzissmus und Ruhm geht.

Rahel: Ich bin Teil eines Projekts, das Afresist heißt. Es ist ein panafrikanisches, intersektional-feministisches Führungsprogramm für junge Menschen. Das ist nicht Sozialismus anhand von Karl Marx, sondern etwas, das aus den Kämpfen, die wir täglich führen, entsteht. Es geht nicht darum, zu führen, weil man Wahlen gewinnen möchte, sondern weil einem die eigene Gemeinde am Herzen liegt. Wir wollen nichts neu erfinden, sondern möchten etwas wiederbeleben, das an die vorkoloniale Zeit anknüpft und in der postkolonialen Situation Ausdruck findet. Wir möchten jungen Menschen einen neuen Blick auf die Welt ermöglichen.

Unter anderem steht das Combahee River Collective für die Anfänge der Identitätspolitik, die ja einige Kritiker*innen hat. Auch auf der Linken gibt es Gegenstimmen, die sagen, dass sie von den tatsächlichen Ursachen von Ungleichheit ablenke. Wie seht ihr das?

Anna: Einige der rassistischsten Menschen, die ich kenne, sind progressive, wohlmeinende Linke.

Rahel: Meine Identität ist ja nicht auf mein Schwarzsein beschränkt. Warum also denken Leute, dass es um meine Identität geht, wenn ich über meine Erfahrungen mit Rassismus spreche? Das tue ich nämlich nicht, mich macht viel mehr aus. Wenn Menschen behauptet, dass Identitätspolitik überflüssig sei, sagen sie damit vor allem, dass sie sich nicht mit den tatsächlichen Auswirkungen und Folgen beschäftigen möchten, die es hat, in einer Gesellschaft rassifiziert zu werden.

Lesley-Ann: Darum ist es so toxisch, einer Minderheit anzugehören. Deine gesamte Existenz beruht auf Ungleichheit und dann sollst du bloß nicht darüber reden. Weiße Magie sagt „wir sind alle gleich“, weiße Magie sagt „ich sehe keine Hautfarbe“. Die meisten weißen Europäer sehen noch nicht einmal, wie wenig Rechte sie selbst haben.

„Die metaphysischen Aspekte dieser Machtfrage“

Was müsste geschehen, damit die Menschen in Europa gleichberechtigter leben können?

Lesley-Ann: Europa müsste sich der Wahrheit öffnen, es müsste verstehen, welche Folgen seine vergangenen Taten haben, was es der Welt antat und immer noch antut. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Es gehört zur Wahrheit dazu, dass der Wohlstand Europas darauf aufbaut, dass die Erde ausgebeutet wird ebenso wie ihre Schwarzen Menschen und andere People of Colour. Es gibt erst einen Hoffnungsschimmer, wenn sie dieser Wahrheit ins Auge sehen. Im Moment glaubt Europa, es sei das Maß aller Dinge. Und warum? Weiße Überlegenheit, sie glauben an die Lüge, dass sie der Ursprung der Zivilisation sind. Ich glaube, dass wir die metaphysischen Aspekte dieser Machtfrage verstehen müssen.

In Frankreich und Deutschland wird derzeit über Restitution und die Rückführung afrikanischer Kunstwerke diskutiert. Würdet ihr nicht sagen, dass das ein Akt der Wiedergutmachung ist?

Rahel: Aber was ist mit den Argumenten, dass diese Objekte nicht wirklich gestohlen worden seien oder dass die afrikanischen Staaten sich nicht wirklich um sie kümmern könnten? Das ist doch genau das, wovon Lesley-Ann spricht, es ist eine Vorstellung der eigenen Überlegenheit, die schon wahnhaft ist.

Du teilst also Lesley-Anns Sicht?

Rahel: Ich glaube einfach nicht daran, dass eine Art dekolonialisierte, feministische und egalitäre Revolution in Europa möglich ist, zumindest nicht während meiner Lebenszeit. So eine Revolution kann ich mir eher in den ehemaligen Kolonien vorstellen. Aber auch wenn das auf der Ebene der EU und der Nationalstaaten nicht passieren wird, sollte man nicht übersehen, dass es in Europa viele unterschiedliche Widerstandsbewegungen gibt. Die Menschen werden den Überlebenskampf weiterführen. Die Tatsache, dass wir hier sind, in Europa, und versuchen ein würdevolles Leben zu führen, selbst wenn die Politik und die Medien versuchen uns zu verdrängen, sie verdrängen uns nicht – wir sind da und das ist ein Akt des Widerstands.

Lesley-Ann: Ich verstehe schon, was du sagst, Rahel, aber ich glaube wir sollten nicht vergessen, dass Europa ein sehr feindliches Umfeld für uns ist. Da ist schon seit einer Weile etwas im Anmarsch, über das wir reden sollten, nämlich dieser so genannte Rechtsruck. Das ist eigentlich eine Minderheit und das wissen diese Leute selbst. Aber sie haben die Macht und wollen sie nicht abgeben. Ihre größte Sorge ist, in der Minderheit zu sein, weil sie genau wissen, wie sie selbst andere Menschen behandelt haben.

Die Traumata überwinden

Anna: Wenn ich die Nachrichten lese, bin ich manchmal wirklich entsetzt. Die wachsende Popularität der rechtsextremen AfD oder wenn ein Artikel veröffentlicht wird, dass es eine bundesweite rechtsextreme Untergrundorganisation mit Verbindungen zu staatlichen Institutionen gibt und das löst dann keinen Aufschrei aus! Dieses Untergrundnetzwerk glaubt an einen „Tag X“, an dem es zu den Waffen greifen und Journalisten töten wird und andere Angst einflößende Dinge. Sie sind von dieser Idee eines, wie sie es nennen, „weißen Genozids“ besessen, der auf fallende Geburtsraten und die steigende Zahl von Migrant*innen zurückzuführen sei. Das alles klingt so furchtbar, dass wir meinen, es handele sich nur um ein paar Extremisten, die so denken. Aber ich glaube, sie tragen dazu bei, dass Hass und Rassismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft normalisiert werden. Mitglieder der AfD erhalten regelmäßig eine Plattform in deutschen Talkshows. Und die Leute bestehen darauf, dass wir ihnen zuhören müssen, weil sie demokratisch gewählt sind. Na und? Die NSDAP wurde auch demokratisch gewählt.

Was wäre, wenn Europa zuhörte? Was, wenn weiße Menschen sich solidarisch verhalten und Teil des Wandels sein möchten?

Lesley-Ann: In dem Fall müssten sie dazu bereit sein, alles infrage zu stellen, das ihnen beigebracht wurde. Ein neuer Tisch müsste gebaut werden und es müssten viele unterschiedliche Menschen eingeladen werden, sich an ihn zu setzen. Oder vielleicht werfen wir den Tisch ganz weg und setzen uns auf den Boden. Würde Europa zuhören, würde das bedeuten, dass wir nicht in den Kapitalismus, sondern in Menschen investieren, dass wir eine respektvollere und ausgeglichenere Beziehungen zur Erde und eine tiefere Beziehung zueinander aufbauen. Außerdem müsste Europa Entschädigungen zahlen und Verantwortung für vergangene Gräueltaten übernehmen. Das alles wäre nur der Anfang. Es gibt ausreichend Kulturen, in denen dies praktiziert wird oder wurde, wir wissen also, dass es möglich ist.

Rahel: Ich stimme euch in allem zu. Ich möchte gern hinzufügen, wenn Europa zuhören würde, dann könnte es verstehen, dass jene Menschen, die von Europa kolonisiert, rassifiziert und in Genderrollen gedrängt wurden, nicht an Rache oder Vorherrschaft unter umgekehrten Vorzeichen interessiert sind. Dieser Diskurs rund um die Vorherrschaft der Weißen wird von der Angst befeuert, dass sie Opfer einer Art „weißem Genozid“ sein werden. Also, ich weiß ja nicht, was das bedeuten soll, aber ich weiß, dass Europa nur zuhören müsste, um zu verstehen, dass es nichts zu befürchten hat. Tatsächlich glaube ich, dass darin sogar eine Chance für Europa liegt, seine Traumata zu überwinden, die nichts mit der Realität zu tun haben, sondern einer wahnhaften Angst zugrunde liegen. Würde Europa zuhören, könnte es sich vom kapitalistischen Patriarchat und von Krieg befreien und die Umweltzerstörung aufhalten, um nur ein paar Punkte zu nennen.